Boxen

Der größere Ehrgeiz siegt

Das Wichtigste von der Abschlusspressekonferenz zu Povetkin-Chagaev. Alle Fotos: Sabine Ziran/GroundandPound.

Zwei Schwergewichtskämpfe führten am Samstag den Box-Abend in der Erfurter Messehalle an, die Favoriten setzten sich in beiden Duellen durch. Robert Helenius stoppte den mittlerweile dritten Ex-Weltmeister seiner Karriere, während sich Alexander Povetkin seinen ersten WM-Titel sichern konnte.

Dass der im Grunde nicht allzu viel Wert ist, weil der eigentliche World Boxing Association-Champion Wladimir Klitschko zum Super-Champion erhoben wurde und den regulären Gurt (den Povetkin nun gewonnen hat) daher vakantierte, spielt für den glücklichen Sieger dabei keine Rolle:

„Eine WM ist eine WM“, erklärte Povetkin (22-0-0, 15 KO) über seine Übersetzerin. „Es wäre mir aber natürlich eine Ehre, gegen Wladimir Klitschko antreten zu dürfen.“

Sein Trainer Teddy Atlas nahm ihm, und den anwesenden Journalisten, allerdings erst einmal jeglichen Wind aus den Segeln. Er plane in nächster Zeit nämlich keinen Klitschko-Fight für seinen Schützling:

„Alexander hat gerade einen Ex-Weltmeister geschlagen, lasst uns das jetzt mal genießen“, so der polarisierende US-Trainer, der kurz darauf von Sauerland-Geschäftsführer Chris Meyer unterstützt wurde:

„Zunächst wird sicher einmal eine freiwillige Titelverteidigung anstehen, über die Klitschkos können wir später nachdenken“, so Meyer. Und weiter: „Ich kann mir momentan sowieso nicht vorstellen, dass die uns einen Vertrag vorlegen, den wir akzeptieren würden. Die Klitschkos sind bekannt für ihre Knebelverträge.“

Atlas ergänzte: „Es wäre sicher nicht das schlechteste, erst einmal abzuwarten, den Titel ein paar Mal zu verteidigen und Erfahrung zu sammeln. Dann haben all die Kritiker auch Anlass, mich noch mehr zu verreißen. Die alten Hasen im Box-Geschäft sagen, ein Boxer wird noch einmal um 30 Prozent besser, wenn er einen WM-Titel gewonnen hat. Wir wollen sehen, ob sich das auch bei Alexander bewahrheitet.“

Kritiker hatte Atlas in der Vergangenheit wahrlich genug. Zu sehr hätte er am Stil Povetkins geschraubt, seinem Boxer damit nicht eben geholfen. Ob er denke, es diesen Kritikern mit dem heutigen Titelgewinn gezeigt zu haben, fragten wir nach. Atlas entgegnete in gewohnter Manier:

„Das interessiert mich nicht die Bohne! Was ihr alle schreibt kann ich sowieso nicht lesen, ich weiß ja nicht einmal wie man einen Computer einschaltet – und das ist wahrscheinlich auch gut so. Ich habe niemandem etwas zu beweisen. Ich bin hierher gekommen, um meinen Job zu machen und das habe ich getan.“

Alexander Povetkin hält den Titel in den Händen; die Mission ist erfüllt, Atlas‘ Job erledigt. Dennoch kann man die Argumente seiner Kritiker nicht gänzlich aus dem Hinterkopf verdrängen. Povetkin hatte innerhalb der 12 Runden gegen Ruslan Chagaev (27-2-1, 17 KO) tatsächlich seine schwachen Phasen, seine Hänger, seine Lücken. Vor allem im sechsten Durchgang musste er harte Treffer einstecken und überstand die Situation nur knapp. Gerade einer der größten Kritiker von Teddy Atlas, Kalle Sauerland, sprang ihm hier bei:

„Teddy Atlas und wir (Sauerland Event) waren vielleicht nicht immer einer Meinung, aber heute hat das, was er Alexander beigebracht hat, sehr dabei geholfen einer brenzlichen Situation zu entgehen. Durch sein Rollen, seine Meidbewegungen, konnte er schlimmere Treffern vermeiden.“

Polarisiert: Povetkin-Coach Teddy Atlas.

Um Povetkin aus diesem Tief wieder herauszuholen, verpasste sein Trainer ihm in der Ringpause eine filmreife Ansprache. So erzählte Atlas: „Ich habe ihm erst einmal einen Eimer Wasser über den Kopf gekippt und dann erklärt, dass das, was er gerade durchmacht, nur noch 18 Minuten andauern wird. Wenn er sich da durchbeißt erreicht er jedoch etwas, dass ein Leben lang hält! Er kann Geschichte schreiben und einen Weltmeistertitel gewinnen.“

Jemand, der diesen Titel gut kennt, weil er ihn selbst schon um der Hüfte Trug, ist Povetkins Gegner Ruslan Chagaev. Es sei „heute nicht sein Tag“ gewesen, konstatierte er geknickt auf der Pressekonferenz. Sein Trainer Michael Timm, den er nach seiner Niederlage gegen Wladimir Klitschko, im Jahr 2009, verlassen hatte und zu dem er für diesen Fight wieder zurückgekehrt ist, fand deutlichere Worte:

„Heute hat einfach der größere Ehrgeiz gewonnen, dass muss ich ganz klar sagen“, so der sichtlich enttäuschte Timm. „Ruslan hat einfach nicht die Kurve gekriegt, heute das Maximum aus sich herauszuholen. […] Ich will jetzt aber nicht mit dem Finger auf ihn zeigen, […] wir haben den Titel damals gemeinsam gewonnen und haben den heutigen Kampf auch gemeinsam verloren.“

Chagaev jedenfalls, hat den Traum vom Weltmeistertitel noch nicht aufgegeben. Er will in Zukunft noch einmal nach dem Gold greifen. Kalle Sauerland schien ihn nach dem sehr unterhaltsamen Kampf von Samstagnacht durchaus in dieser Idee zu bestärken. 

„Wir haben heute wieder den alten Chagaev gesehen“, versicherte er und bedankte sich bei Trainer Michael Timm.

Strahlemann: Robert Helenius

Den zweiten Hauptkampf bestritten ein anderer Ex-Weltmeister – Siarhei Liakhovich (25-4-0, 16 KO) – und die finnische Schwergewichtshoffnung Robert Helenius (16-0-0, 11 KO). Es wird langsam ein vertrauter Anblick, auf Sauerland-Abschlusspressekonferenzen einen zweimetergroßen Strahlemann sitzen zu sehen, der soeben einen weiteren Gegner vorzeitig nach Hause geschickt hat. In Runde neun war Schluss; nachdem Helenius Liakhovich schon im achten Durchgang auf die Bretter geschickt hatte, zog er kurz darauf den Schlussstrich. Bevor es jedoch dazu kam, erwischte der Finne wie so oft einen etwas langsamen Start.

„Ich war am Anfang ein bisschen vorsichtig. Das kann ich in Zukunft noch besser machen“, so der WBA und WBO Interkontinental-Champion. „Mein Trainer Ulli Wegner hat mir nach der siebenten Runde aber ein wenig ‚Mut‘ gemacht, damit ich endlich wach werde“, erklärte er mit einem Augenzwinkern. Wilfried Sauerland stimmte ihm zu:

„Zu Beginn war Robert ein wenig phlegmatisch, so kann er manchmal sein. Aber ab der Mitte des Kampfes hat er ja aufgedreht.“

Sein Gegner Liakhovich konnte dies bestätigen, verließen er und sein Team die Pressekonferenz doch so schnell als möglich, um einen Arzt aufzusuchen.

„Ich habe mir in der zweiten Runde die Nase gebrochen“, so Liakhovich. „Dadurch lief Blut meinen Rachen hinab und es fiel mir schwer, zu atmen.“ Seine Ecke wollte den Kampf nach dem dritten Durchgang stoppen, er habe sich jedoch geweigert.

„Ich komme zurück“, versprach er den anwesenden Reportern.

Vom Kampf gezeichnet: Siarhei Liakhovich.

Seine Managerin Kathy Duva stimmte ihm zu, nach einer kurzen Auszeit soll er in seiner Wahlheimat New Jersey wieder in den Ring steigen. Aber auch für Robert Helenius war Duva voll des Lobes: „Helenius kann in Zukunft alles erreichen, was er will“, so die Managerin. „Es gehören immer zwei dazu, einen tollen Kampf abzuliefern, und wir haben heute zwei großartige Boxer gesehen.“

„Ich hätte gedacht, der Kampf würde länger dauern, aber Robert hat mir die Tour gehörig versaut“, fügte Sauerland-Sportdirektor Hagen Döring hinzu. „Für einen jungen Boxer ist es wichtig, Erfahrung zu sammeln. Ich werde mich also nach jemandem auf die Suche begeben müssen, der es länger mit ihm im Ring aushält.“

Der sollte doch zu finden sein. In den weltweiten Ranglisten befindet sich Helenius derzeit schließlich bei fast jedem Verband im oberen Bereich der Top Ten. Kein Wunder, dass da langsam Rufe nach größeren Herausforderungen laut werden. Trainer Ulli Wegner wiegelte allerdings gewohnt charmant ab:

„Roberts Voraussetzungen und seine Kondition sind einmalig. Er muss noch viel lernen, aber er hat ja gerade einmal 15 Profi-Kämpfe auf dem Buckel“, so der Kult-Coach. „Natürlich soll er mal Weltmeister werden, aber bis dahin ist es noch ein kleines Stück Arbeit. Ich bin ja noch jung, das kriegen wir schon hin.“

Eine ausführlichen Veranstaltungsbericht zu den beiden Hauptkämpfen, sowie zum Vorprogramm von Povetkin vs. Chagaev findet ihr hier.