Vorberichte

Jones, Belfort, Benavidez, Johnson, Bisping und Stann

Nach sechs Wochen UFC-freier Zeit hat das Warten ein Ende: Mit UFC 152 kehrt die selbsternannte Königsklasse des MMA wieder in die Köpfe der Fans zurück und wird versuchen, mit einem möglichst spektakulären Event die ausgefallene Veranstaltung vergessen zu machen, die eigentlich als UFC 151 am 1. September weltweit über die Bildschirme hätte flimmern sollen. Während der UFC und den anderen Beteiligten durch den Ausfall laut UFC-Präsident Dana White schätzungsweise 40 Millionen Dollar entgangen sind und haufenweise verärgerte Fans auf der Strecke gelassen wurden, hat das Desaster dem kommenden Event in Toronto jedenfalls nicht geschadet – neben einem Weltergewichtskampf zwischen Charlie Brenneman und Kyle Noke auf dem Vorprogramm, wurde mit Jon Jones kurzerhand einer der größten Stars des Sports auf das Programm gesetzt.

Das Hauptprogramm wird in Deutschland wie üblich auf ufc.tv zu sehen sein und um 4 Uhr deutscher Zeit beginnen, nachdem die sieben Vorkämpfe geendet haben, die ihrerseits auf Facebook und ufc.tv übertragen werden.

Jon Jones vs. Vitor Belfort
Im dritten Anlauf ist es der Grafik-Abteilung im UFC-Büro in Las Vegas letztendlich gelungen, ein akkurates Poster für UFC 152 zusammenzustellen, das das tatsächliche Programm abbildet. Nach mehreren Absagen, fälschlichen Zusagen und gelegentlichen Verletzungen haben es neben Michael Bisping, Brian Stann, Joseph Benavidez und Demetrius Johnson nun auch Halbschwergewichtschampion Jon Jones (16-1) und Spontanherausforderer Vitor Belfort (21-9) auf die diversen Marketingartikel für den Toronto-Event geschafft.

Dieser neue Hauptkampf wird währenddessen wohl auch weitaus mehr Menschen gefallen, als der jetzige Co-Main Event, der zwischen den beiden Fliegengewichtsherausforderern Joseph Benavidez und Demetrius Johnson ausgetragen wird und die Veranstaltung ursprünglich anführen sollte. Denn Fakt ist nun einmal, dass die großen, schweren Kämpfer immer noch mehr Aufmerksamkeit generieren, als es ihre schnellen, aber kleinen, leichten Kollegen können.

Nach seinem Sieg gegen Lyoto Machida im vergangenen Dezember wird Jones nun zum zweiten Mal in das Air Canada Centre von Toronto zurückkehren und dort auf Belfort treffen. Ihm ist dabei bewusst, dass das nicht der Kampf ist, den ein großer Teil seiner Fans vor einigen Wochen gerne gesehen hätte: "Einige Leute haben mich beschuldigt, ich hätte Angst vor Chael Sonnen. Ich dagegen glaube, dass Vitor Belfort viel gefährlicher ist. Ich glaube, dass ich hier einen Kampf angenommen habe, der weitaus härter wird, als es die gegen Sonnen oder Henderson gewesen wären", so Jones zu den vielfach geäußerten Anschuldigungen der letzten Wochen. Zufrieden sind viele der UFC-Fans jedenfalls nicht, und das bekam auch Belfort recht deutlich zu spürgen, der mit wenigen Wochen Vorbereitungszeit gegen den dominanten Champion eingesprungen ist.
Am häufigsten musste sich das brasilianische "Phenom" dabei anhören, er verdiene eine solche Chance nicht; Tatsache ist allerdings, dass es für die UFC kaum eine andere Möglichkeit gab, wenn sie ihrem momentan austrainierten Jungstar zeitnah einen weiteren Kampf besorgen wollten. Nachdem Jones Chael Sonnen abgelehnt hatte, Shogun Rua und Lyoto Machida im Gegenzug einen Kampf gegen Jones nicht annehmen wollten und Dan Henderson verletzt war, blieb der UFC nicht viel anderes übrig, als im weiteren Umfeld zu suchen, und mit dem neu motivierten ehemaligen Schwer- und Halbschwergewichtschampion Belfort hat man sicherlich nicht die schlechteste Alternative gefunden.

Verdient oder nicht, all das ändert jedenfalls nichts an der Tatsache, dass im Octagon am Samstag Jones krachende Ellenbogen und unorthodoxen Kniestöße mit Belforts schnellen, explosiven Händen und seinem anscheinend wiedererstarkten Willen kollidieren werden, bis eine dieser Kombinationen sich gegen die andere durchsetzt. Jones würde aus einem Sieg wohl nicht allzu viel neue Popularität ziehen können, während Underdog Belfort im Falle einer Niederlage in Anbetracht der Umstände kaum Nachteile zu befürchten hätte. Was auch immer aber passiert – einen spannenden Kampf darf man wohl allemal erwarten.

Joseph Benavidez vs. Demetrius Johnson
Bevor Jones und Belfort aufeinandertreffen, wird sich am untersten Ende der Gewichtsklassenordnung entscheiden, ob Joseph Benavidez (16-2) oder Demetrius Johnson (15-2-1) der erste UFC-Weltmeister bis 57 Kilo werden wird. Eigentlich hätten die beiden Fliegengewichtler den Hauptkampf von UFC 152 bestreiten sollen, das Chaos um die Absage des eigentlich letzten Events allerdings sorgte dafür, dass Jon Jones auf dem Programm platziert wurde und damit die beiden Titelherausforderer in den Co-Hauptkampf versetzte. Diese stört die scheinbare Degradierung allerdings kaum, wie Johnson während des öffentlichen Trainings am Mittwoch verkündete: Seiner Meinung nach sei die Position zwischen den mit Spannung erwarteten Kämpfen von Jones, Belfort, Bisping und Stann eine sehr vorteilhafte: "Ich glaube, dass auch wir dadurch mehr Augen auf uns ziehen werden." Verdient hätten die beiden es allemal, immerhin haben sich hier die zur Zeit erfolgreichsten beiden Fliegengewichtler der Welt zusammengefunden, um herauszufinden, wer von ihnen der beste ist.

Joseph Benavidez konnte schon in der UFC und davor in der WEC überzeugen, bevor seine aktuelle Gewichtsklasse überhaupt dort vertreten war. Lediglich gegen den aktuellen Bantamgewichtschampion Dominick Cruz musste Benavidez sich dabei zweimal geschlagen geben – ansonsten ließ er jeden seiner meist körperlich überlegenen Gegner mehr oder weniger chancenlos aussehen, was sowohl Jeff Curran und Rani Yahya als auch Eddie Wineland und Miguel Torres bestätigen könnten.

Demetrius Johnson dagegen musste sich seinen Platz auf diesem Programm etwas härter erkämpfen als Benavidez. Nach einigen Siegen in der WEC und zwei Erfolgen in der UFC bekam Johnson seine erste Chance auf UFC-Gold. Eine Punktniederlage gegen Dominick Cruz im Bantamgewicht allerdings schien die Titelträume des von Matt Hume trainierten "Mighty Mouse" vorerst auf Eis zu legen – bis die UFC die Fliegengewichtler in ihren Kader aufnahm. Fünf Monate nach seiner Niederlage und knapp vier Kilo leichter fand Johnson sich in der beneidenswerten Position wieder, direkt nach seinem verlorenen Titelkampf die nächste Chance auf einen Gürtel zu bekommen: Nach zwei Kämpfen gegen den zuvor favorisierten Ian McCall stand vor einigen Monaten dann auch der neben Benavidez zweite Teilnehmer der Finalrunde fest. An diesem Samstag wird sich nun entscheiden, wer von beiden zum ersten Fliegengewichtsweltmeister in der Geschichte der UFC gekrönt werden wird.

Michael Bisping vs. Brian Stann
Neben den beiden Titelkämpfen ist für die Show in Toronto noch ein weiterer Kampf mit Ambitionen auf einen heißbegehrten UFC-Gürtel angesetzt, dieses Mal in der Mittelgewichtsklasse: Das Duell zwischen Michael Bisping (22-4) und Brian Stann (12-4) wurde im Vorfeld von einigen Fans bereits zur Konfrontation zweier Länder hochstilisiert. Vor genau zweihundert Jahren besiegten die Amerikaner im Unabhängigkeitskrieg ihre englischen Gegner auf kanadischem Boden. Obwohl der Kampf vielleicht letztendlich nicht derartig epische Ausmaße annehmen wird, so ist er trotzdem recht wichtig für die Mittelgewichtsklasse der UFC, denn falls es hier einen überzeugenden Sieger geben sollte, könnte dieser im nächsten Jahr möglicherweise gegen Anderson Silva antreten, sofern dieser nicht den vieldiskutierten Superkampf gegen Weltergewichtschampion Georges St. Pierre angeboten bekommen sollte.

Die öffentliche Meinung zu diesem Kampf jedenfalls ist für einen Bisping-Kampf ungewohnt zweigeteilt. Während er normalerweise von vielen Fans scheinbar nicht wirklich ernst genommen wird und ihm seine Fähigkeiten oft überraschend drastisch abgesprochen werden, scheint der generelle Konsens dieses Mal zu sein, dass Bisping durchaus eine sehr realistische Chance hat, Stann zu schlagen – Siege gegen Yoshirhiro Akiyama, Jorge Rivera und Jason Miller sowie eine knappe und kontroverse Niederlage gegen den populären Chael Sonnen haben in jüngerer Vergangenheit gezeigt, dass man den frechen Briten nie unterschätzen sollte.

Genau dieses Image des polarisierenden Großmauls bestärkte Bisping auch während des öffentlichen Trainings am vergangengen Mittwoch:"Natürlich kann ich diesen Kampf verlieren, aber wenn das passiert, kann ich nur mich selbst dafür verantwortlich machen." Warum er das so sieht, erklärt Bisping gleich mit: "Im Stand bin ich technisch besser, am Boden sowieso und mein Ringen ist ebenfalls stärker als seins". Auf die Frage, was er von Stanns berüchtigter K.o.-Power halte, die unter anderem schon Eisenkinn Chris Leben auf die Bretter geschickt hat, findet Bisping ebenfalls eine gewohnt bissige Antwort; seiner Meinung nach ist Stann nämlich K.o.-gefährdeter als er selbst: "Ich wurde nur ein einziges Mal in meiner Karriere gestoppt, und zwar von Dan Henderson. Er dagegen wurde von Steve Cantwell finalisiert. Ich weiß, was ihr denkt, ich habe auch keine Ahnung, wer das ist, aber er wurde von ihm gestoppt [...]. Denkt euch euren Teil dazu."

Was Stann selbst über solche Statements denkt, kann man nicht genau wissen, er scheint sich aber jedenfalls nicht allzu sehr darüber aufzuregen. "So ist Michael halt", lachte der ehemalige Marine dazu während einer Fragerunde mit Journalisten in die Kameras. Genau diese Herangehensweise ist es auch, die Stann bis auf das Poster einer größeren UFC-Veranstaltung gebracht hat. "Als ich WEC-Champion war, war ich ein komplett anderer Kämpfer", gibt Stann im Rückblick auf seine Tage in der ehemligen Schwesterorganisation der UFC zu, deren Halbschwergewichtsgürtel er bis zu besagter Niederlage gegen Steve Cantwell sein Eigen nennen durfte.

Während ihn zu dieser Zeit seine durch Militäreinsätze bei den Marines erlernte, beispiellose Ruhe  einen möglicherweise entscheidenden mentalen Vorteil gegenüber den anderen relativ unerfahrenen Kämpfern gebracht haben dürfte, ist Stann mittlerweile tatsächlich ein gänzlich anderer Kämpfer geworden – ein Wechsel ins Mittelgewicht und nicht zuletzt sein Training bei Trainerguru Greg Jackson dürften dafür gesorgt haben, dass Stann mittlerweile eine feste Größe auf UFC-Hauptprogrammen ist. Falls er am Wochenende auch an Michael Bisping vorbeikommen sollte, könnte er sich in Zukunft sogar öfter an der Spitze der Hauptkämpfe wiederfinden.

Matt Hamill vs. Roger Hollett
Im zweiten Kampf des Hauptprogramms werden die Zuschauer einen nicht ganz so alten Bekannten nach über einem Jahr Abwesenheit wieder zu Gesicht bekommen: Matt "The Hammer" Hamill (10-4) wird am Samstag zum ersten Mal seit seiner Niederlage gegen Alexander Gustafsson im August des Jahres 2011 wieder aktiv im Octagon zu sehen sein. Der Grund für seine, wie sich nun herausgestellt hat, temporäre Pensionierung war laut Hamill selbst damals der hohe Verschleiß, den das Training und die Kämpfe mit der Zeit an seinem Körper verursacht haben. Wie viele vor ihm scheint aber auch Hamill das Kämpfen nicht ohne weiteres ganz aufgeben zu können – welche Gründe auch immer ihn für die Rückkehr motiviert haben sollten. Etwas mehr als ein Jahr nach seinem letzten Kampf wird der taube gelernte Ringer nun erneut ins Octagon steigen.

Neuer und alter Gegner des Rückkehrers wird dort der Kanadier Roger "The Hulk" Hollett (13-3) sein. Hollett war eigentlich von Beginn an der geplante Kontrahent, wurde allerdings nach einigen vertraglichen Schwierigkeiten mit Bellator, wo er zuvor gekämpft hatte, durch den Veteranen Vladimir Matyushenko ersetzt. Der Weißrusse verletzte sich jedoch im Training und musste den Ersatzkampf selbst absagen, was den mittlerweile rechtlich verfügbaren Debütanten Hollett wieder auf den Plan rief.

Vor diesem Hintergrund zeichnet sich schnell ab, dass der Kampf für beide eine immense Chance birgt. Für Hamill zwar etwas weniger, da er vor etwas mehr als einem Jahr noch in einem UFC-Hauptkampf stand und hier gegen jemanden antritt, der noch nie im Octagon der Organisation stand - ein Sieg allerdings wäre nichtsdestotrotz ein wichtiger Schritt zurück zu dem Matt Hamill, den die Fans über die Jahre kennen und zum Teil auch lieben gelernt haben.

Für Hollett dagegen ist der Kampf ganz offensichtlich deshalb ein möglicher Wendepunkt seiner Karriere, weil er eben gegen einen UFC-erfahrenen Veteranen antritt, der gleichzeitig durch seine lange Pause möglicherweise nicht sein volles Potential ausschöpfen können wird – ob das so passieren wird, weiß niemand, ein Sieg über Hamill wäre aber so oder so ein gelungener Einstieg in die Königsklasse des MMA.

Cub Swanson vs. Charles Oliveira
Eröffnet wird die Pay per View-Show mit diesem Federgewichtskampf zwischen Cub Swanson und Charles Oliveira, die nach einigen Rückschlägen in ihren jeweils letzten Kämpfen wieder für ordentlich Furore gesorgt haben.

Swanson (17-5) kann hier auf einen TKO-Sieg gegen den Briten und aktuellen Ultimate Fighter-Trainer Ross Pearson aufbauen, dessen vielversprechenden Neustart im Federgewicht Swanson im vergangengen Juni überraschend stoppte. Nach einem enttäuschenden UFC-Einstand, den Swanson durch Aufgabe gegen den potentiellen zukünftigen Herausforderer Ricardo Lamas verlor, war der Sieg gegen Pearson bereits der zweite überzeugende Erfolg, nachdem er im Januar schon George Roop mehr oder minder übel TKO geschlagen hatte. Der seit jeher für seinen aggressiven Stil bekannte Swanson bekommt in Toronto nun die Chance, sich mit einem dritten Sieg in Folge endgültig unter dem ZUFFA-Dach zu etablieren und dem ständigen auf und ab seiner bisherigen Karriere ein Ende zu bereiten.

Charles "Do Bronx" Oliveria (16-2-0(1)) dagegen wird versuchen, für Swanson ein Ende mit Schrecken daraus zu machen und ihn wieder ins Mittelfeld der Ranglisten zu verbannen. Gleichzeitig hat auch er das Ziel, wieder die früher von ihm gewohnte Konstanz in seine Karriere zu bringen, die im vergangenen Jahr durch eine Negativserie von drei sieglosen Kämpfen in Folge vorerst zerstört wurde: Neben einem nichtgewerteten Kampf gegen Nik Lentz wurde Oliveira in Kämpfen gegen Jim Miller und Donald Cerrone jeweils in Runde eins zur Aufgabe gebracht bzw. ausgeknockt.

Mit Beginn des Jahres 2012 allerdings, nach einem Wechsel in die Federgewichtsklasse, waren alle Anzeichen von Schwäche aus den Auftritten des  jungen Brasilianers verschwunden, wie Aufgabesiege gegen Eric Wisely und Jonathan Brookins beweisen. Mit einem weiteren Sieg gegen einen gefährlichen Standkämpfer wie Swanson wäre "Do Bronx" wieder voll im Rennen und hätte in seiner neuen Gewichtsklasse ein passendes Zuhause gefunden. 

Anbei das gesamte Programm für den kommenden Samstag:

UFC 152: Jones vs. Belfort
22.9.2012
Air Canada Centre in Toronto, Ontario, Kanada

Hauptprogramm (ufc.tv)
Jon Jones (c) vs. Vitor Belfort
Joseph Benavidez vs. Demetrius Johnson
Michael Bisping vs. Brian Stann
Matt Hamill vs. Roger Hollett
Cub Swanson vs. Charles Oliveira

Vorprogramm (ufc.tv)
Igor Pokrajac vs. Vinny Magalhaes
TJ Grant vs. Evan Dunham
Sean Person vs. Lance Benoist
Jimy Hettes vs. Marcus Brimage

Vorprogramm (Facebook)
Seth Baczynski vs. Simeon Thoresen
Mitch Gagnon vs. Walel Watson
Kyle Noke vs. Charlie Brenneman