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Marloes Coenen Exklusiv-Interview

Marloes Coenen

Marloes Coenen ist die europäische Pionierin des MMA-Sports, sie war die erste Kämpferin bei Shooto in Europa und hat eine steile Karriere in Japan hinter sich. Doch vielen ist sie erst ein Begriff, seit sie gegen Cris Cyborg gekämpft hat. GroundandPound traf die sympathische Holländerin für ein Interview.

GroundandPound: Hallo Marloes, du bist der weibliche MMA-Pionier aus Europa und hast bereits Mixed Martial Arts betrieben, als viele noch gar nicht wussten, für was die drei großen Buchstaben stehen. Wie bist du zum Sport gekommen?
Marloes Coenen: Ich habe immer Volleyball und Tennis gespielt, als ich noch ein kleines Mädchen war. Doch dann musste ich im zunehmenden Alter die Schule wechseln und fuhr viel Rad für mich selbst. Es gab bei uns immer Geschichten über die bösen Männer, also wollte ich mich auch verteidigen können. Da eine BJJ-Schule am nächsten lag, ging ich ins Brazilian Jiu-Jitsu. Das war damals in Martijn de Jongs Golden Glory.

In dieser Zeit gab es wohl kaum viele Mädchen, die diesen Sport betrieben haben?
Wie ich sagte, trainierte ich damals in erster Linie für meine Selbstverteidigung. Das war aber genau in der Zeit, als Martijn mit „Free Fight“ begann und auch in Japan kämpfte. Da die Japaner ihn sehr mochten, fragten sie ihn, ob er nicht Shooto Europe gründen und verwalten möchte. Im ersten Shooto Europe Event hatte ich dann auch meinen ersten Amateurkampf.

In deinem Gym, dem Tatsujin Dojo in Deventer (Holland) trainierst du auf täglicher Basis mit anderen Weltmeistern wie Siyar Bahadurzada, Alistair Overeem oder Dion Staring. Wie fühlt es sich an, mit diesen Kerlen zu trainieren und dann in den Ring (oder das Octagon) mit jemanden zu steigen, der halb so schwer ist.
Eigentlich trainiere ich nicht täglich mit diesen Jungs, da ich meist in Amsterdam trainiere und lebe. Dort ist ein Dojo eines alten Schülers von Martijn. Und um ehrlich zu sein, ich möchte nicht mit Alistair trainieren, das hätte wohl wenig Sinn für uns beide. (lacht) Ich nehme mir immer die leichteren Jungs raus. Es geht aber mehr um die Ratschläge und die Inspiration, die dir andere Kämpfer geben und die Kommentare von Martijn. Jene Dinge sind es, die dich wachsen lassen. In einem Käfig zu kämpfen ist etwas völlig anderes als das Training, außerdem fühlte sich meine letzte Gegnerin nicht unbedingt an wie ein Mädchen. (lacht)

Du hattest deinen ersten Profikampf im Jahr 2000 in Japan. Aber deine Kämpferkarriere startete viel früher.
Ja klar, ich hatte eine Menge BJJ- und Grappling-Turniere, als auch zwei Amateur-Shooto-Kämpfe.

Wo war der Punkt erreicht, wo du dir selbst gesagt hast, dass du professionell MMA kämpfen willst?
Als ich den World Title Remix nach nur zwei Jahren gewonnen habe. Doch ich ging dann später wieder zur Schule und startete später auch mit der Arbeit.

Nach Japan reisen und in einem Sport kämpfen, den die meisten noch nicht ganz verstehen, ist wohl nicht für alle ganz einfach. Wie reagierte dein Umfeld auf deinen Lebenswandel?

Meine Eltern mochten es nicht, weil ein normales Mädchen so etwas nicht macht. Auch weil ich krank war und trotzdem weiterkämpfte. Dies machte es meinen Eltern nur noch schwieriger. Für alle anderen ist es meist ein Schock oder sehr verwirrend, da ich in Kleidern ganz normal aussehe.

Du hast dich mit deinen ersten acht Siegen in Japan direkt an die Spitze katapultiert. War das eine Überraschung für dich?

Ich dachte nicht groß darüber nach, da ich das Training mag und die Kämpfe. Aber außerhalb dieser zwei Aspekte habe ich wenig mit der Welt des MMA zu tun. Mein Trainer schämt sich immer in Grund und Boden, wenn ich berühmte MMA-Kämpfer nicht erkenne. (lacht)

Die meisten deiner Kämpfe endeten irgendwo am Ende der ersten Runde oder in der Mitte der zweiten durch eine Submission. Suchst du die schnelle Submission?
Ja, ich denke, ein wirklich guter Kämpfer sollte immer versuchen, einen Kampf vorzeitig zu beenden, einige Risiken einzugehen und auf spektakuläre Weise den Kampf zu gewinnen. Aber zum Tango tanzen benötigt es immer zwei. Es gibt genug Kämpfer, die nicht wirklich kämpfen möchten. In meiner Ansicht bin ich sehr von den Japanern und ihrem Kampfstil beeinflusst. Wie Rumina Sato oder Mach Sakurai. Sie nehmen immer Risiken auf sich und wenn ein Versuch nicht klappt, gehen sie weiter und versuchen einen neuen Ansatz. Sie wollen den Zuschauern immer eine gute Show bieten.

Du besitzt das typische und brandgefährliche holländische (oder Tatsujin) Muay Thai. Willst du lieber im Stand kämpfen oder suchst du den schnellen Takedown?
Ich denke, der Kampffluss im MMA ist sehr wichtig. Das ist der Weg zu gewinnen und auch der Weg des MMA. Der Kampf auf allen drei Ebenen: Der Standkampf, das Werfen und der Bodenkampf. Ich will es nicht zwingend am Boden beenden. Wie im Roxanne Modafferi Kampf: Ich habe sie mit einem harten Schlag zu Boden geschickt und wollte im Stehen weiterkämpfen. Aber mein Instinkt ließ mich den Sidechoke suchen und dann fiel ich über sie, was mich dazu zwang, den Kampf auf meinem Rücken liegend mit einem Armbar zu beenden.

Was sind übliche Fehler, die junge Frauen machen, wenn sie eine Kämpferkarriere anstreben?
(schnauft)...Ich weiß nicht, da ich kaum Frauen im MMA kenne. Was ich aber allgemein sehe, ist, dass Frauen zu wenig Selbstbewusstsein haben. Wenn ein Mädchen neu ins Gym kommt, ist sie beängstigt, dass es keine richtigen Anfängerklassen gibt und sie will die erfahrenen Kämpfer nicht stören. Ein Kerl steht dabei einfach auf die Matte und trainiert. Er denkt sich sofort, dass er berechtigt ist, im Dojo zu trainieren. Ich denke, die ganzen Frauen sollten wenigstens ein bisschen Kampfsport betreiben, um ihr Selbstwertgefühl zu steigern. Das ist einer der Gründe, wieso ich einmal pro Woche eine Gruppe Frauen unterrichte, beinahe alle ohne eine Kämpfergeschichte.
Ein Tipp für alle Frauen: Geht in ein Dojo mit guter Atmosphäre und trainiert mindestens zweimal pro Woche über einen Zeitraum von zwei Monaten, auch wenn ihr es nicht mögt. Nach den zwei Monaten entscheidet ihr, ob ihr bleiben wollt oder nicht. Vielleicht habt ihr euch dann ja in den Sport verliebt, und wenn es nicht wegen der Techniken ist, wenigstens für den strafferen Hintern. (lacht)

Marloes und CyborgWas waren deine größten Fehler als Kämpferin?
Gegen Cyborg die frontale Herausforderung suchen. Aber der größte Fehler war, dass ich für Jahre nicht auf meinen Körper hörte.

Dein letzter Kampf gegen Cristiane „Cyborg“ Santos zeigte uns beeindruckendes Standup und eine aktive Guard am Boden. Was exakt war aber die Taktik für diesen Kampf?
Martijn hatte einen weisen Schlachtplan bereitgelegt, doch sobald ich im Käfig war, wollte ich etwas für mich selbst beweisen und nicht zur Seite weichen, wenn sie angestürmt kommt. Ich wollte sie mit einem Schlag umhauen. Das war leider nicht sehr klug von mir. (lacht)

Obwohl du deine starken Momente in diesem Kampf hattest, sah es so aus, als würde die immense Kraft von Cyborg deine ganze Taktik und Technik durcheinander bringen.

Genau, völlig korrekt. Wenn man sich ihren Kampfstil anschaut, ist er nicht sehr technisch, sie schlägt zum Beispiel sehr unpräzise. Aber wer so stark ist, muss das auch nicht.

Santos vs. CoenenNiederlagen sind oft mehr wert als Siege: Was nimmst du aus deinem Kampf gegen Cyborg mit?
Das stimmt, denn ich habe aus einigen Gründen ein gutes Gefühl aus diesem Kampf. Ich weiß jetzt mit Sicherheit, dass ich ein Kämpfer bin. Ich kann den Schmerz ertragen und habe keine Angst, gegen die Besten anzutreten. Ich kann den Druck handhaben und er behindert mich nicht im Erreichen meiner Ziele. Ich weiß außerdem, dass ich ein ehrlicher und gesunder Kämpfer bin. Die Lektion ist, dass ich nicht mit Emotionen kämpfen kann, denn taktisches Kämpfen ist auch wichtig. Mein Trainer warnte mich davor auch schon und ich muss es überwinden. Ich werde stark an meinem Ringen arbeiten und an Schlag- und Trittkombinationen. Eine ganz schöne Menge.

Was sind die nächsten Schritte für dich im MMA?

Ich habe noch zwei Kämpfe in meinem Strikeforce-Vertrag. Erst werde ich das tun und hoffentlich kämpfe ich auch im April in Sarajevo bei Glory 13.

Wen hättest du gerne als nächste Gegnerin? Es gibt da einige spannende Namen wie Erin Toughill, Kelly Kobold oder Gina Carano.
Zuerst kämpft Erin gegen Cyborg, also muss ich da schon mal warten. Gina möchte mich nicht zwingend bekämpfen, da sie eine Filmkarriere anstrebt und damit wohl auch leichtere Gegnerinnen wünscht. Da gibt es eine Belgierin, gegen die ich gerne einen erneuten Kampf hätte... aber sie weicht mir aus. Ich würde also sagen: Wenn ich einfach kämpfen kann, bin ich glücklich.

Strikeforce unterstützt stark das Frauen-MMA. Wie ist es so, für diese große amerikanische Organisation zu kämpfen?
Es sind sehr nette und gemütliche Leute, die für Strikeforce arbeiten. Scott (Coker) ist sehr nett. In Japan ist alles sehr straff organisiert, ich mag das, weil ich Holländerin bin. Bei Strikeforce ist alles etwas gemütlicher und Dinge ändern sich manchmal. Aber das ist okay.

Bei einem riskanten Leben wie dem einer Kämpferin ist es schlau, einen Ersatzplan auf Lager zu haben. Wie sieht deiner aus?
Ich habe ein Studium in Kommunikationswissenschaften abgeschlossen und arbeite seit ein paar Jahren für eine Software-Firma. Später habe ich auch angefangen, für eine Internet-Firma tätig zu sein.

Wo können wir dich in fünf Jahren erwarten?
Erst möchte ich die Kämpfe in meinem Vertrag beenden. Aber Frauen durch das MMA Kraft zu geben, ist mir sehr wichtig. Und vielleicht gehe ich wieder zur Schule. Ich habe viele Dinge in meinem Kopf, die ich tun möchte. Da ich auch nicht jünger werde, möchte ich meine Entscheidungen durchziehen, doch in diesem Punkt meines Lebens plane ich von Tag zu Tag und warte auf den nächsten Kampf.

Vielen Dank für dieses Interview.