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Matt Brown: „Ein Teil von mir wusste immer, dass da noch etwas auf mich wartet“

Dem Tod von der Schippe gesprungen: Matt Brown (Foto: Tobias Bunnenberg).

Matthew Burton Brown führt ein geregeltes Leben. Den Großteil des Tages über ist er mit seinem Job beschäftigt, bevor er nach Hause kommt, in seinem liebevoll gepflegten Garten ein gutes Buch liest, Zeit mit seiner Frau und seinen Zwillingssöhnen verbringt oder während eines Motorradausfluges den Kopf freibekommt – ein typischer amerikanischer Mittdreißiger aus dem mittleren Westen eben.

Diese zwei Sätze machen schlicht keinen Sinn, wenn man Brown nur aus dem Fernsehen kennt, denn auf dem Bildschirm hinterlässt er als „The Immortal“ eine Spur der Verwüstung im Octagon der UFC.

Über viele Kämpfer wird gesagt, sie kennen nur den Vorwärtsgang, auf Brown trifft es tatsächlich zu – seine Kämpfe kann man ohne schlechtes Gewissen als garantierte Feuerwerke bewerben. Zuletzt musste er frustrierende Niederlagen gegen Johny Hendricks und Demian Maia einstecken, zuvor konnte sich der „Unsterbliche“ aber mit einer furiosen Siegesserie in der Top Ten etablieren, während derer er u.a. Mike Swick, Mike Pyle und Stephen Thompson besiegen konnte.

Am Samstag wird er bei UFC 201 in Atlanta, Georgia - dem Schauplatz seines Sieges gegen Thompson - in einem der am heißesten erwarteten Duelle des Abends gegen Jake Ellenberger antreten.

Dass er jemals auch nur in die Nähe des prestigeträchtigsten Gürtels im modernen Kampfsport kommen sollte, hätte nach seinem ersten Kampf absolut niemand gedacht.

From Zero…

Was nicht verwunderlich ist, denn in seinem ersten Kampf war Matt Brown auf Koks, trug geborgte Shorts und hatte seinen in letzter Minute von geliehenem Geld gekauften Mundschutz kurz vor dem Kampf in einem benachbarten Restaurant unter heißem Wasser zurechtgeknetet.

Nach einem kurzen Schlagabtausch im Stand schaffte er es wenig später im Käfig, einen Guillotine Choke anzubringen – die einzige ihm bekannte Art, einen Kampf ohne Zuhilfenahme seiner Fäuste zu beenden: „Für meinen allerersten Kampf habe ich nicht einmal trainiert“, erinnert sich Brown heute an sein chaotisches Debüt, das in keiner Statistik jemals auftauchen wird.

Tatsächlich ging er bei seiner Ankunft in der Halle noch davon aus, dass er lediglich einem Freund zusehen würde, der an diesem Abend in den Käfig steigen sollte. Als ein Kämpfer ausfiel, suchte der Promoter auf der Tribüne nach Ersatz und fand ihn in Brown – der nach dem ersten Mal Blut geleckt hatte.

„Ich habe gekämpft und gewonnen, und das ein paar Mal. Bis ich irgendwann auf einen Typen getroffen bin, der mir richtig den Arsch versohlt hat. Das hat mir klar gemacht, dass ich mir vielleicht besser ein Gym suchen sollte, um richtig Kämpfen zu lernen. Das habe ich dann auch getan und dabei habe ich mich direkt in den Sport verliebt.“

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Die Abreibung im Käfig hat Brown dabei gewissermaßen das Leben gerettet, denn zu dieser Zeit steuerte er schnurstracks und ahnungslos auf den Abgrund zu. Alkohol und harte Drogen, so Brown, seien irgendwann einfach aus Langeweile Teil seines Lebens geworden, da ihm Schule und später Arbeit keine wirklichen Herausforderungen boten.

Vor diesem Hintergrund konnte auch der Kampfsport nicht für eine Vollbremsung sorgen – das Kämpfen half Brown lediglich dabei, sich mit einer Hand wieder hoch zu ziehen, nachdem er in Form einer Heroin-Überdosis mit Vollgas über die unvermeidbare Klippe gebrettert war.

Knapp eine Minute lang war Matt Brown klinisch tot, bevor es den Ärzten gelang, ihn zu reanimieren. Normalerweise sollte eine solche Erfahrung reichen, um für ein Umdenken zu sorgen, die eigentlich unmissverständliche Nachricht kam aber nicht so ganz bei Brown an.

„Ich habe es lange nicht als Problem gesehen. Um ehrlich zu sein, war die Überdosis nicht der Wendepunkt. Ich war so naiv. Ich habe mir danach halt gedacht Okay, das solltest du vielleicht so nicht mehr machen. Das war aber keinesfalls ein Wendepunkt.

„Es war ein langer, langsamer Prozess. Das war keine einfache Zeit mit all den Drogen und all dem Alkohol. Erst, als ich das Kämpfen irgendwann wirklich ernst genommen habe, wurde es um einiges leichter, weil mir das eine Menge Spaß gemacht hat. Es hat mir Motivation gegeben und mich positiv denken lassen. Es hat mein Leben von Grund auf geändert.“

…To Hero

Der langsame Prozess begann zunächst damit, dass Brown in der Woche vor dem nächsten Kampf nicht mehr trank. Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen, und so gewann Brown einen Kampf, dann noch einen, hielt sich ein wenig länger als zuvor von Alkohol und Drogen fern und fand bessere Trainingspartner. Ein Kreislauf - nach dem Abrutschen in den Drogensumpf aber dieses Mal ein positiver. 

Nach all dem gerade so überstandenen Drama drängt sich die Frage auf, wie Browns Leben wohl aussehen würde, hätte er nie eine Spritze angefasst – darauf weiß natürlich niemand eine Antwort, denn letztlich hat die ganze Geschichte noch eine gute Wendung gefunden.

„Ich weiß es ehrlich gesagt nicht, was dann wäre. Das ist so schwierig zu beurteilen. Ich wäre definitiv nicht der Mensch, der ich heute bin, wenn es etwas anders verlaufen wäre. Das ist eine ziemlich schwierige Frage.

„Ein Teil von mir wusste immer, dass da noch etwas kommen sollte. Zu dieser Zeit war ich einfach zu naiv, um mein Handeln wirklich beurteilen zu können und ich dachte immer, dass es halt irgendwie weitergeht. In meinem Hinterkopf wusste ich aber, dass da noch etwas auf mich wartete. Es ist dann ja auch zum Glück nicht schlimmer gekommen als es ist.“

Vermutlich gab es ohnehin gar keinen anderen Weg für Brown, dessen Charakter das Extreme in der einen oder anderen Form braucht.

„Das ist Teil meiner Gene. Unglücklicherweise habe ich es auch so ausgelebt, als ich es nicht hätte tun sollen – das kann eben etwas Gutes und etwas Schlechtes sein. Über die Jahre wirst du erwachsen, reifst als Person heran und lernst, das zu kanalisieren. Du lernst, wie du das zum Positiven einsetzen kannst. So habe ich das für mich selbst angewandt: positives daraus machen, anstatt Negatives.“

Und Positives ist definitiv dabei herausgekommen.

***

Brown fand über die siebte Staffel der „The Ultimate Fighter“-Reality-Serie seinen Weg in die UFC, in der er 2011 nach vier Niederlagen in fünf Kämpfen kurz vor dem Rauswurf stand. Anfang 2012 startete er dann jedoch aus dem Nichts eine überragende Siegesserie, während der er sieben Kämpfe in Folge gegen Namen wie Jordan Mein, Erick Silva und Stephen Thompson gewann, sechs davon durch Knockout.

Zwar stoppte Robbie Lawler diesen Lauf im Juli 2014, trotzdem ist die Kehrtwende in Browns Laufbahn unglaublich beeindruckend – nicht einmal der Protagonist der Geschichte selbst kann jedoch erklären, was genau dabei den Unterschied gemacht hat, außer seiner patentierten Zähigkeit in der Hitze des Gefechts, die er in den letzten Jahren immer weiter ausgebildet hat.

„Ein Teil ist gelernt, ein Teil ist angeboren. Man braucht beides. Bei mir ist es eine Mischung aus Genen, Erfahrung und mentalem Training. Es ist der Mix – ich könnte keine einzelne Komponente als Ursprung dafür nennen.“

Dieses Rezept hat in den letzten Jahren jedenfalls Wunder gewirkt für den „Unsterblichen“, der weit gekommen ist in dieser Zeit – Aus Matt Brown, dem in Hinterhof-Shows kämpfenden Drogenwrack, ist der Familienvater mit Haus und Garten Matt Brown geworden, der UFC-Shows vor Millionen Zuschauern im nationalen Fernsehen anführt.

„Manchmal kommst du gar nicht darum herum, auch mal zurückzuschauen. Generell geht es aber um das hier und jetzt. Ich hoffe natürlich, mich in zehn Jahren mal wieder umschauen zu können und dann ein paar coole Dinge zu sehen. Das ist das Ziel.“

Dieser Artikel erschien ursprünglich in Ausgabe 06/14 des GNP1-Magazins.