Vorberichte

Interimstitelkampf zwischen Faber und Barão + Lombards Debüt

UFC 149 ist beinahe eine Rekordveranstaltung. Was nach den vielen Änderungen auf dem Programm des UFC-Debüts in der Stadt Calgary, in der kanadischen Provinz Alberta, wie Hohn und Spott klingt, ist tatsächlich wahr: Bis auf UFC 108 im Januar 2010 hat es keine Veranstaltung gegeben, bei der so viele Kämpfer verletzungsbedingt absagen mussten. Von den zehn Kämpfern, die ursprünglich für das Hauptprogramm eingeplant waren, ist letztlich nur Cheick Kongo übriggeblieben. Alle anderen haben sich verletzt oder wurden für andere Veranstaltungen neu angesetzt und im Anschluss durch andere Kämpfer ersetzt.

Obwohl ein Star nach dem anderen das ehemals sehr starke Aufgebot für den Samstag immer weiter dezimierte, ist am Ende jedoch immer noch ein interessantes Programm mit einigen vermutlich unterhaltsamen und teils bedeutenden Kämpfen übrig geblieben. Neben dem Interimstitelkampf zwischen dem "California Kid" Urijah Faber und dem zuletzt sehr erfolgreichen Renan Barão ist da besonders der Co-Hauptkampf zu nennen, in dem der ehemalige Bellator-Champion und gefürchtete KO-Puncher Hector Lombard sein langerwartetes UFC-Debüt gegen den "Barbarian" Tim Boetsch geben wird. Zuvor dürfte auch der Kampf zwischen den schlagstarken Schwergewichtlern Cheick Kongo und Shawn Jordan einiges an Action bieten, genauso wie der erste Kampf des Hauptprogramms, in dem Bonus-Jäger Matt Riddle auf Chris Clements treffen wird, der zehn seiner elf Siege durch Knockout erreicht hat.

Auch ohne viele große Namen darf man in der Nacht von Samstag auf Sonntag also einiges aus Calgary erwarten. Los geht es in Deutschland um ein Uhr mit den auf Facebook und ufc.tv übertragenen Vorkämpfen - ab 4 Uhr kann dann, ebenfalls auf ufc.tv, das Hauptprogramm verfolgt werden.

Urijah Faber vs. Renan Barão
Dieser Kampf hätte eigentlich schon zwei Wochen lang Geschichte sein sollen. Nachdem bekannt wurde, dass Dominick Cruz aufgrund einer Knieverletzung nicht bei UFC 148 Anfang des Monats gegen Urijah Faber (26-5) antreten können würde, wurde mit Renan Barão (28-1-0(1)) schnell ein würdiger Ersatzgegner gefunden. Die beiden sollten um einen Interimstitel kämpfen, da Cruz wohl längere Zeit ausfallen würde und man den Herausforderer, nämlich Faber, nach bereits acht Monaten Auszeit seit seinem letzten Kampf nicht noch länger auf dem Trockenen sitzen lassen wollte. Da kurze Zeit später allerdings auch eine Verletzung vonseiten José Aldos den geplanten Hauptkampf in Calgary platzen ließ, wurden Faber und Barão kurzerhand 14 Tage später eingeplant.

Für Faber ist der Kampf am Samstag bereits die vierte und damit im Falle einer Niederlage möglicherweise letzte Chance auf einen Titel unter dem ZUFFA-Dach. Nach einer dominanten Zeit als WEC-Champion, während derer er unter anderem den amtierenden UFC-Bantamgewichtschampion Dominick Cruz besiegen konnte, lief es für "The California Kid" im Hinblick auf Titelambitionen seither weniger gut. Sowohl in der WEC als auch später in der UFC konnte er sich mit oft beeindruckenden Leistungen immer wieder Titelchancen erarbeiten, scheiterte dann aber ebenso oft am jeweiligen Champion – Mike Brown, José Aldo und zuletzt Fabers Erzfeind Cruz konnten den mittlerweile 33-jährigen "Team Alpha Male"-Kämpfer mal mehr, mal weniger deutlich besiegen und dessen Titelträume ein ums andere Mal zerstören.

Mit einem dominanten Sieg über Brian Bowles im letzten November hatte sich Faber nach der knappen Punktniederlage gegen Cruz eigentlich sein Rematch bereits gesichert, der berühmt berüchtigte "Injury Bug", der die UFC seit einiger Zeit heimzusuchen scheint, machte ihm allerdings einen Strich durch die Rechnung, und einige unglückliche Zufälle später steht Faber nun vor einem riskanten Kampf gegen einen aufstrebenden Neuling, der wie Faber um jeden Preis um den Titel kämpfen will und Faber am Samstag eben jene Chance nehmen könnte.

Renan "Barão" Pegado, allgemein unter Barão bekannt, kann zur Zeit die längste Serie an Kämpfen ohne Niederlage im gesamten MMA-Sport vorweisen. Barão betrat erst vor etwa zwei Jahren die große Bühne – bei WEC 49 bezwang er Anthony Leone via Armbar, bei WEC 53 Chris Cariaso via Rear-Naked Choke und schließlich Cole Escovedo per Punktentscheid bei UFC 130.

Dieser Kampf brachte ihm einen Platz im Co-Main Event von UFC 138 im englischen Birmingham ein. Vor den circa 1,8 Millionen Fernsehzuschauern des in Amerika auf Spike TV übertragenen Events lieferte er sich zunächst einige spannende Schlagabtausche mit Fanliebling Brad Pickett, bevor er diesen mit einem Kniestoß aus dem Stand zu Boden schickte und ihn dort per Rear Naked Choke finalisierte.

Dieser Sieg war für Barão ein Schlüssel-Moment zu größerer Bekanntheit – seinen nächsten Auftritt hatte er auf dem Hauptprogramm von UFC 143, das im verganenen Februar am Super-Bowl-Wochenende in Las Vegas stattfand. Dort konnte er den langjährigen Veteranen Scott Jorgensen nach Punkten besiegen, was ihm einen Kampf mit Ivan Menjivar, einem weiteren respektierten Veteranen einbringen sollte. Das kaputte Knie von Dominick Cruz machte diese Pläne jedoch zugunsten von Barão zunichte, der nun vor dem wichtigsten Kampf seiner Karriere steht und sich nach einem knappen Jahr in der UFC bereits seinen ersten Titel sichern könnte.

Hector Lombard vs. Tim Boetsch
Hector Lombard (31-2-1(1)) ist jemand, den viele Fans seit Jahren in der UFC sehen wollen. Der gebürtige Kubaner folgt Hauptkämpfer Renan Barão in Bezug auf die Zahl der aufeinanderfolgenden Kämpfe ohne Niederlage zur Zeit nur knapp nach: Seit Ende 2006 und 25 Kämpfen wurde der ehemalige Olympionike nicht mehr besiegt. In den meisten dieser Kämpfe kam Lombard nicht einmal in die Nähe einer Niederlage; den Großteil seiner Gegner räumte der gelernte Judoka mittels brutaler Dampfhämmer vorzeitig aus dem Käfig, was ihn gleichzeitig respektiert und gefürchtet gemacht hat – angeblich hat er im Training mittlerweile Schwierigkeiten, willige Sparringspartner zu finden, die sich freiwillig seiner Schlagkraft aussetzen.

Auf der anderen Seite musste Lombard sich, während er seine Schneise der Verwüstung durch die MMA-Welt gezogen hat, immer wieder Kritik in Bezug auf die Qualität seiner Gegner anhören: Von "Zenit überschritten" bis schlicht "zu schlecht" waren alle möglichen Arten von Anschuldigungen dabei, Fakt ist jedoch auch: Lombard hat während dieser Zeit mehrere frühere oder – zum damaligen Zeitpunkt – zukünftige UFC-Kämpfer aus dem Weg geräumt. Brian Ebersole, Joe Doerksen und James Te-Huna sind nur einige der teils mittlerweile in der UFC sehr erfolgreichen Kämpfer, die sich im Laufe der letzten Jahre dem muskelbepackten Wahlaustralier geschlagen geben mussten.

Nachdem Brian Stann, auf den Lombard eigentlich im Hauptkampf der nächsten UFC on Fox-Veranstaltung treffen sollte, verletzungsbedingt passen musste, und Tim Boetschs ursprünglichen Gegner, Michael Bisping, das gleiche Schicksal ereilte, wurden die jeweiligen Kontrahenten einfach zusammengelegt – während Bisping und Stann nach ihrer Genesung im September gegeneinander kämpfen werden, werden Lombard und Boetsch an diesem Samstag einen Sieger unter sich ausmachen.

Boetsch (15-4) befindet sich seit seinem Wechsel aus dem Halbschwer- ins Mittelgewicht auf der sprichwörtlichen Erfolgsstraße. Nachdem er  mit einer Statistik von 2-2 bereits einmal aus der UFC entlassen worden war, stand er nach einer vorzeitigen Niederlage gegen Phil Davis bei UFC 123 erneut mit dem Rücken zur Wand. Boetsch entschied sich für einen Neuanfang, wechselte vom Limit bis 93 Kilo in das acht Kilo leichtere Mittelgewicht und konnte dort seitdem Kendall Grove, Nick Ring und Yushin Okami besiegen. Letzterer dominierte Boetsch zwar zwei Runden lang, der "Barbarian" setzte allerdings in der dritten alles auf eine Karte und überrumpelte den Japaner mit einer Serie von Uppercuts und Headkicks, die ihm einen bemerkenswerten Sieg und den Respekt sowohl der Fans als auch der anderen Mittelgewichtler in der UFC einbrachte.

Gerüchten zufolge soll der Sieger dieses Kampfes in den nächsten Monaten gegen den ebenfalls zuletzt sehr erfolgreichen Chris Weidman antreten, um den nächsten Herausforderer auf Anderson Silvas Mittelgewichtstitel zu bestimmen; man sollte auf diesen Kampf also ein besonderes Auge haben.

Cheick Kongo vs. Shawn Jordan
Wie bereits erwähnt, ist der gebürtige Franzose Cheick Kongo (17-7-2) der einzige Kämpfer, der aus dem ursprünglich geplanten Programm noch im aktuellen Aufgebot übrig geblieben ist. Eigentlich hätte er in Calgary auf die MMA-Legende Antonio Rodrigo Nogueira treffen sollen, dieser laboriert allerdings immer noch an seinem im Kampf gegen Frank Mir verletzten Arm herum und musste den Kampf gegen Kongo aus diesem Grund absagen.

Ersatz war allerdings schnell gefunden: Der ehemalige Footballer Shawn Jordan (13-3), der im Februar erst gegen Oli Thompson ein erfolgreiches Debüt in der UFC gegeben hatte, war sofort zur Stelle, um gegen den imposanten ehemaligen Kickboxer anzutreten. Für den bemerkenswert athletischen Jordan stellt dieser Kampf dabei eine möglicherweise einmalige Chance dar: Sollte er am bereits seit Jahren in der UFC etablierten Kongo vorbeikommen, könnte er sich dadurch auf einen Schlag selbst einen Namen im Octagon machen. Kongo dagegen sollte gegen den noch unbekannten Neuling unbedingt gewinnen, um seinen Status in den oberen Regionen der Schwergewichtsklasse nicht gänzlich zu verlieren.

Brian Ebersole vs. James Head
Weltergewichtler James Head hätte eigentlich im Vorprogramm des Events auf Claude Patrick treffen sollen, dieser verletzte sich jedoch ebenfalls und wurde durch Brian Ebersole (50-14-1(1)) ersetzt, der erst am 23.Juni zum letzten Mal in Aktion zu sehen war: Bei UFC on FX 3 konnte Ebersole den talentierten Grappler T.J. Waldburger in einem unterhaltsamen Kampf nach Punkten bezwingen und damit seine Statistik in der UFC auf vier Siege ohne Niederlage hieven.

Gegen James Head (8-2) bekommt er nun die Chance, vor einem geplanten Wechsel ins Leichtgewicht noch den fünften Streich abzuliefern. Head musste sich in seinem letztjährigen UFC-Debüt Nick Ring geschlagen geben, kam jedoch im verganenen April in Schweden gegen Papy Abedi eindrucksvoll zurück und bezwang den aggressiven Newcomer in Runde eins durch einen Rear Naked Choke. Sollte er auch an einem Veteranen wie Ebersole vorbeikommen, könnte das für Head einen Durchbruch in der Organisation bedeuten, während eben jener sich mit einem erneuten Erfolg ein noch dickeres Erfolgspolster für einen möglichen Wechsel in eine andere Gewichtsklasse aufbauen würde.

Chris Clements vs. Matt Riddle
Wenn man sich überlegt, dass dieser Kampf ursprünglich zwischen Thiago Alves und Yoshihiro Akiyama ausgetragen werden sollte, könnte man auf den ersten Blick enttäuscht sein, wenn man realisiert, was letztlich aus dieser Ansetzung geworden ist. Schaut man sich die neue Begegnung aber einmal genauer an, so kann man von ihr, obwohl außer dem Weltergewichtslimit nichts davon übrig geblieben ist, beinahe genauso viel erwarten.

Chris Clements (11-4) ist erst seit einigen wenigen Monaten ein Mitglied der UFC. Aktiv seit dem Jahr 2005, schaffte er es bis Anfang dieses Jahres nicht, Joe Silva und co. von sich zu überzeugen. Erst eine Siegesserie von vier aufeinanderfolgenden Knockouts, der unter anderem UFC-Veteran Jonathan Goulet zum Opfer gefallen ist, brachte Clements am Ende den heißbegehrten Vertrag ein, und bei UFC 145 machte er das meiste aus seiner verspäteten Chance, indem er Keith Wisniewski besiegte. Die geteilte Punktentscheidung war für ihn zwar der erste Sieg, den er über die Distanz eingefahren hat, am Ende des Tages waren es jedoch unterhaltsame 15 Minuten und ein Debüt-Erfolg in der größten MMA-Organisation der Welt.

Statt auf Siyar Bahadurzada, der seinerseits für Yoshihiro Akiyama eingesprungen war, wird Clements am Samstag nun auf Matt Riddle (6-3) treffen, der den ebenfalls verletzten Thiago Alves vertritt. Riddle ist einer der wenigen Kämpfer, der alle seine Profi-Kämpfe im UFC-Octagon ausgetragen hat. Der daraus resultierende Nachteil der fehlenden Erfahrung wird ihm in seinen Kämpfen zwar hin und wieder deutlich gemacht, Riddle macht dies allerdings durch seinen Spaß am Kämpfen, seinen Fanfreundlichen Kampfstil und seinen unstillbaren Appetit auf Bonuszahlungen wieder wett. Die Wahrscheinlichkeit, dass Riddle am Wochenende in Calgary nach wenigen Minuten oder sogar Sekunden erneut den Gameplan aus dem Fenster werfen wird, ist dabei wie gewohnt hoch: Nach zuletzt zwei Niederlagen in Folge konnte er sich mit einem Sieg gegen Henry Martinez im Februar wieder etwas Oberwasser verschaffen und darf sich nun befreit und ohne Druck in die nächste Schlacht stürzen.

Das komplette Programm lautet wie folgt:

UFC 149: Faber vs. Barão
Sa, 21.7.2012
Scotiabank Sattledome in Calgary, Alberta, Canada

Hauptprogramm (ufc.tv)
Urijah Faber vs. Renan Barão
Hector Lombard vs. Tim Boetsch
Cheick Kongo vs. Shawn Jordan
Brian Ebersole vs. James Head
Chris Clements vs. Matt Riddle

Vorprogramm (ufc.tv)
Court McGee vs. Nick Ring
Roland Delorme vs. Francisco Rivera
Ryan Jimmo vs. Anthony Perosh
Bryan Caraway vs. Mitch Gagnon

Vorprogramm (Facebook)
Antonio Carvalho vs. Daniel Pineda
Mitch Clarke vs. Anton Kuivanen