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Pacco Koscielniak: „Es ist die pure Leidenschaft für den Sport”

Pacco Koscielniak ruft zur "Final Round". (Foto: Bartosz Koscielniak)

Am kommenden Sonntag steht mit der Kampfsport-Nacht von Leverkusen die „Final Round“ für Veranstalter und Lokalmatador Bartosz „Pacco“ Koscielniak an. Ein letztes Mal eine knallharte Vorbereitung, ein letztes Mal der Walk In zum Ring und ein letztes Mal, so hofft man, wird am Ende die Faust des Siegers vom Ringrichter in die Höhe gehoben. GnP1 sprach mit Koscielniak direkt vor dem Kampf, was ihn zum Rücktritt bewegt hat und welche Pläne er für die Zukunft hat.

GnP1.de: Pacco, am 4. Juni gibt es die nächste Ausgabe der Kampfsportnacht in deiner Heimstadt Leverkusen. Wie laufen die Vorbereitungen?
Ich bin in Topform. Seit einem halben Jahr steht das Event und auch die Titelkämpfe. Daher bin ich seitdem schon im Training und natürlich auch an der Vorbereitung des Events.

Der Titel „Final Round“ ist Programm, denn es soll dein letzter Kampf werden. Fühlst du dich etwa schon zu alt?
Ich bin in meinen besten Jahren. Leider muss ich mir eingestehen, dass ich nicht mehr 20 Jahre alt bin. Ich habe die Erfahrung  und auch noch die Motivation. Aber am Ende möchte man den richtigen Absprung, im richtigen Moment tun. Mit meinen 36 Jahren bin ich in der Blüte meiner Zeit und offen für neue Aufgaben und neue Herausforderungen. Nun gilt es mit dem Kapitel „aktiver Kampfsportler“ erfolgreich abzuschließen und sich neuen Aufgaben widmen.

Was waren die ausschlaggebenden Gründe dafür, dass es jetzt zu deinem Rücktritt kommen wird?
Das viele neue,  andere Dinge auf mich im Leben warten. Eine Familie gründen, andere Sportarten wie das Alpin-Trail-Running oder Alpine Klettern haben in den letzten Jahren meine Leidenschaft geweckt. Diese Dinge möchte ich anpacken, aber immer ist der Kampfsport im meinem Kopf. „Du könntest doch noch einen Kampf machen, halt dich fit“. ist immer im meinem Kopf. Mit dem Abschluss, schaffe ich vor allem ein Ende in meinem Kopf. Dort muss es klick machen und ich muss es abschließen…am liebsten, natürlich erfolgreich mit einem Sieg.

"Pacco" Koscielniak hat noch immer gut lachen. (Foto: Bartosz Koscielniak)

Hast du die Entscheidung alleine für dich selbst getroffen bzw. in wie weit hast du auch mit deiner Frau darüber gesprochen?
Jeder Mann der verheiratet ist, weiß was für eine Macht die Ehefrau hat. Ich habe mich mit meiner Frau zusammen gesetzt und mit ihr darüber gesprochen. Sie sagte: „Gott sei Dank, ist das endlich zu Ende.“ Aber irgendwie habe ich das Gefühl, sie glaubt mir nicht oder sie hat Angst dass ich mir was anderes, schlimmeres in den Kopf setze und das durchsetzen will. 

Jetzt könnte es ja auch passieren dass du am 4. Juni mit leeren Händen da stehen wirst. Wäre dann ein weiterer Kampf eine Option?
Mit leeren Händen? Nein. Ich habe 57 Profi-Kämpfe bestritten und habe sehr viele Höhen und Tiefen im Ring erlebt. Ich freue mich riesig auf den Kampf. Durch den Gegner aus Bangkok bin ich natürlich total motiviert und bereit, alles zu geben. Und wenn es nach dem Kampf als I-Tüpfelchen den Gürtel gibt, wunderbar! Und wenn nicht, habe ich die Freude gehabt, wieder im Ring zu stehen und meiner Passion nach zu gehen. Und zur Not ist der GBC-WM Gürtel ist ja noch in meinen Händen.

Du wärst ja nicht der erste Kämpfer mit dem Rücktritt vom Rücktritt. Warum fällt es deiner Meinung nach anderen so schwer loszulassen?
Jedem fällt es schwer, das loszulassen was er liebt. Wir alle suchen den Adrenalinkick. Im normalen Leben ist alles so langweilig. Arbeiten, einkaufen, Auto in die Werkstatt bringen usw., das sind alles Dinge die zum Alltag gehören, aber einem nie richtig das Gefühl geben, richtig zu Leben. Wer aber mal nach einen achtstündigen Berg-Marathon mit 3000 Höhenmetern durch das Ziel läuft oder auf einem Gipfel eines 4000er stand oder den vollen Genuss spürt, in einem ehrlichen und fairen Muay-Thai-Kampf im Ring zu stehen, wer diesen Kick mal erlebt hat, weiß, wovon ich rede und weiß dann auch, was Leben in voller Intensivität bedeutet. Dann spürst du am ganzen Körper dass du lebst.

Wenn jetzt Glory, Kunlun, WLF oder Max Muay Thai anklopfen würden, könnte dich das dann noch einmal motivieren?
Ich habe nie ein gutes Angebot ausgeschlagen. Als ich damals gegen Denis Schneidmiller Deutscher Meister wurde, dachte ich es geht nicht mehr höher. Danach habe ich gegen Paulo Balicha in Basel gekämpft. Ihn kannte ich aus dem Fernsehen aus DSF, der Super League. Auf einmal stand ich ihm im Ring gegenüber, da dachte ich, es geht nicht mehr weiter. Danach kam das Angebot im Lumpinee in Bangkok zu kämpfen. Da war ich auf dem Olymp angekommen…dachte ich. Danach ging es mit Slamm Event nach Suriname und ich stand dort neben Tyrone Spong, Marco Pique und meinem Idol Andy Souwer im Ring. Was ich damit sagen möchte ist, dass ich immer die Chancen ergriffen habe, die mich bei meinem Lebenstraum weitergebracht haben. Würde ein Angebot kommen, und damit meine ich nicht finanziell gesehen, sondern würde das Angebot mir einem Topfighter anbieten, wie könnte ich da nein sagen? Ich hoffe meine Frau liest diesen Artikel nie.

Am Sonntag wird es noch einmal ernst. (Foto: Bartosz Koscielniak)

Du hast dich für diesen letzten Kampf noch einmal in das Trainingslager nach Thailand begeben. Was nimmt ein alter Hase wie du noch an Erfahrungen mit?
Man lernt nie aus. Jeder Sportler muss jeden Tag an sich arbeiten. Ich bin zu mir sehr streng und sehr kritisch. Ich trinke seit Dezember keinen Schluck Alkohol, sogar das alkoholfreie Bier fällt weg. Keine Süßigkeiten, wenig Kohlenhydrate. Nie bin ich vollständig mit meiner Leistung zufrieden und möchte mich verbessern und an mir arbeiten. In Thailand trainiert man anders. Die Thais sind knüppelhart, aber sehr fair und stolz, das Farans, also Ausländer, ihren Sport praktizieren. Seit Jahren fliege ich dort mit meiner Frau hin. Dort kann ich meine Kondition, die Kicks und das Clinchen verbessern. Mit dem Boxen haben die Thais es ja bekanntlich nicht so. Man lernt das ganze Leben dazu.

Hast du während den Vorbereitungen gespürt das es dir schwer fällt, dich noch so richtig zu quälen, oder dass das Gewicht machen nicht mehr ganz so einfach von statten geht wie vielleicht noch vor fünf oder zehn Jahren?
Ich bin eh das ganz Jahr über in meinem normalen Gewicht von 72 kg. Ich laufe sehr viel und daher ist das Gewichtmachen nicht so ein Problem. Bin im April noch den Marathon in Bonn gelaufen. Aber man muss mit zunehmendem Alter natürlich aufpassen was man isst und vor allem wie viel. Ich esse nämlich am lieben sehr viel und zudem auch sehr gerne. Und an Motivation hat es mir von der ersten Sekunde an nicht gefehlt. Mein Gegner Bangkla ist aktiver Fighter und war Thailand Champion. Hat über 100 Kämpfe - mehr Motivation braucht man wohl nicht, um den Ernst der Lage zu erkennen.

Du hast in deiner Laufbahn eigentlich im Vergleich zu anderen nie eine große Klappe gehabt um an Kämpfe zu kommen, wäre es im Nachhinein vielleicht besser gewesen, auch mal richtig auf den Putz zu hauen?
Ich habe mich immer gemeldet wenn es gute Kämpfe gab. Als ich in Suriname auf dem Slamm Event gegen Samranchai aus Bangkok gekämpft habe, wusste ich, dass es nicht gut um meine Chancen steht. Ich arbeite acht Stunden täglich, bin kurzfristig eingesprungen, musste in der Arbeit um den Urlaub bitten…einfach nur Stress. Und Samranchai ist Profiboxer. Er trainiert zweimal am Tag, hat ein Management, das ihn abholt und zum Flughafen bring. Er muss nur "Ja" sagen und alles andere wird für ihn organisiert. Als wir dann im Ring standen, habe ich zwar nach Punkten verloren, aber ich habe Leistung gebracht. Voll fünf Runden nach Full-Muay-Thai-Regeln haben wir gefightet und es war eine hervorragende Leistung von mir. Und das hat mir dann weitere Türen für noch bessere Kämpfe geöffnet. Es gab damals kein Marketing, wie es heute der Fall ist. Wir wollten fighten und nach dem Sieg ist vor dem Sieg. Heute zählen Bilanzen, Facebook-Profile und nicht immer ist die Leistung gerechtfertigt. Ich war immer da, das Gewicht stimmt, die Leistung wurde gebracht und es gab keine Starallüren. Es ist einfach nur die pure Leidenschaft für den Sport.

Ein Multi-Talent im Sport. (Foto: Bartosz Koscielniak)

Wenn du auf deine Laufbahn schaust, welche Momente sind dir da besonders in Erinnerung geblieben?
Alle Kämpfe habe ich positiv in Erinnerung. Der größte emotionale Moment war schon das Lumpinee Stadium in Bangkok. Es war alt, marode und hatte dadurch den puren, ehrlichen Charakter des Muay-Thai-Sports. Es ging nur um den Sport. Keine Politik um Geld oder Kampfbilanzen. Der Fight war hart, blutig und doch so fair und sauber. Ein einmaliges Erlebnis für mich als jungen Sportler damals. Aber das größte Ereignis war das erste Thai-Fight-Event in Bangkok, bei dem ich Deutschland vertreten durfte. Es war groß und es war professionell. Die Kämpfer wurden extra für eine Woche nach Bangkok geflogen, um bei einem Fotoshooting und einer Pressekonferenz zu erscheinen. Das Event war riesig und wurde im TV live ausgestrahlt. Als ich Jahre später vor dem Lumpinee-Stadium war, wurden die Thai-Fight-Videos mit dem Plakat auf dem Cover, also auch mit meinem Gesicht drauf, dort verkauft.

Ist Dein Abschied auch der Abschied der Kampfsport-Nacht?
Natürlich nicht. Unser Verein hat in den letzten Jahren wirklich klasse Events gemacht. Wir hatten zwar mit 450 Zuschauern eine kleine Halle, konnten aber dennoch immer Top-Paarungen auf die Beine stellen. Tomek Makowski gegen Bihes Barakt war eine wahre Ringschlacht ohne gleichen, die UFC-Championesse Joanna Jedrzejczyk  hat zwei Mal auf unserem Event gekämpft. Daran sieht man, dass es bei unseren Events um Qualität geht und nicht um die Quantität. Ich kenne die Kampfsport-Szene und beobachte das Geschehen seit Jahren. Irgendwie habe ich immer den richtigen Riecher, wenn es um klasse Paarungen geht. Kurzum: dieses Jahr wird es nur ein Event geben, aber 2018 werden wir natürlich zurück kommen.

Auf was dürfen sich die Zuschauer am 4. Juni neben deinem WM-Kampf noch alles freuen?
Wir haben ein klasse Programm auf die Beine gestellt. Satte 20 Kämpfe schmücken unsere Fightcard. Neben 5 Fightern aus meinem Gym werden regionale Fighter und Fighter aus dem Ausland wie Bangkok oder Libanon an den Start gehen. Wir werden zwei ProAM-DM-Meisterschaften und eine ProAM-WM im Leichtkontakt haben. Mario Pascher und ich bestreiten unsere letzten Kämpfe im Ring. Dazu werden wir Stars wie Willi Herren, Menderes, Norman Langen, Joey Heindle oder Rene Weller live vor Ort haben.  Seit einem halben Jahr arbeite ich schon an der Umsetzung des Events. Zum Glück habe ich tatkräftige Unterstützung von allen Seiten. Wir hatten mit ein paar Absagen zu kämpfen, aber nun steht alles und der Besuch lohnt sich allemal.

Pacco & K-1 Max Legende Andy Souwer. (Foto: Bartosz Koscielniak)

Die letzten Worte im Interview, sie sollen natürlich ganz alleine dir gehören.
Ich freue mich über jeden, der unser Event besucht und unseren Fighter und mir die Daumen drücken kommt. Ich bin dankbar, so eine Gesundheit zu haben, freue mich, dass meine Familie, Freunde und vor allem meine Frau mich bei allen unterstützen und freue mich auf den letzten Fight. Es wird ein hartes Stück Arbeit, aber ich werde jede Sekunde, jeden Tritt den ich austeile und kassiere, genießen. Ich freue mich, den einen oder anderen am kommenden Sonntag in der Halle zu sehen. Vielen Dank an GnP1.de, speziell an Dich Tobias, für das Interview und hoffentlich bis bald.