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Pseudo-Weltmeister

Felix Sturm

Einfach nur haarsträubend, wie viele Weltmeister es im Boxverband WBA derzeit gibt. Man könnte eine unendlich lange Liste mit kuriosen Geschichten und Anekdoten hierzu machen, aber wir wollen jetzt nicht zu sehr ausholen. Daher beschränken wir uns auf die deutsche Boxlandschaft und stellen einmal die Frage in den Raum: Warum ist Felix Sturm eigentlich Weltmeister?

Seit der gebürtige Leverkusener sich bei Sat.1 selbst vermarktet, geht es jedes Mal um einen Titel: den Titel im Mittelgewicht nach Version der WBA. Wer sich jetzt ein wenig genauer auskennt (was die meisten Sat.1-Zuschauer zum Glück nicht tun), wird bei dieser Aussage allerdings die Augenbrauen fragend hochziehen. Denn Weltmeister ist doch eigentlich Gennady Golovkin?!

Im August des vergangenen Jahres kämpfte der Kasache um den Interims-Titel des WBA. Durch einen KO-Sieg in der ersten Runde gegen Milton Nunez durfte sich der 29-Jährige ab dann den Gürtel um die Hüften schnallen. Nur kurze Zeit später wurde aus dem Interims-Champion dann ganz offiziell der reguläre Weltmeister im Mittelgewicht nach Version der WBA.

Dies hat folgenden Hintergrund: Der Titel war damals vakant geworden, weil Felix Sturm im Rechtsstreit mit seinem damaligen Arbeitgeber Universum war. Seit er die Kündigung beim Hamburger Boxstall eingereicht hatte, kämpften beide Parteien vor Gericht um eine Lösung. In dieser Zeit stieg der damalige Champion nicht in den Ring. Allerdings muss er innerhalb eines Jahres eben jene Krone verteidigen. Als diese Frist verstrich, veranstaltete der Boxverband den Kampf um die Interims-Weltmeisterschaft. Später wurde dann ganz automatisch aus dem Interims-Champion der reguläre Weltmeister.

Allerdings ganz so einfach hat man Felix Sturm den Gürtel natürlich nicht abgenommen. Denn schon im März 2010 ließ sich der Verband eine Lösung für das Thema Felix Sturm einfallen. So erklärte man den 32-Jährigen zum Super-Champion. Nur mal als Randnotiz: Super-Champion werden Weltmeister, die mehrere Gürtel in einer Gewichtsklasse vereinen oder aber mindestens zehn erfolgreiche Titelverteidigungen absolviert haben. Beides trifft auf Felix Sturm nicht einmal im Ansatz zu.

Als Sturm dann im September in den Ring zurückkehrte, verteidigte er diesen Pseudo-Titel das erste Mal. Gegen Ronald Hearns im Februar dann ein zweites, und nun wird er es demnächst ein drittes Mal tun dürfen. Natürlich fragen Boxfans ganz zu Recht, warum man denn aus zwei Titelträgern nicht einfach wieder einen macht und die Boxer gegeneinander antreten lässt...?!

Die Frage wird zu Recht in den Raum geworfen, und darauf gibt es zwei Antworten. Die erste ist, dass Felix Sturm sich seit einiger Zeit gegen einen solchen Kampf sträubt. Es ist erstaunlich, wie ein Pseudo-Weltmeister seinem Pflichtherausforderer einfach ständig aus dem Weg gehen kann. Und vor allem dazu noch die Frechheit besitzt, sich im aktuellen Sat.1-Werbespot als bester deutscher Boxer zu bezeichnen. Ein Kämpfer, der sich vor seinem rechtmäßigen Herausforderer drückt und stattdessen irgendeinen Fighter aus den Top 50 gegenübersteht, steht dies nicht zu!

Die zweite Antwort ist dazu sogar noch einfacher: Es geht um das liebe Geld! Die WBA hat ja nicht nur im Mittelgewicht so ein Titelchaos. Im Federgewicht gab es bis vor kurzem sogar drei Champions, und wenn man Boxpromoter Ahmet Öner glauben schenken darf, wird es demnächst auch wieder drei Gürtelinhaber dort geben. Dieses Chaos hat aber durchaus System, denn für jeden Titelkampf nimmt der Verband den Boxern Gebühren ab: so genannte "sanctioning fees".

Mehr Weltmeister bedeutet also mehr Gebühren. Das Rezept der WBA ist quasi ganz einfach. Man hat möglichst viele Champions in den eigenen Reihen, dazu Boxer, denen es nichts ausmacht, Möchtegerntitel zu besitzen und die sich nicht zu schade sind, gegen zweitklassige Fighter um eben jene Gürtel zu kämpfen. Den starken Gegner geht man einfach aus dem Weg, denn die bedeuten nichts als Ärger, und man müsste sich im Seilquadrat am Ende vielleicht sogar noch anstrengen. Nee nee... Da lieber das Geld einstecken und sich zum Größten ausrufen lassen. Der Dumme ist am Ende nur einer: Der Boxfan, der am liebsten die großen Kämpfe sehen möchte!