Boxen

Hernandez ist neuer Weltmeister

Yoan Pablo Hernandez nach seinem Titelgewinn - glücklich sieht anders aus. Foto: Mark Bergmann/GroundandPound.

Gleich drei Gürtel standen am heutigen Abend im Neubrandenburger Jahnsportforum zur Disposition. Dabei lief es für die Boxer aus dem Sauerland-Stall eher durchwachsen. Karo Murat konnte seinen Gürtel zwar behalten und bekommt auch seine ersehnte WM-Chance, schaffte es jedoch nach einem actiongeladenen Fight nur zu einem Unentschieden. Yoan Pablo Hernandez besiegte seinen Stallgefährten Steve Cunningham, doch war es wohl ein bittersüßer Sieg für den Kubaner. Und das zu guter Letzt Sebastian Sylvesters Comeback-Versuch, im Hauptkampf des Abends, desaströs scheiterte, ließ die anwesenden Fans mit betretenem Schweigen heimwärts fahren.

Der ungeschlagene Pole Grzegorz Proksa (26-0-0, 19 KO) ließ den markigen Worten, mit denen er auf der Pressekonferenz um sich warf, im Ring Taten folgen. Von Beginn an machte er Druck und deckte Sebastian Sylvester (34-5-1, 16 KO) mit einer Attacke nach der anderen ein. Der Lokalmatador Sylvester fand dabei nie wirklich in den Kampf, schien mit dem ungewöhnlichen Stil des polnischen Rechtsauslegers arge Probleme zu haben und erlitt bereits im zweiten Durchgang nach einigen Treffern einen Cut. Drei Runden lang dominierte Proska den Ex-Weltmeister vom Sauerland-Stall, bevor das Duell zu Beginn der vierten Runde, auf Anraten des Ringarztes, aufgrund der Platzwunde abgebrochen wurde. Ein trauriger Tag für Sylvester, dessen Zukunft nun erst einmal ungewiss ist. Nach eigenen Worten will er die Handschuhe aber noch nicht an den Haken hängen und künftig noch einmal, „vielleicht in einem deutschen Duell“, angreifen. Der neue Europameister im Mittelgewicht heißt Grzegorz Proksa – ein Name den man sich merken sollte.

Ein hochspannender Fight mit einem traurigen Ende war der Co-Hauptkampf zwischen Steve Cunningham (24-3-0, 12 KO) und Yoan Pablo Hernandez (25-1-0, 13 KO). Nachdem Hernandez den Champion schon in der ersten Runde mit einem krachenden linken Haken auf die Bretter schicken konnte, sah alles nach einem frühen Ende aus. Cunningham hatte arge Probleme, wieder auf die Beine zu gelangen, schaffte es aber und rettete sich in die Pause. Ab Runde zwei begann er jedoch das Ruder herumzureißen, hatte sich offenbar blendend erholt und setzte dem zusehends abbauenden Hernandez Runde um Runde mehr zu. Ein Kopfstoß verursachte im dritten Durchgang einen Cut an der Seite der Stirn von Hernandez, später öffnete sich nach dem erneuten Zusammenstoß der Köpfe eine weitere Platzwunde. Zu Beginn von Runde sieben brach Ringrichter Mickey Vann den Kampf aufgrund der Blutungen ab – und die Punktrichter hatten zu entscheiden. Zwei von denen werteten das Duell mit 58-55 und 59-54 für Hernandez, einer mit 57-56 für Cunningham. Neuer Weltmeister durch geteilten technischen Punktentscheid ist damit Yoan Pablo Hernandez. Ein Ende, das dennoch einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt.

Das erste Duell zwischen Karo Murat (24-1-1, 14 KO) und Gabriel Campillo (21-3-1, 8 KO), vom September 2008, war eine extrem knappe Angelegenheit. Der Rückkampf am heutigen Abend war es auch. Nachdem beide Boxer recht ausgeglichen in den Kampf gestartet waren, übernahm Campillo ab Mitte des Kampfes das Ruder und punktete den offensichtlich erschöpften Murat Runde um Runde aus. Nach einer Standpauke von Coach Ulli Wegner drehte der aber noch einmal gehörig auf, zeigte ein Löwenherz und attackierte instinktiv mit wilden Schwingern, die ein ums andere Mal einschlugen. In der elften Runde wurde Murat von einem linken Konterhaken heftig angeknockt, überstand die Runde jedoch und gab den Gefallen im zwölften und letzten Durchgang zurück. Mit einem rechten Schwinger klingelte er seinen Herausforderer gehörig an und verfolgte ihn durch den Ring. Auch ihm gelang das Finish jedoch nicht und so ging der Fight unglücklicherweise an die Punktrichter. Die werteten 115-113, 111-117 und 114-114 – ein Unentschieden. Das Recht, Weltmeister Tavoris Cloud herauszufordern, hat sich Murat als Interkontinental-Champion und IBF-Ranglistenführender damit aber dennoch verdient.

Halbschwergewicht Dustin Dirks (22-0-0, 16 KO) tat sich zunächst schwer mit seinem französischen Gegner Parfait Tindani (7-7-3, 1 KO) und musste immer wieder Treffer auf der Innenbahn einstecken. Was er an Beweglichkeit im Oberkörper vermissen ließ, packte er an Körper- und Kopfhaken allerdings drauf und konnte Tindani so Runde um Runde immer mehr zurechtstutzen. Gegen Mitte des Kampfes war das Gesicht des Franzosen bereits merklich zugeschwollen, so dass er viele der nun noch häufiger einschlagenden Haken Dirks wohl nur noch selten kommen sah. Dementsprechend nahm der 22-jährige Deutsche das Heft ab Runde sechs vollends in die Hand. Ein perfekt getimter linker Konterhaken beendete das Duell nur 23 Sekunden vor Ende der achten und letzten Runde.

Das sich ausgemusterte Ex-Footballspieler im Faustkampf versuchen, ist in den Vereinigten Staaten mittlerweile offensichtlich zur fragwürdigen Mode geworden. So hat sich auch Yoan Banks (4-6-3, 2 KO) mit dem Leder-Ei versucht, bevor er die Lederhandschuhe übergestreift hat. Der Amerikaner hatte klare Masse- und Reichweitenvorteile, wusste diese aber kaum zu nutzen. Außer ausrechenbaren Einzelaktionen kam nicht viel und so blieb Sauerland-Schwergewicht Edmund Gerber (17-0-0, 11 KO) einfach immer in Bewegung, vermied die Power-Punches seines Gegners und attackierte selbst mit flinken Kontern.

Eine rechte Gerade Gerbers in der siebenten Runde beendete das Schauspiel. Vor dem Kampf hatte er gefordert, bei einem Sieg künftig größere Namen boxen zu wollen. Die können jetzt wohl kommen, auch wenn der 23-Jährige noch einige Lücken zu stopfen hat, um ganz oben mithalten zu können.

Henry Weber (15-0-1, 3 KO) und Stjepan Bozic (24-6-0, 15 KO) eröffneten den Box-Abend in Neubrandenburg. In einem Duell, das über weite Strecken im Infight ausgetragen wurde, waren vor allem Webers harte Körpertreffer und Aufwärtshaken kampfentscheidend. Zwar konnte Bozic immer wieder Konter anbringen, gelegentlich auch Distanz schaffen und seinen Kontrahenten mit der Führhand stören, im letzten Durchgang sogar noch einmal richtig aufdrehen, am Ergebnis änderte dies jedoch nichts. Zwei von drei Punktrichtern entschieden nach acht Runden für den 23-Jährigen Supermittelgewichtler aus dem Sauerland-Stall. Der dritte Wertungsrichter hatte vermutlich einen anderen Kampf gesehen.

Die Nacht der Entscheidungen
01. Oktober 2011
Jahnsportforum, Neubrandenburg, Mecklenburg-Vorpommern

EBU-Europameisterschaft im Mittelgewicht
Grzegorz Proksa bes. Sebastian Sylvester via TKO (Cut) nach 0:00 in Runde 4

IBF-Weltmeisterschaft im Cruisergewicht
Yoan Pablo Hernandez bes. Steve Cunningham via geteilten technischen Punktentscheid (nach Abruch in Rd. 7, 58-55, 59-54, 56-57)

IBF-Interkontinentalmeisterschaft im Halbschwergewicht
Karo Murat vs. Gabriel Campillo endete im Unentschieden (115-113, 111-117, 114-114)

Vorprogramm
Dustin Dirks bes. Parfait Tindani via KO nach 2:37 in Runde 8
Edmund Gerber bes. Yohan Banks via KO nach 2:10 in Runde 7
Henry Weber bes. Stjepan Bozic geteilt nach Punkten