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Niklas Stolze: Wir müssen uns in Deutschland nicht verstecken!

Niklas Stolze (Foto: Alexander Petzel-Gligorea/GNP1.de)

In drei Tagen steigt Niklas Stolze in Balingen in den Käfig von Nova FC. Der 26-jährige Magdeburger bestreitet dabei den Hauptkampf gegen Omar Jesus Santana. Stolze freut sich auf den Kampf in Balingen und hofft, dass Nova FC ein Impuls für die deutsche MMA-Szene sein kann, die seiner Meinung nach immer noch große Probleme, aber auch großes Potenzial mit sich bringt.

Nova FC findet am 13. April statt, ab 18 Uhr überträgt ran Fighting live.

GNP1.de: Niklas, nur noch wenige Tage bis zu deinem Kampf gegen Omar Jesus Santana in Balingen. Du bestreitest den Hauptkampf bei Nova FC und bist dabei einer der wenigen deutschen Kämpfer, die nicht aus dem Süden stammen. Verspürst du da mehr Druck als sonst?
Niklas Stolze: Ganz und gar nicht. Da ist viel Freude. Ich habe schon ein paar Mal in Balingen trainiert und ich freue mich, viele Freunde von dort wiederzusehen. Es ist am Ende, wenn die Türen zugehen, auch nur ein weiterer Kampf. Die Vorfreude ist aber auf jeden Fall ein bisschen größer als sonst.

Du wirst auch das erste Mal auf ran Fighting kämpfen. Macht das für dich einen Unterschied?
Eigentlich nicht. Ich bin der Meinung, das wäre schon längst überfällig gewesen. Ich hätte schon vor ein, zwei Jahren die Main Events und die Aufmerksamkeit kriegen können. Ich hoffe jetzt einfach, dass das alles perfekt läuft und es keinen Ärger gibt. Und dann auf gute Resonanzen. Damit wir alle an einem Strang ziehen und MMA Stück für Stück Richtung Mainstream schieben. Damit wir bald echt die UFC im Fernsehen sehen können. Und nicht mehr eine Million Apps oder Accounts brauchen, um uns Events anzuschauen. Damit jeder sehen kann, dass wir nicht mehr die bösen Jungs sind wie früher.

Du hast den Mainstream angesprochen, befindet sich die deutsche MMA-Szene auf einem guten Weg dorthin?
Ich denke, dass sich die Szene schon weiterentwickelt. Ich hoffe aber, dass die Leute offener werden und mehr zulassen. Der Fortschritt unserer Szene ist nur durch Neid und Missgunst gestoppt. Wenn wir alle mehr an einem Strang ziehen würden, könnte es noch besser werden. Auch wir im Osten. Derzeit traut sich kaum jemand, etwas auf die Beine zu stellen. Vielleicht werden die Leute aber wach, wenn jemand wie ich ein ordentliches Interview gebe, einen guten Kampf mache und Interesse wecke. Ich entspreche ja auch nicht dem typischen Klischee eines Kämpfers aus dem Osten. Ich habe einen sehr soliden Lebenslauf, vernünftigen Schulabschluss und eine Lehre gemacht, bin gebildet und kann mich ausdrücken. Und ich bin noch nie politisch oder anderweitig negativ aufgefallen. Ich habe vielleicht mal ein paar arrogante Sachen gesagt im Bereich MMA, aber das sind Stänkereien, die jeder macht. Die Leute sollen mich einfach kennenlernen. Und wenn die Leute mich kennenlernen, lernen sie auch den neuen Osten kennen. Ich will den Osten ja nicht verändern, aber ich denke, es ist einfach mal an der Zeit, dass man die Mauer aus den Köpfen entfernt, dass man gar nicht mehr in Ost und West denkt. Wir können unsere Geschichte nicht verändern und werden immer der Osten bleiben, alleine geographisch. Aber die Grenze können wir einfach mal abschaffen, die im Kopf immer noch da ist. Ich will da aber gar nicht nur über die ostdeutsche Szene reden, ich spreche von einer gesamtdeutschen Szene. Dass jetzt nicht alle miteinander befreundet sind, verstehe ich schon, aber die deutsche Szene ist einfach super schwer.

Inwiefern?
Es fehlt an Events, es fehlt an einer richtigen Amateur- und Profi-Szene. Es fehlen auch finanzielle Mittel, das ist einfach katastrophal in Deutschland. Man muss sich einfach auf der Zunge zergehen lassen, was jemand in Deutschland mit MMA verdient und wie viel Zeit er darin investiert. Das ist immer ein Minusgeschäft. Und solange sich das nicht ändert, werden die Sportler auch nicht vorankommen. Wenn die Sportler gutes Geld verdienen, freuen sie sich auch viel mehr auf ihre Kämpfe bei großen Events. Dann lohnt es sich nämlich auch, diese ganze Aufopferung. Jeden Tag das frühe Aufstehen, das tägliche Training, die Diät, der Verzicht auf die Zeit mit der Freundin, Freunden, Familie, man muss wirklich Abstriche machen. Das ist hart wie Sau. Ich weiß, dass die Veranstalter alle mit den Augen rollen, wenn einer eine entsprechend Gage verlangt. Aber für das Geld, dass mir ein Veranstalter bezahlen will, steige ich in den Käfig, mache vorher neun Wochen Vorbereitung, muss meine Miete und mein Auto bezahlen, um zum Training zu kommen und natürlich meine Ernährung. Wenn man das zusammenrechnet, muss ich da vielleicht sogar noch Geld reinbringen, um den Kampf zu machen. Solange da kein Plus für den Kämpfer rauskommt, wird sich das auch nicht verbessern. Weil dann auch die Motivation fehlt. Das sieht man ja auch, unsere Szene ist sehr inaktiv geworden. Es gibt kaum noch Leute, die wie früher vier oder fünf Kämpfe im Jahr machen. Und ich bin mir sicher, die könnte man machen, wenn man richtig bezahlt wird. Weil man dann auch die Mittel und Wege hat, um sich mal richtig zu regenerieren. Aber so kämpft man vielleicht nur ein oder zwei Mal im Jahr, weil man nebenbei noch 40 Stunden in der Woche arbeiten muss.

Niklas Stolze bei Hype FC (Foto: ControlMasterManagement)

Trotzdem stehen viele Kämpfer Schlange, um auf den Events ihr Können zu zeigen.
Man sieht diese ganzen Veranstaltungen als sein Mekka an. Man will unbedingt auf guten Veranstaltungen kämpfen. Der Drang nach Anerkennung und nach Aufmerksamkeit ist so groß. Ich habe da in England eine richtig schlechte Erfahrung gemacht, das war alles nicht gut organisiert, es gab schlechtes Geld. Ich habe da immer meine Klappe gehalten, weil ich dankbar war, dass ich überhaupt dort kämpfen konnte. Aber mittlerweile habe ich auch andere Erfahrungen gemacht und gesehen, dass dann auch meine Leistung besser war. Im Nachhinein macht man sich dann schon Gedanken, dass alles hätte besser laufen können, wenn die Veranstaltung einem ein wenig mehr entgegengekommen wäre und meine Abläufe im Vorfeld nicht permanent gestört worden wären.

Was fehlt, um die Bedingungen für Kämpfer in Deutschland zu verbessern?
Vielleicht brauchen wir einfach einen Breakout-Star für die Szene. Was Gustafsson in Schweden ist oder Conor in Irland oder Bisping in England. Typen, die eine ganze Nation huckepack genommen und in der UFC richtig abgeliefert haben. Dahinter kann sich was bilden, wenn man geschlossen hinter einem steht. Und das hatten wir bisher einfach noch nicht. Peter Sobotta hat seit seiner Rückkehr konstant gute Leistungen abgerufen, aber er ist einfach kein Typ, der gerne in die Öffentlichkeit geht. Nick Hein hat es versucht, ist aber ein wenig abgedriftet. Nasrat Haqparast könnte vielleicht so ein Typ werden, aber vielleicht möchte er das gar nicht für Deutschland sein. Wir haben die Jungs, die das hätten machen können, auch ein Daniel Weichel. Aber vielleicht will das auch nicht jeder.

Peter Sobotta sieht das ähnlich, spricht davon, dass man einen Michael Schumacher für die deutsche MMA-Szene braucht. Meinst du, dass das schon ausreicht?
Es ist eben richtig schwer. Die Medien helfen uns nicht. Die Szene-Medien helfen zwar, aber haben nicht genug Macht, um uns nach da oben zu schießen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass man will, dass wir Deutschen dumm bleiben. Dass sie wollen, dass wir nicht offen für Neues sind. Es passt einfach nicht in unser deutsches Fernsehen. „The Expendables“ und „Walking Dead“ laufen hoch und runter, aber der MMA-Sport darf nicht gezeigt werden. Ich verstehe es einfach nicht. Wir haben so viele gute Leute, die sich auch ordentlich ausdrücken können. Unsere Spitzenkämpfer sind ja keine volltätowierten Schwerverbrecher. Daniel Weichel hat zwei Mal um den Bellator-Titel gekämpft, warum sieht man davon nichts im Fernsehen? Oder auch mal einen Bericht über Peter Sobotta oder über Nasrat? Das sind alles gute vorzeigbare Athleten, die sich auch ausdrücken können. Aber das will irgendwie keiner. Ich setze mich von mir aus auch zehn Mal im Jahr ins Frühstücksfernsehen, solang es dem Sport etwas bringt. Aber solange dabei nicht an den Sport gedacht wird und das Bild des Sports in den Mainstream-Medien weiterhin so schlecht ist, bringt das einfach zu wenig. Da kann man auch als Szene wenig machen, auch wenn man noch so viele gute Kämpfe zeigt. Da passiert einfach nicht viel.

Du hast Nasrat Haqparast angesprochen. Er hat einmal gesagt, dass man als Kämpfer aus Deutschland im Ausland trainieren muss, um Erfolg zu haben. Wie stehst du zu so einer Aussage?
Wir Deutschen brauchen uns gar nicht verstecken. Das ist so ein bisschen Hype, wenn man mal außerhalb trainiert. Ich habe beim SBG in Dublin trainiert und danach gesagt, dass ich nie wieder auf einem anderen Niveau trainieren will. Aber es ist nicht alles Gold, was glänzt. Ich denke, wenn man sich ein Team aufbaut, mit dem durch Höhen und Tiefen geht und sein Team mitzieht, dann kann man auch auf hohes Niveau kommen. So haben die Iren, Engländer, Schweden, Polen auch angefangen. Man kann natürlich ins Ausland und sich dort im Training und Sparring auf ein besseres Level bringen oder den Feinschliff holen. Aber ich glaube, der wirkliche Kämpfer wächst und entsteht nur im eigenen Team. Ich glaube auch nicht, dass es ein Vorteil ist, wenn man ständig in verschiedenen Gyms trainiert, dann kann man sich ja gar nicht irgendwo heimisch fühlen. Und sind wir mal ehrlich, wir Deutschen haben so gute Gyms. Das Planet Eater bringt seit Jahren so starke Kämpfer hervor, auch das MMA Spirit mit der lebenden Legende Daniel Weichel. Wir haben richtig gute Gyms, aber, weil wir das Denken haben, dass wir uns aus Deutschland verpissen müssen, ist es vielleicht auch so, dass wir international nicht so mithalten können. Das sollte aber jeder für sich entscheiden. Wenn einer in Amerika trainieren möchte, ist das nicht meine Sache. Aber ich denke einfach nicht, dass wir unbedingt weggehen müssen. Wir sind eine starke Ringer-Nation, wir haben hunderte BJJ-Schwarzgurte, wir haben so viele gute deutsche Kämpfer, so viele gute deutsche Boxer. Wenn nicht alle so neidisch aufeinander wären, dann könnte man eben auch zusammen trainieren, aber das geht wohl einfach nicht.

Niklas Stolze mit Coach und "Kampfsport-Papa" Sascha Poppendieck (Foto: ControlMasterManagement)

Wie hast du dich jetzt auf deinen anstehenden Kampf vorbereitet? 
Ich habe mich dieses Mal ausschließlich in Magdeburg vorbereitet. Eigentlich schon für den geplanten Kampf im Dezember, der dann ausgefallen ist, weil mein Gegner sich die Hand gebrochen hat. Ich bin nach meinem Kampf im Januar nur für zwei Wochen nach Thailand ins AKA. Ansonsten habe ich alles hier im Gym gemacht und mir alle Trainingspartner ins Gym geholt.

In der Vergangenheit hast du auch des Öfteren im Ausland trainiert, wie hat das dein Coach Sascha Poppendieck, mit dem du ja schon ein paar Jahre gemeinsam unterwegs bist, aufgenommen?
Das gab nie Probleme, im Gegenteil. Er hat mich immer ermutigt. Geh‘ und trainier überall dort, wo du kannst, aber vergiss nie, wo du herkommst, hat er immer gesagt. Ich habe schon überall trainiert, ob Las Vegas, Thailand, beim SBG in Dublin, Polen, Balingen, überall. Aber nirgendwo gefällt es mir so gut, wie zuhause. Ich bin immer wieder dageblieben. Das merkt man auch in unserem Verhältnis und in der Art und Weise wie er mich coacht. Das ist wie Playstation spielen, er drückt die Knöpfe und ich mache.

Du bist seit der Bekanntgabe des Main Events bei Nova FC auch wieder aktiver in den sozialen Netzwerken wie Instagram. Geht heute nicht mehr ohne oder woher kommt das plötzliche Umdenken?
Ich habe mir immer auf die Fahne geschrieben, dass ich nicht bereit bin, für Anerkennung meinen Arsch zu verkaufen. Und wenn man da täglich so aktiv ist und jedem vorgaukelt, wie toll sein Leben so ist, dass man sich da schon so ein wenig verkauft. Weil das nicht real ist. Deswegen hatte ich zwischenzeitlich den Account quasi gelöscht und alle meine Bilder rausgenommen. Aber ich wurde davon überzeugt, dass ich mehr an die Leute herantreten muss. Ich werde auch in Zukunft ein wenig mehr tun, aber auf meine Art und Weise. Ich werde meine Accounts dafür nutzen, den Leuten zu zeigen, wer ich wirklich bin. Ich werde mich da nicht verstellen und kontinuierlich posten, das ist nicht mein Hauptaugenmerk. Social Media ist nicht mein Beruf, Kämpfen ist mein Beruf, Social Media gehört nur ein wenig dazu. Ich sollte tagtäglich aufstehen, rausgehen und versuchen, der bestmögliche Mensch zu sein. Wenn ich tagsüber anständig gearbeitet und trainiert habe, dann kann ich abends vielleicht mal ein Bild posten.

Enriko Kehl hat letztens spaßeshalber gesagt, Instagram muss sein, denn wenn man kein Bild postet, hat man nicht trainiert.
Das ist ein sehr guter Spruch. Aber ja, irgendwie geht es ja dabei nur noch um schöne Bilder. Ich mache viele Fotos mit meinem Hund draußen. Weil das bin ich. Wenn ich mit ihm rausgehe und im Park Spaß mit ihm habe, dann mache ich mal ein Foto, weil der immer ankommt und blöd auf mein Handy glotzt. Wenn sich das anbietet, dann mache ich da was. Aber bei manchen Leuten ist das Tagesinhalt. Ich glaube einfach nicht, dass das der Sinn und Zweck unseres Lebens und unserer Gesellschaft ist. Anstatt zu versuchen, ständig Follower zu generieren, könnte man einfach rausgehen und Leuten helfen. Man könnte sich auch die Zeit nehmen und vielleicht soziale Projekte unterstützen, anstatt sich ständig selbst anzupreisen. Ich glaube, dass es wichtig ist, aber ich denke, dass es einen Unterschied gibt, ob es für einen selbst wichtig ist. Um erfolgreich zu werden, ist Instagram wichtig, aber mir persönlich ist es einfach nicht wichtig.

Du hast soziale Projekte angesprochen, was liegt dir da am Herzen?
Ich engagiere mich aktuell mit dem Sportler-Netzwerk SamForCity für die mitteldeutsche Kinderkrebs-Forschung. In dem Bereich wird noch sehr wenig Aufklärungsarbeit betrieben und das ist ein sehr hartes Thema. Wer ein gesundes Kind hat, sollte dankbar sein. Aber es gibt eben Menschen, bei denen das nicht so ist, gerade Leukämie ist da ein großes Thema und diese Familien werden extrem allein gelassen. Da helfen wir. Wir überlegen auch gerade, im Gym etwas für Kinder, die es sich nicht leisten können, anzubieten. Da müssen wir gerade noch wegen der Kapazitäten schauen, weil ich nichts ankündigen will, was ich dann nicht halten kann. Ich bin bei uns fürs Kindertraining zuständig und mir liegt das am Herzen. Mittlerweile kann ich hier ein bisschen was mit meinem Namen erreichen. Ich bin wohlbehütet großgeworden und hatte Chancen. Man hat für mich gesorgt und meinen Weg geebnet. Es gibt aber viele Kinder, die haben das einfach nicht, die haben niemanden. Und wenn ich etwas weitergeben kann, vielleicht nur fünf Leuten mehr Chancen gebe, dann habe ich vielleicht fünf Leben verbessert, das würde mich auf jeden Fall glücklich machen.

Da scheinen ja viele Projekte in der Pipeline zu sein. Wie geht es nach dem Hauptkampf bei Nova FC für dich persönlich weiter?
Erstmal mache ich Urlaub. Zwei Wochen, in denen mein Handy aus ist und ich nichts vom Gym höre und keinen sehe. Wenn das rum ist, warte ich auf das, was als nächstes kommt. Ich bin bereit für große Aufgaben. Das wissen mein Manager, mein Trainer und mein Team. Ich hoffe einfach, dass ich nach dem Kampf auf einer großen Bühne zu sehen bin. Das wünsche ich mir. Ich werde am 13. April zeigen, dass ich es verdient habe und hoffe, dass man mir einfach die Chance gibt.

Das Interview führte Alexander Petzel-Gligorea