Boxen

Die Nacht der Jäger

Zwei Schwergewichtsduelle werden an diesem Samstag den Box-Abend in der Erfurter Messehalle anführen. Das finnische Talent Robert Helenius trifft mit Siarhei Liakhovich schon auf den dritten Ex-Weltmeister seiner Karriere und wird versuchen, seine makellose Kampfbilanz weiterhin beizubehalten. Für Ruslan Chagaev und Alexander Povetkin geht es indes um mehr: die Weltmeisterschaft im Schwergewicht.

Das WM-Duell ist für beide Boxer die Rückkehr zur Weltspitze; sowohl Povetkins als auch Chagaevs Karriere glich in der jüngeren Vergangenheit einer Berg- und Talfahrt, die nun für einen von beiden ein Ende haben wird.

Alexander Povetkin (r.) mit Trainer Teddy Atlas.

Povetkin (21-0-0, 15 KO) war bereits im Amateurbereich Weltmeister und konnte sich bei den Spielen in Athen 2004 sogar olympisches Gold sichern. Mit US-Trainer Teddy Atlas arbeitet er nun schon seit Jahren auf den ganz großen Coup im Berufsboxen hin, bislang jedoch ohne Erfolg. Zwischen 2007 und 2008 konnte Povetkin einige bedeutende Siege einfahren, indem er unter anderem Chris Byrd und Eddie Chambers besiegte. Ein Titelkampf gegen Wladimir Klitschko winkte und war bereits in trockenen Tüchern, als der heute 31-jährige Russe überraschend absagte.

Povetkin stürzte nach eigener Aussage in der Wettkampfvorbereitung über eine Baumwurzel und verletzte sich stark, der Kampf gegen Klitschko musste ausfallen. Monate später wurden erneut Verhandlungen mit den Klitschkos aufgenommen, doch ein Kampf kam bislang nicht wieder zustande. „Das war schlimm“, kommentiert Povetkin die Situation.

Noch schlimmer traf ihn jedoch der tragische Tod seines Vaters Wladimir, der den Schwergewichtler für lange Zeit in ein körperliches und seelisches Tief stürzte. „Ich habe lange gebraucht, bis ich das verarbeiten konnte“, so Povetkin.

Seitdem dümpelte der einstige Titelkandidat im sportlichen Niemandsland, sammelte einen Sieg nach dem anderen gegen obskure Gegner. Nun ist er erneut dort angekommen, wo er vor drei Jahren schon einmal war: auf dem Sprung zum Weltmeistertitel. Die Talsohle der vergangenen Jahre hat er hinter sich gelassen:

„Vielleicht sollte es so sein. Ich habe das hinter mir gelassen, blicke nur nach vorn. Jetzt zählt nur der Kampf gegen Chagaev“, so Povetkin. „Er ist ein großartiger Boxer und sehr erfahren. Er hat fast alle Kämpfe gewonnen, war Weltmeister - und ist ein guter Sportsmann. Das schätze ich. Ich respektiere Ruslan Chagaev.“

Ähnlich respektvoll ging es auf den Pressekonferenzen zum Kampf zu. Kein böses Blut, keine Prügelei vor den TV-Kameras. Nur Respekt für den Gegner. Dennoch besteht kein Zweifel daran, dass beide Boxer den Kampf am kommenden Samstag ernst nehmen werden. Denn es steht nicht nur der World Boxing Association-Weltmeistertitel auf dem Spiel, sondern auch ein potentieller, lukrativer Kampf gegen Super-Champion Wladimir Klitschko.

Will der seinen Super-Titel nämlich behalten, muss er spätestens bis zum Frühjahr 2013 gegen den aktuellen, regulären WBA-Champion in den Ring. Und das ist es, was Povetkin will:

„Den Kampf gegen Wladimir Klitschko, davon habe ich immer geträumt.“

Ruslan Chagaev (r.) mit Trainer Michael Timm.

Dafür muss er jedoch zunächst an Ruslan Chagaev (27-1-1, 17 KO) vorbei. Auch der war Amateurweltmeister und konnte sich – im Gegensatz zu Alexander Povetkin – im Profi-Bereich schon den WBA-Gürtel um die Hüfte schnallen.

2007 bezwang er den Riesen Nikolai Valuev und gewann so die WM-Krone. Nach zwei erfolgreichen Verteidigungen war Chagaev bereit für einen Vereinigungskampf gegen Wladimir Klitschko – und ging, wie so viele vor ihm, sang- und klanglos unter. Er trennte sich danach von Trainer Michael Timm, hatte eine lange Auszeit, und kehrte im vergangenen Jahr mit Siegen über Kali Meehan und Travis Walker auf die Siegerstraße zurück. Wirklich glänzen konnte er dabei jedoch nicht.

Nun ist Trainer Timm zurück und Chagaev steht vor dem vielleicht wichtigsten Kampf seines Lebens. Am Samstag heißt es: Alles oder Nichts, denn eine Niederlage könnte für Chagaev den endgültigen Absturz in die Bedeutungslosigkeit bedeuten, während einen Sieg den schlagstarken Usbeken zu einem weiteren Klitschko-Fight katapultieren könnte.

Doch Povetkin ist kein Fallobst. Enorm variabel und schwer zu berechenbar, boxt er mal offensiv, mal bedacht aus der Distanz. „Alexander ist stark“, bestätigt Chagaev. „Aber ich bin nie einem Kampf aus dem Weg gegangen.“

Sowohl Povetkin als auch Chagaev standen seit Ende vergangenen Jahres nicht mehr im Ring. Beide haben KO-Power in den Fäusten, Povetkin ist jedoch der größere Mann und wird den Kampf aus der Distanz mit der Führhand kontrollieren. Schon gegen Klitschko hatte Chagaev mit dieser Strategie arge Probleme. Sein Ziel muss es sein, an den langen Händen Povetkins vorbeizukommen, um am Mann seine wilden Bomben zu landen. Er selbst ist jedenfalls zuversichtlich, dass ihm dies gelingen wird.

„Ich zähle schon die Tage bis zum Kampf“, versichert Chagaev.

Auch im Co-Hauptkampf des Abends treffen in Erfurt zwei schwere Jungs aufeinander. Die noch immer ungeschlagene, finnische Schwergewichtshoffnung Robert Helenius trifft auf den bereits dritten Ex-Weltmeister seiner Karriere: Siarhei Liakhovich.

Robert Helenius (r.) mit Trainer Ulli Wegner.

Helenius‘ (15-0-0, 10 KO) Karriere gleicht seit ihrem Beginn im Jahr 2008 einem Senkrechtstart. 15 Kämpfe, 15 Siege, 10 Knockouts. Mittlerweile befindet sich der 27-Jährige auf Platz zwei der World Boxing Organization- und Position drei der International Boxing Federation-Weltrangliste, und hält die Interkontinental-Meisterschaften der WBO und WBA. Selten wurde ein vielversprechendes Box-Talent so schnell aufgebaut wie er. Sollte er hier erneut spektakulär gewinnen, wie zuletzt gegen Ex-Champion Samuel Peter, kann man ihn mittelfristig kaum noch vom Titelgeschehen fernhalten.

„Obwohl ich vielleicht noch nicht ganz so viel Erfahrung habe, konnte ich ja auch schon ein paar äußerst namhafte Gegner schlagen“, so Helenius über seinen derzeitigen Status. „Liakhovich soll jetzt der nächste in der Reihe sein und ich bin optimistisch, dass mir das gelingt. Dennoch sollte man ihn nicht unterschätzen. Für Siarhei Liakhovich ist der Kampf gegen mich eine riesige Chance. Falls er gewinnen würde, wäre er in den Weltranglisten auf einen Schlag wieder ganz vorne mit dabei.“

Siarhei Liakhovich

Liakhovich (25-3-0, 16 KO) gewann den WBO-Titel im Jahr 2006 von Lamon Brewster, verlor ihn ein halbes Jahr später aber schon in seiner ersten Verteidigung wieder an Shannon Briggs. Nach mehr als einjähriger Pause folgte eine weitere Niederlage gegen Nikolai Valuev. Seitdem stand Liakhovich nur zweimal im Ring, gegen Aufbaugegner konnte er beide Male vorzeitige Siege einfahren.

Nun steht er vor der großen Chance, endlich an die Weltspitze zurückkehren zu können: „Ich weiß gar nicht mehr, wie lange ich jetzt für diesen Kampf trainiert habe“, so Liakhovich. „Es sind schon über drei Monate. Ich bin bestens vorbereitet und kann nur allen Fans empfehlen, meinen Auftritt genau anzuschauen und sich überraschen zu lassen.“

Ein Sieg Liakhovichs wäre in der Tat eine große Überraschung. Er gilt als Außenseiter in diesem Kampf. Nicht nur ist er deutlich kleiner als Helenius, er konnte in den vergangenen Monaten auch weitaus weniger Ring-Zeit sammeln und ist mit 35 Jahren ganze acht Jahre älter als der aufstrebende Finne. Auch Helenius wird seine Größenvorteile nutzen und seinen Gegner mit der Führhand bearbeiten, bis sich die Möglichkeit zum vorzeitigen Sieg bietet.

Doch im Boxen – und vor allem im Schwergewicht – ist alles Möglich und Liakhovich scheint fokussiert wie lange nicht mehr: „Ich war es, der Helenius als Gegner ausgesucht hat, nicht etwa anders herum. Ich werde Deutschland als neuer WBA- und WBO-Intercontinental Champion verlassen.“

Die Nacht der Jäger
27. August 2011
Messehalle in Erfurt, Thüringen

WBA Weltmeisterschaft im Schwergewicht
Ruslan Chagaev vs. Alexander Povetkin

WBA / WBO Intercontinental Meisterschaft im Schwergewicht
Siarhei Liakhovich vs. Robert Helenius

EU Meisterschaft im Halbschwergewicht
Tony Averlant vs. Artur Hein

Vorprogramm
Steven Bendall vs. Dominik Britsch
Gianmario Grassellini vs. Marcos Nader
Viktor Szalai vs. David Graf