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Peter Sobotta: Ich fühle mich wieder wie mit 18!

Peter Sobotta (Foto: Dorian Szücs/GNP1.de)

Am 28. September endet die Wartezeit. Dann wird Peter Sobotta zum ersten Mal nach anderthalb Jahren wieder im Octagon der UFC stehen. Der 32-Jährige wagt gegen den Italiener Alessio Di Chirico den Neuanfang im Mittelgewicht. Mit GNP1.de sprach Sobotta vorher über seine Vorbereitung, die persönlichen Veränderungen und weitere Ziele in der UFC.

GNP1.de: Hallo Peter. Letzte Woche wurde dein Comeback-Kampf für die UFC Fight Night am 28. September in Kopenhagen gegen Alessio Di Chirico angekündigt. Wie fühlt es sich an, wieder einen Kampf anstehen und ein Ziel vor Augen zu haben?
Peter Sobotta: Sehr gut, sehr gut. Ich spüre das Feuer. Ich habe Bock drauf, es passt mir alles in meinen Kram, mein Privatleben ist gut geordnet. Ich bin Vater geworden, ich ziehe um, mein Gym ist umgezogen, dann war auch noch Nova. Außerdem hatte ich noch zwei Verletzungen, einen gebrochenen Wirbel und eine Steißbeinfistel. Das ist alles in den letzten anderthalb Jahren passiert, also langweilig war mir nicht. Ich war auch viel auf der Matte, ich war jeden Tag im Gym. Aber ich war vom Kopf her nicht so da, um mich voll auf einen Kampf zu konzentrieren. Würde ich jetzt irgendwo national kämpfen, könnte ich das vielleicht so nebenbei machen. Aber in der UFC muss ich zu 100 Prozent da sein, da darf es keine Ablenkung geben. Alles muss sich aufs Training und den Kampf konzentrieren. Die Strukturen habe ich jetzt gelegt. Jetzt kann es losgehen. Ich habe richtig Bock, ich fühle mich wieder wie 18.

Du sprichst die vielen Veränderungen in deinem Leben an. Die Familie ist größer geworden, es war viel los mit deinem Gym, dann bist du selbst unter die Veranstalter gegangen. Merkt man das im Training, dass manche Sachen nicht so gehen, wie sie sollen, weil man vielleicht andere Dinge im Kopf hat?
Wenn man gewaltige Probleme hat, ist es schwierig, sich gut aufs Training zu konzentrieren. Als Profi kann ich es trotzdem, aber es ist natürlich besser, wenn man im Kopf fokussiert auf den Kampf ist und keine Nebenkriegsschauplätze existieren. Wenn nur Training und Kampf im Kopf sind, kann man am besten und effektivsten arbeiten. Ich muss aber dazu sagen, nur zu kämpfen und nur meine Karriere als Kämpfer zu haben, wäre zu wenig für mich. Damit wäre ich unterfordert. Ich bin ein Workaholic, brauch immer neuen Input, muss immer auf der Überholspur sein. Nur zu kämpfen, wäre mir zu langweilig. Es ist gut so, wie es alles ist. Aber es war einfach zu viel und nicht mit einer Karriere als UFC-Kämpfer zu vereinbaren.

Wie steht es um deine Gesundheit? In deinem letzten Interview hast du ein paar größere Verletzungen öffentlich gemacht, wie geht es deinem Nacken und deinem Auge?
Dem Auge geht es gut, da gibt es keine Probleme mehr. Bei meinem Nacken waren die Schmerzen selbst nach 60 Stunden Physiotherapie, Krankengymnastik und Krafttraining immer noch nicht weg, also habe ich sie einfach mit acht Cortison-Spritzen betäuben lassen und jetzt spüre ich halt gar nichts. Auf dem MRT sieht man, dass alles gut verheilt ist, aber ich werde nie wieder schmerzfrei trainieren. Aber die Gewissheit, dass alles gut zusammengewachsen ist, reicht mir, um in den Kampf zu gehen. Mit ein wenig Schmerz kann ich leben.

Ist die neue Verantwortung, die du persönlich hast, auch einer der Gründe für den Wechsel ins Mittelgewicht?
Ich würde das Limit im Weltergewicht immer noch schaffen. Viel schwerer als vor meinem letzten Kampf bin ich jetzt auch nicht, vielleicht ein oder zwei Kilogramm. Aber es ist jetzt einfach nicht mehr miteinander zu verbinden, die Diät und der Weight Cut sind zu intensiv. Ich habe jetzt Familie, mein Business, dazu ein großes Wettkämpferteam. Dabei noch so eine harte Diät durchzustehen, das ist einfach nicht mehr machbar.

Peter Sobotta nimmt neuen Anlauf im Mittelgewicht (Foto: Dorian Szücs/GNP1.de)

Wie wird der Wechsel vollzogen? Cuttest du zum Schluss einfach weniger oder wirst du trotzdem noch etwas Masse aufbauen?
Es ist schon lange vorbereitet. Ich habe direkt nach meiner Niederlage in London beschlossen, ins Mittelgewicht zu wechseln. Seitdem trainiere ich ein wenig anders. Ich hatte eine lange Kraftphase, bin richtig stark geworden, noch stärker als vorher. Wir haben uns konzentriert, die Power hochzukriegen, da ist natürlich auch das Gewicht ein wenig hochgegangen. Zur Orientierung, beim letzten Training habe ich 215 Kilo Kreuzheben und 165 Kilo Kniebeugen gemacht. Da geht also schon ordentlich was. Genug Power fürs Mittelgewicht ist also da. Ich vergleiche mich mit meinen Kollegen und was Kraft angeht, bin ich sogar noch stärker als viele. Natürlich ist da die Reichweite, meine Gegner werden ein bisschen größer sein, aber körperlich werde ich gut mithalten können.

Was ist dann die große Veränderung?
Dass die Diät wegfällt. Ich werde am Ende trotzdem einen Weight Cut machen, weil ich diesen Prozess perfekt beherrsche und den Vorteil nicht weggeben will. Ich will trotzdem so auf 90 Kilo hochkommen, weil ich das auch jetzt schon schaffe, innerhalb einer Woche auf 84 Kilogramm runterzukommen. Aber ich muss mich eben nicht mehr zwei Monate lang kalorienreduziert ernähren, sondern essen, wie ich Hunger habe und mich gesund und fit fühlen. Damit steigt auch die Trainingsqualität und davon erhoffe ich mir auch einen Leistungszuwachs.

Wo siehst du in der neuen Gewichtsklasse deine Vorteile?
Eigentlich ist das Mittelgewicht schon länger mein Lieblingsgewicht. Da kommen Schnelligkeit und Power zusammen, aber das Tempo ist ein wenig geringer als im Welter. Die Kämpfer sind ein wenig langsamer, dafür haben sie mehr Power und mehr Bumms. Wenn ich es schaffe, meine Spritzigkeit zu übertragen, dann werde ich da gut sein. Ich muss mich weiterhin gut bewegen, schnell rein- und rausgehen, dann passt die Sache. In der Vergangenheit, als Grappler, war es für mich gegen die schweren Jungs immer leichter. Im Bodenkampf sind mir die schweren Jungs lieber, weil sie weniger beweglich und schnell sind und das liegt mir vom Stil her besser. Am Boden werde ich noch gefährlich sein und wenn ich es im Stand schaffe, schnell und spritzig zu sein, ist das ein gutes Erfolgsrezept für mich.

Hast du generell etwas an deiner Vorbereitung verändert?
Ich habe jetzt vier Monate jeden Tag intensives Krafttraining gemacht, um die Masse draufzupacken. In den letzten zehn Wochen lassen wir die Stangen jetzt weg, da läuft die gewohnte Wettkampfvorbereitung. Ich habe mit Zbigniew Raubo einen neuen Box-Trainer im Gym und da habe ich kämpferisch im letzten Jahr die größten Fortschritte gemacht. Ich merke, wie sich meine Reaktionen, meine Fußarbeit, meine Meidbewegungen, meine Schlagkraft deutlich verbessert haben. Das ist eine neue Würze, dass meine Hände jetzt stärker sind. Ansonsten ist das mein 25. Profi-Kampf, da habe ich ein gutes System und einen guten Plan und fahre da wie gewohnt. Ich hole mir wieder gute Sparringspartner, die zu meinem Gegner passen und ich denke, dann läuft alles rund.

Du wirst in Nordamerika noch ein paar Wochen in New York bei Renzo Gracie vorbeischauen und dich dort ein wenig vorbereiten, was erhoffst du dir von dort?
Da sind momentan einfach mit die besten No-Gi-Grappler der Welt unterwegs. Was mich so weit gebracht hat, war zu 80 Prozent mein Grappling. Und ich habe an meiner stärksten Waffe in den letzten vier Jahren nach meiner Kreuzband-OP am allerwenigsten gearbeitet. Ich grapple immer noch viel, aber ich habe mich da nicht so weiterentwickelt wie etwa im Standkampf. Ich will den nächsten Kampf am Boden gewinnen, da bin ich meinem Gegner überlegen. Da will ich noch einen Tick gefährlicher werden und mich mit den Besten der Welt messen. Mit Gary Tonon und Gordon Ryan trainieren, mir einen neuen Input holen und mein BJJ gefährlicher zu machen. Es sind nur zweieinhalb Wochen, da darf man keine Wunder erwarten. Manchmal sind es aber auch schon Kleinigkeiten, die große Veränderungen bewirken. Das erhoffe ich mir.

Peter Sobotta will wieder mehr auf den Bodenkampf setzen (Foto: Dorian Szücs/GNP1.de)

Du hast im April gesagt, dein nächster Kampf könnte dein letzter sein, falls sich die UFC von dir trennen würde. Wie schätzt du in Anbetracht dessen dein Matchup ein? Die UFC ist ja nicht gerade dafür bekannt, erfahrenen Veteranen Gefallen zu tun, wie man ja immer wieder sieht.
Der nächste Kampf ist immer der Wichtigste. Auch wenn du gewonnen hast, willst du weiterkommen. Was danach passiert, ist jetzt im Moment nicht wichtig für mich. Aber natürlich habe ich mir da auch schon vor Monaten Gedanken gemacht. Ich denke nicht, dass die UFC meinen Vertrag nicht verlängert, selbst bei einer Niederlage. Ich bin seit meiner Rückkehr bei vier Siegen und zwei Niederlagen. Außerdem denke ich, dass ich den Kampf gewinnen werde, dann ist eh alles gut. Außerhalb der UFC zu kämpfen, ist für mich aber nicht mehr reizvoll. Die UFC ist mein Zuhause, ich habe lange darauf hingearbeitet. Für mich ist der Gedanke, woanders zu kämpfen…das will ich einfach nicht mehr machen. Falls es doch so weit kommt, hat mein Manager schon gemeint, dass wir den Abschiedskampf dann einfach in Balingen machen, aber ich bin UFC-Kämpfer und da will ich auch meine Karriere beenden. Ich hoffe aber, dass es noch lange dauert. Ich bin heiß, ich habe Bock, aber sehr viel hängt natürlich vom nächsten Kampf ab.

Wenn man selbst schon vom Herbst der Karriere und vielleicht vom Ende spricht, welche Ziele setzt man sich da noch?
Erst gestern habe ich zu meinem Trainer gesagt, dass erst mal einfach nur gewinnen das Ziel ist. Nach der langen Pause und dem Wechsel der Gewichtsklasse von Titel zu reden, das ist Ami- und Promo-Gelaber. Ich bin Realist. Ich will einfach nur den nächsten Kampf machen, bevor ich den Mund wieder aufmache. Wenn meine Gesundheit mitmacht und ich weiterhin Spaß habe, dann denke ich, dass alles drin ist. Ich trainiere mit den Besten der Welt und mache ja auf meinen Auslandsreisen immer Sparring mit den Besten und konnte schon als Weltergewicht gut mithalten. Vielleicht werde ich im Mittelgewicht einfach noch besser. Es gibt ja genügend Beispiele, wie der Wechsel nach oben einem Kämpfer guttun kann. Vielleicht werde ich jetzt erst richtig strahlen. Lasst euch überraschen. Ich kann nur versprechen, dass ich wieder top-vorbereitet in den Kampf gehen werde. Nach dem Kampf können wir uns dann über die langfristigen Ziele unterhalten. Das Ding ist, ich bin in einer komfortablen Situation, ich habe die Schäfchen im Trockenen. Das Business läuft und die Familie ist gesund. Ich bin sehr glücklich und an einem Punkt, wo ich nicht mehr um meine Existenz kämpfen muss. Ich habe noch nie so wenig Druck gehabt wie jetzt und bin total gechillt. Ich kann den ganzen Prozess viel mehr genießen. Ich habe die Diät nicht mehr. Vielleicht ist genau das das Geheimrezept. Mehr Lockerheit, mehr Spaß, vielleicht bringt mich genau das jetzt noch in die Top Ten.

Bis dahin steht ja noch Alessio Di Chirico im Weg. Er ist ein alter Bekannter von dir, du hast ihn ja mal ein wenig unter deine Fittiche genommen und ihr kennt euch also schon. 
Also ich will mich jetzt nicht als großer Mentor darstellen. Er ist ein wenig jünger als ich und als er das erste Camp in den USA gemacht hat, saßen wir im Flieger nach Miami nebeneinander. Ich kannte ihn nicht, aber er hat mich erkannt und wir haben dann rausgefunden, dass wir zufällig beide auf dem Weg zum American Top Team waren. Dort haben wir nebeneinander gewohnt und zusammen trainiert. Ich habe ihm beim Grappling und Ringen ein wenig geholfen, dort, wo eben meine Stärken liegen.

Ist das nicht komisch, sich dann auf einen Kampf gegen ihn vorzubereiten?
Jetzt, wo wir gegeneinander kämpfen müssen, ist er natürlich nicht mein Wunschgegner, aber es ist nichts persönliches. Gegen ein Teammitglied oder einen guten Freund wie Jotko würde ich nicht kämpfen. Aber wenn ich jeden ablehnen würde, mit dem ich trainiert habe und den ich sympathisch finde, da müsste ich viele Kämpfe ablehnen. Ich haue auch jeden Tag im Training meinen besten Kumpels auf die Schnauze, da kann ich es auch im Kampf machen. (lacht)

Nur, dass du im Training ja ein wenig zurückziehst.
Ja, natürlich. Aber ich will nie meine Gegner verletzen, das tut mir auch immer sehr leid, wenn es mal passiert, wie damals bei Nicolas Dalby mit dem Jochbein. Das tut mir immer leid, ich will das nicht. Ich wünsche das keinem. Die meisten Kämpfer sind mir sympathisch, die sind wie ich und haben den gleichen Traum und die gleiche Leidenschaft. Es ist halt Sport. Von daher kann ich auch gegen ihn kämpfen. Ich würde nie den Wunsch äußern, das freiwillig zu machen, aber wenn mir die UFC den Vertrag hinlegt, dann mache ich das auch. Ich lehne keine Kämpfe ab.

Peter Sobotta im Duell mit Nicolas Dalby (Foto: Dorian Szücs/GNP1.de)

Das ist jetzt eine Kehrtwende zu deinem letzten Gegner Leon Edwards. Der ging dir ja zum Schluss schon sehr auf die Nerven, jetzt eben das genaue Gegenteil in Di Chirico. Verändert das die mentale Herangehensweise?
Mit dem war es persönlich, weil der Typ ein Arschloch ist. Ich habe nichts mit ihm zu tun gehabt und ich bin jemand, der im Hotel dem kommenden Gegner auch mal ‚Hallo‘ sagt und ihm alles Gute wünscht und die Hand gibt. Wir haben uns im Hotel gesehen und der Typ hat mich einfach weggeschubst. Ich verstehe es, wenn Kameras da sind, aber das war eine Woche vor dem Kampf im Hotel, wo niemand sonst war. Ich kannte ihn nicht und habe nie über ihn geredet und er schubst mich weg und macht mich blöd an, das habe ich dann auch persönlich genommen. In dem Moment wollte ich ihm echt eine reinhauen. Das war dann aber auch der Fehler im Kampf, ich habe mit zu viel Emotion gekämpft und nicht auf meine Ecke gehört. Die wollte, dass ich ihn runternehme und ich wollte ihm die Fresse polieren. Das war mir eine Lehre, ich muss bei mir bleiben und darf nicht emotional sein beim Kämpfen. Ich hatte immer Erfolg, wenn ich einen kühlen Kopf bewahre. Sowas wird mir nicht mehr passieren.

Di Chirico ist ja bisher auch nicht sonderlich durch große Sprüche und Kampfansagen aufgefallen.
Nein, er ist ein respektvoller, anständiger Typ mit guten Manieren. Ein guter katholischer Italiener. Trash Talk ist nicht sein Ding. Er weiß sich zu wehren, wenn man ihn attackiert, aber er ist wirklich ein feiner Kerl.

Wie schätzt du ihn als Kämpfer ein?
Er ist kräftig, gesund, motiviert und hat eine gute Kondition. Seine Stärken liegen im Stand, da hat er gute Ellenbogen im Clinch. Er ist aggressiv, wenn er Blut riecht. Natürlich ist es eine neue Herausforderung. Ich gehe da ran, wie wenn es ein Titelkampf wäre. Er ist auf dem Papier aber nicht der härteste Gegner und mein Manager hatte sich einen größeren Namen gewünscht, aber mir ist das egal. Mir ist nur wichtig, zurückzukommen und wieder zu kämpfen. Wenn ich da ein Statement setze, kann man von da aus wieder nach den Sternen greifen.

Wie denkst du, wird der Kampf ablaufen? 
Ich will ihn finishen. Ich habe auch gesehen, wie weit mich die Kämpfe gebracht haben, die ich vorzeitig gewonnen habe, im Vergleich zu den Punktsiegen. Ein vorzeitiger Sieg ist einfach das Dreifache wert. Da ist es auch okay, gewisse Risiken einzugehen und den Druck zu erhöhen, auch mit der Gefahr, dass hinten raus die Puste ein wenig ausgeht. Klares Ziel ist es, ihn zu finishen. Ob im Stand oder am Boden, das ist egal. Druck machen, nach vorne gehen, schlau kämpfen und probieren, das Finish zu suchen, das ist das klare Ziel.

Wir wünschen viel Erfolg.

Das Interview führte Alexander Petzel-Gligorea