Boxen

GroundandPound Olympia-Blog

Sie sind der Traum eines jeden Sportlers: die Olympischen Spiele. Vom 27. Juli bis zum 12. August finden in der englischen Hauptstadt London die Spiele der XXX. Olympiade statt. Für den 24-jährigen Berliner Stefan Härtel ist der Traum Olympia wahr geworden. Bei den Weltmeisterschaften in Baku, Aserbaidschan, hatte er sich im vergangenen Jahr qualifiziert. Das DBV-Mittelgewicht wird nun exklusiv für GroundandPound aus dem olympischen Dorf in London Tagebuch führen.

08. August – 13. August 2012: Abschied aus London

Die letzten Tage meiner Olympischen Spiele waren wirklich angenehm. Ich bin kein Mensch, der lange Trübsal bläst, auch wenn ich der knapp verpassten Medaille noch ab und an hinterher trauere. In den letzten Tagen habe ich mir London ein bisschen angeschaut, geshoppt wie ein Psychopath und den anderen, noch im Rennen befindlichen Deutschen die Daumen gedrückt. Gefreut haben mich natürlich der Hockey-Triumph und besonders die Goldmedaille von Robert Harting!

Und noch einen Grund zum freuen gab es für mich: Eigentlich hofft man ja, sein Bezwinger kommt so weit wie möglich, damit die eigene Leistung aufgewertet wird. Trotzdem war ich froh, als der Brasilianer Esquiva Falcao meinen Viertelfinalgegner Anthony Ogogo besiegt und regelrecht auseinander genommen hat.

Des Weiteren habe ich mir im Boxen natürlich Halbfinale und Finale angeschaut – und war erschüttert über einige Urteile. Z.B. das Halbfinale bis 60 Kilo zwischen Korea und Litauen, und wie die Engländer im Finale bevorteilt wurden. Aber trotzdem war es ein Genuss, die Kämpfe anzusehen, weil das Boxsport auf allerhöchstem Niveau war.

Am 12. August war ich dann natürlich auf der Abschlussfeier, ein wirklich beeindruckendes und gelöstes Spektakel. Und somit ist der sportliche Höhepunkt meines Lebens relativ schnell zu Ende gegangen, es war ein Erlebnis und ich habe jede Sekunde genossen. Aber ich bin auch froh, bald endlich wieder zu Hause zu sein! Jetzt geht es mit der MS Deutschland nach Hamburg und von da mit Zug ins schöne Berlin.

Ein Dankeschön, dass ihr an meinen Erlebnissen teilnehmen wolltet und vielleicht lesen wir uns ja in Rio  wieder.

06. August – 08. August 2012: Aus der Traum

Der Traum von einer Medaille ist beendet, es hat nicht sollen sein.

Angefangen hat der Montag, wie immer an Kampftagen, mit dem offiziellen Wiegen. Danach hieß es, die zeit bis zum Kampf zu überbrücken, der zum ersten Mal für mich in diesem Turnier am Abend stattgefunden hat.  Dann ging es endlich los, die Stimmung gegen mich war mal wieder unbeschreiblich. 10.000 Fans können schon ganz schön Krach machen!

Vom Kampf kann und will ich nicht so viel sagen, ich wollte ihn mir noch nicht angucken, dazu bin ich noch nicht bereit. Ich bin eigentlich nicht der Typ, der gern von Fehlurteilen spricht, aber klar ist auch, dass ich vom Kampfgericht keine faire Chance bekam. Nach dem Schlussgong konnte ich mich nicht mehr auf den Beinen halten, so sehr habe ich mich verausgabt. Ich habe alles gegeben, weil ich die Medaille so sehr wollte, aber es hat nicht gereicht.

Nachdem die Tränen der Enttäuschung getrocknet sind, bin ich bereit, Olympia zu genießen – wenn auch jetzt als Urlauber, statt als Sportler. Dafür sind das Deutsche Haus und der Champions Club auf der MS Deutschland gute Anlaufstellen.

Am Dienstag war ich, als ich ausgeschlafen habe, in der Polyklinik des Olympischen Dorfes. Es ist unglaublich, was sie hier für medizinisches Equipment haben und wie problemlos alles vonstattengeht. Nach MRT und CT hab ich erleichtert zur Kenntnis genommen, dass meine Hand nicht gebrochen, sondern nur stark geschwollen ist und das Bindegewebe ein bisschen zerrissen. So was nennt man wohl Glück im Unglück. Ich dachte wirklich, ich hätte sie mir in der ersten Runde schlimmer verletzt.

Jetzt ist das Abenteuer Olympia also vorbei, es war trotz der Montags-Enttäuschung ein Traum, dreimal vor solch einer Kulisse boxen zu dürfen. Das wird schon eine Umstellung, in Deutschland wieder vor 50 statt 10.000 Zuschauern zu boxen. Ich glaube, wir haben uns alle gut verkauft und vielleicht ein paar Menschen vom olympischen Boxen begeistern können. Es ist so ein schöner Sport und Fehlurteile gibt es überall, wo Menschen am Werk sind.

Jetzt wird London und das Nachtleben genossen, und mit den ganzen Nationen gefeiert.

03. August – 05. August 2012: Der Traum von der Medaille

Die letzten Tage waren wieder relativ ereignisarm für mich, nichtsdestotrotz aber echt aufregend. Jeden einzelnen Tag vor meinem Kampf hab ich gefühlte 24 Stunden an diese verdammte Medaille gedacht und am Montag will ich sie mir endlich holen!

Ich hoffe so sehr, dass es klappt. Ich bin topfit, hochmotiviert und heiß auf Edelmetall! Sonst hab ich mich von meinem schweren Kampf gegen den Iren Darren O'Neill erholt, auf Anthony Ogogo eingestellt, mit Enrico Kölling mitgefiebert und seinem Ausscheiden nachgetrauert, weil ich die klareren Treffer auf seiner Seite gesehen habe.

Ansonsten kann ich ganz Box-Deutschland nur bitten, mir die Daumen zu drücken, damit ich beim nächsten Mal als Bronzemedaillengewinner zu euch schreibe!

02. August 2012: Viertelfinale erreicht

Ein weiterer ereignisreicher Tag geht zu Ende und der Traum von Olympia lebt immer noch weiter. Um 08:00 Uhr in der Früh ging es zum offiziellen Wiegen, danach wurde fleißig gegessen und die Zeit bis zum Boxen überbrückt. Und dann ging es in den Ring!

Solch einen intensiven Kampf habe ich selten erlebt, In jeder Rundenpause war ich stehend K.o., jedoch konnte ich das Tempo halten und den Kampf relativ deutlich gewinnen. Und somit stehe ich im Viertelfinale gegen Anthony Ogogo und darf um eine Medaille Boxen!

Abends war ich mit meinen Eltern noch im deutschen Haus, um die Stimmung zu genießen und bin mit dem Vorsatz gegangen, eine Medaille zu gewinnen und diese dort zu feiern! Mein olympischer Traum lebt weiter, weswegen ich mal wieder mit einem Lächeln eingeschlafen werde.

Stefan Härtel bestreitet seinen Viertelfinalkampf gegen Anthony Ogogo am Montagabend gegen 22:30 Uhr. Sowohl ARD als auch das ZDF übertragen die Boxkämpfe live im Online-Stream auf den jeweiligen Internetpräsenzen:

ARD Livestream
ZDF Mediathek

30. Juli - 01. August 2012: Daumen drücken!

Die Tage zwischen meinen beiden Kämpfen waren zwar relativ viele, dafür aber ideal zum regenerieren, so dass ich morgen hoffentlich wieder topfit in den Ring steigen kann. Natürlich habe ich die Tage fleißig trainiert und mich auf den Gegner eingestellt. Am 30. Juli stand Schattenboxen und Tatzen auf dem Plan, am Dienstag lockeres Sparring mit Patrick (Wojcicki) und heute noch mal Videostudium und Tatzen.

Am Samstag durfte ich meinen Eltern das gigantische olympische Dorf zeigen, am Sonntag hat Enrico (Kölling) seinen ersten Kampf souverän gewonnen und gestern waren wir ausserdem beim Hockey, um unsere Frauen zu unterstützen, wie die TV-Bilder beweisen (grins).

Heute gibt dann Erik (Pfeifer) sein olympisches Debüt gegen einen starken Kasachen Iwan Dytschko und zieht hoffentlich als erster (und nicht letzter) Deutscher ins Viertelfinale ein. In diesem Sinne: sportliche Grüße und fleißig die Daumen drücken!

Anmerkung d. Red.: Erik Pfeifer wird Mittwochabend ab ca. 23:30 Uhr in den Ring steigen, Stefan Härtel boxt am Donnerstag um ca. 15:30 Uhr. Sowohl ARD als auch das ZDF übertragen die Boxkämpfe live im Online-Stream auf den jeweiligen Internetpräsenzen:

ARD Livestream
ZDF Mediathek

29. Juli 2012: Große Vorsätze

Der heutige Tag stand für mich im Zeichen der Regeneration. Ein lockeres 30-minütiges Läufchen und eine Massage standen heute auf dem Programm. Aber natürlich auch Daumen drücken für meinen Teamkollegen Patrick Wojcicki. Leider hat es nichts genutzt, er hat nach einer wirklich guten Leistung gegen den starken Franzosen Alexis Vasine mit 16:12 verloren.

Am Abend war ich dann auf der MS Deutschland im Champions Club und habe den Abend gemütlich ausklingen lassen. Ich kann es immer noch nicht fassen, dass ich weiter im Turnier dabei bin und möchte es noch eine ganze Weile bleiben. Also muss ich am Donnerstag irgendwie an diesem Iren vorbei!

Mit diesem Vorsatz schlafe ich jetzt ein, das Lächeln darf dabei natürlich nicht fehlen. Gute Nacht!

28. Juli 2012: Der erste Sieg

Dieser Tag war der bisher aufregendste in meiner Boxer-Laufbahn!

Angefangen hat es, wie an jedem Wettkampftag, mit dem offiziellen Wiegen und der ärztlichen Untersuchung, von 08:00 bis 09:00 Uhr. Danach galt es, die verbleibende Zeit bis zum Kampf zu überbrücken, mit Spazierengehen, Zeitung lesen, Olympia schauen und Mittagessen, bis es via Bus-Shuttle zur Excel Arena ging. Und was mich bei meiner Ankunft dort erwartete, hat mich einfach nur sprachlos gemacht und mir einen Schauer über den Rücken gejagt: Sage und schreibe 8.000 (!!!) Zuschauer bei einem Sechzehntelfinale im Boxen – dabei hab ich eine leere und definitiv kleinere Halle erwartet.

Mit diesem Motivationsschub ging es dann in den Kampf gegen den Puerto Ricaner Enrique Collazo Pelaiz. Die Überraschung und Aufregung hatte sich schnell gelegt. Pelaiz war einen Tick größer als ich und besser als erwartet, jedoch ein guter Gegner, um sich in das Turnier reinzuboxen. Endstand 18:10!

Danach ging es sofort – auch ein neues Gefühl – zu zahlreichen Interviews, und nach dieser Viertelstunde konnte ich mich dann locker ausarbeiten. Die nächste Überraschung folgte auf dem Fuße: Als ich aus der Boxhalle in die Lobby der Excel Arena trat, wurde ich von Menschen jeden Alters umringt und um gemeinsame Fotos gebeten. Auch das war ein neues, aber sehr schönes Gefühl, wenn auch nach einiger Zeit ein bisschen anstrengend. Ich will mir nicht vorstellen, wie das bekannte Sportler die ganze Zeit durchstehen können!

Ansonsten war der weitere Tag ruhig, abends wurde im Team die andere Boxveranstaltung am TV verfolgt. Anschließend bin ich mit einem Lächeln und meinem ersten Olympiasieg, den mir keiner mehr nehmen kann, eingeschlafen.

Anmerkung d. Red.: Stefan Härtels Teamkollegen, Patrick Wojcicki, Enrico Kölling und Erik Pfeifer werden am Sonntag, Montag und Donnerstag ebenfalls ihre ersten Olympia-Kämpfe bestreiten. Sowohl ARD als auch das ZDF übertragen die Boxkämpfe live im Online-Stream auf den jeweiligen Internetpräsenzen:

ARD Livestream
ZDF Mediathek

27. Juli 2012: Große Eröffnung

Während Ex-Beatle Paul McCartney auf der Eröffnungsfeier seinen Hit “Hey Jude” zu Ende singt, fasse ich den heutigen Tag leicht müde zusammen:

Die Olympischen Spiele sind endlich offiziell eröffnet und morgen kann es dann so richtig losgehen! Heute morgen um 7:30 Uhr ging es zum Wiegen, danach wurde die Zeit totgeschlagen, bis die Auslosung der Kampfpaarungen beendet war.

Wie ich es mir gewünscht habe, bekomme ich nicht gleich einen der großen Favoriten vor die Fäuste, sondern darf mich erst einmal mit Enrique Collazo Pelaiz aus Puerto Rico messen. Mit dieser Erkenntnis ging es dann beschwingt zur Tatzenarbeit, wo noch einmal auf taktische Aspekte eingegangen wurde.

Am Abend stand dann natürlich alles im Schatten der großen Eröffnungsfeier. Mit einem weinenden Auge habe ich die deutschen Athleten ins Stadion einziehen sehen, denn ich musste im Dorf bleiben, da Samstag gegen 16:00 Uhr bereits mein erster Kampf ansteht. Ich habe versucht, im Fernsehen ein bekanntes Gesicht zu erhaschen, und sieh da: Mein Teamkollege und Kumpel Enrico Kölling lief Stolz mit all den anderen Athleten ins Stadion ein. Es war eine gelungene Veranstaltung mit einem phänomenalen Feuerwerk.

Am Samstag, ca. 16:30 Uhr deutscher Zeit, geht mein olympisches Boxabenteuer los. Lets get ready to rumble!

Anmerkung d. Red.: Sowohl ARD als auch das ZDF übertragen die Boxkämpfe live im Online-Stream auf den jeweiligen Internetpräsenzen:

ARD Livestream
ZDF Mediathek

26. Juli 2012: Ruhe vor dem Sturm

Ein neuer Tag hat begonnen, der dem gestrigen im Ablauf sehr ähnelt. Es standen wieder zwei Trainingseinheiten auf dem Programm, bestehend aus einmal 20 Minuten Laufen, plus Gymnastik, und ‘ner Runde Tatzentraining am Abend.

Sonst is alles wie gehabt, das Dorf ist unglaublich und die Stimmung im Team sehr gut. Aber natürlich fiebert alles auf den morgigen Tag hin. Dann werden wir nämlich genau wissen, wann und gegen wen wir boxen, und die Olympischen Spiele sind endlich eröffnet.

Eines noch zum Schluss: Bei Olympia sind ja die weltweit besten Athleten aller Sportarten am Start. Umso faszinierender ist es, wie einige von denen ausflippen, wenn sie einen der bekannteren Sportler zu sehen bekommen! Heute hatte zum Beispiel der serbische Tennis-Star Novak Djokovic darunter zu leiden. Der arme Kerl musste sich den Weg aus der Mensa praktisch freikämpfen. Allzu oft wird er sich den Spaß wahrscheinlich nicht antun. In diesem Sinne: Gute Nacht!

25. Juli 2012: Neue Freunde und harte Arbeit

Der zweite Tag geht zu Ende und die Eindrücke sind noch immer nicht vollständig verarbeitet. Es ist nicht so, dass ich mich von all den Eindrücken hier von meinem Ziel ablenken lasse, jedoch ist alles um uns herum einfach eine riesige Freude und es scheint unmöglich, alles was im Olympischen Dorf vor sich geht zu beschreiben.

Es ist wie eine große Klassenfahrt, jeder hat gute Laune und ist freundlich. Wir haben bereits viele neue Leute kennengelernt, unter anderem beim Tischkickern oder Playstation zocken. Aber natürlich wurde heute auch gearbeitet, und zwar in Form von zwei Trainingseinheiten. Um 11:00 Uhr stand Tatzenarbeit, und um 17:30 Uhr drei Runden Gerätearbeit und drei Runden bedingtes Sparring auf dem Programm.

Und nach getaner Arbeit werden wir heute Nacht wieder mit einem Lächeln im Gesicht einschlafen, wohlwissend, dass morgen ein weiterer Tag im Paradies ansteht und unser aller Traum noch lebt – der Olympiasieg!


24. Juli 2012: Abreise und Ankunft – ein großes Fest

Um 06:00 Uhr in der Früh fiel für uns DBV-Boxer der Startschuss zur Reise zu den Olympischen Spielen nach London, in Form eines Weckrufs. Die Reise begann am Bundesleistungszentrum des Deutschen Boxsport-Verbandes, der Sportschule Hennef. Von dort ging es mit dem Zug nach Düsseldorf, ab da mit dem Flugzeug nach London Heathrow und schließlich mit dem Bus ins Olympic Village.

Die Reise war langwierig, aber leicht zu ertragen, denn für uns alle ist dies der Beginn eines großen Traumes. Die vielen Sinneseindrücke aus dem Olympischen Dorf sind schwer zu beschreiben, da sie so zahlreich sind... es ist hier einfach wie ein großes Fest mit einer super Stimmung!

Nach der Ankunft wurde sofort das Dorf erkundet, dabei Schwimmer-Superstar Michael Phelps und viele andere gesichtet, und danach locker trainiert, in Form von einem 30-minütigen Lauf und drei Runden Schattenboxen. Danach haben wir weiter das Flair genossen und die Stimmung aufgesogen – und sind mit einem Lächeln im Gesicht eingeschlafen.

Stefan Härtel ist einer von vier deutschen Boxern, die ihr Land in diesem Jahr bei den Olympischen Spielen in London vertreten werden. Er wird hier von nun an regelmäßig einen Einblick über seine Erblebnisse im Olympischen Dorf geben. Einen Überblick über ihn und seine drei Mitstreiter sowie einen Terminplan der Box-Wettkämpfe gibt es hier: Acht Fäuste für Olympia.