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Saba Bolaghi vor GMC 24: Ich verteidige nicht, ich hole mir den Titel erneut.

Saba Bolaghi (Foto: Alexander Petzel-Gligorea/GNP1.de)

Im Sommer kehrte Saba Bolaghi erst in den Käfig, wenige Monate später dann auf den Thron von GMC zurück, als er sich in Hamburg gegen Ömer Solmaz durchsetzen konnte. Nun steht der Frankfurter, der vor Jahren bereits den Titel im Bantamgewicht hielt, vor seiner ersten Titelverteidigung gegen Felipe da Silva Maia in München. GNP1.de sprach mit ihm über die anstehende Herausforderung und eine mögliche Chance auf Olympia.

GNP1.de: Hallo Saba, wir befinden uns jetzt wenige Tage vor deinem Titelkampf bei GMC 24 in München gegen Felipe Maia da Silva. Wie verläuft die Vorbereitung?
Saba Bolaghi: Ich befinde mich mitten im Endspurt, diese Woche trainiere ich noch hart und intensiv, nächste Woche wird es dann lockerer, das normale Prozedere eben. Da geht es nur noch darum, fit zu sein und das Gewicht runterzubringen. Aber ich mache da viel über die Dät und sehr wenig über das Wasser.

Woran hast du in den letzten Monaten seit deinem Sieg in Hamburg gearbeitet, was wolltest du verbessern?
Ich arbeite immer daran, das komplette Game zu verbessern. Man versucht tagein tagaus die drei Ebenen des MMA zusammenzubringen und die Übergänge flüssiger zu gestalten. Wir haben uns jetzt also nichts Spezielles herausgesucht.

Wie passt das damit zusammen, dass du in den letzten Wochen und Monaten wieder auf Wettkämpfen gerungen hast?
Ringen ist für mich eine normale Trainingseinheit, selbst in der Vorbereitung auf den Wettkampf. Aber natürlich versucht man dann eben, das Training auch im Wettkampf umzusetzen.

Wie kam es dazu, dass du wieder mit dem Ringen begonnen hast?
Im Endeffekt kam das über Bekanntschaften. Ein Freund hat mich vermittelt, der Verein in Heilbronn hat einen Ringer in meiner Gewichtsklasse gebraucht. Ich habe sechs Jahre lang nicht mehr Bundesliga und auch jahrelang generell nicht mehr auf Wettkämpfen gerungen, von einem Turnier in Holland vor ein paar Jahren abgesehen. Das war also schon so ein kleines Comeback von mir.

Wie war das Gefühl, nach so langer Zeit wieder auf der Matte zu stehen?
Es war ein gemischtes Gefühl. Ich war überrascht, dass ich relativ wenig oder genauer gesagt anders nervös war. Beim Ringen ist es eher die sportliche Aufregung vor dem Kampf, beim MMA ist es eine andere Art Nervosität, einfach weil es dort natürlich auch härter zur Sache geht.

Nach sechs Jahren das Comeback und dann direkt wieder auf einen internationalen Wettkampf nach Nizza. Du hast vor einem Monat in einem Interview gesagt, dass auch Olympia nicht ganz abgeschrieben ist. Wie stehen deine Chancen gerade?
Letzte Woche war die EM in Rom, die musste ich wegen GMC absagen. Mein Fokus liegt eben auf MMA, das Ringen mache ich nur nebenbei. Die Qualifikationsturniere würden mir terminlich sogar in den Kram passen. Das eine ist am 19. März, das klappt so kurz nach GMC natürlich nicht, aber das zweite ist Ende April. Aber meine Chancen sind relativ gering. Der Bundestrainer meinte, ich brauche einen weiteren Leistungsnachweis, damit er eine Nominierung von mir begründen kann. Es gibt ja auch noch andere Ringer in meiner Gewichtsklasse, die sich die Qualifikationsturniere teilen. Ich wäre der Ersatz, falls sich einer verletzt oder die Leistung nicht stimmt. Dann könnte ich eventuell starten, aber es wäre fast eine utopische Vorstellung. Ich habe zwar einen der Konkurrenten bereits deutlich besiegt, aber ich nehme ja an keinen Lehrgängen teil, weil ich die Zeit nicht habe.

Was würde dir eine Olympiateilnahme bedeuten?
Es wäre ein Traum. Aber die Qualifikation ist unfassbar schwer. Es gibt nur noch vier Plätze für die deutschen Ringer. Bei jedem Turnier müsste man ins Finale kommen. Viele verkennen, wie schwer das ist. Die meisten denken, dass jedes Land einfach einen Kämpfer pro Gewichtsklasse abstellt. Aber es sind international nur 16 Startplätze für alle Länder zu vergeben. Es gäbe jetzt noch ein Europa-Turnier und ein Welt-Turnier, um sich zu qualifizieren.

Das klingt in der Tat recht schwierig, vor allem für jemanden, der sich nicht voll darauf konzentriert.
Was auch noch dazu kommt, ist das die Sportler mittlerweile die Nationen wechseln, etwa aus Russland. Das sind gute Kämpfer, die sich vielleicht in ihrer Heimat nicht ganz an die Spitze kämpfen können. Die werden dann sportlich eingebürgert und ringen dann eben mal für Bahrain, Frankreich oder Usbekistan. Man hat im Vergleich zu früher viel häufiger einen früheren UDSSR-Sportler vor sich. Bahrain, die waren früher als Wettkampfpause bekannt, jetzt steht einem eben dort ein Russe gegenüber. Und auch die Plätze sind viel geringer geworden. Der IOC hat das Ringen für Frauen in die Olympischen Spiele geholt, aber die Startplätze insgesamt für Ringer wurden nicht aufgestockt. Der Wettkampf für die Startplätze ist viel schwieriger geworden, weil gleichzeitig auch die Gewichtsklassen bei Olympia reduziert wurden. Das weiß aber kaum jemand außerhalb des Sports. Das Ringen ist da einfach noch in der Nische. Über einen Frank Stäbler berichtet gelegentlich auch einmal die Bild-Zeitung, aber viel mehr sieht man da nicht.

Als du damals den Wechsel gemacht hast, hast du Kritik vom Deutschen Ringer Bund abbekommen. Wie steht der Verband heute zu MMA-Kämpfern?
Das kann ich so gar nicht sagen, weil ich gar keinen Kontakt zum Verband habe, eigentlich nur zu den Trainern. Die verfolgen das dann schon, aber im Olympischen Sport ist man so eine kleine eingefleischte Truppe. Da schaut man nicht viel über den Tellerrand hinaus, die sind manchmal recht festgefahren in den Strukturen und ich glaube, das bleibt in den nächsten Jahren auch so, bis es da mal einen Generationenwechsel gibt.

Und bei deinen Teamkollegen im Verein und auf den internationalen Wettkämpfen? In den USA ist es gang und gebe, dass Ringer den Wechsel zum MMA machen. Bellator hat sich ja zuletzt direkt bei College-Ringern bedient und die noch vor dem MMA-Debüt mit Verträgen ausgestattet. Du bist hingegen in Deutschland allein auf weiter Flur als jemand, der erst erfolgreich im Ringen war und dann zum MMA wechselte.
Die MMA-Struktur ist hier etwas anders. Die Perspektive, die gesellschaftliche Anerkennung und der Stellenwert sind hier ganz anders als in den USA. Hier reizt es einfach niemanden, den Sprung zum MMA zu machen, auch finanziell nicht. Wenn ich damals das MMA Spirit nicht direkt vor der Haustür gehabt hätte mit den hervorragenden Möglichkeiten mit dem Team und dem Management, hätte ich das auch nicht gemacht, da hätte ich keinen Grund gesehen. Ich bin da ein ziemlich krasser Einzelfall, aber es hat sich damals bei mir einfach angeboten. Um Leute zum MMA zu lotsen, müsste schon einiges passieren, gerade auch an Sicherheiten. Wir leben in einem Land, in dem keiner den Sport machen müsste, um aus seiner sozialen Schicht herauszukommen. Es sind aber trotzdem beides sehr harte Sportarten und man fragt sich dann schon, warum man das tut, wenn man auch einfach eine Ausbildung machen und einen normalen Beruf ergreifen könnte. Das ist dann schon eine Hürde.

Stellst du dir diese Frage manchmal noch?
Auf jeden Fall. Man sollte sich immer wieder die Frage stellen und sich bestätigen, dass man alles auch aus Überzeugung tut. Es liegt auf der Hand, das MMA kein Sport für Zartbesaitete ist, dass es Verletzungen gibt. Man muss mit Überzeugung dabei sein.

Zudem gibt es auch immer wieder talentierte Kämpfer, die aber früh wieder aufhören oder sich dann vielleicht doch auf eine andere Disziplin konzentrieren.
Das hat auch viel mit der internationalen Perspektive zu tun. Ich vergleiche das immer mit Conor McGegor. Der hatte seine ganze Karriere auf dem Weg von ganz unten nach ganz oben geplant. Wie viele Einwohner hat Irland? Drei Millionen (6 Millionen, Anm. d. Red.)? Wenn er kämpft oder wenn ein Ire kämpft, dann steht das ganze Land hinter ihm. Da werden dann zwei Millionen Pay-Per-Views verkauft. Wenn ein Kämpfer aus Deutschland international kämpft, hat man vielleicht 2.000 Zuschauer. Ich kann das daher schon verstehen. Vermarktungstechnisch ist es für deutsche Kämpfer sehr schwer.

Du hast mit Daniel Weichel als Teamkollegen ja ein gutes Beispiel vor Augen. Er kämpft seit Jahren konstant auf sehr hohem Niveau, hat in Patricio Freire ein weltweites Top-Ten-Federgewicht zwei Mal fast geschlagen, aber es geht dann einfach unter.
Das gibt es leider immer wieder. Die Aufmerksamkeit und damit auch Förderung, die ein Kämpfer erhält, kommt viel zu oft durch andere Faktoren als die Leistung zustande. Daniel ist da ein perfektes Beispiel.

Dein Teamkollege Stephan Pütz hat bei uns gesagt, er kämpft nicht nur für sich selbst, sondern auch für den MMA-Sport in Deutschland, um ihn positiv darzustellen und auf ihn aufmerksam zu machen. Ist das eine Rolle, die auch Du Dir als GMC-Champion aufbürdest?
Natürlich. Was einem immer bewusst sein sollte, man ist immer Vorbild. Hier in Frankfurt ist das MMA Spirit ein Name. Jeder, der dort kämpft, wir haben eine Vorbildfunktion. Unsere Aufgabe ist es einfach, das Ganze gut zu verkaufen und gut darzustellen. Den Sport eben auch dadurch zu fördern und das Image zu verbessern. Klar ist es ein harter Sport, aber am Ende ist es eben immer ein fairer Sport.

Wenn wir schon über Dich als Champion sprechen, dann kommen wir doch nun mal zu Deiner anstehenden Aufgabe. Am 7. März verteidigst Du in München zum ersten Mal Deinen GMC-Titel im Federgewicht. Was bedeutet Dir dieser Titel? Und wie ist es im Vergleich zum GMC-Titel im Bantamgewicht, den Du ja schon vor Jahren gewonnen hattest?
Der Gürtel im Federgewicht bedeutet mir auf jeden Fall mehr als der damals im Bantamgewicht. Das liegt aber an den damaligen Umständen. Ich wusste damals schon nach dem zweiten Kampf, dass ich das Gewicht für die Gewichtsklasse dauerhaft nicht machen kann. Es war einfach nicht gesund. Ich wusste daher schon immer, dass ich im Federgewicht kämpfen werde, es war immer schon meine Gewichtsklasse, auch im Ringen. Das ist jetzt mein Titel. Aber weil Du das Wort Titelverteidigung ansprichst, ich habe da sowieso meine eigene Philosophie. Im Endeffekt verteidige ich den Titel nicht. Ich habe den Titel bei GMC 22 gewonnen, den kann mir keiner nehmen. Ich gebe ihn jetzt also vor GMC 24 ab und hole ihn mir dann erneut.

Hilft dir das mental, wenn du dich wieder in der Rolle als Jäger siehst, dass du etwas erobern musst?
Es hilft auf jeden Fall. So bleibe ich hungrig und versuche, mir „einen weiteren Titel zu holen“.

Wir haben vorhin lang und breit über das Ringen gesprochen und du wirst auch weiterhin, obwohl du mittlerweile seit Jahren im MMA kämpfst, immer noch auf das Ringen reduziert. Ärgert dich das nicht manchmal?
Ja gut, im letzten Kampf hat mein Ringen extrem herausgestochen. Es war in dem Kampf einfach eine Waffe. Ich nehme es daher niemandem übel. Solange ich kein Ausrufezeichen gesetzt habe, indem ich etwa durchgehend im Stand bleibe, versteh ich es. Und solange das jeder denkt, auch meine Gegner, kann das auch ein Vorteil sein.

Du triffst am 7. März auf den Brasilianer Felipe da Silva Maia. Er ist in Deutschland noch ein unbeschriebenes Blatt. Was können wir von ihm und vom Kampf gegen dich erwarten?
Ich denke, dass ich einen Gegner vor mir habe, der das genaue Gegenteil von Ömer Solmaz ist. Sein Stil ist das genaue Gegenteil meines letzten Kampfes und das ist interessant für mich und bestimmt auch für Außenstehende. Vielleicht sieht man jetzt einen ganz anderen Saba Bolaghi, der das Ringen ganz anders einsetzt. Ich halte mich mit Vorhersagen ja immer zurück. Aber das Ringen ist eben eine Waffe, ich entscheide, wo der Kampf stattfindet. Er ist ein guter Grappler und das weiß ich natürlich.

Er hat den Großteil seiner Siege durch Submission geholt. Willst du trotzdem mit ihm auf die Matte, vielleicht auch, um dir selbst etwas zu beweisen?
Ich will einfach clever kämpfen. Ich habe schon in meinem letzten Kampf bewiesen, dass ich da recht smart bin. Ich kenne seine Stärken und will die neutralisieren.

Vor einem Jahr warst du noch verletzt, jetzt stehst du als GMC-Champion vor der ersten Titelverteidigung, bzw. zweiten „Titel-Eroberung“ und hast vielleicht sogar eine ganz kleine Chance auf Olympia. Wo sehen wir dich in einem Jahr?
Durch meine Verletzungsgeschichten in den letzten drei und vier Jahren kann ich dazu einfach nichts sagen. Jedes Mal, wenn ich nachgedacht und Pläne geschmiedet habe, wo ich ein Jahr später stehen möchte, ist es ganz anders gekommen. Mein Fokus liegt jetzt auf GMC. Je nachdem, wie sich das alles entwickelt, wie die nächsten zwei oder drei Kämpfe und „Titel-Eroberungen“ enden, wird man weitersehen. Ich möchte in diesem Jahr zwei bis drei Mal kämpfen, wenn ich fit bleibe und GMC Bock draufhat.

Das Interview führte Alexander Petzel-Gligorea.

GMC 24 findet am 7. März im Münchener Audi Dome statt. Tickets für die Veranstaltung bekommt ihr hier. Die Veranstaltung wird zudem auf ranFighting.de übertragen.