Interviews

Sascha Sharma nimmt alles, wie es kommt

Sascha Sharma und sein Trainer Oliver Maier (Foto: Kong's Gym Stuttgart)

Mit drei Aufgabesiegen in der ersten Runde war Sascha Sharma einer der Newcomer des Jahres 2012. Im April feierte er bei der Super Fight League in Indien, der größten MMA-Organisation des Landes, gegen einen deutlich erfahreneren Gegner seinen ersten Sieg im Ausland. Am 25. Oktober steigt Sharma im Co-Hauptkampf von Defenders FC 3 erstmals in seiner süddeutschen Heimat in den Ring. Vor der Veranstaltung in Stuttgart sprach er mit Groundandpound.de über seine bisherige Karriere, MMA in Indien und vieles mehr.

Groundandpound.de: Sascha, stell dich bitte den Lesern kurz vor, die dich noch nicht kennen – wer bist du und was machst du?
Sascha Sharma: Ich bin Sascha Sharma, 26 Jahre alt und freischaffender Redakteur. Ich trainiere im Kong's Gym Stuttgart BJJ und MMA unter Oliver Maier und Ringen beim SV Brötzingen. Ich kämpfe derzeit bei der SFL, aber auch bei anderen Organisationen.

Vor deinen ersten MMA-Kämpfen warst du bereits auf einigen Grappling-Turnieren erfolgreich. Ist BJJ auch dein Background für MMA oder hast du vorher noch etwas anderes gemacht?
Angefangen habe ich mit Boxen. Ich habe zwei Jahre lang Amateurboxen trainiert, allerdings keine Kämpfe gemacht. Das hatte sich einfach nicht ergeben. Vor ca. drei Jahren bin ich zum Brazilian Jiu-Jitsu gekommen. Seit ca. einem Jahr trainiere ich zusätzlich Ringen. Ich würde sagen, mein Background bzw. meine Basis sind das Jiu-Jitsu, das Boxen und ich würde auch noch das Ringen mit hinzunehmen, weil ich das in letzter Zeit sehr oft trainiere.

Mit welcher Einstellung gehst du an das Thema „Profi-MMA" heran – ist das ein zeitintensives Hobby oder hast du dir vorgenommen, das auch als richtige Karriere voranzutreiben?
Sascha Sharma (Foto: Sascha Sharma)Ich will das nicht groß ausrufen, aber es ist schon so, dass meine Bestrebungen dahin gehen, dass ich als Profi später einen Teil meines Lebensunterhalts verdienen kann. Das kann ich zwar jetzt schon ein bisschen, aber es wäre nicht schlecht, wenn ich das ausbauen könnte. Ich versuche meine Karriere behutsam aufzubauen und kluge Entscheidungen zu treffen. Meine Basis sind zwar die Jiu-Jitsu-Wettkämpfe, aber jeder Jiu-Jitsu-Kämpfer hat nun mal das Problem, dass er für Wettkämpfe zahlen und viel Zeit investieren muss. Wenn man gewinnt, ist das ein tolles Gefühl, aber finanziell kommt eben nichts dabei heraus. Wenn man mit etwas mehr Aufwand MMA-Wettkämpfe bestreitet und damit etwas Geld verdienen kann... – Jacaré hat mal gesagt, er würde gerne nur Jiu-Jitsu-Wettkämpfe machen, aber damit kann er sich eben nicht finanzieren und deswegen macht er MMA. Mir macht MMA brutal Spaß, sogar noch mehr als das Brazilian Jiu-Jitsu und ich möchte mir damit auf jeden Fall etwas aufbauen.

Hast du dir für dieses Vorhaben einen bestimmten Plan erstellt?
Zumindest nehme ich nicht jeden Kampf an, ich schaue natürlich schon, ob es sinnvoll ist, gegen bestimmte Gegner zu kämpfen. Bei Defenders FC ist es zwar so, dass dieser Dmitri Shevchenko, gegen den ich dort kämpfen soll, mit 0-0 angepriesen wird, aber was soll ich dazu sagen? Bei meinem letzten Kampf in der SFL hieß es auch, der Gegner hätte eine Bilanz von 2-4, aber dann haben wir recherchiert und herausgefunden, dass er eigentlich eine Bilanz von 16-4 hatte. Gegen mich hatte er seinen 21. MMA-Kampf bestritten. Ich schaue daher schon, ob es einigermaßen sinnvoll ist, gegen wen ich da in den Käfig steige. Ich höre da meistens auf meinen Trainer Oliver und wir überlegen gemeinsam, gegen wen wir kämpfen. Ich habe mich mit ihm abgestimmt, dass wir das langsam aufbauen und uns von einer Herausforderung zur nächsten bewegen.

Wie bereitet man sich auf einen Gegner wie Dmitri Shevchenko vor, von dem man kaum mehr weiß, als dass er aus Russland kommt und Pankration betreibt?
Wir gehen davon aus, dass er gutes Boxen und gutes Ringen besitzt. Wir haben uns aber auf meine Stärken konzentriert. Wir haben sehr viel Ausdauertraining betrieben und neben meinen Stärken auch an meinen Schwächen gearbeitet. Wir sind viele Positionen durchgegangen – was mache ich, wenn es für mich schlecht läuft, was, wenn es für mich gut läuft. Und wir haben viel geübt, wie ich meinen Gameplan durchsetzen kann. Wenn man mich kennt, weiß man, wie der Gameplan aussehen wird: zu Boden bringen, Ground and Pound und nach der Submission suchen. Das ist kein großes Geheimnis, das machen viele, die einen Background im Jiu-Jitsu haben und zudem noch etwas Ringen können. Das ist mein Kampfstil, und den versuche ich auch gegen Dmitri Shevchenko durchzusetzen. Ich denke, jeder MMA-Kämpfer macht das, worin er am stärksten ist und ich denke, dieser Gameplan kommt meinen Stärken entgegen.

Wie findest du das Konzept von Defenders FC, dass einheimische Kämpfer aus Stuttgart ihre Stadt gegen auswärtige Kämpfer „verteidigen"?
Sharma zwang Tobias Huber bei Defenders FC 2 zur Aufgabe. (Foto: Valentino Kerkhof/Defenders FC)Ich finde das Konzept wunderbar. Was die „Verteidigung Stuttgarts" betrifft – natürlich gehe ich hin, um zu siegen, aber ich sehe das nicht so verbissen. Ich sage jetzt nicht, oh, da kommt jemand aus Kaliningrad, der ist von Grund auf mein Feind. Ich sehe das vielmehr als wunderbare Chance, die lokalen Kämpfer etwas bekannter zu machen. Da starten ja auch viele Kämpfer, für die es der erste Auftritt ist. Deswegen finde ich das ein tolles Konzept. Dmitri Shevchenko sehe ich aber nicht als Feind. Ich muss meine Stadt nicht aufs Blut verteidigen. Diesen Hass, den es in anderen Sportarten gibt, sobald eine Auswärtsmannschaft kommt, finde ich nicht gut. Einen Gast sollte man so nicht empfangen. Ich bin ganz für die Fairness des Sports und sehe es einfach nur als Zusammentreffen von Sportlern an.

Wie groß ist die Freude darüber, bei Defenders FC erstmals im Beisein von Familie und Freunde MMA kämpfen zu können?
Ich hatte richtig Lust, dort zu kämpfen, da ich noch nie in meiner Heimat gekämpft habe. Aber als ich in Greifswald trainierte und kämpfte, waren auch viele Freunde dabei. Aber ich versuche, nicht daran zu denken, wer gerade im Publikum sitzt, damit ich nicht abgelenkt bin. Ich versuche mich strikt auf den Kampf zu konzentrieren. Mich hat es motiviert, mal in Stuttgart zu kämpfen, weil wir zeigen möchten, dass es auch in Stuttgart eine MMA-Gemeinschaft gibt und dass diese MMA-Gemeinschaft auch mal einen Event auf die Beine stellen kann.

Kommen wir von Süddeutschland nach Indien. Im April hast du als erster Deutscher bei der Super Fight League in Indien gekämpft, sogar im Hauptkampf. War das aufgrund deiner indischen Wurzeln eine Herzensangelegenheit, dort mal anzutreten oder ging es dir nur darum, auch mal Auslandserfahrung zu sammeln?
Eine Mischung aus beidem. Ich bin sehr gerne in Indien, aber ich glaube auch, dass jeder Kämpfer sagen wird, dass Kämpfe im Ausland eine wunderbare Erfahrung sind. Das hat damals schon mein Boxtrainer gesagt. Der sagte, das Tollste am Boxen früher war, dass man irgendwo hingefahren ist, Wettkämpfe gemacht und neue Leute kennengelernt hat und mit mehr Freunden nach Hause gefahren ist. So war es auch in Indien. Dort haben sich alle meine Erwartungen bestätigt. Ich bin immer offen für Reisen, ich finde so etwas wunderbar. Daher bin ich auch oft im Norden oder Süden unterwegs. Ich liebe es einfach, herumzureisen, auf Wettkämpfe zu gehen, neue Orte zu sehen und neue Leute kennenzulernen. In Indien zu kämpfen war super, ich habe auch festen Zuspruch von meinen Verwandten erhalten. Das ist eine wunderbare Sache.

Der MMA-Sport ist in Indien noch relativ jung. Ist dort das Verhältnis der Menschen zu diesem Sport ähnlich negativ belastet wie bei uns in Deutschland?
Rock The Cage 3: Nach dem Ground and Pound kam die Submission. (Foto: René Becker)Ich kann nicht für das ganze indische Volk sprechen, aber ich wurde eigentlich immer positiv aufgenommen. Die Inder sind, denke ich, nicht so vorurteilsbehaftet wie das Gros hier in Deutschland. In Indien ist es eben ein Kampfsport, und das ist okay so. Zumindest habe ich das dort so aufgefasst. Die Menschen, denen ich dort begegnet bin und die wussten, dass ich diesen Sport mache, haben sich mir gegenüber nicht komisch verhalten. Die waren alle aufgeschlossen und interessiert. Ich kann, wie gesagt, nicht für alle sprechen, aber diejenigen, die mir begegnet sind, waren dem MMA-Sport gegenüber sehr aufgeschlossen.

Du hättest im August zum zweiten Mal bei der SFL kämpfen sollen, aber der Kampf kam nicht zustande. Was war passiert?
Dass mein Kampf ausgefallen ist, war sehr schade, weil ich mich sehr lange darauf vorbereitet hatte. Ich habe den ganzen Sommer über trainiert, um Ende August/Anfang September in den Käfig zu steigen. Das war dann natürlich enttäuschend für mich, aber daran lässt sich jetzt nichts mehr ändern. Ich war nicht verletzt, ich war fit, aber es gab ein organisatorisches Problem und der Kampf wurde abgesagt. Die SFL wollte mir einen Ausweichtermin geben, aber an diesem Termin konnte ich nicht, weil ich fest versprochen hatte, bei einer Hochzeit dabei zu sein. Im Oktober war mein Trainer verhindert. Dann haben wir uns entschlossen, erst einmal wieder einen Kampf in Deutschland anzunehmen, und so sind wir zu Defenders FC gekommen.

Ist schon ein nächster Auftritt bei der SFL in Sicht?
Ein neuer Termin ist noch nicht gefunden, ich strebe aber an, in diesem Jahr noch einmal dort zu kämpfen. Es gibt diesbezüglich schon Gespräche, aber es ist noch nichts fest und ich möchte daher auch kein Datum ausrufen. Das sollte man erst sagen, wenn es offiziell ist, sonst wird man irgendwann unglaubwürdig, wenn es dann doch nichts wird.

Die UFC versucht derzeit, in Indien mit einer „Ultimate Fighter"-Staffel Fuß zu fassen, während sie in Deutschland ihr Comeback plant. Du bist zwar noch am Anfang deiner Karriere, aber ist das Octagon für jemanden, der Wurzeln in beiden Ländern hat, ein realistisches Ziel?
Sicherlich, allerdings ist es nicht so, dass ich mir so große Ziele setze. Ich nehme einfach alles, wie es kommt. Ich arbeite sehr hart, aber es ist nicht so, dass ich den Anspruch habe, irgendwann in der UFC zu kämpfen. Wenn es dafür nicht reichen sollte, werde ich nicht enttäuscht sein. Ich hätte nie gedacht, einmal im Ausland und in der SFL zu kämpfen. Ich arbeite hart, aber ich erwarte nichts. Natürlich möchte ich etwas erreichen, aber ich rufe das nicht extra als Zielvorgabe aus. Wenn man mich für die UFC oder „Ultimate Fighter" vorschlagen sollte, wunderbar, aber das muss ich mir erst einmal erarbeiten und bereit dafür sein.

Du bist derzeit auf Platz 8 der „German Top Ten" im Leichtgewicht. Hast du Ambitionen, mal im direkten Vergleich gegen einen Kämpfer anzutreten, der gerade noch vor dir steht?
Beim Wiegen vor dem Hauptkampf von SFL 16. (Foto: Super Fight League)Wenn sich das ergibt – warum nicht? Ich hatte letztens sogar eine Anfrage von jemandem, und da wäre auch fast ein Kampf zustande gekommen, aber dann wurde der Kampf doch abgesagt, was ich sehr schade fand. Wenn ich sehe, dass ein Kampf sinnvoll ist, dann mache ich ihn auch, aber ich bin keiner, der irgendwelche Namen ausruft oder irgendwelche Kämpfer herausfordert. Ich habe keine Ambitionen, den von mir nächsten herauszufordern. Das ist nicht mein Ding.

Wie sehen deine Pläne für den Rest des Jahres aus?
An diesem Wochenende kämpfe ich auf der IDM im Brazilian Jiu-Jitsu, eine Woche später ja bei Defenders FC 3 und dann ist im November die Munich Open, ein großes IBJJF-Turnier. Bis zum Ende des Jahres will ich auch auf jeden Fall noch einen MMA-Kampf machen. Entweder bei der SFL oder, wenn das nicht mehr klappt, bei einer Veranstaltung in Deutschland. Ich war so enttäuscht, dass der eine Kampf ausgefallen ist, gerade weil ich so gut vorbereitet war – vor allem im Fitnessbereich habe ich einige Sachen aus mir herausgekitzelt, von denen ich nicht gedacht hätte, dass es möglich wäre. Das hat mich motiviert, diese drei Wettkämpfe mitzunehmen und ich hoffe, dass ich mich nicht verletze, damit ich auch alle drei Wettkämpfe mitnehmen kann.

Sascha, vielen Dank, dass du dir so kurz vor deinem Kampf bei Defenders FC noch Zeit für uns genommen hast. Was möchtest du den Menschen da draußen noch sagen?
Ich würde mich freuen, wenn die Leute zahlreich zu Defenders FC erscheinen würden, sich die Show anschauen und die Stuttgarter und die anderen Kämpfer unterstützen. Und ich hoffe auf faire und verletzungsfreie Kämpfe.

Um mehr über Sascha Sharma und das Kong’s Gym Stuttgart zu erfahren, besucht die offizielle Webseite oder die Facebookseite. Eine Kostprobe von Sharmas Können im Bodenkampf präsentiert euch Defenders FC mit dem Video seines Grappling-Matches gegen Tobias Thiago Huber bei Defenders FC 2.