Boxen

Der Boxskandal des Jahres: Bradley besiegt Pacquiao

Timothy Bradley gewinnt gegen Manny Pacquiao. (Foto: Carlos Osorio/AP)

Ein turbulenter Box-Abend ging vor wenigen Minuten in der MGM Grand Garden Arena in Las Vegas zu Ende, der einen faden Beigeschmack hinterlässt. In letzter Zeit häufen sich kontroverse Urteile in der Boxwelt und auch heute gab es eine dieser Entscheidungen zu vermelden. Der möglicherweise größte Boxskandal dieses Jahres: Pacquiao verliert gegen Bradley durch eine sehr fragwürdige und geteilte Punktentscheidung.

Vor dem Duell schien Manny Pacquiao UFC-Kämpfer Nick Diaz nachahmen zu wollen, denn er war für seinen Kampf nicht aufzufinden. Wenige Minuten vor der Begegnung waren Reporter beunruhigt und meldeten, dass Bradley bereit wäre, während der „Pac-Man“ vermisst wurde.

Nach unzähligen unruhigen Minuten meldete Trainer Freddie Roach, dass der Filipino auf dem Laufband war, um seine Waden aufzuwärmen, während er das NBA Playoff-Spiel anschaute. Emmanuel Steward nannte Pacquiaos Verhalten „unprofessionell“, während Bradley sichtlich unberührt ein Statement an die HBO Berichterstatter abgab: „Ich werde die Welt schockieren!“ - Dies sollte in der Tat erfolgen.

Nach über 30 Minuten Wartezeit konnte es endlich losgehen. Bradley war anfangs der aktivere Mann und versuchte Pacquiao auszukontern, was in den ersten Minuten gelang, bis der Filipino am Ende der Runde mit einigen harten Linken das Ziel traf und den Amerikaner durchrüttelte. Auch in den nächsten Runden schenkten sich beide Kontrahenten nichts. Bradley versuchte mit eingesprungenen links-rechts Kombinationen für Druck zu sorgen, während Pacquiao mit harten Linken durch die Deckung des Amerikaners schlug und diesen hart traf. In der dritten Runde schien der 32-Jährige Filipino den Rhythmus seines Kontrahenten ausgemacht zu haben und traf erneut mehrmalig mit wuchtigen Linken das Kinn von Bradley.

„Bradley bewegt seinen Kopf nicht“, so die HBO Kommentatoren. „Das darf man gegen Pacquiao nicht machen.“ Diese Analyse brachte es auf den Punkt, denn der philippinische Multi-Champion übernahm die Kontrolle, respektierte die Schlagkraft seines Kontrahenten keinesfalls und boxte mutig nach vorne. Schnelle Schlagkombinationen zwischen beiden Boxern begeisterten die Zuschauer, doch man merkte, dass Bradley, obwohl er der körperlich mächtigere Mann war, weniger Schlagkraft besaß.

Der Außenseiter sorgte in Runde acht mit einem Kopfstoß für einen kurzen Aufreger, doch glücklicherweise blieb dieser ohne Wirkung. Bradley lehnte sich bei Schlägen weit nach vorne, was der „Pac-Man“ mit linken Aufwärtshaken quittierte. In der letzten drei Runden schien der amtierende WBO Champion etwas nachzulassen, was Bradley zu mehr Mobilität ambitionierte, doch blieben dies einige der wenigen Runden die der Amerikaner für sich entscheiden konnte.

Dann der Skandal: Nach der vollen Distanz traf ein, womit keiner der Experten gerechnet hatte - Bradley setzte sich durch eine geteilte Punktentscheidung durch: 115-113 Pacquiao, 115-113 Bradley, 115-113 Bradley.

„Das ist absurd“, so die HBO Kommentatoren. „Ich denke nicht, dass einer von uns blind ist und Bradley hat diesen Kampf sicher nicht gewonnen! Diese Entscheidung ist falsch.“ Wenige Minuten später zeigten die CompuBox-Zahlen, dass Pacquiao fast 50 Prozent mehr Treffer anbringen konnte und zudem 90 Schläge mehr als Bradley an den Mann bringen konnte. Die Zahlen anbei: "Powerpunches: Pacquaio 190/493, Bradley 108/390. Treffer insgesamt: Pacquiao 253/751, Bradley 159/839".

Die offiziellen Compu-Box Zahlen.

Eine skurrile Punktentscheidung die Zuschauer sowie Experten mit offenen Mündern dastehen ließ, denn anhand der Zahlen konnte Bradley unmöglich gewonnen haben, ebensowenig laut Expertenmeinung. Diese Entscheidung wurde vom respektvollen philippinischen Ex-Champion trotzdem akzeptiert, der sichtlich enttäuscht war:

„Ich habe mein Bestes gegeben, doch das war scheinbar nicht genug.“ Ob er der Meinung sei den Kampf gewonnen zu haben, wurde er gefragt. Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen: „Definitiv.“

Bradley bot einen Rückkampf im November an, jedoch dürfte sich durch diese Niederlage der lang erwartete Super-Fight zwischen Pacquiao und Mayweather nun erledigt haben. HBO Urgestein und Box-Analytiker Jim Lampley beendete die Übertragung mit den Worten: "Das ist mit Abstand das schlimmste Urteil das ich je gesehen habe."

Schlecht gelaunt: Manny "Pac-Man" Pacquiao. (Foto: Manilatimes.net/AFP)

Wenige Minuten bevor es zum Hauptkampf zwischen Pacquiao und Bradley kam, gab es eine weitere Kontroverse im Duell zwischen Jorge Arce und Jesus Rojas. Die Begegnung begann extravagant, denn Arce konnte seinen portorikanischen Kontrahenten bereits nach wenigen Sekunden auf die Bretter schicken. Dieser erholte sich jedoch schnell und lieferte eifrig Gegenwehr. Eine spannende Partie sollte sich anbahnen, doch dann war alles vorbei bevor es wirklich angefangen hatte. Rojas traf den Mexikaner mit einer linken Faust in den Unterleib, in der gleichen Bewegung mit einem Kopfstoß und schlug daraufhin mit der Rechten auf den Rücken, gefolgt von einem linken Haken zum Kopf. Während Arce den Tiefschlag einstecken musste, nahm er seine Deckung herunter und verzog das Gesicht, während die eben genannten drei weiteren Schläge folgten. Nach dem linken Haken ließ er sich fallen und schien verwirrt, während er sich das linke Ohr hielt. Der Ringrichter stoppte die Begegnung und gab dem 32-Jährigen Zeit sich vom illegalen Treffer zu erholen. Der Ringarzt wurde in den Ring gebeten, während Arce weiterhin auf dem Boden lag. Die Begegnung wurde somit als „No Contest“ (ohne Wertung) beendet, da Arce laut Ringarzt weder in der Lage war weiterzumachen, noch den Willen dazu zeigte, während der Ringrichter die illegalen Treffer in der zweiten Runde als unabsichtlich gewertet hatte. „Ich höre ein Pochen in meinem Ohr“, erzählte Arce im Interview nach dem Kampf. „Wir müssen diese Begegnung ein anderes Mal wiederholen.“ Die Antwort seines Gegners: „Er ist ein Feigling, er hat einen Ausweg gesucht.“

Die Ergebnisse im Überblick:



Pacquiao vs. Bradley
09. Juni 2012
MGM Grand Garden Arena in Las Vegas, Nevada, USA

WBO Weltmeisterschaft im Weltergewicht
Timothy Bradley bes. Manny Pacquiao (c) nach Punkten (geteilt)

Jorge Arce vs. Jesus M. Rojas endet ohne Wertung (Abbruch)

vakante IBF Weltmeisterschaft im Weltergewicht
Randall Bailey bes. Mike Jones via KO in Rd.11

WBO Weltmeisterschaft im Super-Bantamgewicht
Guillermo Rigondeaux bes. Teon Kennedy via TKO in Rd.5

Vorprogramm
Mikael Zewski bes. John Ryan Grimaldo via KO in Rd.3
Ernie Sanchez bes. Wilton Hilario nach Punkten (einstimmig)     
Andy Ruiz bes. Tyler Lawson nach Punkten (einstimmig)     
Jesse Hart bes. Manuel Eastman via TKO in Rd.1