Vorberichte

Andre Ward vs. Chad Dawson

Andre Ward vs. Chad Dawson

Heute Nacht verteidigt der US-Amerikaner Andre Ward (25-0-0, 13 K.o.) seine beiden WM-Titel im Supermittelgewicht (WBA und WBC) gegen Landsmann und WBC-Halbschwergewichtschampion Chad Dawson (31-1-0, 17 K.o.). Der Kampf findet in der Oracle Arena in Oakland, Kalifornien, statt und wird vom US-amerikanischen TV-Sender HBO übertragen.

Andre Ward vs. Chad Dawson ist ein Duell der Superlative. Die US-amerikanische Boxbibel "The Ring" kann auf eine lange Tradition zurückblicken. Seit jeher vergibt das Magazin einen eigenen Weltmeisterschaftsgürtel - den sogenannten "Ring Magazine Belt" oder auch einfach nur "Ring Title" - der im Vergleich zu den Gürteln der großen vier Boxverbände WBA, WBC, WBO und IBF einen deutlich höheren Stellenwert besitzt. Jener Gürtel steht für die unumstrittene Nummer eins der Gewichtsklasse. Chad Dawson und Andre Ward besitzen beide diesen Gürtel. Beide Boxer gelten in ihrer Gewichtsklasse als unumstrittene Nummer eins.

Die besondere Brisanz dieses Duells liegt in der Tatsache, dass es sich bei den beiden Kontrahenten um US-Amerikaner handelt. Damit hat das Duell absoluten Seltenheitswert. Umso erstaunlicher, dass der mediale Hype um den Kampf bisher eher gering ausfiel. In den internationalen Boxforen sowie auf Facebook und Twitter diskutieren die Boxfans lieber über das anstehende Duell zwischen Sergio Martinez oder Julio Cesar Chavez Jr., das erst kommende Woche stattfindet. Aus sportlicher Sicht hätte der Kampf sicher mehr Aufmerksamkeit verdient, aber der durchschnittliche Boxfan will in erster Linie Ringschlachten und spektakuläre KO's sehen - etwas, für das weder Chad Dawson noch Andre Ward stehen.

Beide Boxer pflegen einen Stil, der die Zuschauer nicht unbedingt von den Stühlen reißt. Ein vorzeitiger Erfolg durch Schlagwirkung hat bei Ward und Dawson Seltenheitswert. Der Begriff "effektiv" beschreibt den Boxstil der beiden Weltmeister wohl am besten: Beide erreichen (fast) immer ihr Ziel, aber der Weg dahin ist nicht unbedingt schön.

Andre Ward gewann im Jahr 2004 Olympiagold und ist damit der letzte US-amerikanische Olympiasieger im Männerboxen. In seinen ersten Jahren als Profi verließ sich Ward in erster Linie auf seine Schnelligkeit und sein breitgefächertes Schlagrepertoire. Während er offensiv oft brillierte, konnte er defensiv nicht überzeugen. Daraufhin entwickelten Ward und sein Trainer Virgil Hunter einen Stil, der Wards Schwächen entgegenwirkte. Ward bedient sich heute einer Taktik, die auch schon dem deutschen Ex-Weltmeister Sven Ottke und Ringlegende Bernard Hopkins zum Erfolg verhalf - er klammert. Auf diese Weise unterbindet er geschickt Aktionen des Gegners und bringt sich aus der Schusslinie. Dabei geht Ward nach eigenen Aktionen oft mit dem Kopf voraus in den Mann, wobei es oft zu unschönen Kopfstößen kommt. Man kann Wards Stil demnach durchaus als grenzwertig bezeichnen.

Ward bisher größter Erfolg ist der Sieg im Super Six-Turnier. Im Rahmen dieses Turniers bezwang er u.a. die Ex-Weltmeister Mikkel Kessler und Arthur Abraham sowie IBF-Supermittelgewichtschampion Carl Froch.

Chad Dawson boxt einen anderen Stil als Andre Ward. Er baut in erster Linie auf seine Athletik und Schnelligkeit. Seine Kämpfe sind selten spektakulär, aber er gewinnt (fast) immer, weil er einfach mehr trifft, als seine Gegner. Seine bisher einzige Niederlage kassierte er gegen Ex-Champion Jean Pascal im Jahr 2010 nach Punkten (TD nach 11 Runden). Seinen größten Erfolg feierte Dawson im April dieses Jahres, als er Altmeister Bernard Hopkins nach Punkten bezwang und sich den WBC-Titel im Halbschwergewicht sicherte. Neben Hopkins bezwang Dawson u.a. auch Antonio Tarver, Glen Johnson und Tomasz Adamek.

Für den Kampf gegen Andre Ward stieg Chad Dawson ins Supermittelgewicht ab. Eine ungewöhnliche Tatsache. Im Normalfall finden solche Kämpfe in der Gewichtsklasse des schwereren Boxers statt, doch Dawson forderte Ward zu einem Kampf im Supermittelgewicht heraus. Beide Boxer brachten beim gestrigen Wiegen problemlos das Supermittelgewicht und machten dabei einen austrainierten Eindruck. "Es war nicht schwer, dass Limit zu bringen. Ich bin ein bisschen mehr gerannt und habe etwas mehr auf meine Ernährung geachtet. Das Trainingslager war großartig", äußerte sich Dawson zur Gewichtsproblematik.

Ward musste in der Vergangenheit immer wieder Kritik einstecken. Der US-Amerikaner war der einzige Boxer im Super-Six-Turnier, der all seine Kämpfe in seiner Heimat bestreiten durfte. Der Kampf gegen Dawson findet in Wards Wohnzimmer - der Oracle Arena in Oakland - statt. Während man das Zustandekommen des Kampfes allein Dawson zuschreibt, wurde Ward in jüngster Vergangenheit sogar abwertend als "Heimboxer" bezeichnet, der oft von einer sehr toleranten Regelauslegung des Ringrichters profitiert und nur deswegen seinen "schmutzigen" Stil durchziehen kann. Diese Kritik ist zweifelsohne zu hart, denn Ward hat in der Vergangenheit auch gezeigt, dass er über genug boxerische Klasse verfügt, um Top-Leute wie Abraham und Froch mit fairen Mitteln zu bezwingen. Dafür gebührt ihm Respekt.

"Die Leute, die noch nie ein paar Boxhandschuhe angezogen haben, reden am meisten", sagt Ward über seine Kritiker. "Am Ende des Tages stehen sich Andre Ward und Chad Dawson gegenüber. Wir sind diejenigen, die in den Ring steigen und kämpfen. Ich habe mich genauso vorbereitet wie bei meinen letzten fünf Kämpfen. Ich respektiere jeden Gegner."

"Samstagnacht verlasse ich den Ring als neuer Supermittelgewichtsweltmeister", so Dawson. "Ich habe - wie angekündigt - das Gewicht gebracht und bin bereit für den Kampf. Ich gehe als Außenseiter in den Kampf und kann das nachvollziehen. Ich will meine Karriere auf das nächste Level bringen - genauso wie Ward."

Ward gilt bei den Buchmachern als Favorit, allerdings ist dies vor allem auch der Tatsache geschuldet, dass der Kampf in Wards Gewichtsklasse, dem Supermittelgewicht, stattfindet und quasi vor seiner Haustür, der Oracle Arena, ausgetragen wird. Wenn Dawson den Gewichtsklassenwechsel ohne Substanzverlust übersteht, sollte er Ward auf Augenhöhe begegnen können. Die Boxfans, die ein Spektakel mit vielen Niederschlägen erwarten, werden heute Nacht womöglich enttäuscht werden. All diejenigen, die sich an einem taktisch geführten Duell erfreuen können, dürfen einen spannenden Kampf erwarten.

Andre Ward vs. Chad Dawson
World Champions - Made in America
8. September 2012
Oracle Arena in Oakland, Kalifornien, USA

WBC- und WBA-Weltmeisterschaft im Supermittelgewicht
Andre Ward vs. Chad Dawson

WBC-Weltmeisterschaft im Leichtgewicht
Antonio DeMarco vs. John Molina

Bowie Tupou vs. Malik Scott
Franklin Lawrence vs. Homero Fonseca
Tony Hirsch vs. Roberto Yong
Ricardo Williams Jr. vs. Anthony Lenk