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Stefan Struve: „Ich habe überlegt, ob ich noch weitermachen soll“

Kann Stefan Struve Zuhause seine Karriere retten? (Foto: Dorian Szücs).

Vor sieben Jahren hätte Stefan Struve die Expansion der UFC nach Deutschland beinahe eigenhändig abgebrochen. Minuten nach Beginn seines Kampfes gegen Dennis Stojnic bei UFC 99 in der Kölner Lanxess Arena triefte die Matte des Octagons von dem Blut, das aus einem Cut auf Struves Stirn leckte. Tags darauf prangte das blutverschmierte Antlitz des 2,13 Meter großen Holländers die Titelseiten diverser Boulevardblätter: Der Mann, der wie geschlachtet aussah und trotzdem noch gewann. Die deutsche MMA-Szene hat es überstanden, Struve wurde binnen Minuten zur Berühmtheit.

Mit dem hart erkämpften Sieg rettete der „Skyscraper“ in seinem zweiten UFC-Kampf seine Karriere im Octagon, nachdem er ein halbes Jahr zuvor in seinem Debüt von Junior dos Santos ausgeknockt wurde. Neun Siege bei drei Niederlagen sammelte der mittlerweile 28-Jährige seitdem in der UFC an, 2012 stand er nach einem K.o.-Sieg gegen Stipe Miocic sogar kurz davor, ins Titelrennen einzusteigen.
Jetzt schreiben wir 2016, und Struve steckt in der tiefsten Krise seiner Karriere fest. Was ist schief gelaufen?

Drei seiner letzten vier Kämpfe hat der „Skyscraper“ verloren, dazwischen brach er sich den Kiefer, starb sein Vater an Krebs und entdeckten Ärzte einen angeborenen Herzfehler, der die Karriere des Niederländers beinahe beendet hätte.

„Am Anfang haben sie mir von meinem Herzleiden erzählt, dann haben sie es behandelt, dann meinten sie irgendwann, dass ich meine Karriere vielleicht doch noch weiterführen könnte“, erzählt er uns.

„Dann habe ich die Freigabe bekommen, dann den Kampf gegen Matt Mitrione, dann kamen die Probleme mit meinen Medikamenten, dann habe ich gegen Overeem verloren, dann bin ich hier her gezogen. Ich habe einfach alles getan, um ins Octagon zurückkehren zu können.“

Zur Erklärung: Der Kampf gegen Mitrione kam nie zustanden, weil Struve Minuten vor dem für UFC 175 im Sommer 2014 geplanten Duell in der Umkleide kollabierte – eine Komplikation mit seiner Herz-Medikation stellte sich als Ursache heraus. Fünf Monate später knockte Landsmann Alistair Overeem ihn in der ersten Runde aus.

Seitdem hat Struve je einmal gewonnen und verloren und ist nach Süd-Florida, wo er bei den renommierten Blackzilians trainiert. Der Kulissenwechsel, hofft Struve, soll der Grundstein für ein imposantes Comeback sein, bei UFC Rotterdam gegen Antonio „Bigfoot“ Silva.

Nächstes Wochenende ist es soweit, dann wird der mittlerweile 28-Jährige zum ersten Mal in seiner Heimat ins Octagon steigen: “Ich will einfach nur zeigen, dass ich der bessere Kämpfer bin“, sagt Struve. „Ich fühle mich dermaßen gut, ich habe im Training dominiert und das ist genau das, was nächste Woche Sonntag passieren wird.“

„Ich liebe einfach, was ich tue, ich liebe diesen Sport. Ich hatte ein paar wirklich schlechte Momente in meiner Karriere, in denen ich mich gefragt habe, ob ich überhaupt noch weitermachen will. Aber es gab immer etwas, das mich bei der Stange gehalten hat und das ist meine Liebe zu diesem Sport. Ich habe so viel Zeit in diese Karriere investiert, in dieses Trainingscamp – das wird sich auszahlen.“

In der Nähe von Zuhause in den Käfig steigen zu können, wird für Struve schon an und für sich eine Belohnung für all die Rückschläge und Tragödien sein, die er in den letzten Jahren durchgemacht hat – die Aussicht, nach Einsätzen u.a. in den USA, in Brasilien, Kanada, Japan und Australien zum ersten Mal vor heimischer Kulisse anzutreten, hat Struve geholfen, die Tiefschläge des Lebens wegzustecken und weiterzumachen: 

„Ja, natürlich, definitiv. Das ist auf jeden Fall eines der Dinge, die mich motiviert haben, mich bis zu meinem Comeback durchzukämpfen. Hätte ich das nicht getan, hätte ich all das hier verpasst – diese Chance, mein Land eine Stunde von Zuhause entfernt im Käfig zu repräsentieren. Und das ist etwas, das ich mir auf keinen Fall entgehen lassen wollte.“

„Ich habe mich dazu entschieden, mich durchzukämpfen, und hier bin ich.“

Die Bühne steht. Egal, was am 8. Mai im Ahoy Rotterdam passieren wird, der Tag wird für Struve so oder so als leuchtende Momentaufnahme in Erinnerung bleiben. Trotz allem hat er im Octagon aber eine monumentale Aufgabe vor sich. Nicht nur, den Sieg gegen einen harten Gegner zu holen, sondern vor allem, endlich das größte Formtief seiner Karriere zu beenden.

Sich gut zu fühlen, im Vorfeld alles richtig zu machen und die richtigen Dinge zu sagen ist eine Sache. Ein einziger Schlag von jemandem wie „Bigfoot“ Silva aber kann all die guten Vorsätze zunichtemachen. Mit einer weiteren Niederlage – es wäre die vierte in fünf Kämpfen – könnte Struves UFC-Karriere ausgerechnet in seinem Heimatland ihr Ende finden.

„Ich werde nicht verlieren“, entgegnet Struve. „Ich denke nicht darüber nach, die Leute können denken, was sie wollen. Ich weiß, dass ich, wenn ich meinen Kampf kämpfe und smart bin und mein Potential ausschöpfe, einer der besten Kämpfer dieser Gewichtsklasse bin. Es ist wirklich so simpel für mich. Ich muss nächste Woche einfach da rausgehen und es in die Tat umsetzen.“

Um „Bigfoot“ zu schlagen, sagt Struve, will er aggressiv kämpfen und Druck machen, das aber aus der Distanz, anstatt sich auf eine wilde Schlägerei mit Silva und dessen Backstein-Fäusten einzulassen, die schon Namen wie Alistair Overeem, Travis Browne und Fedor Emelianenko gestoppt haben. 

Seit jeher ist das der große Kritikpunkt, den Struve vor allem im Internet in mal mehr, meist weniger schmeichelhafter Form zu Lesen bekommt: seine 2,13-Meter-Reichweite nicht vernünftig einzusetzen zu wissen. Schwachsinn, findet Struve.

„Eine Menge Leute sind einfach Schafe, sie folgen sich gegenseitig. Wenn die sich meine letzten Kämpfe anschauen würden, dann würden sie merken, dass ich darin viel besser geworden bin. Aber wenn jemand etwas sagt, dann gibt es gleich eine Reihe Menschen, die es nachplappern.“

„Ich denke, dass ich in meinem Kampf gegen Nogueira wirklichen Fortschritt in diesem Bereich gezeigt habe. Und wenn man sich den Kampf gegen Stipe Miocic anschaut – als ich die Distanz für meinen Jab gefunden habe, habe ich ihn absolut zerstört, und er wird in ein paar Wochen um den Titel kämpfen.“

Struves imposanter K.o.-Sieg gegen Miocic – der eine Woche nach UFC Rotterdam im Hauptkampf von UFC 198 auf Champion Fabricio Werdum treffen wird – scheint tatsächlich weitestgehend in Vergessenheit geraten zu sein. Einerseits verständlich, immerhin fand das Duell 2012 statt. 

Struve aber zieht daraus noch immer Selbstvertrauen und hofft, sich vor diesem Hintergrund in Zukunft seinen eigenen Titelkampf sichern zu können: „Ich glaube, dass (Miocic) diesen Kampf (gegen Werdum) gewinnen wird. Ich glaube wirklich, dass er gute Chancen hat und ich bin der einzige, der ihn stoppen konnte, der einzige, der ihn ausgeknockt hat. Ich weiß, wozu ich fähig bin.“

„Der Titel ist das Ziel, auf jeden Fall. Natürlich muss ich nach diesem noch ein paar Kämpfe gewinnen aber ich denke, dass die Fans auf jeden Fall dabei wären, und die UFC auch. Ich muss natürlich eine Siegesserie starten und große Kämpfe gewinnen, und der erste große Kampf ist der gegen „Bigfoot“ Silva.“


UFC Rotterdam wird in Deutschland von ran Fighting übertragen. Der Event ist im Black Pass (3,99 Euro pro Monat) enthalten, das Vorprogramm wird auf dem UFC Fight Pass gezeigt, der ab 5,99 Euro monatlich auf ufc.tv erhältlich ist.