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Boxen

Die große Hoffnung

17 Sekunden – dann war es geschafft. 17 Sekunden – dann durfte er die Arme siegreich nach oben stemmen. 17 Sekunden – dann schien der Mythos wieder zu leben. Der Mythos „Kimbo Slice“. Was 17 Sekunden doch so alles bewegen und verändern können!?

Tief war er gefallen, die einstige „YouTube-Sensation“ Kevin Ferguson aka Kimbo Slice. Zuletzt konnte ihn die UFC nicht mehr gebrauchen, ihn nicht mehr als ernstzunehmenden Fighter darstellen. Schonungslos wurden ihm die Grenzen aufgezeigt. Auf die Bretter musste er in seinem letzten Duell – in den Ringstaub des Octagons. Matt Mitrione beförderte Kimbo dorthin. Es war der gerade mal zweite Kampf, bei den gemischten Kampfkünsten in der UFC, für den Mann aus Indianapolis. Spätestens hier war es auch dem letzten Fan klar, dass für Ferguson in der ersten und zweiten Reihe bei den Mixed Martial Arts kein Platz ist.

Also mussten Alternativen her. Lange Zeit war immer wieder Japan im Gespräch. Das Land der aufgehenden Sonne ist bekannt für seine Freak-Fights, und in diese hätte Kimbo super gepasst. Hinter den Kulissen war aber vor allem Boxpromoter Gary Shaw sehr um seinen ehemaligen Schützling bemüht. Shaw hatte Ferguson einst von der Straße in den Käfig gebracht und mit ihm im amerikanischen TV Traumquoten für den MMA-Sport einfahren können.

Wenn man Kimbo Slice eines immer lassen musste - die Leute wollten ihn sehen. Das war schon vor seiner Zeit im professionellen Kampfsport so. In Hinterhöfen hat er sich einen Namen gemacht. In sogenannten Barenuckle-Fights, dort, wo man also ohne Handschuhe auf seinen Gegenüber eindrischt. Fragwürdig und illegal – keine Frage! Dennoch, so betonen Fans dieser Szene immer wieder, gibt es dort Regeln und keiner wird gezwungen anzutreten.

Ob diese Regeln allerdings wirklich immer eingehalten werden, darf bezweifelt werden. Einen Ringrichter gibt es nicht und anscheinend weiß auch niemand, wann das Aufeinandertreffen beendet ist. Zu sehen auch in Streetfights von Kimbo. Wer sein Duell gegen Sean Gannon – einen ehemaligen Polizisten aus Boston – gesehen/ertragen hat, kommt nicht an dem Eindruck vorbei, dass bis zuletzt versucht wurde, Kimbo zum Sieg zu verhelfen. Angeblich war dies die einzige Niederlage des Mannes aus Miami, der sich früher auch als Bodyguard in der Pornoindustrie versuchte.

2007 der Ausbruch aus diesem Umfeld. Mit 33 Jahren will Ferguson noch einmal die Kurve bekommen, möchte aus dem illegalen Dunstkreis, sich fortan im Free Fight versuchen. Für seinen Start im neuen Sport kann er die  MMA-Legende Bas Rutten gewinnen, und auch ein prominenter Gegner ist schnell gefunden. Der inzwischen 46-jährige Ray Mercer, einst WBO Schwergewichtsweltmeister, braucht anscheinend dringend Geld. Grund genug, um gegen den „König der Internetprügler“ anzutreten. Es sollte schnell gehen, denn Mercer schien einen Boxkampf zu erwarten und war am Boden dann auch schlagartig chancenlos.

Was folgte war ein wahrer Kimbo-Hype. Nicht nur die Fernseh-Ratings waren vielversprechend, nein, es gab Fans, die trauten ihm mehr zu. Erste Kratzer bekam das „Unschlagbarkeits-Image“ beim Kampf gegen James Thompson. Größte Mühe hatte der Ringrichter damals, Ferguson in Runde zwei irgendwie über die Zeit zu bringen. Dennoch schaffte Kimbo in Durchgang drei den Knockout.

Endgültig zerstört wurde die Hysterie um ihn dann durch seine vorzeitige Niederlage gegen Seth Petruzelli. In gerade einmal 14 Sekunden fertigte er Kimbo ab und vernichtete damit das Flagschiff von EliteXC. Vorbei waren damit auch die Träume von Gary Shaw, der mit Hilfe seines Straßenkämpfers den Durchbruch im MMA-Sport schaffen wollte.

Aber nach diesem Desaster landete Ferguson nicht etwa wieder auf der Straße – nein, die UFC bot ihm, in ihrer damals aktuellen TUF-Staffel, einen Platz an. In „The Ultimate Fighter“ (kurz TUF) kämpfen aufstrebende MMA-Sportler und talentierte Nachwuchsstars um einen Platz in der UFC – da, wo alle Protagonisten der gemischten Kampfkünste hinwollen.

Nun hatte also UFC-Präsident Dana White den Rüpel aus dem World Wide Web eine Chance eingeräumt, in seiner Promotion Fuß zu fassen. Was verwundert – hatte White doch davor immer den Saubermann gespielt, der derartigen Fightern nicht den Weg ebnen wollte, sich in einem doch vollkommen „seriösen“ Sport zu etablieren. Wie schnell es doch mit den Vorsätzen vorbei ist, wenn die grünen Scheine winken!

Aber auch seine UFC-Zeit war nicht gerade von sehr viel Erfolg gekrönt. Nach einer Niederlage – wie oben erwähnt – gegen Mitrione war endgültig Sense. Kimbo war wieder arbeitslos und die Gosse wartete anscheinend auf ihn. Von wegen! Denn inzwischen konnte die einst zwielichtige Gestalt auch in kleineren Hollywood-Produktionen mitspielen und sich so über Wasser halten. Sogar Disney war an ihm dran. An einen Mann, der früher Geld mit Hinterhof-Duellen verdiente. Was für ein Vorbild für die Kids von heute...

Aber sei es drum. Kimbo kehrte nun also zu seinem Ziehvater Gary Shaw zurück und beide tüftelten den Plan aus, Käfig gegen Ring zu tauschen. Im Boxen kann man anscheinend noch mit seinem Namen Geld verdienen. Und Gestalten wie er fühlten sich grundsätzlich in diesem Sport schon immer sehr wohl. Zwar wollte kein Sender seinen ersten Kampf bei den Profis übertragen, dennoch ließ sich weder Shaw - noch Kimbo selbst - davon beirren.

In 17 Sekunden wurde James Wade ins Reich der Träume geschickt. 17 Sekunden, die aus Kimbo wieder einen glaubhaften Kämpfer machen. Vergessen wir einfach mal, dass der Gegner eigentlich aus einer niedrigen Gewichtsklasse stammt. Erwähnen wir am besten auch nicht, dass Wade selbst dort nur Prügel kassierte. Und vor allem übersehen wir zudem noch was – dass Kimbo einfach schlecht geboxt hat. In 17 Sekunden offenbarte er ein Defensivverhalten, dass diesen Namen nicht verdient!

Aber wie gesagt – wir schieben das bitte mal alles beiseite... denn im Internet – also dort, wo Kimbo Slice sich am wohlsten fühlt – wird sicherlich schon der nächste ganz große Hype um ihn entstehen. Fights gegen große ausgediente Boxer winken und damit vielleicht noch mal das ganz große Geld. Ein neuer amerikanischer Traum entsteht vielleicht gerade – die wohl derzeit unter Umständen letzte große Hoffnung des Schwergewichts in Übersee...

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