Vorberichte

Wladimir Klitschko vs. David Haye

Die Vorschau zum größten Schwergewichtskampf seit Jahren.

Was lange währt wird endlich gut? Seit knapp drei Jahren wartet die Welt auf das Aufeinandertreffen von David Haye und einem der Klitschko-Brüder. Am kommenden Samstag ist es soweit und die Beiden werden in der Hamburger Imtech Arena gegeneinander in den Ring steigen. Es ist der größte Schwergewichtskampf in der jüngeren Geschichte des Boxsports. Er kann über Wohl und Weh der einstigen Königsklasse entscheiden. Warum? Lest selbst.

Das Schwergewicht war einst die prestigeträchtigste Gewichtsklasse im Preisboxen. Glorreiche Duelle und Namen wie Schmeling, Ali, Foreman oder Tyson prägten den Sport und machten die Division der schweren Jungs zur „Königsklasse“ des Profiboxens. Doch in jüngerer Vergangenheit begann es seinen Reiz mehr und mehr zu verlieren. Im Box-Mekka USA setzte man mangels junger Talente auf leichtere Gewichtsklassen und baute dort völlig neue Stars auf. Namen wie de la Hoya, Mayweather oder Pacquiao regierten nun die Boxwelt. Das Schwergewicht war – zumindest in Amerika – nur noch eine Nebenattraktion.

In Europa sah das noch immer anders aus. Hier regiert ein ukrainisches Bruderpaar bis heute die TV-Landschaft mit Einschaltquoten und Marktanteilen, von denen mancher Senderchef nur träumen kann. Getreu ihren Kampfnamen, „Dr. Steelhammer“ und „Dr. Eisenfaust“, regieren Wladimir und Vitali Klitschko auch auf sportlicher Ebene mit eiserner Faust und beherrschen fast die gesamte Schwergewichtslandschaft. Die Brüder sind seit mehr als sieben Jahren ungeschlagen und vereinen die Gürtel von drei der vier großen Weltverbände.

Den verbliebenen vierten Gürtel hält der Brite David Haye. Als der 2008 seinen Cruisergewichtstitel niederlegte, um ins Schwergewicht zu wechseln, tat er dies von Beginn an unter der Maßgabe, den Klitschko-Brüdern ihre Weltmeistertitel abzunehmen. Er machte daraus keinen Hehl, im Gegenteil, Haye ließ keine Gelegenheit aus, um in der Öffentlichkeit gegen das Brüderpaar zu schießen.

Die Spitze des Eisbergs war erreicht, als er sich 2008 in der britischen Ausgabe des Sport- und Lifestyle-Magazins „Men’s Health“ auf einer Fotomontage als Eroberer, stehend auf den beiden Körpern der Klitschkos, darstellen ließ, die abgeschlagenen Köpfe der Brüder in der Hand seines gen Himmel gereckten Arms.

Ein Raunen ging durch die Medien und Haye bekam für diese Geschmacklosigkeit jede Menge Gegenwind, nicht nur von Anhängern der Klitschkos. Doch er hatte bekommen was er wollte. Die Aufmerksamkeit der Schwergewichtskönige war ihm nun sicher. Nachdem ein Kampf gegen Vitali Klitschko aufgrund dessen Pflichtverteidigung gegen Juan Carlos Gómez nicht zustande kam, einigte man sich schnell auf einen Fight gegen den jüngeren Bruder Wladimir. In der Gelsenkirchener Veltins Arena sollte 2009 das große Hassmatch stattfinden.

Der Hype vor dem Duell war riesig, doch nur gut zwei Wochen vor dem Kampf zog Haye seine Teilnahme aufgrund einer Rückenverletzung zurück. Die Absage hinterließ einen bitteren Nachgeschmack bei den Klitschkos, den Veranstaltern und nicht zuletzt bei den Fans. Was folgte war eine mehr als ein Jahr andauernde Schlammschlacht, die mal mehr, mal weniger die Medien durchzog. Haye und Klitschko stritten sich um Kampfbörsen, um TV- und Vermarktungsrechte, vor allem aber um das männlichste aller Güter: die Ehre.

Als schon niemand mehr so recht an ein Duell der Erzfeinde glaubte, wurden ernsthafte Gespräche zwischen Klitschko und Haye plötzlich wieder aufgenommen. Zu Beginn dieses Jahres trugen die Verhandlungen endlich Früchte und man einigte sich. Der Termin stand, und die gesamte Box-Welt fiebert seither dem größten Schwergewichtskampf seit Jahren entgegen.

Wladimir Klitschko (l.) und David Haye. Foto: © Public Address / Hoyer

Klitschko vs. Haye – viel hängt von dieser Begegnung ab. Ihr Ergebnis entscheidet nicht nur über den Verbleib drei großer WM-Titel, sondern vor allem über den künftigen Status der Schwergewichtsdivision. Gewinnt Klitschko, bleibt es beim Status Quo und die Königsklasse driftet aus sportlicher Sicht immer weiter in die Bedeutungslosigkeit ab. Die Klitschkos werden in Deutschland TV-Stars bleiben, weiter Traumquoten erzielen, aber auf sportlicher Ebene außer Tomasz Adamek (auf den Bruder Vitali im September treffen wird) ohne ernsthafte Gegner dastehen. Gewinnt jedoch David Haye, so würde dies eine Dynamik in Gang setzen, die der Schwergewichtsszene eine seit Jahren ungekannte Spannung verleihen würde.

Man stelle sich vor: Haye gewinnt tatsächlich einen attraktiven und hochspannenden Fight gegen Wladimir Klitschko. Ein Rückkampf wäre dann unumgänglich. Zwar macht der Brite seit Wochen Andeutungen in Richtung eines baldigen Karriereendes, doch einem so lukrativen Rematch könnte der „Hayemaker“ sicher kaum widerstehen. Nun träumen wir weiter. Wladimir Klitschko gewinnt den Rückkampf gegen Haye und es kommt zum alles entscheidenden dritten Showdown zwischen den beiden. Für mindestens zwei (eher drei) Jahre wäre das Schwergewicht wieder interessant. Ein anderes Szenario: Haye schlägt Wladimir und wird danach von Vitali herausgefordert (oder fordert ihn heraus). Er schlägt auch diesen. Auch hier wäre ein anschließender großer Entscheidungskampf gegen einen der beiden Brüder denkbar. Box-Liebhaber beginnen allein beim Gedanken daran zu träumen…

Doch wie wahrscheinlich ist ein Sieg David Hayes? Fakt ist, er ist einer der gefährlichsten Gegner, denen Wladimir Klitschko seit langer Zeit gegenüberstand. Haye ist selbstbewusst, er ist schnell, kann punchen und besitzt das, was man als Ring-Intelligenz bezeichnet. Doch David Haye ist kein wirkliches Schwergewicht. Wie fast jeder Gegner der Klitschkos gibt er einige Zentimeter Reichweite ab. Reichweite, die Wladimir Klitschko zu nutzen weiß. So häufig wie der Stil der Klitschkos kritisiert wurde, so sehr muss man dessen Effektivität bewundern. Die Box-Brüder sind Jab-Maschinen, die es verstehen, ihre Größe perfekt zu nutzen. Am Infight sind sie nicht interessiert. Das vielgescholtene Kinn Wladimirs dürfte daher kaum eine Rolle spielen, sollte es Haye nicht gelingen, die Distanz zu überbrücken.

Fakt ist: wenn er Klitschko treffen will, muss er ständig in Bewegung sein und immer wieder in den Mann gehen. Fakt ist auch, dass er dabei viel Energie verbrauchen und viele Führhände nehmen wird. Die Frage ist, ob er damit umgehen kann - oder ob er daran zerbricht, wie so viele vor ihm.

Am kommenden Samstag entscheidet sich nicht nur das Schicksal von David Haye und Wladimir Klitschko – sondern vielleicht sogar das der gesamten Schwergewichtsdivision.

The War: Wladimir Klitschko vs. David Haye
02. Juli 2011
Imtech Arena in Hamburg


IBF-, WBO- & WBA-Weltmeisterschaft im Schwergewicht
Wladimir Klitschko vs. David Haye

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