Interviews

Ralph Fischer: „Bruce Lee ist der Vater des heutigen MMA!“

Ralph Fischer und sein Buch „Jeet Kune Do: Das Vermächtnis von Bruce Lee“.

Jeet Kune Do ist ein modernes Selbstverteidigungssystem nach den Lehren und der Philosophie von Bruce Lee. JKD ist auf Einfachheit, Direktheit, Effizienz und Schnelligkeit aufgebaut. Es beinhaltet alle vier Kampfdistanzen (Kicken, Boxen, Nahkampf, Bodenkampf) und verwendet bestimmte Strategien, Konzepte und Prinzipien. Wir sprachen mit Sifu Ralph Fischer, dem Autor von „Jeet Kune Do: Das Vermächtnis von Bruce Lee“, der in diesem Lehrbuch seine über 35-jährige Erfahrung in den Kampfkünsten als Wettkämpfer und Lehrer verbindet. Fischer ist Full-Instructor für JKD und Inosanto Kali, Lehrer für MMA, BJJ, und Kickboxen und vertritt die Ämter als Sportdirektor und Bundestrainer für MMA und Grappling.

Ralph, wie kamst du überhaupt zum Kampfsport? Wer waren deine Vorbilder bzw. der Grund für deine Entscheidung dein Leben umzustellen?
Ich habe mit 8 Jahren, immer wenn ich an unserem  Kino in der Stadt vorbei gelaufen bin, Poster von Bruce Lee Filmen hängen sehen, und davon war ich irgendwie beeindruckt. Mit 10 Jahren habe ich dann mit einem Freund und seinem älteren Bruder meinen ersten Bruce Lee Film (die Todesfaust des Cheng Lee) auf VHS gesehen und war sofort begeistert. Danach folgten dann noch seine weiteren Filme und Bücher, die ich studiert habe. Von da an war mir klar, dass ich Kung Fu oder Kampfsportlehrer werden möchte. Leider gab es damals noch keine Kung Fu Schule bei uns im Ort, so dass ich es erst mal mit Karate, Judo und Boxen versuchte, was mir aber alles nicht so richtig zusagte. Mit 10 Jahren kam ich dann zum Ringen, das ich dann auch über 10 Jahre aktiv betrieben habe, davon zwei Jahre lang in der zweiten Bundesliga beim AB-Aichhalden. Leider wurde ich dort von vielen Verletzungen geplagt und war auch ein bisschen satt, weshalb ich dann mit Kickboxen und Shaolin Kung-Fu begonnen habe. Nach einer längeren Pause begann ich dann mit Wing Chung Kung Fu und erlernte dies bis in die Oberstufe, bis ich dann zum ersten Mal, vor etwa 12 Jahren, Kontakt zu Udo Müller (Fullinstructor und Privatschüler unter Dan Inosanto) bekam, und mit Jeet Kune Do und Inosanto Kali begann. Um meine Bodenkampffähigkeiten zu verbessern, habe ich dann zusätzlich noch vor ca. fünf Jahren eine BJJ Instructor-Ausbildung unter Michael Haselein absolviert.

Wann wusstest du, Jeet Kune Do will ich mein Leben widmen?
Für mich bedeutet JKD Freiheit. Ich bin nicht an alte Traditionen und festgefahrenen Strukturen und Muster gebunden und muss mich nicht an deren Regeln, Gesetze und Gebote halten. Auch die Philosophie die dahinter steht inspiriert mich sehr, und ich versuche so gut wie möglich danach zu leben. Als ich zum ersten Mal mit JKD in Berührung kam, war für mich klar, dass ich dies, solange es meine Gesundheit und mein Leben zulässt, betreiben und verbreiten werde.

Was ist der Unterschied zw. JKD und anderen Kampfsportarten in deiner Sicht?
Der Unterschied zu anderen KS-Arten ist im Prinzip gar nicht so groß, denn jede Kampfsportart oder System hat etwas für sich. Nur, dass sich JKD eben nicht nur auf ein System und dessen Eigenschaften begrenzt, sondern die Eigenschaften der verschiedenen Systeme miteinander verbindet und nach einem bestimmten Konzept, Strategien und Prinzipien handelt, welche im Buch aber detailliert beschrieben werden.

Ist JKD deiner Meinung nach effektiv für echte Kämpfe oder gar MMA?
Für mich ist JKD auf eine Art MMA, nur eben ohne Regeln, da es für die Selbstverteidigung und den Straßenkampf entwickelt wurde. Bruce Lee ist für mich persönlich der Vater des heutigen MMA, was man auch zum Teil in seinen Filmen schon erkennen konnte. Es beinhaltet alle vier Kampfdistanzen, den Stand- aber auch den Bodenkampf. Die oben erwähnten Eigenschaften des JKD lassen sich natürlich auch sehr gut im MMA umsetzen. Denn, wenn beide Kämpfer physisch und technisch einmal auf dem selben Level sind, entscheidet über Sieg oder Niederlage, wer  für diesen Kampf die bessere Strategie und das bessere Konzept hat, worauf das JKD aufgebaut ist.

Du bist Lehrer für JKD, MMA, BJJ, Kickboxen, Inosanto Kali – wie verbindest du Kampfsport und Selbstverteidigung?
JKD, Inosanto Kali und auch BJJ in seinem Ursprung sind im Prinzip SV Systeme, bei denen es keine Regeln im Gegensatz zum MMA und Kickboxen gibt. Wobei das heutige BJJ zum größten Teil auf den Wettkampf mit Regeln ausgelegt ist. Deshalb unterrichte ich die Systeme in meinem Gym auch einzeln. Die Basis bildet dabei aber immer das JKD, so das dessen Struktur auch in die anderen Unterrichtseinheiten mit einfließen. Im Gegenzug ist das physische Training der Kampfsportarten wieder sehr gut geeignet, um seine SV Fähigkeiten zu verbessern und um im Notfall zu überstehen.

Wann kam dir die Idee zum Buch „Jeet Kune Do: Das Vermächtnis von Bruce Lee“ – und was wolltest du bezwecken?
Meinem Buchpartner Guido Silverling, bei welchem ich schon in dessen Buch „Der Weg des Kämpfers“ mit einem JKD-Part dabei war, haben die Texte auf meiner Website sehr gut gefallen, so dass er mich dazu animiert hat das Buch zu schreiben. Ich wollte ein JKD-Lehrbuch verfassen, da es dies in so einer Form noch nicht gab. Und ich wollte das Interesse für diese einzigartige Kunst bei den Leuten wecken, damit es weiter verbreitet wird, was es auch verdient hat.

Was sind die Schwerpunkte des Buches und warum ist es nicht nur für JKD-praktizierende Kämpfer geeignet?
Der Schwerpunkt liegt in den Basistechniken und dem Konzept mit seinen Prinzipien und Strategien, weshalb es auch für jeden Kampfsportler oder Kampfkünstler geeignet ist, unabhängig vom Stil. Aber auch Nicht-Kampfsportler können sich ein Bild über die realistische Selbstverteidigung nach der Methode von Bruce Lee verschaffen.

Im Buch schreibst du, dass JKD sich in ständiger Entwicklung befindet und sich den „Gefahren der heutigen Zeit“ anpasst. Was meinst du damit?
Es kommen im Jeet Kune Do ständig neue Techniken aus anderen Systemen oder Kampfsportarten hinzu, die sich auch im Wettkampf wie MMA, BJJ, K1 oder Thai- und Kickboxen bewiesen haben, in denen zwei ausgebildete Kämpfer aufeinander treffen. Auch diese Systeme entwickeln sich weiter, so dass man sich ihnen anpassen oder etwas gegen sie entwickeln muss, um gegen sie bestehen zu können. Auch sind die Gefahren der heutigen Zeit gefährlicher als früher, als man einen am Boden liegenden Gegner hat wieder aufstehen lassen um weiter zu kämpfen, und nicht weiter auf ihn eingetreten hat bis er das Bewusstsein verlor, oder sogar von mehreren Leuten zusammengetreten wird, was leider immer mehr zur Mode wird. So passt sich JKD diesen Umständen an und ist dadurch in ständiger Entwicklung.

Reicht das Buch alleine, um JKD (zum Teil) zu erlernen – oder empfiehlst du Kurse?
Um JKD wirklich richtig zu erlernen, reicht dieses Buch allein natürlich nicht aus. Dazu sollte man schon eine anerkannte JKD Schule mit einem qualifizierten Lehrer besuchen. Es dient aber zur Unterstützung des Unterrichts und es enthält, wie schon erwähnt,  nicht nur Techniken, sondern auch ein Konzept mit den dazugehörigen Prinzipien und Strategien die nicht nur für das JKD geeignet sind.

Welche Rolle Bruce Lee in deinem Leben gespielt hast du erwähnt, aber welche Auswirkungen hätte es, deiner Meinung nach, für KS in Deutschland (oder weltweit) ohne ihn gegeben?
Ich denke, für mich und viele andere war er der Auslöser, um mit Kampfsport zu beginnen. Er spielt bis heute und auch in Zukunft eine sehr große Rolle in meinem Leben, da er durch seine Philosophie mein Leben sehr beeinflusst hat. Ich denke auch, dass ohne ihn und seine Filme die Kampfkunst und der Kampfsport nie dort stehen würden, wo er heute steht, und man seinen Lebensunterhalt oder einen guten Nebenverdienst als Kampfsportlehrer bestreiten könnte.

Du bist nicht nur als Bundestrainer und Sportdirektor des WFMC tätig, sondern auch als Veranstalter. Was können wir demnächst wieder von dir/euch erwarten?
Mein Partner, Jam von der Linde, und ich, wollten nach dem Erfolg der 1. German Cagefight Championship die 2. Edition schon im Mai dieses Jahres veranstalten. Leider war dies nicht möglich, weil uns die Stadt VS keine öffentliche Halle zur Verfügung stellen darf, da dass Bildungsministerium 2009 Cagefight wortwörtlich geächtet hat und dies in öffentlichen Hallen verbietet. Daraufhin wollten wir den Event im Oktober durchziehen, was aber leider auch nicht möglich ist, da die Messehalle in Schwenningen, welche wir mieten wollten, laut derer Aussage schon das  ganze Jahr besetzt ist. Seitdem warten wir auf eine Zusage für einen Termin im Frühjahr 2016. Sollte das auch nicht gehen, wären wir gezwungen den Event an einen anderen Ort im Süden zu verlegen. Wir halten euch aber auf jeden Fall auf dem Laufenden. Außerdem ist eine K-1- und MMA-Gala im Ring zum 10-jährigen Jubiläum meines Gym´s gegen Ende des Jahres geplant. Vorausgesetzt, ich bekomme ein Halle dafür von der Stadt, auf dessen Zusage ich noch warte.

Wir bleiben gespannt und wünschen dir/euch viel Erfolg.
Ich danke euch für das Interview.

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