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Martin Buschkamp verkündet Rücktritt: Ich habe die Lust am Kämpfen verloren

Martin Buschkamp mit seinem Bruder Thomas (li.) und Augusto Frota (re.) (Foto: Nazariy Kryvosheyev/GNP1.de)

Als Martin Buschkamp vor zwei Jahren seinen UFC-Vertrag unterschrieb, war die Freude in Deutschlang groß, allerdings nur von kurzer Dauer. Denn einen Kampf konnte der Tuttlinger nicht bestreiten, sein für Hamburg geplanter Debüt-Gegner Alex Enlund sagte kurzfristig wieder ab. Seitdem wurde es still um Buschkamp. Nun ist auch klar, warum. Denn der 27-Jährige hat seine MMA-Karriere beendet. GNP1.de hat mit ihm gesprochen.

GNP1.de: Hallo Martin, danke, dass du dir für uns die Zeit genommen hast. Man hat lange nichts von dir gehört, jetzt findet man im Netz einen Hinweis darauf, dass du zurückgetreten sein sollst. Stimmt das denn oder bist du noch ein aktiver UFC-Kämpfer?
Martin Buschkamp: Nein, nicht mehr, ich habe aufgehört.

Wieso das?
Ich habe in den letzten Jahren immer mehr die Lust am Kämpfen verloren. Ich habe mich da immer mehr unter Druck gefühlt. Und dann habe ich irgendwann einfach die Lust verloren. Woran es liegt, kann ich auch nicht sagen. Ich habe einfach nicht mehr das Bedürfnis, mich da zu beweisen. Mir macht es keinen Spaß mehr und da ich nicht mehr voll dahinterstehe, bin ich zurückgetreten. Mir hat auch der Spaßfaktor gefehlt, mich jedes Mal ins Training zu quälen, wenn ich wusste, dass ich einen Kampf anstehen habe. Ich geh lieber nur ins Training, wenn ich weiß, dass ich auch Lust darauf habe.

Beendest du damit deine komplette Kampfsportkarriere? Kämpfst du also auch nicht mehr im BJJ?
Ich hab im BJJ zwar gekämpft, aber da war die Lust auch nicht so groß. Ich habe vor allem gekämpft, weil meine Schüler auch in Babenhausen auf der Grappling Challenge gekämpft haben. Ich wollte eigentlich nur als Coach hingehen, aber dann habe ich mich doch überreden lassen, zu kämpfen. Aber die Motivation war auch nicht so groß. Ich habe es jetzt mal gemacht, weil ich sehr lange nicht mehr gekämpft habe. Ich trainiere noch BJJ, das sogar am meisten, dazu Ringen und Krafttraining. Aber ich habe bestimmt seit über einem Jahr kein MMA und Kickboxen mehr trainiert, wirklich nur noch Jiu-Jitsu, Kraft und Ringen, eben das, was mir am Herzen liegt.

Haben die Vorkommnisse von UFC Hamburg, als du erst kurzfristig verpflichtet wurdest, dann aber doch nicht gekämpft hast, eine Rolle gespielt?
Als ich dort war, war der Reiz noch ein bisschen da, da wollte ich es noch wissen. Aber das ging ja heftig in die Hose. Am Tag vorher wurde mir ja abgesagt und ich bin auf 2.000 Euro Ausgaben sitzengeblieben. Irgendwie war ich dabei aber glücklich und unglücklich zugleich. Es wäre eine Riesenchance gewesen, aber da habe ich schon gemerkt, dass mein Herz nicht mehr so dafür schlägt. Vielleicht hat es auch mit meinem Alter zu tun, ich habe jetzt andere Ziele, andere Dinge sind mir wichtiger geworden.

Kannst du dir vorstellen, dass sich das noch einmal ändert?
Kein bisschen. Ich habe zwei Jahre nicht mehr gekämpft und ich glaube nicht, dass die Lust noch einmal zurückkommt. Ich finde meine Erfüllung im Trainieren von anderen und fühle mich viel wohler in einer Trainerrolle. Letztens hat mein Zwillingsbruder Matthäus im Kickboxen gekämpft, da hat mich mein Bruder Thomas gefragt, ob ich das Kämpfen nicht vermissen würde. Ganz ehrlich, nein, kein bisschen. Ich habe meinen Bruder gesehen und war total aufgeregt und hab mich gefreut, dass er sehr gut gekämpft hat. Aber ich habe mir auch gedacht, zum Glück musst du nicht selbst kämpfen. Ich konnte den Tag davor einfach mit Freunden grillen, essen was ich will, den Tag genießen.

Martin Buschkamp (Foto: Control Master Management)

Wie haben deine Brüder den Entschluss aufgenommen?
Mein älterer Bruder Thomas war zu dem Zeitpunkt gerade in Brasilien im Urlaub und hat den kurzfristig abgebrochen, um nach Deutschland zu kommen und mir zu helfen. Damals war ich noch voll motiviert, aber im Nachhinein tut es mir leid, dass er wegen meiner UFC-Vorbereitung seinen Urlaub abgebrochen hat und ich dann nicht einmal kämpfen konnte. Aber er versteht mich. Genauso wie er habe ich mittlerweile auch andere Ziele. Er hat es gut aufgenommen. Wir sind ein sehr gutes Team, unterrichten fast jeden Abend gemeinsam in unserer Schule und das macht mich glücklicher wie jede Vorbereitung auf einen Kampf. Das Familienleben erfüllt mich viel mehr, als einen UFC-Titel oder einen Kampf zu gewinnen. Einen Kampf gewinnt man alleine, wenn man mit seinen Brüdern etwas gemeinsam aufbaut, wie unsere Schule, das ist etwas viel Größeres. Vielleicht nicht von außen betrachtet, aber mich erfüllt das viel mehr, mit meinen Brüdern im Gym zu stehen, guten Unterricht zu geben und wenn wir dann noch ein Bier trinken gehen, war das für mich ein perfekter Tag. Ich denke daher nicht, dass sie mir was krummnehmen, sonst hätten sie es mir schon gesagt.

Es gab Gerüchte, wonach auch deine Arbeit eine Rolle dabei gespielt hat, dass du seit deiner Vertragsunterschrift nicht gekämpft hast. Wie nah waren diese Gerüchte an der Wahrheit?
Wie soll ich‘s sagen, ich weiß, dass mein Chef das nicht gerne gesehen hat. Kein Arbeitgeber sieht das gerne, dass man so leistungsmäßig Sport treibt, wenn man in einem festen Arbeitsverhältnis steht. Aber der Hauptgrund ist einfach, dass es mir keinen Spaß mehr gemacht hat. Auch das Training hat einfach keinen Spaß mehr gemacht. Wenn man in der UFC ist, muss man in jedem Training Leistung bringen. Und ich arbeite jeden Tag acht bis zehn Stunden täglich und das passt dann einfach nicht zusammen. Jiu-Jitsu fällt mir da viel leichter. MMA-Sparring nach einem harten langen Arbeitstag ist eben auch sehr schwer. Mein Arbeitgeber war eher ein geringer Grund, es ist meine Motivation. Es reizt mich nicht mehr, zu kämpfen. Wenn ich gewollt hätte, hätte ich da schon einen Weg gefunden, weiterzumachen.

Bereust du im Nachhinein, dass es damals in Hamburg nicht mit dem UFC-Kampf geklappt hat? Schließlich ist das der große Traum vieler MMA-Kämpfer.
Mein enger Freundeskreis weiß es schon länger und jeder sagt mir, ich hätte noch einen Kampf machen sollen. Aber als ich mit dem Kampfsport angefangen habe, hatte ich zwei Ziele: Blaugurt werden und einen MMA-Kampf machen. Meine Motivation war damals aber so groß, dass ich jetzt das zweite Jahr Schwarzgurt bin und über zehn MMA-Kämpfe gemacht habe, unzählige Kämpfe im Jiu-Jitsu, Ringen, Boxen, Kickboxen. Ich habe zehn Mal mehr erreicht, als ich mir je erträumt hätte. 2015 bin ich nebenberuflich Europameister im Jiu-Jitsu geworden und war die Nummer 8 in der Weltrangliste der IBJJF. Das war auch nie mein Ziel, ich bin auch da nur angetreten, weil es mir Spaß gemacht hat. Ich hatte selbst nie so hohe Ziele wie den UFC-Gürtel, so wie manch andere. Ich wollte mich nur ein bisschen beweisen. Und wenn ich heute zurückblicke auf das, was ich mit diesem kleinen Ziel alles erreicht habe, bin ich schon stolz auf meine Karriere. So gesehen, bin ich ungeschlagen in den Ruhestand gegangen. Mir tut‘s jetzt nur leid um meinen Manager und meine Trainer Augusto Frota, Peter Sobotta und den Thomas und ich hoffe einfach, dass sie jetzt nicht alle enttäuscht von mir sind. Aber bisher hat mir jeder gesagt, er kann‘s nachvollziehen, wenn die Lust nicht mehr da ist. Ich war vor ein paar Monaten bei Frota und habe mit Antonio Rodrigo Nogueira gerollt und hab mich dabei ganz gut angestellt. Als mein Trainer ihm gesagt hat, dass ich in der UFC aufhöre, hat er einfach nur mit dem Kopf geschüttelt. Er meinte dann nur, tu, was dich glücklich macht. Da habe ich auch kurz überlegt, wenn mir so jemand sagt, dass ich was draufhabe, kann ich ja nicht so schlecht gewesen sein. Da habe ich nochmal drüber nachgedacht, aber wenn mir so ein Urgestein sagt, ich soll nur das tun, was mir Spaß macht, dann war es die richtige Entscheidung.

Martin Buschkamp (Foto: Control Master Management)

Du hast das in den letzten beiden Jahren ja nie groß an die Glocke gehängt. Wie lief das dann zuletzt mit der UFC ab? 
Wir hatten erstmal alles auf Eis gelegt. Vor ein paar Wochen hat mich mein Manager dann nochmal gefragt, wie es denn jetzt aussieht und ich habe ihm gesagt, dass ich nicht mehr möchte. Mein Manager hat mir dann erklärt, dass ich mir da sehr sicher sein soll, denn die UFC nimmt das einem sehr krumm. Wenn ich einmal raus bin, komme ich nicht mehr rein. Aber ich war mir sicher, dass ich raus möchte, auch aus dem Grund, damit andere deutsche Kämpfer rein können, etwa ein Taha oder Saba (Bolaghi, Anm. d. Red.), die auch richtig Bock drauf haben. Es wäre ihnen gegenüber sonst unfair. Andere Kämpfer kommen nicht rein und ich bin drin und will eigentlich gar nicht mehr kämpfen. Ich wollte daher raus, jetzt sind schon drei neue Deutsche unter Vertrag genommen geworden (Khalid Taha, Abu Azaitar und David Zawada, Anm. d. Red.) und ich fand das auch ihnen gegenüber fair. Ja, und dann war ich draußen.

Wieso hast du solange damit gewartet, deinen Entschluss bekannt zu geben?
Ich habe mich ehrlich gesagt ein bisschen geschämt. Ich weiß, dass ich mir nichts vorwerfen lassen muss, aber ich habe mich bei der ganzen Sache komisch gefühlt. Aber es wird jetzt einfach Zeit, reinen Tisch zu machen. Ich werde immer wieder gefragt, wie es bei mir weitergeht. Andere Kämpfer aus Deutschland und sogar Leute aus Brasilien fragen mich immer wieder, wann ich wieder kämpfe. Es ist dann doof, wenn ich das jedem einzeln erklären muss.

Hätte es dir nichts gebracht, weiter als UFC-Kämpfer geführt zu werden. Gerade mit Hinblick auf eure Schule?
Bestimmt. Aber ich bin immer noch fitter als die meisten Wettkämpfer, die bei mir täglich trainieren. Was würde es mir also bringen, UFC-Kämpfer zu sein, ich kann mit den meisten trotzdem nicht trainieren, weil sie noch nicht mein Level erreicht haben. Ich muss mich immer noch zurücknehmen. Wichtig ist, dass man einen Trainer hat, der auch mit einem Weißgurt rollt. Ich glaube nicht, dass ein Schüler von jemandem besser betreut wird, nur, weil derjenige UFC-Kämpfer ist. Beide haben ganz andere Ziele im Training. Vom Marketing wäre es sicherlich gut, aber damit steigen ja auch die Erwartungen an die Trainer, es muss immer ein perfektes Training sein, sonst ist man irgendwann enttäuscht.

Warst du dann eigentlich noch im USADA-Testpool und wurdest getestet?
Oh je, das war so schlimm, das glaubt mir kein Mensch. Die waren ja sogar mit mir in der Kirche. Einmal waren sie bei mir im Gym, da musste ich nach dem Training sechs Liter Wasser trinken bis Mitternacht. Mein Management hat es dann irgendwann hinbekommen, dass sie mich in Ruhe lassen. Also ich bin lupenrein, alle USADA-Tests waren negativ, bevor irgendjemand etwas behauptet. Aber ja, sie haben mich sehr genervt. Es sind zwar alles nette Leute, aber ich wurde schon sehr belästigt. Mal warten sie bei dir zuhause, mal waren sie im Gym, mal auf meiner Arbeit, man muss immer so ewig warten. Ich bin eigentlich froh, dass sie auch weg sind.

Der Blick geht nach vorne: Martin Buschkamp (Foto: Nazariy Kryvosheyev/GNP1.de)

Wie geht es jetzt bei dir weiter?
Ich werde weiter das Gym aufbauen, mich um meine Schüler kümmern, Jiu-Jitsu trainieren. Wir sind gerade daran, einen hochzuziehen. Jonathan Wenzel, einer unserer Schüler mit dem meisten Potenzial. Der wird im Mittelgewicht bis 84 Kilo bald richtig aufräumen und hat schon richtig gute Leute geschlagen. Und was ich noch vorhabe, ist irgendwann als Black Belt anzutreten und ein, zwei Kämpfe zu machen im No-Gi-Bereich. Aber ich mach mir da keinen Druck, irgendwann will ich da als Schwarzgurt bei der IBJJF kämpfen. Ansonsten habe ich gerade keine sportlichen Ziele.

Ich danke dir für deine Offenheit und hoffe, dass du der deutsche Kampfsport-Szene auch weiterhin erhalten bleibst. Die letzten Worte gehören an dieser Stelle dir.
Ich möchte mich zunächst bei den Leuten bedanken, die mir ziemlich nahstanden. Also bei meiner Familie und meinen Brüdern. Starkes Team, wie man sieht. Dafür, dass ich nur einen Kampf machen wollte, hab ich es ziemlich weit gebracht. Dann möchte ich mich bei meinen Brüdern Thomas und Matthäus bedanken und meinem Bruder heute auch alles Gute zum Geburtstag wünschen, ich hoffe, er liest es (Das Interview entstand am 19. September, Anm. d. Red.). Für die ganzen Jahre, in denen er an meiner Seite stand, in denen viel Blut, Schweiß und Tränen geflossen sind. Dann bei Peter Sobotta, der mich schon ewig kennt und bei dem ich damals schon im ersten Gym mit ihm trainiert habe und natürlich auch bei allen anderen Trainingspartnern. Dann bei meinem Manager Tim Leidecker, der mich in die UFC gebracht hat. Bei Augusto Frota, der viel an meinem Jiu-Jitsu verbessert hat. Und natürlich auch bei allen Leuten, die mir die Daumen gedrückt haben. Ich habe mich nie als jemand gesehen, der viele Fans hatte, aber, wenn man zurückdenkt, haben mir doch ein paar Leute die Daumen gedrückt. Bei denen möchte ich mich auch bedanken, sie sollen es mir nicht krummnehmen.

Das Interview führte Alexander Petzel-Gligorea