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Martin Merkt: „MMA macht den Kopf frei!”

Martin Merkt (Foto: FotoSevenSports.com)

Vielleicht erinnert sich mancher noch an Dana Whites Äußerungen vor ein paar Jahren, MMA wäre eine der Sportarten mit dem höchsten Anteil an Akademikern. Dass der UFC-Präsident damit wohl vor allem Athleten meinte, die erst durch sportliche Stipendien Zugang zur Hochschule erhielten, egal. Einer, der tatsächlich als angehender Akademiker auch im Käfig für Furore sorgt, ist Martin Merkt. Seit zehn Monaten im Ring unterwegs, konnte sich der 22-jährige Student der Medizin vergangenen Monat bei Respect.FC bereits den dritten Profi-Erfolg sichern und die Platzierung der German Top Ten bestätigen. Man könnte von einem Senkrechtstart sprechen, stieße der 2,02-Meter-Mann nicht schon körperlich in ungeahnte Höhen vor. Sehen wir hier bereits die ersten Schritte eines neuen Dr. Faust oder doch nur eine Karriere mit Ablaufdatum? GNP1.de hat mit ihm gesprochen.

GNP1.de: Hallo Martin, erst einmal herzlichen Glückwunsch zum Sieg bei Respect.FC. Drei Profi-Siege in Folge, dazu noch einer als Amateur. Das läuft bisher ja ganz nach Plan, oder?
Martin Merkt: Danke. Ja, es ist bisher ganz gut gelaufen. Da kann ich mich nicht beklagen. Ich muss aber sagen, dass ich auch Glück hatte und bisher keine Verletzungen abbekommen habe. Außer einer Augenverletzung, die einen Kampf im Februar verhindert hat, bin ich bisher verschont geblieben.

Wie bist Du überhaupt zum Kampfsport gekommen? Mit Deiner Größe machen die meisten doch eher Basketball oder Volleyball.
Ja, das hab ich sogar. Ich habe mit elf mit Tae-Kwon-Do angefangen und parallel auch Basketball gespielt. Irgendwann habe ich mich nur noch auf Basketball konzentriert. Ich bin dann erst mit 18 zurück zum Kampfsport gekommen, weil ich verletzungsbedingt nicht mehr weiterspielen konnte.

Was hat die Basketball-Karriere genau beendet?
Ich hatte beidseits ein chronisches Patellaspitzensyndrom, das so genannte "Jumpers Knee", dazu Bänderüberdehnungen, einen Bänderriss und an der Lendenwirbelsäule hatte ich auch was. Da hatte vieles mit Überbelastung und Übertraining und mit diesen schnellen Stop-and-Go-Bewegungen zu tun. Zu der Zeit war ich auch noch im Wachstum und da hab ich dann irgendwann unheimliche Probleme mit den Sehnen bekommen. Das ging schon alles ziemlich auf die Bänder und Gelenke. Im MMA habe ich bisher bessere Erfahrungen gemacht und mich deutlich weniger verletzt. Meine Trainer im Combat Club Cologne schauen da auch ganz genau hin und legen großen Wert darauf, dass wir da nicht unkontrolliert aneinander zerren oder sparren.

Vom oft als eher körperlosem Sport verschrienem Basketball zum Vollkontaktkampfsport MMA. Wie kam es zu diesem radikalen Wechsel?
Ich hatte damals in meinem Fitnessstudio einen Kollegen, der schon Kickboxen und ein wenig Grappling gemacht hat. Nachdem ich da einmal mit trainiert habe, hat es mich einfach sofort gepackt, ich hab mir einen Verein in meiner Nähe ausgesucht und gleich ein Probetraining gemacht.

Hattest Du vorher schon Berührungspunkte mit MMA?
Früher lief die UFC ja noch im DSF, da habe ich ein paar Mal reingeguckt, hatte es aber nicht so richtig auf dem Schirm. Bei mir kam es wirklich erst mit dem eigenen Training. Ich habe mich dann, nachdem ich zum Studium nach Köln gekommen bin, auch gleich dem Combat Club angeschlossen.

Foto: FotoSevenSports.com

Kommen wir auf Dein Studium zu sprechen. Als Mediziner lernt man ja eigentlich, den Menschen zu helfen und körperliche Schmerzen zu lindern. Als MMA-Kämpfer machst Du in den Minuten im Käfig das genaue Gegenteil. Ist das für Dich ein Widerspruch?
Nein. Für mich ist das ein sportlich fairer Wettkampf. Da geht's ja nicht darum, jemanden willkürlich zu verletzen. Es geht darum, einen Kampf zu gewinnen und das ist für mich ein großer Unterschied. Ich betrachte den Anderen auch nicht als Feind. Wir sind zwei Sportsmänner, die schauen, wer der bessere Mann ist. Deswegen ist das für mich auch klar getrennt. Und Verletzungen passieren ja auch nur in den wenigsten Fällen.

Da sind sie wieder, die Verletzungen. Überlegt man als Medizin-Student nicht zwei Mal, was da im Käfig alles passieren kann?
Klar denkt man darüber nach. Aber bisher ist ja wissenschaftlich nicht erwiesen, dass MMA schädlich ist. Mir hat ein Arzt sogar mal gesagt, dass man durch das MMA-Training neue Synapsen bildet, weil man seine Reflexe trainiert. Aber klar, sicherlich ganz förderlich kann es nicht sein, wenn man sich gegenseitig auf den Kopf schlägt. Noch gibt es aber einfach keine Studien dazu. Außerdem muss man auch das Positive sehen, MMA ist hervorragend für die körperliche Fitness. Ich glaube es gibt keinen anderen Sport, der den Körper mehr beansprucht. Das ist ein enormes Ganzkörpertraining und Verletzungen gibt es in jeder Sportart. Wenn man mal einen blauen Fleck oder ein blaues Auge hat, das kommt vor, ist es aber auch nicht so schlimm. Die Radfahrer bei der Tour de France legen sich auch regelmäßig hin, das ist auch nicht gesund.

Wie sehen das Deine Kommilitonen oder die Familie? MMA ist ja jetzt kein alltägliches Hobby.
Ich habe bisher noch keine negativen Meinungen darüber gehört. Meine Kommilitonen finden das gut. Die erkundigen sich bei mir immer, wie der Kampf lief und wo ich als nächstes antrete. Die wollen auch informiert werden, wenn ich mal in ihrer Nähe kämpfe. Mein Vater findet es auch gut. Der schaut sich auch meine Kämpfe an, auch wenn er natürlich bisschen Angst um mich hat. Er findet MMA spannend, aber ist natürlich sehr froh, wenn ich da siegreich und unverletzt rauskomme.

„Weight-Cutting” oder Abkochen ist ja in diesem Jahr ein sehr großes Thema in der MMA-Welt, wie stehst Du als angehender Mediziner dazu?
Ich finde das schon sehr krass, wie viel da teilweise gecuttet wird. Also das ist schon sehr schädlich, was mancher da mit seinem Körper anstellt. Wenn ich da höre, dass da zehn Liter über Wasser gecuttet werden und man ja weiß, wie viel Wasser der Körper braucht. Ab einem gewissen Wasserverlust steigt auch die Leistungseinbuße exponentiell an. Meiner Meinung nach sollte man das irgendwo einschränken. Ich weiß nicht genau wie man das anstellen kann, aber es ist einfach ungesund. Es ist ja auch nicht so, als ob man am Tag danach auf dem Sofa sitzt und einen Film schaut. Man muss ja in einen Käfig steigen und Höchstleistungen abrufen.

Es gibt Vorschläge, dass man das Einwiegen am Tag der Veranstaltung abhält. Ich glaube nicht, dass Kämpfer da ihr Tun überdenken. Die würden wahrscheinlich genauso viel Abkochen wie vorher, um den physischen Vorteil gegenüber kleineren Kämpfern zu behalten.
Die wären ja aber dann auch deutlich geschwächter. Da denkt man vielleicht länger nach, bevor man sich dazu entschließt, so schwach in den Ring zu steigen. Klar kann man jetzt sagen, die machen es trotzdem, aber ich würde es mir wirklich zwei Mal überlegen, so in einen Käfig zu treten wenn auf der anderen Seite vielleicht einer steht, der weniger cuttet und entsprechend fitter ist.

Wirst Du da mit Deiner medizinischen Bildung eigentlich auch mal um einen Rat oder dergleichen gebeten?
Nein, soweit bin ich noch nicht. Ich habe jetzt erst die Vorklinik und das erste klinische Semester hinter mir. Die ganzen Krankheitsfälle kommen erst im klinischen Teil des Studiums, da bin ich erst seit einem Semester dran. Ich lerne noch die Basics, also was ist was und wie funktioniert was. Und jetzt in der Klinik lerne ich kennen, was passiert, wenn etwas nicht funktioniert und wie man das wieder hin kriegt. Ich habe ja auch noch einige Semester vor mir. Deswegen bin ich da auch noch nicht der richtige Gesprächspartner, um jetzt schon Ratschläge zu geben.

Als Schwergewicht hast Du mit dem Abkochen ja auch recht wenig zu tun.
Ne, zum Glück nicht. Ein Trainingspartner hat auf der Fahrt zu Respect.FC nach Karlsruhe auch zu mir gemeint, dass man wohl nur als Schwergewicht so einen Luxus hat, vor dem Kampf noch Nudeln zu essen.

Wie lange dauert es dann noch, bis wir von Dr. Martin Merkt reden können? Und wie klappt das mit der Doppelbelastung, wenn es an die Klausuren geht?
Noch mindestens dreieinhalb Jahre. In zweieinhalb Jahren kommt das schriftliche Staatsexamen, ein Jahr später das mündliche. Aber ich glaube jetzt nicht, dass mich das so einschränkt. Auch während des Physikums, was auch eine krasse Lernphase ist, habe ich täglich trainiert. Ich hab mich morgens hingesetzt, hab den ganzen Tag gelernt, war dann froh, dass ich abends zwei Stunden raus konnte zum Training und hab dann anschließend wieder bis nachts gelernt. Das macht auch schön den Kopf frei. Irgendwann hatte ich einen guten Rhythmus drin, dass ich einmal am Tag trainiert und den Rest des Tages gelernt habe.

Klappt das auch, wenn Kämpfe anstehen, also wenn man auch im Training fokussierter sein muss?
Bisher hatte ich keine Probleme. Man wird ja auch von Kampf zu Kampf cooler. Sicherlich gibt es wichtigere und unwichtigere Kämpfe, aber ich hab auch in dieser Klausurenphase gekämpft. Ich habe am 11. Juli einen K-1-Kampf gemacht, eine Woche später dann MMA bei Respect.FC und habe dazwischen Klausuren geschrieben. Also irgendwie kriegt man das schon hin, auch wenn die Gegner natürlich nicht leichter werden.

A propos Gegner. Wie sieht die Zukunft bei Dir aus, wo sehen wir Dich als nächstes in den Ring steigen?
Ich würde dieses Jahr gerne noch zwei Mal kämpfen, einmal bei We Love MMA in Hamburg (10. Oktober, Anm. d. Red.) und dann vielleicht noch bei GMC am 7. November, aber aktuell gibt es noch nichts Festes. Mein Management prüft aktuell beide Möglichkeiten.

Und langfristig? Du bist Medizin-Student und gleichzeitig auch in der Offiziersausbildung der Bundeswehr. Das heißt, dass Du Dich langfristig verpflichtet hast und irgendwann nach dem Ende des Studiums zur Truppe zurück musst. Hast Du Dir schon Gedanken gemacht, wie es dann mit der MMA-Karriere weiter geht?
Ich hab, ehrlich gesagt, noch keine richtigen Pläne. Ich versuche, während des Studiums so viel wie möglich zu trainieren und so viel wie möglich zu kämpfen, der Rest ergibt sich dann. Ich werde versuchen, zeitlich das Maximale rauszuholen und auch generell möglichst viel auszuschöpfen. Alles andere wird sich ergeben, da habe ich noch nichts groß geplant. Ich mache mir da noch nicht den großen Kopf.

Dann hoffen wir mal, dass wir Dich in der Zeit noch oft und erfolgreich auf den Matten, die die MMA-Welt bedeuten, zu sehen bekommen. Danke, dass Du Dir die Zeit für uns und unsere Leser genommen hast. Die abschließenden Worte gehören natürlich Dir.
Zu allererst möchte ich meinen Sponsoren danken: Healthcity Deutschland, die mich vom ersten Profikampf an unterstützt haben. Vielen Dank auch an Marin Matijasevic von Fitness Boom in Düsseldorf, der mich immer mit den besten Supplements versorgt. Vielen Dank an Ismail Köse vom Saturnmarkt Köln Porz. Und last but not least vielen Dank an Said Nounouh von der Telepizza Filiale Düsseldorf Roßstraße.

Vielen Dank an meine Coaches vom Combat Club Cologne: Mike Cüppers, Raphael Wohlgemuth und Max Schwindt sowie an all meine Sparringspartner. Danke an meinen besten Freund und Manager Maik Fassbender, der in kurzer Zeit schon vieles möglich gemacht hat. Des Weiteren vielen Dank an alle die mich unterstützen und supporten. Zu guter Letzt vielen Dank an GNP1.de für das Interesse und die Möglichkeit dieses Interviews.