Boxen

Die Gegnerwahl macht den Boxsport kaputt!

Hat noch einiges vor: Pia Mazelanik. (Foto: Vasily Konstantin)

Pia Mazelanik (13-5-1, 1 K.o.) ist Anhängern des weiblichen Boxsports sicherlich ein Begriff. Die Kämpferin vom Knockout-Boxteam aus Gelsenkirchen hat zudem eine imposante Karriere im Kickboxen vorweisen. In ihrer fünfjährigen Kickboxkarriere konnte sie ungeschlagen bleiben, sicherte sich zweimal den WKA Europa- sowie Welt-Titel und wechselte daraufhin mit 19 Jahren zum Boxsport. Seitdem stand sie als Boxprofi bereits in 19 Begegnungen im umseilten Viereck. Im Juni dieses Jahres konnte die geborene Dresdnerin ihr Ring-Comeback feiern, nachdem sie aus gesundheitlichen Gründen eine zweijährige Auszeit einlegen musste. Das Ergebnis war ein T.K.o.-Erfolg nach wenigen Sekunden. Wir sprachen mit der 26-Jährigen über ihren Werdegang sowie ihre kommenden Ziele.

Groundandpound.de: Du hast deine Boxkarriere mit 19 Jahren gestartet. Wie kam es dazu?
Pia Mazelanik: Ich habe mit 6 Jahren mit Kickboxen angefangen und dann über die Jahre in Sparringstreffs usw. mit anderen Kämpfern in Kontakt gekommen. Ich habe neben dem Kickboxen dann mit Amateurboxen angefangen und bin dann schließlich zum Boxsport gekommen.

Was haben Familie und Freunde dazu gesagt? Schließlich ist nicht jeder ein Freund von weiblichem Kampfsport.
Meine Schwester hat in ihrer Jugend auch Kickboxen gemacht. Wie gesagt, ich habe mit 6 Jahren angefangen und meine Eltern standen immer zu 110 Prozent hinter mir. Mein Vater hat mich zum Sauerland Bundestraining gefahren, nach Schule. Fünfmal die Woche jeweils 80 Kilometer hin und dann nochmal zurück. Das ist Leidenschaft, er stand immer hinter mir, genauso wie meine Mutter und ich danke ihnen sehr dafür. Auch heute noch kommen sie zu meinen Kämpfen und sind sehr engagiert. Mein Vater verfolgt auch viel Boxen und informiert mich mehr, als ich mich selbst informieren kann. Einfach tiptop (lacht).

Du hast eine Auszeit hinnehmen müssen, aus privaten sowie gesundheitlichen Gründen. Wie geht es dir inzwischen?
Wie du in meinem Comeback-Kampf sehen konntest, geht es mir blendend. Auch laut Arzt kann ich problemlos wieder durchstarten und bin hundertprozentig wieder gesund.

Wie schwer ist es als Frau, Kämpfe zu bekommen? Man sieht immer wieder, dass es keine Regelmäßigkeit gibt, aufgrund der nicht vorhandenen Gegnermenge sowie Qualität.
Genau das ist mein Thema. Es ist schwer, in Deutschland hochwertige Gegnerinnen zu bekommen. Ich boxe in vier Gewichtsklassen, um überhaupt Kämpfe zu bekommen. Vom Fliegen- bis zum Superbantamgewicht, also 50 bis 55 Kilogramm, eben damit ich mehr kämpfen kann. Egal wo, wer, ich will kämpfen.

Bei deinem Comeback konntest du die Debütantin Radana Knezevic schlagen. Wie war es nach so langer Auszeit wieder im Ring zu stehen?
Es war zwar nicht die von mir gewünschte Gegnerin, aber ich war froh, überhaupt wieder kämpfen zu dürfen. Ich habe sogar auf meine Gage und jegliche Unkosten verzichtet und alles für krebskranke Kinder gespendet. Die Veranstaltung war schließlich eine Gala für diesen Zweck. Es war eine schöne Plattform für mein Comeback und ein Boxevent aus Charity-Gründen, ich denke, das ist wichtig. Aber wie gesagt, ich hatte keinen Einfluss auf die Gegnerin, diese hat der Veranstalter ausgesucht und ich hätte gerne eine stärkere Frau geboxt. Nach der langen Auszeit war alles dann nach wenigen Sekunden vorbei.

Bereust du es, den schnellen T.K.o.-Sieg eingefahren zu haben, anstatt noch mehr auszuprobieren?
Irgendwie schon. Ich meine, zwölf Sekunden und das war es. Du bereitest dich so lange vor. Ich wollte schon zeigen, dass ich an mir gearbeitet habe, was ich mir in der langen Auszeit aufgebaut habe. Dafür die ganze Arbeit. Aber wichtig war, da raus zu gehen und zu zeigen, dass ich bereit bin.

Du warst vorgeschlagen als Gegnerin für GBC-Championess Elina Tissen (17-2, 6 K.o.). Warum kam es nicht zum gewünschten Aufeinandertreffen?
Sie haben im Juli bei mir angefragt und waren laut eigener Aussage auf der Suche nach Top-Boxerinnen. Ich wäre ihnen auf den Plan gekommen und obwohl es eine Gewichtsklasse höher gewesen wäre, als ich normalerweise boxe, war es kein Problem und ich habe zugesagt. „Wir melden uns, wir verhandeln noch“, hieß es. „Außerdem müssen wir schauen, ob du eine würdige Gegnerin bist, da du deine letzten beiden Titelkämpfe verloren hast.“ Mein T.K.o.-Sieg war ihnen, glaube ich, noch nicht aufgefallen seitdem. Wie auch immer, seitdem gab es keine positive News mehr, obwohl ich mehrfach bis zu vier Wochen vor dem Kampf noch nachgefragt habe. Im Nachhinein habe ich dann gelesen, dass Fleis Djendji (16-20-1, 10 K.o.) als Gegnerin eingeplant wurde.

Hat es dich überrascht, dass Djendji, diesen Titelkampf bekommen hat?
Natürlich. Ich meine, eine Boxerin mit Minusrekord, wie kann so jemand um die WM kämpfen? Wieso ist eine Boxerin von Platz 48 eher qualifiziert als ich, auf Nummer 26? Wie kann das sein?

Im Training: Pia Mazelanik. (Foto: Christoph Reichwein/BILD)

Wundert es dich, nach welchen Kriterien Titelkämpfe vergeben werden?
Ich weiß nicht, ob Elina mich meidet, weil wir uns aus dem Sparring von 2009 kennen und sie weiß, dass ich keine leichte Nummer bin. Um ehrlich zu sein, geht es mir nicht um Titel, sondern ums Prinzip, um die Gegnerwahl. Das macht doch den Sport kaputt.

Wie sollte es deiner Meinung nach sein?
Wir Frauen kämpfen darum, Anerkennung zu bekommen und dann gehen Titelträger spannenden Kämpfen aus dem Weg. Tissen boxt nur auf eigenen Veranstaltungen. Einmal hat sie auswärts gekämpft und dann verloren. Ich boxe überall, wo ich gebucht werde, warum nicht? Ich bin aber sicher nicht die Einzige, die davon betroffen ist.

Spielt es für dich wirklich keine Rolle, wo du kämpfst?
Ja, ich sage das nicht nur so. Die Gage ist mir ebenfalls relativ egal. Ich bin froh, wenn ich ordentlich untergebracht werde und einen guten Kampf bekomme. Ich mache dies nicht wegen des Geldes, ich habe einen Job. Ich will lediglich faire Voraussetzungen und würde überall auf der Welt in den Ring steigen, wenn sich eine ernstzunehmende Herausforderung bietet.

Gegen wen würdest du gerne antreten, in kommender Zeit? Offensichtlich Thissen, aber gibt es noch weitere Wunschgegnerinnen?
Natürlich Elina, wie oben erwähnt, aber auch Raja Amasheh will ich gerne vor die Fäuste bekommen. Es soll jetzt nicht respektlos klingen, aber ich finde sie ist keine verdiente Weltmeisterin. Sie hat noch nicht gegen Elite-Boxerinnen gekämpft. Ein WM-Kampf gegen sie wäre eine tolle Sache und für mich hochinteressant. Aber auch Eva Voraberger würde ich gerne boxen. Ich finde sie zwar privat total nett, aber boxerisch weiß ich, kann ich sie schlagen. Ihre nächste Gegnerin ist wieder jemand mit Minusrekord. Warum geht sie auf Nummer sicher, wie andere Frauen, warum nicht eine gleichwertige Gegnerin mit positivem Rekord?

Dir ist sicher klar, dass so manch eine(r) deine Meinung nicht teilen wird und sich womöglich angegriffen fühlt?
Das darf man nicht falsch verstehen. Ich respektiere Eva, genauso wie Raja und Elina, aber ich will weibliches Boxen verkörpern und mich ärgert es, wenn man diesen Weg wählt. Das macht unseren Sport unglaubwürdig. Die Leute, die sich das angucken, sagen es sind keine fairen Fights. Aufbaukämpfe sollen sie kämpfen gegen wen sie wollen, aber Titelduelle doch bitte nur gegen würdige Gegnerinnen. Es gibt so viele andere Boxerinnen, die wesentlich höher in den Ranglisten sind und die warten auch darauf kämpfen zu dürfen.

Blicke abschließend für uns in die Zukunft. Was wünschst du dir in den kommenden Jahren?
Ich will Weltmeisterin werden. Das ist mein großes Ziel, am besten in einem der vier großen Weltverbände. Ich würde mir zudem wünschen, dass alles sportlicher läuft und es spannende Kämpfe gibt, die unseren schönen Sport vorantreiben. Der Sport muss im Vordergrund stehen, nicht das Geld. Irgendwie wird man sich schon einigen können, wenn man boxen will.