Vorberichte

UFC Rio 2.0

Minotauro Nogueira und Anderson Silva scheinen sich auf UFC 153 zu freuen. (Foto: Tobias Bunnenberg/GroundandPound)

Es war knapp, aber dieses Mal wurde aus der Not eine Tugend gemacht: Nach den Absagen von UFC 151 und Strikeforce „Melendez vs. Healy“ geriet vor einigen Wochen auch die Rückkehr der UFC ins brasilianische Rio de Janeiro arg ins Wanken, als verletzungsbedingt alle drei  hochkarätigen Hauptkämpfe der Veranstaltung abgesagt werden mussten.

Beinahe noch verrückter allerdings verlief die prompt angesetzte Rettungsaktion: Als man vonseiten der UFC Anderson Silva kontaktierte, um ihm den Kampf anzubieten, verkündete plötzlich auch der zufällig anwesende Antonio Rodrigo „Minotauro“ Nogueira, dass er gerne zum zweiten Mal nach seinem K.o.-Sieg gegen Brendan Schaub in Rio de Janeiro kämpfen würde. Als vierter Mann wurde kurz darauf noch Dave Herman ins Boot geholt und schon hatte man ein um 180° gedrehtes Programm, auf dem letztendlich genauso viele bekannte Namen stehen wie vor drei Monaten.

Wie üblich, können die sechs Hauptkämpfe in Deutschland kostenlos auf ufc.tv verfolgt werden, während das Vorprogramm teils auf Facebook und teils auf ufc.tv gezeigt wird.

Anderson Silva vs. Stephan Bonnar
Offiziell steht der MMA-Gemeinde hier die größte Fehlansetzung aller Zeiten bevor: 13-1 stehen die Quoten bei einigen Anbietern zu Ungunsten Bonnars (14-7), der hier gegen Anderson Silva (32-4) für den größten Kampf seiner Karriere aus dem Halbruhestand zurückkommt. In den war der „American Psycho“ im Laufe dieses Jahres eingetreten, da ihn Kämpfe gegen verhältnismäßig unbekannte Gegner wie Igor Pokrajac oder Kyle Kingsbury schlicht und einfach nicht mehr genug motivierten, um für eine scheinbare "Lose-Lose-Situation" tagtäglich hart zu trainieren und seinen Ruf aufs Spiel zu setzen. Durch eine ganze Reihe an glücklichen und weniger glücklichen Ereignissen und/oder Zufällen bekommt Bonnar beinahe ein Jahr nach seinem letzten Kampf nun seinen Wunsch nach einem bekannteren Gegner erfüllt."Er muss mehr Twitter-Follower als ich haben, wenn ich das nochmal tun soll", war Bonnars K.o.-Kriterium für jeden von der UFC angebotenen Gegner, wie der „American Psycho“ usatoday.com in einem Interview wissen ließ. Durchgefallen waren im Laufe der Zeit bereits Kämpfer wie Glover Teixeira, als Joe Silva urplötzlich mit einem Twitter-User hereingeschneit kam, dessen Kurznachrichten von mehr als 45 mal so vielen Menschen gelesen werden, als die, die Bonnar täglich verschickt.

Die Differenz an Twitter-Reichweite hat natürlich ihren guten Grund, denn der Mann mit den 2,5 Millionen Followern ist seit sechs Jahren der UFC-Mittelgewichtschampion. 16 aufeinanderfolgende Siege, davon 14 vorzeitig und zehn als Titelverteidiger – 12 Bonuszahlungen für den besten Kampf, den besten Knockout oder die beste Submission des Abends in Siegen gegen Rich Franklin, Chael Sonnen, Forrest Griffin, Vitor Belfort, Nate Marquardt, Dan Henderson und andere in zwei Gewichtsklassen bilden zusammen die beeindruckendste Bilanz, die es in der UFC bisher gegeben hat. Gegen Anderson Silvas statistische Wucht wirkt Bonnars Siegesserie von drei Kämpfen mit zwei Siegen via Punktentscheid geradezu mickrig, und die in einem Sport wie den MMA lächerlich wirkende Quote von 13-1 scheint plötzlich gar nicht mehr so utopisch zu sein.

Trotzdem darf man nicht vergessen, das auch Bonnar seinen Spitznamen „The American Psycho“ nicht umsonst trägt. Der Jiu-Jitsu-, Taekwondo- und Karate-Schwarzgurt wurde in 21 Profikämpfen abgesehen von zwei Abbrüchen durch Cuts nie vorzeitig besiegt und ist für seinen wilden Stil bekannt, der es ihm erlaubt, solange nach vorne zu marschieren, bis er seinen Gegner entweder finalisiert hat oder die Kampfzeit vorüber ist.

Ob das das Rezept gegen Silvas technische Finesse, laserartige Präzision und geniales Timing ist? Man wird es sehen. Der „Balls to the Wall“-Ansatz des großen, muskulösen 93-Kilo-Mannes Bonnar jedenfalls könnte gegen Silva interessant und einen Versuch wert sein, nachdem es weder hochklassigen Ringer, noch explosiven Standkämpfern oder meisterhaften BJJ-Koriphäen gelungen ist, „The Spider“ in jüngerer Vergangenheit den Garaus zu machen. Was auch immer passiert, einen spannenden Kampf darf man erwarten.

Antonio Rodrigo Nogueira vs. Dave Herman
Die zweite aus der Not heraus ins Leben gerufene Ansetzung wird eine Gewichtsklasse über Silva und Bonnar, nämlich im Schwergewicht ausgetragen.

Antonio Rodrigo „Minotauro“ Nogueira (33-7-1 (1)) ist der UFC bereits als Legende beigetreten, ein Status, den der heute 36-Jährige sich während seiner Zeit bei der ebenfalls legendären, japanischen Organisation Pride FC verdient hat. Seit er den Ring allerdings gegen den achteckigen Käfig eingetauscht hat, bleibt der Erfolg für die Ansprüche des Veteranen etwas zu oft aus. Ob das nun am Alter, an den vielen eingesteckten Schlägen oder am gestiegenen Niveau in der UFC liegt, kann niemand mit Sicherheit sagen – Fakt dagegen ist, dass sich seit dem Jahr 2008 Sieg und Niederlage bei Nogueira abwechseln: Erfolgen gegen Randy Couture, Tim Sylvia und zuletzt Brendan Schaub stehen vorzeitige Niederlagen gegen Cain Velasquez und zwei Mal gegen Frank Mir gegenüber. Fairerweise muss man allerdings dazu sagen, dass Nogueira im zweiten Kampf gegen Mir, Ende des letzten Jahres, selbst kurz davor stand, seinen Gegner auszuknocken, bevor er beim Versuch, an seinem schwer angeschlagenen Kontrahenten einen Würgegriff anzusetzen, mit einem Kimura erwischt und ihm live und in HD der Arm gebrochen wurde.

Bei UFC 153 kehrt Nogueira nun nach seinem beeindruckenden K.o.-Sieg gegen Schaub zum zweiten Mal in die HSBC Arena in Rio zurück, wo sich gegen Dave „Pee-Wee“ Herman (21-4) entscheiden wird, ob „Big Nog“ noch oben mithalten kann oder ob die neue Generation ihn mittlerweile überholt hat.

Herman ist erst seit dem vergangenen Jahr in der UFC. Nach einem unterhaltsamen Kampf und vorzeitigen Sieg gegen Jon-Olav Einemo in seinem Debüt ging es für den vielversprechenden "Pee-Wee" allerdings rasch bergab: Erst musste ein Kampf  mit Mike Russow wegen eines nicht bestandenen Drogentests kurzfristig abgesagt werden und als Herman dann im Jahr 2012 schließlich doch wieder ins Octagon stieg, wurde er erst von Stefan Struve und dann von Roy Nelson (T)K.o. geschlagen.

Gegen Nogueira könnte daher also sehr gut Hermans Job bei der UFC auf dem Spiel stehen, auf der anderen Seite würde ein Sieg gegen den MMA-Altmeister die beiden letzten Kämpfe so gut wie vergessen machen. Wie so viele andere steht Herman am Samstag vor einem vorläufigen Wendepunkt seiner Karriere, die sich je nach Ergebnis des Kampfes steil in die eine oder stark in die andere bewegen könnte.

Glover Teixeira vs. Fabio Maldonado
Auch dieser Kampf hätte so eigentlich nicht stattfinden sollen: Nachdem Halbschwergewichtsphänomen Glover Teixeira (18-2), wohl aufgrund seines sehr imposanten UFC-Debüts im Mai, keinen willigen Gegner für einen kurzfristigen zweiten Kampf finden konnte, setzte Joe Silva ihn schließlich auf den flügge werdenden Quinton „Rampage“ Jackson an, der in Rio gegen Teixeira seinen letzten UFC-Kampf bestreiten sollte. Nur wenige Stunden, bevor die Meldung der Verletzung Jose Aldos die Runde machte, wurde jedoch auch Rampage von seinem Kampf abgezogen – der frühere Halbschwergewichtschampion hatte sich am Ellbogen verletzt.

Teixeira, der den Grundstein für seine plötzliche Popularität mit 15 aufeinanderfolgenden Siegen in kleineren Promotionen gelegt hat, ging damit der nächste hochkalibrige Gegner durch die Lappen. Der Ersatz für „Rampage“ hat zwar keinen vergleichbaren Namen, könnte dafür im Duo mit Teixeira aber sehr gut einen ebenso spektakulären Kampf auf die Beine stellen und ist bei vielen UFC-Fans mittlerweile in puncto Beliebtheit am früheren Champion Jackson vorbeigezogen.

Fabio Maldonado (18-5) hat mit zwei aufeinanderfolgenden Niederlagen zur Zeit zwar einen etwas schwereren Stand in der UFC, zumindest, wenn man sich nach der Statistik richtet. Tatsächlich aber waren die Punktniederlagen gegen Kyle Kingsbury und Igor Pokrajac kontrovers – Maldonado bearbeitete die beiden unerlässlich mit harten Körpertreffern, hinterließ damit aber offensichtlich
nicht genug Eindruck bei den Punktrichtern, um von ihnen den Sieg zugesprochen zu kriegen. Bei den Fans erntete der Brasilianer im Gegenzug allerdings ein Höchstmaß an Respekt.

Als nächstes hätte für den 32-Jährigen eigentlich ein Kampf mit UFC-Neuling Jorgen Kruth angestanden, dieser entschied sich jedoch kurzfristig dazu, seine Kämpferkarriere an den Nagel zu hängen, was Maldonado erneut ohne Gegner darstehen ließ. Nach einigem weiteren Hin und Her und geplanten Terminen zwischen September und November trifft Maldonado nun im Oktober auf Teixeira – am Samstag werden wir sehen, ob aus dem ganzen Chaos nicht vielleicht sogar die fanfreundlichste aller geplanten Ansetzungen geworden ist.

Jon Fitch vs. Erick Silva
Zwischenzeitlich war dieser Kampf theoretisch der Hauptkampf der Veranstaltung, nach den spontanen Zusagen von Nogueira und Co. stehen die Top-Weltergewichtler Jon Fitch (23-4-1 (1)) und Erick „Índio“ Silva (14-2-0 (1)) jetzt jedoch nur noch an der vierthöchsten Position auf dem Programm.

Fitch ist ein langjähriger Veteran im Octagon, der darin seit dem Jahr 2005 seine Brötchen verdient und Siege gegen bekannte Namen wie Thiago Alves (2x), Diego Sanchez und Paulo Thiago vorweisen kann. Seit dem zweiten Sieg über Alves, im Sommer 2010, blieb der sonst so konstante Erfolg für den mittlerweile 34-Jährigen Ringerspezialisten allerdings aus. Im Hauptkampf von UFC 127, der Anfang 2011 im australischen Sydney zwischen Fitch und MMA-Legende BJ Penn ausgetragen wurde, reichte es nur zu einem Unentschieden, was für sich alleine nicht weiter schlimm gewesen wäre. Ende des Jahres jedoch, auf dem traditionellen Silvester-Event in Las Vegas, folgte nach nur 12 Sekunden Kampfzeit mit einer K.o.-Niederlage gegen Johny Hendricks ein zwar nicht allzu aussagekräftiger, aber dadurch nicht weniger niederschmetternder Schock für Fitch, der ihn in den Ranglisten endgültig aus der jahrelang von ihm quasi gepachteten zweiten Position hinter Georges St. Pierre entfernte.

Anstatt den nun seit über zwei Jahren Sieglosen allerdings gegen einen Aufbaugegner anzusetzen, setzt die UFC Fitch mit Erick Silva gleich den nächsten K.o.-gefährlichen Jungspund vor die Fäuste, der darüber hinaus gegen Charlie Brenneman bereits gezeigt hat, dass er mit starken Ringern umgehen kann.

Den Sieg gegen Brenneman fuhr Silva erst im vergangenen Juni ein, indem er den erfolgreichen ehemaligen College- und High School-Ringer noch in der ersten Runde per Rear Naked Choke zum Abklopfen brachte und dafür obendrein den Bonus für die „Submission of the Night“ einstrich.
Dieser Sieg folgte auf die erste UFC-"Niederlage" Silvas, der im Januar Carlo Prater nach nur 29 Sekunden T.K.o. Schlug, kurz darauf aber wegen angeblicher Schläge auf den Hinterkopf  seines Gegners disqualifiziert wurde. Sollte „Índio“ gegen den ehemaligen Titelherausforderer Fitch am Samstag eine ähnlich starke Leistung zeigen, könnte er sich zu Beginn des neuen Jahres bereits in den Top 10 der Weltergewichtsklasse wiederfinden.

Phil Davis vs. Wagner Prado
Dieser Kampf ist ein Rückkampf zwischen zwei Halbschwergewichtlern, die bereits Anfang August gegeneinander angetreten sind. Wagner Prado (8-0-0 (1)), der damals als kurzfristiger Ersatz für Chad Griggs eingesprungen war, ging als krasser Underdog in den Kampf, konnte die Zweifler aber weder umstimmen noch in ihrer Meinung bestätigen, denn nach nur eineinhalb Minuten der ersten Runde musste der Kampf abgebrochen werden, nachdem Phil Davis (9-1-0 (1)) seinem Gegner versehentlich einen Finger ins Auge gestochen hatte.

Die Ausgangssituation wird am Samstag daher wohl immer noch dieselbe sein, in der die beiden am 4.August in den Käfig gestiegen sind. Davis ist als siebenfacher UFC-Veteran und Kämpfen gegen Alexander Gustaffson, Tim Boetsch, Rogerio Nogueira und Rashad Evans der haushohe Favorit, während Prado nach nur drei Jahren als MMA-Profi als ebenso klarer Underdog gelten wird.

Demian Maia vs. Rick Story
Eröffnet wird das sechs Kämpfe starke Hauptprogramm im Weltergewicht, zwischen Demian Maia (16-4) und Rick „The Horror“ Story (14-5). Für beide ist ihr Kampf am Samstag die Chance auf einen Neustart. Story machte sich nach einer Debüt-Niederlage gegen John Hathaway bei UFC 99 in Köln langsam aber sicher einen soliden Namen in der Weltergewichtsklasse, indem er u.a. Dustin Hazelett, Johny Hendricks und Thiago Alves besiegte. Zwei aufeinanderfolgende Niederlagen gegen Charlie Brenneman und Martin Kampmann allerdings ließen seinen Stern innerhalb weniger Monate regelrecht abstürzen – erst im Juni dieses Jahres bog "The Horror" mit einem Punktsieg über Brock Jardine wieder auf die von ihm gewohnte Siegerstraße ein.

Maia dagegen legt seit einiger Zeit konstant wechselnd starke Leistungen an den Tag. Nach einer knappen Niederlage gegen Mark Munoz gelang dem Brasilianer ein recht eindeutiger Sieg gegen Jorge Santiago. Was folgte, war eine unspektakuläre Punktniederlage gegen Chris Weidman und ein schneller TKO-Sieg gegen Don Hyun Kim. Ein möglichst überzeugender Sieg gegen Story würde den brasilianischen BJJ-Guru – der seit einem Triangle Choke gegen Chael Sonnen im Jahr 2009 allerdings niemanden mehr zur Aufgabe gezwungen hat - schlussendlich wieder auf den richtigen Weg bringen und nach den unsteten letzten Jahren den Start einer Siegesserie bedeuten, die in der notorisch überfüllten Weltergewichtsklasse Gold Wert wäre.

Anbei das gesamte Programm:

UFC 153: Silva vs. Bonnar
13.10.2012
HSBC Arena in Rio de Janeiro, Brasilien

Hauptprogramm (ufc.tv)
Anderson Silva vs. Stephan Bonnar
Antonio Rodrigo Nogueira vs. Dave Herman
Glover Teixeira vs. Fabio Maldonado
Jon Fitch vs. Erick Silva
Phil Davis vs. Wagner Prado
Demian Maia vs. Rick Story

Vorprogramm (ufc.tv)
Rony Bezerra vs. Sam Sicilia
Gleison Tibau vs. Francisco Trinaldo
Diego Brandao vs. Joey Gambino
Renee Forte vs. Sergio Moraes

Vorprogramm (Facebook)
Chris Camozzi vs. Luiz Cane
Reza Madadi vs. Cristiano Marcello