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Neil Seery: “Es fühlt sich gut an, nach all den Jahren noch hier zu sein”

Kann Neil Seery sich in Rotterdam gegen einen harten Gegner UFC-Sieg Nummer vier holen? (Foto: Florian Sädler).

Neil Seery aus der Ruhe zu bringen, ist nicht leicht. Irgendwann inmitten seines üblichen Tagesablaufs aus Arbeit, Training sowie familiären Pflichten und allem, was dazugehört, haben wir das irische Fliegengewicht vor seinem Kampf bei UFC Rotterdam zu fassen bekommen. Von Stress und Hektik findet sich in seiner Stimme keine Spur.

Dabei hätte der 36 Jahre alte Veteran allen Grund, zumindest ein kleines bisschen unter Spannung zu stehen. Nicht nur stehlen wir ihm kostbare Minuten aus seinem durchgeplanten Zeitplan – kommende Woche wird „2Tap“ sich ein paar Tage Urlaub von seinem Lagerhausjob in einer Elektrofirma gönnen und sich auf den Weg nach Rotterdam machen, wo das von Fans rund um die Welt für seine spannenden Kämpfe verehrte Fliegengewicht am 8. Mai bei der UFC Fight Night Nummer 87 ins Octagon steigen wird.

Gegen einen elf Jahre jüngeren ehemaligen Titelherausforderer: Top-Talent Kyoji Horiguchi.

Dass er als Underdog in dieses Duell geht, dessen ist sich Seery bewusst. Er weiß auch, warum das so ist, seinen Puls beschleunigt die Aussicht auf einen harten Kampf trotzdem nicht: „Er hat gute Schläge, gute Takedownverteidigung. Er ist einfach rundum ein guter Kämpfer. Es stört mich aber nicht wirklich, (dass ich der Underdog bin).“

„Wir hatten zwar nach einem Gegner gefragt, der eine gute Position in der Rangliste hat, aber Horiguchi hat um den Titel gekämpft, und das vor nicht allzu langer Zeit. Das Angebot kam daher schon ein wenig überraschend.“

Jetzt, wo der Kampf steht und mit großen Schritten näher kommt, fliegen Ranglisten und Wettquoten aus dem Fenster: „Ich nehme jeden Kampf so, wie er kommt“, sagt Seery. „Jeder neue Kampf ist für mich ein Bonus, deswegen konzentriere ich mich jetzt auf Horiguchi.“

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Seery hat seit 2005 27 Profi-Kämpfe bestritten und im Laufe von mehr als 50 Runden so ziemlich alles gesehen, was der Sport zu bieten hat.

Angesichts seiner Erfahrung ist es beachtlich, dass er erst mit Mitte 20 zum MMA gefunden hat. Gleichzeitig ist das der Grund, warum das Kämpfer-Leben für ihn nicht die einzige Karte ist, auf die er je gesetzt hat – was ihm jetzt trotz eines chronisch hektischen Tagesablaufs zugutekommt, wo seine Karriere im Käfig sich unweigerlich ihrem Ende nähert.

„Das alles ist nur ein Teilstück meiner Reise. Natürlich genieße ich das Kämpfen und das Training – ich lerne alle möglichen Menschen kennen, ich bereise die Welt. Ich liebe es, es gibt nicht viele Menschen, die diese Möglichkeiten bekommen.“

„Aber natürlich, ich bin 36 Jahre alt“, gibt das Fliegengewicht zu, „das alles wird irgendwann ein Ende finden. Ich mache mir aber keine Gedanken darüber, wie mein Leben in zehn Jahren aussehen wird. Ich nehme jeden Tag, wie er kommt, momentan denke ich von Kampf zu Kampf. Das war immer schon meine Perspektive.“

Seery ist kein geborener Athlet, keine PR-Diva und niemand, der nach dem Kämpfen mit einer Film-Karriere liebäugelt. Er ist ein Arbeiter. Jemand, der die Distanzen zwischen Gym, Arbeit und Zuhause seit Jahren mit dem Fahrrad oder als Jogger überbrückt.

„Ich glaube, Motivation ist der Unterschied. Mir wurde immer erzählt, dass ich es nicht schaffen würde und ich wollte den Leuten immer zeigen, dass ich es doch kann. Ich bin mental stark und ich wollte alle immer eines Besseren belehren. Ich glaube, dass mich das vom Rest abhebt.“

Vom Rest der UFC hebt ihn auch und vor allem sein Alter ab: Mit Mitte 30 noch erfolgreich zu sein, und das in der traditionell von ihrer Geschwindigkeit lebenden niedrigsten Gewichtsklasse der UFC, ist eine Leistung für sich. Seery hat in der UFC bisher Phil Harris, Chris Beal sowie Jon Delos-Reyes geschlagen und musste sich lediglich Brad Pickett und Louis Smolka teils äußerst knapp nach Punkten geschlagen geben.

Seine UFC-Laufbahn wäre selbst dann ein gelungener Abschluss einer ereignisreichen Karriere, wenn auf diese Siege nicht mehr viele Kämpfe folgen sollten.

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Bevor Conor McGregor die irische Szene vor drei Jahren ins Rampenlicht hievte, sah die Zukunft für die kämpfenden Iren nicht immer rosig aus. Die Chance, im Fliegengewicht zu kämpfen, hat Seery seit 2010, die Infrastruktur wird erst seit einigen Jahren kontinuierlich besser – wäre er ein paar Jahre später geboren, hätte er es wohl um einiges einfacher gehabt. Derartige Gedankenspiele aber interessieren ihn nicht. Für ihn ist wichtig, dass er trotz allem noch immer vorne dabei ist – als letzter Vertreter der alten Garde?

“Ja, ich komme mir tatsächlich so vor. Wenn ich ein paar Jahre zurückdenke, dann gab es da eine Menge Leute in der Szene, die jetzt nicht mehr dabei sind. Die Gyms eröffnet haben oder sich jetzt völlig anderen Dingen widmen. Ab und zu trifft man diese Leute und es fühlt sich gut an, zu wissen, dass ich den Weg bis heute weitergegangen bin – dass ich mich nach all diesen Jahren noch immer auf dem Weltniveau bewege.“

Und das trotz Ehefrau, Kindern und Vollzeitjob. Seery kennt es nicht anders, und deshalb war es nie ein Problem.

“Ich musste früh Verantwortung übernehmen. Ich habe mit 15 oder 16 Jahren angefangen zu arbeiten. So wurden wir eben erzogen, es ging immer um Arbeit. Ich stehe um sechs Uhr morgens auf, am Nachmittag stemple ich mich aus, danach bin ich im Gym, dann Zuhause bei meiner Familie, dann gehe ich Schlafen und fange wieder von vorne an.“

Obwohl er sich dafür in verschiedene Richtungen zerren muss, denkt er nicht daran, seine Bemühungen in einer davon zurückzufahren: „Ich finde, man tut Dinge ganz oder gar nicht. Ich genieße mein Leben. Ich bin einer von den Typen, die Dinge einfach erledigen. Das bin eben ich, ich bin gerne beschäftigt.“

Das ist Neil Seery, und so funktioniert sein Leben. Kommende Woche wird aus dem pflichtbewussten Familienvater wieder der gern unterschätzte „2Tap“. Die alte Garde, der im Octagon eine vermeintlich unlösbare Aufgabe bevorsteht. Wieder einmal.


Die UFC Fight Night: Overeem vs. Arlovski wird in Deutschland am 8. Mai auf ran Fighting übertragen, die Veranstaltung ist im Black Pass (3,99 Euro pro Monat) enthalten. Neil Seerys Kampf gegen Kyoji Horiguchi wird als Teil des Vorprogramms auf dem UFC Fight Pass gezeigt, der ab 5,99 Euro monatlich auf ufc.tv erhältlich ist.