Vorberichte

Auf Biegen und Brechen

Am Samstag verteidigt Sebastian Sylvester seinen Titel gegen den Weltranglistenersten Daniel Geale. Foto via Sauerland Event.

Am kommenden Samstag verteidigt International Boxing Federation-Mittelgewichtsweltmeister Sebastian Sylvester (34-3-1, KO) seinen Gürtel im Neubrandenburger Jahnsportforum gegen den Australier Daniel Geale (24-1-0, 15 KO). Geale ist ein harter Brocken. In einem Ausscheidungskampf besiegte er den Russen Roman Karmazin vorzeitig – jenen Karmazin, gegen den Sylvester im vergangenen Jahr nur einen sehr knappen Punktsieg herausholen konnte.

„Geale hat 24 von 25 Profikämpfen gewonnen“, so Sylvester. „Und selbst die einzige Niederlage von ihm - die gegen Anthony Mundine - war mehr als umstritten. Insofern hat er für mich eigentlich noch nie verloren.“ In der Tat ist die Bilanz des Australiers fast makellos. Nun könnte er Geschichte schreiben, denn sollte er Sylvester den Titel am Samstag abnehmen, wäre er der erste Champion, der seinen Weltmeistertitel in Deutschland gewinnen konnte. Doch darüber macht sich der 30-Jährige bislang noch keine Gedanken: „Der Kampf selbst ist wichtig“, so Geale. „Nicht das Drumherum. Wenn ich den WM-Gürtel in den Händen halte, dann kann ich mir über die historische Bedeutung und zukünftige Ziele Gedanken machen.“

„Das könnte ein Kampf auf Biegen und Brechen werden“, prophezeit Sebastian Sylvester, der bereits zu Beginn des Jahres im Ring stehen sollte, aufgrund einer Viruserkrankung den Kampf aber absagen musste. Die Genesung war langwierig: „Zunächst hatte ich Probleme, wieder gesund zu werden. Ich habe keine Medikamente eingenommen, denn ich wollte nicht Gefahr laufen, gegen die Dopingbestimmungen zu verstoßen. Die Viruserkrankung hat dadurch wohl länger gedauert. […] Es war für meine Verhältnisse eine kurze Vorbereitung - die kürzeste, die ich vor einem WM-Kampf hatte. Auf der anderen Seite musste ich mich deshalb gleich zu Beginn am Riemen reißen“, erklärt Sylvester, der nun vollständig gesundet und nach 78 Sparringsrunden topvorbereitet auf den australischen Herausforderer ist.

Das muss er auch sein, Geale ist ein sehr ausdauernder, sehr beweglicher Boxer. Er hat einen hohen Output an Schlägen und ist in der Lage, Kämpfe zu finishen. Für den kühlen Systematiker Sylvester ist daher Vorsicht geboten. Er muss sich den Herausforderer mit der Führhand zurechtlegen, ihn stellen und benötigt einen festen Stand für möglichst druckvolle Attacken. „Ich erwarte, dass es hin und her geht“, so Sylvesters Coach Karsten Röwer. „Daniel Geale ist jemand, der viel aus der Bewegung heraus boxt und ein hohes Tempo geht. Er geht überfallartig in den Mann hinein und dann wieder raus. Dabei zeigt er eine große Aktionsdichte. Wir haben einen Sparringspartner, der diesem Stil wirklich äußerst nahe kommt. Auf der anderen Seite arbeiten wir natürlich auch daran, dass sich der Gegner nach uns richtet.“ In den Sparrings mache sein Schützling – trotz der kurzen Vorbereitungszeit – einen sehr guten Eindruck.

Es sei „kein Kampf wie jeder andere“, erzählt Sylvester – und hat damit Recht. Geale ist der Pflichtherausforderer der IBF. Pflichtverteidigungen sind in der Regel die schwersten Kämpfe für die Champions. Geale befand sich seit seinem Sieg über Karmazin, im vergangenen Oktober, konstant im Training. „Ich bin in der Form meines Lebens“, so der IBF-Weltranglistenerste. „Ich bin wirklich sehr konzentriert. Ich habe sehr genau und bewusst auf diesen Punkt hingearbeitet. Ich weiß, dass ich am 7. Mai meinen Job tun muss.“ Und obwohl er nicht gerade als großer KO-Puncher bekannt ist, weiß er, dass es auf fremdem Terrain nie schaden kann, die Entscheidung selbst in die Hand zu nehmen.

„Sebastian Sylvester ist ein guter und sehr erfahrener Boxer. Er hat schon viele Kämpfe bestritten, die über zwölf Runden gingen. Das kann ein Vorteil, aber auch ein Nachteil sein. Mir zeigt es, dass Sylvester eher ein Boxer ist, der über die Runden gehen muss, um seine Gegner niederzukämpfen.“ Eine Strategie, die Geale am Samstag nicht verfolgen wird.

Im Co-Hauptkampf des Abends wird Halbschwergewichts-Europameister Danny McIntosh (13-1-0, 7 KO) seinen Titel gegen das frischgebackene Halbschwergewicht und Sauerland-Neuzugang Eduard Gutknecht (20-1-0, 8 KO) verteidigen.

Als Champion geht McIntosh natürlich als Favorit in den Kampf, seinen größten Vorteil sieht er in der Gewichtsklasse, in der der Kampf ausgetragen wird: „(Gutknecht) ist ein starker und entschlossener Kämpfer und hat im letzten Jahr im WM-Kampf gegen Robert Stieglitz eine ansprechende Leistung gezeigt. Doch er wechselte in ein höheres Limit, das Halbschwergewicht. Ich bin in dieser Gewichtsklasse schon zu Hause und fühle mich entsprechend stark. Ich habe auch mit Stieglitz Sparring gemacht. Und es war leichter für mich, als gegen Carl Froch, mit dem ich schon einige Sparringseinheiten bestritten habe.“

McIntosh gewann seinen EM-Titel im Januar in Frankreich, gegen den dortigen Lokalmatador Thierry Karl. Trotz einer Erkältung und einer Vorbereitungszeit von nur vier Wochengelang es ihm, den Franzosen vor heimischem Publikum per TKO zu besiegen. „Der Fight zeigte genau meine Stärken – die Chance wahrzunehmen und zu gewinnen. Nach dem Kampf war ich wie in Ekstase. Karl vor seinen eigenen Fans auszuknocken, das war wirklich eine großartige Erfahrung.“ Eine Erfahrung, die er am Samstag gegen Gutknecht wiederholen möchte.

Gutknecht, der erst seit diesem Jahr für das Sauerland-Team boxt, will nach seiner verpassten Titelchance gegen Robert Stieglitz, im vergangenen April, zurück nach oben. Ein EM-Titel wäre da der erste Schritt in Richtung einer weiteren WM-Chance. Dass er mit Europameister McIntosh kein Fallobst vor die Flinte bekommt, ist ihm klar: „Er zeigt eigentlich von allem etwas, er boxt mal im Vorwärtsgang, geht aber auch gut zurück. Er wirkt somit recht variabel. Er ist aber vor allem jemand, der sich durchkämpft und durchs Feuer gehen kann. Er opfert sich, zeigt Herz und geht an seine Grenzen.“

Dennoch sieht der 29-jährige sich als Favorit in diesem Kampf: „Natürlich bin ich das. Wenn ich nicht denken würde, dass ich das schaffe, dann hätte ich den Kampf gar nicht erst annehmen brauchen. Ich muss dem Geschehen im Ring meinen Stempel aufdrücken, dann werde ich am Ende der Sieger sein.“

Im Vorprogramm versucht Cruisergwewicht Enad Licina (19-3-0, 10 KO) ein erfolgreiches Comeback zu starten, nachdem er im Februar dem IBF-Cruisergewichtsweltmeister Steve Cunningham nach Punkten unterlag. „Natürlich war ich enttäuscht, dass ich den WM-Kampf in der RWE-Sporthalle nicht gewonnen habe. Auf der anderen Seite ist Steve Cunningham ja auch nicht irgendjemand. Ich habe gegen ihn gezeigt, dass ich in der Lage bin, in der absoluten Weltspitze mitzumischen.“

Zu jener Weltspitze gehört Gegner Michele De Meo (13-4, 4 KO) zwar nicht, doch um selbstvertrauen für größere Aufgaben zu sammeln, ist der Italiener genau der Richtige.

GroundandPound wird am Samstag live vor Ort sein und euch mit Live-Ergebnissen, Twitter-Infos, GroundandPound TV-Interviews und einem Nachbericht zur Pressekonferenz versorgen.

Sylvester vs. Geale
04. Mai 2011
Jahnsportforum in Neubrandenburg, Mecklenburg-Vorpommern


IBF-Weltmeisterschaft im Mittelgewicht
Sebastian Sylvester vs. Daniel Geale

IBF Intercontinentalmeisterschaft im Halbschwergewicht
Karo Murat vs. Otis Griffin

EBU-Eu-Meisterschaft im Halbschwergewicht
Eduard Gutknecht vs. Danny McIntosh

Vorprogramm
Enad Licina vs. Michele De Meo
Marcos Nader vs. Salvatore Annunziata
Edmund Gerber vs. Carl Baker
Erik Skoglund vs. Volodymyr Borovskyy
David Graf vs. Gennadijs Makarenko

Mark Bergmann ist Chefredakteur von GroundandPound. Er berichtet über Boxen und Mixed Martial Arts. Folgt ihm auf Twitter: @MarkBergmann.