Boxen

Ganz, ganz oben

Arthur Abraham ist zurück an der Spitze, vorerst kein Rückkampf gegen Stieglitz. (Fotos: Dorian Szücs/GroundandPound)

Er hat es allen gezeigt. Jeder, der dachte, er wisse über Arthur Abraham (35-3-0, 27 K.o.) bescheid, wurde Samstagnacht eines besseren belehrt. In der Berliner O2 World Arena punktete er – der K.o.-Puncher – den Techniker aus, schnappte sich den WM-Gürtel von Robert Stieglitz. Aus Abrahams letzter Chance wurde ein zweiter Frühling.

„Sehr emotional“, fühle es sich an, nach rund drei Jahren wieder einen WM-Gürtel in den Händen zu halten. „Es war mein Traum, Weltmeister im Mittelgewicht und auch im Supermittelgewicht zu werden“, so ein von der Schlacht gezeichneter, aber sichtlich erleichterter Abraham auf der Sauerland-Abschlusspressekonferenz.

„Ich habe harte Zeiten hinter mir und viele Tiefschläge gehabt“, fährt er fort. „Aber dadurch habe ich Erfahrungen gesammelt.“

Man könnte auch sagen: Der „King“ ist auf den Boden der Tatsachen zurückgekommen. Nachdem die Niederlagen gegen Andre Dirrell, Carl Froch und Andre Ward im Super Six World Boxing Classic-Turnier seinen Höhenflug jäh beendet hatten, wurde es nun eng für das einstige Sauerland-Aushängeschild. Doch Abraham riss sich zusammen, konzentrierte sich auf seine Stärken – und zeigte, vielleicht zum ersten Mal seit Jahren, Disziplin.

„Wie er sich gegeben hat, sich eingefügt hat, das war der Arthur der damals souverän Mittelgewichtsweltmeister geworden ist“, erklärt Abrahams Coach Ulli Wegner. „Wenn Arthur sich an die Strategie hält, kann er jeden schlagen.“

Streng aber stolz: Erfolgscoach Ulli Wegner.

Drei zu eins lag der Wahlberliner trotz Herausforderer-Status bei den Buchmachern vorn. Dennoch hätte kaum jemand geglaubt, dass er gegen Stieglitz nach Punkten gewinnen könnte.

„Viele dachten, es geht nur durch K.o.“, so Abraham. „Aber es geht auch ein Punktsieg.“

Kalle Sauerland ergänzt: "Ich habe die ganze Reise mitgemacht, von Detroit, nach Helsinki, nach Kalifornien", und spielt damit auf die Super Six-Niederlagen seines Schützlings an. Ich bin stolz darauf, wie Arthur heute geboxt hat. Wir sind nun wieder ganz, ganz oben."

Nun, mit dem Gürtel um der Hüfte, hat Abraham automatisch auch wieder ein Fadenkreuz auf dem Rücken. Eine plumpe Herausforderung von Ednan Yilar, dem Manager des Berliner Puncher Benjamin Simon, ausgesprochen, live auf der Pressekonferenz, taten Abraham und seine Entourage professionell mit einem Lächeln ab. Abraham hat andere Prioritäten. Die Liste derer, die nun ein Stück von ihm abhaben wollen, ist lang. Allen voran wartet der geschlagene Ex-Champion Stieglitz auf eine Möglichkeit zur Revanche. Gerüchte über die Existenz einer Rückkampf-Klausel bestätigte SES-Chef Ulf Steinforth auf der Pressekonferenz mit einem knappen „Ja“, nachdem Kalle Sauerland sich um eine klare Antwort herumgedrückt hatte. Wann, und ob es überhaupt zu einem solchen Kampf kommen wird, ist jedoch unklar.

„Wenn ich Robert Stieglitz betreuen würde, dann würde ich ihn erst einmal einen Kampf zwischendurch machen lassen“, so Sauerland-Patriarch Wilfried Sauerland. „Wenn ich das richtig verstanden habe, gibt es zwar einen vertraglich zugesicherten Rückkampf, aber es ist ja nicht von einem direkten Rückkampf die Rede.“

Stieglitz wird sich also erst einmal gedulden müssen, bevor er eine Chance bekommt, seinen Gürtel zurückzugewinnen. Einer, den Abraham und sein Management ebenfalls abblitzen lassen, ist der WBA-Super-Champion im Mittelgewicht, Felix Sturm. Der tönte vor dem Kampf Stieglitz-Abraham, er wolle den Sieger des Duells boxen – trotz Gewichtsklassenunterschied. Wilfried Sauerland wiegelt ab:

„Wir haben uns vor drei Jahren zum ersten Mal bei Felix Sturm gemeldet. Seitdem haben wir ihm mehrere Angebote vorgelegt, von denen er keines angenommen hat. Nun meldet er sich auf einmal, wahrscheinlich weil er nächste Woche ja selbst einen Kampf hat und noch ein paar Tickets verkaufen will.“

Das Duell Abraham-Sturm ist in der Tat seit Jahren ein Traum deutscher Box-Fans. Ob der Kampf nun zustande kommen wird? „Ich glaube eher nicht“, lächelt Sauerland.

Welche Aufgaben den neuen „König“ nun erwarten, ließ seine Management-Riege offen. Fakt ist, dass er noch in diesem Jahr in den Ring zurückkehren soll, wahrscheinlich am 15. Dezember.

Ob man Samstagnacht den alten oder vielleicht einen ganz neuen Arthur Abraham gesehen hat, will ein Kollege wissen.

„Einen erfahreneren“, antwortet Abraham.