Vorberichte

Alles oder Nichts

Am Samstag bestreitet Arthur Abraham den wichtigsten Fight seiner Karriere – die Vorschau zum Super Six-Halbfinale.

Gewinnen – das macht einen guten Boxer aus. Doch die Spreu trennt sich vom Weizen, wenn ein Kämpfer mit dem Rücken zur Wand steht, wenn es gilt, alles auf eine Karte zu setzen und sich durchzubeißen. Genau dies wird Arthur Abraham (32-2-0, 26 KO) am kommenden Samstag tun müssen, wenn er den wichtigsten Kampf seiner Karriere bestreitet: das Super Six World Boxing Classic-Halbfinale gegen World Boxing Association-Super-Mittelgewichtsweltmeister Andre Ward (23-0-0, 13 KO).

„Im Boxsport gibt es Höhen und Tiefen“, so Super Six-Mitinitiator Kalle Sauerland. „Besonders dann, wenn man in der Champions League auf höchstem Level gegen Weltklasse-Gegner antritt. Wir wussten von Anfang an, dass es nicht leicht werden würde. Doch Arthur kann es immer noch schaffen. Er kann Samstag wieder Weltmeister werden, ins Finale einziehen und der Welt beweisen, dass er ein ganz Großer ist.“

Das Super Six-Turnier war für den armenischen „King“ Arthur Abraham Segen und Fluch zugleich. Endlich konnte er sich auch in den USA beweisen, seinen Namen im Box-Mekka bekannt machen. Fulminant startete er mit einem KO-Sieg über Jermain Taylor im Oktober 2010 in das Turnier und führte dessen Rangliste daraufhin souverän an. Doch ein desaströses Jahr 2010 holte den Sauerland-Star auf den Boden der Tatsachen zurück und warf ihn in der Turnierwertung weit nach hinten. Niederlagen gegen Andre Dirrell und Carl Froch kratzten nicht nur am Image des KO-gefährlichen Abraham – sondern vor allem an dessen Selbstvertrauen. Seine bisherige Strategie – hinter der Doppeldeckung auf Lücken zu warten und, sobald die da sind, den kampfbeendenden Dampfhammer abzufeuern – wurde von Dirrell und vor allem Froch zunichte gemacht. Abraham muss mehr tun. Will er an der Weltspitze mithalten, muss er sich selbst neu erfinden.

„Das Turnier hat für mich gut begonnen und es wird auch gut enden“, so Abraham optimistisch. „Ich bin nach Amerika gereist, um einen großen Sieg zu erringen.“

Ein Aufbaukampf gegen Stjepan Bozic endete durch eine Verletzung des Kroaten bereits in der zweiten Runde. Schlüsse auf die derzeitige Verfassung Abrahams ließen sich aus diesem Duell unmöglich ziehen. Eines ist sicher: Ward ist der technisch und taktisch wohl beste Boxer in diesem Turnier. Und Abraham hat nicht nur ihn gegen sich, sondern scheinbar jeden Buchmacher, Medienvertreter, Experten und Fan. „Viele sehen Ward als Favoriten“, so Abraham. „Aber auch ich galt nach dem Turnierauftakt lange als Top-Anwärter auf den Sieg. Ich sage nur eins: Im Boxen ist alles möglich – besonders, wenn man ordentlich Dampf in den Fäusten hat.“

Am Samstag heißt es

Dass er den hat, weiß auch sein Gegner Andre Ward, der als großer Turnierfavorit gehandelt wird. Seit seinem 14. Lebensjahr ist der „Son of God“, so der Kampfname des Amerikaners, ungeschlagen. Eine olympische Goldmedaille, sowie die Weltmeistergürtel der WBA und der renommierten „Box-Bibel“ The Ring, schmücken seinen Trophäenschrank. Ward gilt als Techniker, als intelligenter Stratege, der sich akribisch auf seine Gegner vorbereitet und immer perfekt auf deren Stil eingestellt ist. Gegen Mikkel Kessler erkämpfte er einen schmutzigen, aber cleveren Sieg. Allan Green nahm er über 12 Runden auseinander, machte dabei unaufhörlich Druck und presste Green schier den gesamten Fight über in die Seile, wo er ihm mit kurzen aber wirkungsvollen Attacken aus dem Infight zusetzte. Sein Gegner für die dritte Runde der Gruppenphase, Andre Dirrel, zog sich vor dem Kampf aus dem Turnier zurück. Um nicht aus dem Rhythmus zu kommen bestritt Ward einen Kampf gegen Sakio Bika, außerhalb der Turnierwertung. Jeder rechnete mit einem deutlichen Sieg Wards – doch Bika verwandelte das Duell in eine schmutzige Schlacht, in der Ward nicht glänzen konnte, Federn lassen musste, aber dennoch gewann.

Nun ist es soweit und Ward und Abraham treffen im Home Depot Center in Los Angeles aufeinander. Für Abraham geht es um alles oder nichts. Der Verbleib im prestigeträchtigen Turnier, der Weltmeistertitel der WBA, und vor allem seine Karriere stehen am Samstag auf dem Spiel.

Ein Puncher wie Abraham kann den Kampf in jeder Sekunde beenden. Doch sollte dies erneut das einzige Sein, auf das er sich verlässt, wird es gegen Ward ein weiteres böses Erwachen geben. Gegen einen wie Ward darf er sich nicht wartend hinter der Doppeldeckung verschanzen – er muss aktiv sein, und zwar von Beginn an. Gibt er dem Boxer aus Oakland, Kalifornien, das Heft in die Hand, ist es zu spät. Abrahams Chancen sind nicht die besten, doch ein Weltklasseboxer muss genau in diesen Momenten auftrumpfen. Wir werden sehen ob Abraham es schafft, wie Ward sagt: „einen Hasen aus dem Hut zu zaubern“, und die gesamte Boxwelt zu schocken. Gelingt ihm das nicht, ist die Frage, wohin seine Karriere ihn noch führen kann.

Manager Wilfried Sauerland freut sich jedenfalls auf einen „spannenden Kampf, in dem sehr, sehr viel auf dem Spiel steht“, so der Sauerland-Patriarch. „Arthur hat ohne Zweifel die Power, um Ward zu besiegen. Dazu muss aber der Arthur im Ring stehen, der damals mit doppelt gebrochenem Kiefer seinen WM-Gürtel verteidigt hat.“ Der Arthur, der sich trotz aller Widrigkeiten durchbeißt.

Der Favorit: Ist Andre Ward noch zu stoppen?

Im Co-Hauptkampf des Abends wird Cristobal Arreola (30-2-0, 26 KO) auf Nagy Aguilera (16-5-0, 11 KO) treffen und nach Niederlagen gegen Vitali Klitschko (2009) und Tomasz Adamek (2010) einen vermutlich letzten Lauf an die Spitze versuchen. Außerdem im Vorprogramm vertreten ist die deutsche Nachwuchshoffnung Dominik Britsch (22-0-0, 7 KO). Er trifft in seinem zweiten Fight in USA auf den Amerikaner Ryan Davis (23-8-3, 9 KO).

Update: Dominik Britsch wird nicht, wie geplant auf Ryan Davis treffen. Sein neuer Gegner ist Billy Lyell (23-9-0, 5 KO), der deutschen Fans sicher von seinem Kampf gegen Sebastian Sylvester, im vergangenen Jahr, bekannt sein dürfte. Er unterlag dem früheren International Boxing Federation-Mittelgewichtsweltmeister durch TKO in Runde 10.

Super Six World Boxing Classic
Halbfinale: Andre Ward vs. Arthur Abraham
14. Mai 2011
Home Depot Center in Los Angeles, Kalifornien, USA


WBA Weltmeisterschaft im Super-Mittelgewicht
Andre Ward vs. Arthur Abraham

Vorprogramm
Chris Arreola vs. Nagy Aguilera
Manuel Quezada vs. Bowie Tupou
Shawn Estrada vs. Joe Gardner
Javier Molina vs. Danny Figueroa
Dominik Britsch vs. Ryan Davis
Ty Barnett vs. Andrey Klimov
Villanueva vs. Frank Gutierrez
Arman Ovsepyan vs. Arthur Brambila

Mark Bergmann ist Chefredakteur von GroundandPound. Er berichtet über Boxen und Mixed Martial Arts. Folgt ihm auf Twitter: @MarkBergmann.