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Noad Lahat: „Im Octagon fliegen keine Kugeln“

Noad Lahat wird Samstag seinen ersten Kampf seit UFC Berlin bestreiten (Foto: Nazariy Kryvosheyev).

Drei Mal stand Noad Lahat bisher im Octagon der UFC – letztmalig im Juni letzten Jahres bei UFC Berlin und wieder an diesem Wochenende in Las Vegas – und ist dort in mehr als eine brenzlige Situation geraten. Trotzdem sind die Runden im Käfig nichts gegen das, was der erst zweite Israeli im Kader der UFC im Sommer 2014 durchmachte, als inmitten seines Trainingscamps Krieg in seiner Heimat ausbrach.

Bevor Lahat zum ersten Mal MMA-Handschuhe überstreifte, hatte er schon eine Waffe in der Hand. In Israel werden Jugendliche mit 18 Jahren zum Militärdienst eingezogen, und so tauschte der begeisterte Judoka den Gi gegen Uniform und Fallschirm ein.

Nach den dreieinhalb Jahren in den Israel Defense Forces (IDF) entdeckte Lahat seine Liebe zu den gemischten Kampfkünsten und nach einigen frühen Erfolgen zog es ihn schließlich einmal um die halbe Welt nach Kalifornien, wo er sich der renommierten American Kickboxing Academy um Cain Velasquez, Daniel Cormier und Luke Rockhold anschloss. Seine Zeit als Soldat hatte der junge Israeli an diesem Punkt bereits abgehakt – nicht aber die Bereitschaft, eines Tages im Notfall die Waffe wieder aufzunehmen.

Als der Konflikt zwischen Israel und der radikalislamischen Hamas 2014 einmal mehr eskalierte, zog die kleine Gegend am südöstlichsten Zipfel des Mittelmeeres, um die seit Jahrzehnten gerungen wird, die Blicke der ganzen Welt auf sich. Zwölftausend Kilometer entfernt war Noad Lahat natürlich einer der am besten informierten Beobachter, dem schnell bewusst wurde, dass es für ihn nicht dabei bleiben würde.

Vom Käfig in den Krieg

Nach seinem Punktsieg gegen Steven Siler bei UFC on FOX 12 im Juli 2014 erfuhr auch die MMA-Welt von seinen Plänen, direkt im Anschluss an den Kampf nach Israel zu fliegen und sich seiner alten Einheit anzuschließen: „Ich habe hier Spaß, es ist mein Job, aber ich werde kein Zuhause mehr haben, wenn ich jetzt nicht zurückkehre“, so Lahat noch im Octagon zu Kommentator Joe Rogan. „Das ist etwas, das ich wirklich nicht tun will – ich möchte hier bleiben, ich möchte mich nach den letzten zwei harten Monaten ausruhen – aber ich muss zurückgehen, wenn ich auch weiterhin eine Heimat haben will.“

Die Feindseligkeit, die seine Heimat seit Jahrzehnten umgibt, macht Lahat seit jeher schwer zu schaffen. Gleichzeitig ist er notfalls dazu bereit, die Interessen seines Landes mit der Waffe in der Hand zu vertreten: „Als Soldat gibt es nichts, das ich mir sehnlicher wünsche als Frieden. Ich will nicht zusehen, wie mein kleiner Bruder zur Armee geht. Ich will nicht noch mehr Blut und Morden sehen. Blut darf nur hier im Octagon fließen.“

Blut war aber trotzdem wieder geflossen, während Lahat sich in den Staaten auf seinen eigenen Kampf vorbereitete.

Wirklicher Friede herrscht nie zwischen Palästinensern und Israelis, im Juni 2014 aber sorgten wechselseitige Entführungen und Ermordungen von palästinensischen bzw. israelischen Jugendlichen für eine erneute Eskalation des Konflikts. Vom Gaza-Streifen aus schoss die Hamas Raketen auf israelisches Gebiet, woraufhin Israel die Armee sowie zehntausende Reservisten für eine Bodenoffensive mobilisierte.

Als der Konflikt zum Krieg wurde, rackerte sich Lahat gerade im Trainingscamp mit dem AKA-Team ab und verlor sofort den Fokus, wie er nach seinem UFC-Sieg den anwesenden Reportern beschrieb: „Es war so hart. Die letzten zwei Monate habe ich nicht eine Nacht durchgeschlafen. Ich bin morgens vor dem Computer aufgewacht, habe Nachrichten gelesen und mit meiner Familie gesprochen, bis ich irgendwann gemerkt habe, dass ich zu spät zum Training war. Ich bin dann todmüde ins Gym gegangen, zum Sparring, weil ich natürlich immer noch einen Kampf anstehen hatte.“

„Das war das schlimmste Trainingscamp, das ich je hatte. Die einzige Ablenkung für mich war das Training, aber auch nur solange, wie ich tatsächlich im Gym war.“

Für Lahat stand also sofort fest, dass er so schnell wie möglich zurück musste, obwohl er die Vorstellung eigentlich verabscheute. Tatsächlich wäre er sogar schon vor dem Kampf gegen Siler nach Israel geflogen, wäre seine Einheit schon früher an die Waffen gerufen worden.

„Ich tue das nicht, weil ich es liebe. Ich hasse jede Sekunde davon. Ich hasse es, die Uniform zu tragen. Ich hasse es, eine Waffe zu halten. Es ist kein Spaß, aber es ist etwas, das ich tun muss. Allein der Gedanke an meine Großmutter – sie ist 80 Jahre alt und hat 15 Sekunden Zeit, um sich in Sicherheit zu bringen, wenn die Raketen kommen. Und währenddessen bin ich hier in Sicherheit. Das ist falsch, das sollte nicht so sein. Ich sollte da sein und helfen.“

Mit Bodyguards in Berlin

Diese Einstellung setzt Lahat selbstverständlich einer Menge Anfeindungen aus – vor allem online, wo er unter anderem immer wieder auch Todesdrohungen erhält. So stellte die UFC Lahat in Berlin Bodyguards zur Seite, nachdem er von radikalislamischen Fundamentalisten bedroht wurde.

 „Man hat mich schon alles Mögliche genannt, ‚Babykiller’ oder einfach ‚Mörder’“, so Lahat, der am Samstag bei der 82. UFC Fight Night in Las Vegas auf Diego Rivas treffen wird. „Aber ich höre da gar nicht hin. Wenn mich jemand hasst, dann hasst er mich halt. Die Leute, die mich lieben, lieben mich.“

Wenige Tage nach dem Kampf gegen Siler setzte Lahat seine Pläne in die Tat um und schloss sich seiner alten Einheit in Israel an; das war Ende Juli 2014. Am 26. August, knapp einen Monat später, einigten sich die beiden Parteien auf eine Waffenruhe. Bis dahin mussten schätzungsweise 2000 Palästinenser und 70 Israelis ihr Leben lassen, daneben gab es zigtausende Verletzte.

Was genau er im Grenzland zwischen Israel und Palästina erlebt hat, darauf will Lahat nicht so recht eingehen. „Es war Krieg“, bringt er lediglich die Situation auf den Punkt, die er in seiner Heimat vorfand. „Das, was man in den Medien gesehen hat, war das, was ich dort erlebt habe.“

Nachdem Ende August absehbar wurde, dass der Waffenstillstand fürs Erste halten würde, blieb Lahat noch eine Weile in seiner Heimat und konnte nach den intensiven Monaten endlich ein paar ruhige Tage in Sicherheit mit seiner Familie verbringen: „Ich habe die freie Zeit genossen, und dann musste ich mich auch noch von meinen Verletzungen rehabilitieren.“

Lahat hatte nicht etwa Kriegsverletzungen erlitten, allerdings trug er bereits monatelang fünfzehn Knochenfragmente in seinem linken Ellbogen mit sich herum und bestritt seine ersten beiden UFC-Kämpfe mit dieser Einschränkung. Nach der Reha kehrte er zu früh ins Gym zurück und verletzte sich gleich noch einmal. Anschließend erwartete seine Frau ein Kind – „ich wollte nicht im Trainingscamp sein, während sie schwanger ist“ – und so dauerte es beinahe ein Jahr, bis Lahat nach dem Sieg gegen Steven Siler endlich ins Octagon zurückkehren konnte.

In Berlin fuhr er gegen Schweden-Talent Niklas Bäckström in einem actionreichen Grappling-Kampf einen knappen Punktsieg ein und setzte damit einen gelungenen Schlusspunkt hinter ein Jahr, das einer emotionalen Achterbahnfahrt glich.

Nachdem sein Leben wieder in die Fugen geraten ist, konnte sich Noad Lahat nach der Berliner Fight Night als frischgebackener Vater verletzungsfrei und mit zwei UFC-Siegen in Folge wieder ohne schlechtes Gewissen den schönen Seiten des Lebens widmen: „Das hier macht Spaß. Das schlimmste, was passieren kann, ist ein Schlag ins Gesicht. Im Octagon fliegen keine Kugeln, ich muss dort keine Angst haben, nicht mehr nach Hause zu kommen.“

„Das schlimmste, was passieren kann, ist ein Knockout. Ist mir schon passiert, danach bin ich aufgewacht und habe mir ein Bier gegönnt“, sagt er mit einem Lachen. „Ich bin hier, um Spaß zu haben und nicht, um mir Stress zu machen. Wenn ich meine Einlaufmusik höre und mein Name ausgerufen wird, dann habe ich ein Lächeln im Gesicht.“


Dieser Artikel erschien ursprünglich in Ausgabe 4/2015 des GNP1-Magazins.