Boxen

"Gutknecht muss sich warm anziehen"

Nach über einen Jahrzehnt wieder der Trainer von Jürgen Brähmer: Karsten Röwer. (Foto: GroundandPound)

Karsten Röwer hat viel erlebt in seinem Sportler-Leben. Angefangen hat alles mit zwölf Jahren, als er zum Faustkampf kam. Schnell bemerkte er, wie er selbst sagt, dass es für ganz oben nicht reicht. So kam es, wie es kommen musste und Röwer wurde Trainer. Und diese Tätigkeit erlernte er - wie das Boxen zuvor auch als Aktiver - von niemand Geringerem als Fritz Sdunek.

Der erste ganz große Erfolg als Amateurtrainer dauerte dann gar nicht einmal so lang, denn Röwer bekam das große Talent Jürgen Brähmer in die Hände. Der gebürtige Altentreptower formte aus dem begabten Jungen einen unglaublichen Boxer und erreichte etwas mit ihm, was als einmalig gilt: 1996 wurde Brähmer Junioren-Weltmeister, und das in Kuba!

Aber Röwer machte nicht nur die Sonnentage mit Brähmer mit. So erlebte er auch einige Schattenseiten und musste mit ansehen, wie das Jahrhunderttalent dieses quasi zu leichtfertig in die Toilette spülte. Doch nun ist das Erfolgsgespann von früher wieder vereint. Bevor Röwer nun das erste Mal in der Ecke von Brähmer stehen wird, sprachen wir mit ihm.

GroundandPound: Herr Röwer, man neigt dazu zu sagen: Der verlorene Sohn ist zurückgekehrt zu Ihnen. Wie ist es denn, nach all den Jahren wieder mit Jürgen Brähmer zusammen zu arbeiten?

Karsten Röwer: Na ja - verlorener Sohn ist vielleicht etwas übertrieben. Es war ja damals absehbar, dass wir getrennte Wege gehen. Er hat ja schon zum Ende seiner Amateurzeit unter Otto Ramin trainiert und ist später ins Profilager gewechselt, während ich dem Amateurboxen erstmal treu blieb. Aber Jürgen ist natürlich auch heute noch - wie damals - eine interessante Aufgabe. Wir wissen alle, dass er nicht mehr der Jüngste ist, aber er galt nicht umsonst früher für viele als Jahrhunderttalent. Auch wenn nicht wenige meinen, dass er eingerostet sein müsste. Für mich gilt wie früher, das Optimum aus ihm heraus zu kitzeln, und das macht wie damals Spaß.

GnP: Nun ist es ja der Lauf der Zeit, dass der Mensch älter wird - das gilt ja nicht nur für Jürgen, sondern auch für Sie. Das bringt Veränderung bei beiden mit sich - bemerkt man das auch ein wenig in der Beziehung zwischen Ihnen bzw. beim "altersgerechten" Training?

Karsten Röwer: Also generell macht der Jürgen das bewusster. Es ist ja auch nicht so, dass er das hier aus finanziellen Gründen machen muss. Man merkt deutlich, dass er eine Herausforderung sucht. Das merkt man in Gesprächen und vor allem beim Training. Dementsprechend geht er bewusster ran. Das schlägt sich aufs Training auch nieder. Aber man darf auch nie vergessen, dass Jürgen im Training immer Sportler durch und durch war. Er liebt das Boxen und er liebt die Bewegung und daher ist der Rost, den viele vermuten, auch gar nicht so vorhanden. Zudem muss man sagen, dass er in der Persönlichkeit über die Jahre deutlich gereift ist. Seine Familie, mit seiner kleinen Tochter, die geben ihm zudem viel Rückhalt, und das ist auch alles deutlich spürbar.

GnP: Sie sprechen vom Rost am "Youngtimer" Brähmer. Wie viel mussten Sie denn davon abschleifen und haben Sie bei der Restaurierung auch alles erwischt?

Karsten Röwer: Also wir hatten eine verdammt gute Athletikvorbereitung - da stimmte wirklich alles. Wir haben zudem viel im Kraftbereich und Ausdauerbereich gearbeitet. Die Werte stimmen uns optimistisch. In den letzten Wochen haben wir uns nun dran gesetzt, im technisch-taktischen Bereich anzusetzen, weil eher dort der Rost war. Aber hier hat er eine deutliche und schnelle Steigerung zu verzeichnen. Die Lockerheit ist nun wieder da, das gepaart mit seinen Stärken wie der Antizipation. Also das vorausahnen, was der Gegner als nächstes tun wird und gleich eine schnelle und passende Antwort bereit halten, das ist alles da. Das Einzige, was noch fehlt, ist das Timing. Das kann aber auch noch nicht ganz da sein, denn das erarbeiten wir nun die letzten Tage im Sparring Stück für Stück heraus.

GnP: Schnelligkeit war früher eine große Stärke von Jürgen. Wie ist es um die bestellt?

Karsten Röwer: Es ist ja klar, dass Jürgen keine 18 mehr ist, beziehungsweise noch jünger. Aber dafür ist er ja auch abgeklärter geworden. Das Alter hat Nachteile wie Vorteile parat. Aber deutlich zu sehen ist, dass er seine Kaltschnäuzigkeit nicht verloren hat. Auch die Reaktionsfähigkeit ist wie eh und je. Ich staune viel eher, wie Jürgen mit 34 Jahren drauf ist und kann versprechen, dass Eduard Gutknecht sich verdammt warm anziehen muss.

GnP: Was macht das Gewicht bei ihm? Wenn man Jürgen beobachtet, macht er einen verdammt sehnigen Eindruck.

Karsten Röwer: Das Gewicht ist Ttp und das müssen wir auch nicht machen. Das kommt durch das Training bei ihm ganz von allein. Abkochen ist kein Thema.

GnP: Insofern stellt sich irgendwie immer dann die Frage mit einer Gewichtsklasse tiefer...

Karsten Röwer: Das steht eigentlich nicht auf der Agenda, auch wenn das immer mal wieder von Leuten ins Spiel gebracht wird, die Jürgen früher im Amateurboxen gesehen haben. Und ich erinnere mich ja auch noch sehr gut daran. Jürgen hatte damals teilweise ein Gewicht von 67 Kilogramm. Aber ich weiß auch, was wir dafür damals alles tun mussten. Allein in Havanna (1996) damals, mussten wir jeden morgen erstmal ein Pfund Gewicht machen, um das Limit zu erreichen - jeden Morgen!

GnP: Dann lassen Sie uns mal auf den nächsten Gegner schauen. Eduard Gutknecht gilt trotz des Titels als Außenseiter. Sehen Sie Jürgen auch in dieser großen Favoritenrolle?

Karsten Röwer: Das würde ich so nicht sagen. Eduard ist zwar mit 30 Jahren auch nicht mehr der Jüngste, aber generell sind ja eigentlich die Titelverteidiger die Favoriten. Und das hat er sich auch mühsam erarbeitet und das darf man nicht abwerten. Er mag von der Motorik nicht ganz so begabt sein, technisch nicht ganz so filigran - aber er ist ein solide ausgebildeter Arbeiter, der ausgestattet ist mit einem verdammt großen Kämpferherz. Daher wird das auch nicht so einfach und man muss den Kampf auf Augenhöhe sehen.

GnP: Jetzt wollen wir mal etwas machen, was man eigentlich nicht machen sollte. Bereits vor einem anstehenden Kampf schon weiter in die Zukunft schauen. Wo soll es denn mit Jürgen hingehen?

Karsten Röwer: Erst mal gewinnen, und wenn er das tun sollte, dann ist er natürlich Pflichtherausforderer für die WM. Und das ist sein, aber auch mein Ziel. Dennoch gilt es jetzt erstmal den ersten Schritt zu tun und nicht gleich den zweiten. Von daher schauen wir mal, was bei diesem Schritt raus kommt.

GnP: Wenn man sich umschaut, dann scharren Sie um sich ne verdammt große Boxergruppe bereits. Sie gelten ja auch ein wenig als der Kronprinz von Uli Wegner, beziehungsweise als dessen Nachfolger…

Karsten Röwer: Na ja ,die Gruppe ist jetzt wirklich sehr groß. Das ist sie aber auch, weil wir einige Probetrainierer dabei haben. Aktuell betreue ich sieben Mann und das ist eine gute Größe. Man muss auch immer individuell für den Boxer arbeiten können. Bei Uli Wegner gilt, dass er die Nummer 1 bei Sauerland ist, der auch die meisten Erfolge hat. Von daher wollen wir auch alle hoffen, dass er uns noch lange als Trainer erhalten bleibt.

GnP: Zu Ihrer Gruppe gesellte sich ja auch eines der größten Boxtalente Deutschlands. Wie macht sich der Tyron Zeuge denn so?

Karsten Röwer: Der Tyron ist wirklich verdammt talentiert und auch noch sehr jung. Das bedeutet aber auch, dass man da noch viele andere Sachen im Kopf hat. Daher ist er nicht ganz so einfach zu führen. Aber ich denke, wir sind da auf dem richtigen Wege. Er hat in seinen ersten Kämpfen wirklich verdammt gute Ansätze gezeigt und auch im Sparring gegen Jürgen seinem Sparringsgegner gezeigt, was in ihm steckt. Ich glaube, von dem können wir einiges erwarten. Und ich hoffe, dass er von mir weiter geführt werden kann.

GnP: Komplizierte Fälle kennen Sie ja - das sind Sie von Jürgen früher schon gewohnt gewesen.

Karsten Röwer: Jepp, das ist wohl so. Wir brauchen uns ja auch nichts vormachen. Boxer kommen nun mal oft aus sozial schwachen Schichten, beziehungsweise zerrütteten Familienverhältnissen usw. Es gibt halt unterschiedliche Typen und man versucht gemeinsam einen Weg zu finden, um erfolgreich zu sein. Dafür gilt im Sport nun mal eisern Disziplin und das Ganze ist nun mal so, dass der Trainer teilweise ein Diktator ist. Was der Trainer sagt, ist nun mal Gesetz. Aber dennoch muss man auch einen Mittelweg immer finden, um auf die Athleten einzugehen. Diese Mischung zu erreichen, das ist das Wichtigste, und ich denke, das gelingt mir auch ganz gut.

GnP: Dann hoffen wir, dass Sie die Mischung auch in Zukunft weiter finden und danken fürs Gespräch.

Karsten Röwer: Genau - besten Dank ebenfalls.