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Luke Barnatt: „Ich bereite mich nicht auf Jason Miller vor“

Luke Barnatt will sich in die UFC zurückkämpfen (Foto: Florian Sädler).

Es ist schon verrückt, wenn man darüber nachdenkt. Als Jason „Mayhem“ Miller im Mai 2012 bei UFC 146 zum letzten Mal im Octagon stand, kannte kaum jemand den Namen Luke Barnatt. Genau vier Jahre später kehrt „Mayhem“ in den Käfig zurück: Am 21. Mai bei Venator FC III in Mailand – gegen Barnatt. Zumindest behauptet das Venator FC. Luke Barnatt dagegen ist weniger optimistisch, dass er den von Skandalen und Gerichtsprozessen verfolgten Ex-Rentner nächste Woche im Käfig sehen wird.

„Ich stelle mich nicht darauf ein, gegen „Mayhem“ Miller zu kämpfen. Ich bereite mich nicht auf ihn vor. Ich stelle mich auf einen Kampf am 21. Mai ein, und zwar gegen wen auch immer man mir an diesem Tag vorsetzen wird.“

Luke Barnatt ist ein wenig nervös. Ein Jahr, nachdem der Brite als Reaktion auf drei aufeinanderfolgende Niederlagen von der UFC entlassen wurde, steht er kurz vor seiner Rückkehr ins Octagon.

Nach dem Rauswurf war es einige Monate lang ruhig um „Bigslow“ geworden, der sonst neben dem Kämpfen durch Seminare, Motivationsreden, sein eigenes Gym und seit Neuestem durch mehrere Kommentatorenjobs im Gespräch bleibt.

Barnatt sagt, er habe den Sport vergessen, nicht mehr trainiert und auch nicht mehr die UFC verfolgt.

Im Dezember dann kehrte der 28-Jährige zurück in den Käfig und schlug dort nacheinander Mattia Schiavolin - für den Mittelgewichtstitel von Venator FC - und Charles Andrade. Das Karriere-Comeback hat Barnatt in Málaga, Spanien eingeleitet, wo er seit letztem Jahr mit seiner Frau lebt und ein eigenes Gym führt.

Der Umzug war Barnatts dritter innerhalb weniger Jahre, nachdem er zunächst einen gutbezahlten Job geschmissen hatte, um in Cambridge im Gym zu leben und dann eine Zeit lang in San Diego, Kalifornien bei Alliance MMA trainierte. In der Zwischenzeit bahnte „Bigslow“ sich seinen Weg vom „The Ultimate Fighter“-Haus in die UFC, gewann drei Kämpfe, verlor dann ebenso viele und wurde gefeuert.

Die gesamte Achterbahnfahrt ist passiert, nachdem „Mayhem“ zum letzten Mal im Octagon stand. Als Miller gerade den Zenit seiner Karriere genoss, hatte Barnatt dagegen noch nicht einmal vom MMA-Sport gehört.

“Für mich ist das eine verrückte Situation. Der Typ ist gegen die besten Kämpfer der Welt angetreten, dann verschwindet er von der Bildfläche, gerät in Schwierigkeiten mit dem Gesetz, und seit all dem ist meine eigene Karriere gestartet. Ich war nicht hier, als dieser Typ in der UFC war. Vier Jahre ist eine sehr lange Zeit in diesem Sport.“

Unterschätzen will Barnatt seinen – potentiellen – Gegner trotzdem nicht, immerhin könnte eine Titelverteidigung gegen „Mayhem“ sein Ticket zurück in die UFC sein. Mit den Verantwortlichen steht Barnatt bereits in Kontakt.

“Er ist ein äußerst talentierter Kämpfer, das lässt sich nicht abstreiten (…). Dieses Talent verlierst du nicht – das ist etwas, womit du geboren wirst.“

„Die Athletik, die Ausdauer, das Gefühl, in dieser Situation (eines Kampfes) zu stecken, das ist das, was er verloren haben wird. Zumindest, wenn er nicht die ganze Welt zum Narren gehalten und vier Jahre lang hart trainiert hat. Und ich denke nicht, dass das der Fall ist. Wir werden also wohl keinen neuen „Mayhem“ zu sehen bekommen.“

Die Skandale, in die Miller seit seiner UFC-Entlassung verwickelt war, darunter nacktes Randalieren in einer Kirche, häusliche Gewalt und die Belagerung seines Hauses mitsamt anschließender Festnahme durch ein SWAT-Team, lassen tatsächlich vorsichtige Zweifel an einem vier Jahre langen Trainingscamp aufkommen. Was also kann man am 21. Mai erwarten? Überhaupt irgendetwas?

“Wir werden eine alte Version von ihm sehen, die schneller müde wird und weniger beeindruckend ist; zumindest gehe ich davon aus. Du kannst nur nach dem gehen, was du in der Vergangenheit gesehen hast.“

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Barnatts eigener Kampf ist dabei nicht einmal das einzige, was an der dritten Veranstaltung der italienischen Organisation Venator Fighting Championship merkwürdig bis diskutabel ist.

Rousimar Palhares wird im PalaSesto Mailand den Hauptkampf bestreiten, weil er anderswo nicht mehr erwünscht ist. In den USA darf der Beinhebel-Spezialist bis zum 2. August 2017 nicht mehr antreten, weil er sowohl in der UFC als auch bei WSOF eine umfangreiche Vergangenheit damit hat, Griffe noch lange nach dem Abklopfen seiner Gegner zu halten.

Die Suspendierung der Sportkommission von Nevada allerdings interessiert „Toquinho“ genauso wenig wie Venator FC.

“Rousimar Palhares ist ein extrem talentierter Kämpfer”, so Barnatt dazu. „Ja, der Kerl hat ein paar Fehler gemacht – Griffe zu lange zu halten ist ein No-Go, das kannst du nicht bringen. Ich finde auch, dass seine Suspendierung gerechtfertigt ist. Aber auch er muss sein Geld verdienen.“

“Was Venator angeht, die diese Jungs promoten: Frank (Merenda, Geschäftsführer von Venator FC, d. Red.) hat es am besten gesagt: Wenn du gut bist und nicht in irgendeiner Form ein Außenseiter oder Ausgestoßener, dann bist du in der UFC. Es ist wirklich schwierig für diese Ligen, Kämpfer aufzugabeln, für die sich die Leute interessieren. Es gibt nicht viele davon, die irgendwo da draußen herumschwirren und die, die verfügbar sind, wollen entsprechend viel Geld.“

Vor diesem Hintergrund, findet Barnatt, macht die Organisation einen großartigen Job: „Das Programm, das sie für den 21. Mai zusammengestellt haben, ist spektakulär. Es ist ein großartiger Event, von Anfang bis Ende. Es stehen einige absolut großartige Kämpfer auf dem Programm – dass sie „Mayhem“ Miller und Palhares geholt haben, sollte das nicht überschatten. Das sind nur zwei Kämpfer, die verpflichtet wurden, um ein wenig Aufmerksamkeit zu generieren.“

Schaut man über die beiden Hauptkämpfe hinaus, tauchen tatsächlich einige bekannte Gesichter und vielversprechende Talente auf dem Programm auf.

Von UFC-Veteranen wie Matt Hamill, Sokoudjou, Che Mills, Simeon Thoresen, Igor Araujo und dem Teilzeit-Rentner Cody McKenzie bis hin zu Namen wie Karl Amoussou und Cage Warriors-Mittelgewichtschampion Jack Hermansson hat die Organisation für eine europäische Show eine Menge Star-Power angesammelt, und daran ist Barnatt nicht ganz unbeteiligt. 

“Ich helfe Frank, das Programm und die Veranstaltung zusammenzustellen, das Kommentatorenteam auszusuchen und so weiter. Er liebt den Sport und hat gute Leute um sich. Ich war an der Spitze, ich habe für die beste Organisation der Welt gekämpft und bin auch mit der UFC sehr gut klargekommen. Ich habe also ein bisschen Erfahrung zu bieten und ich habe Frank meine Hilfe angeboten.“

Das hält Barnatt nicht davon ab, sich ab und an öffentlich zu fragen, ob die Chefetage nicht „das gleiche Zeug“ raucht wie Miller, wenn man sich dort beispielsweise in Form von formal fragwürdigen Pressemitteilungen auf die Seite von „Mayhem“ schlägt.

Barnatt ist sich der Kontroversen und der Kritik bewusst, die auch Venator FC III und vermutlich auch sein eigener Kampf heraufbeschwören werden.

“Als Frank neulich etwas davon gefaselt hat, dass er “Mayhem” beschützen will, dachte ich mir nur 'Oh nein, dieser Kerl ist verdammt nochmal verrückt.‘ Und ich habe mich mit Frank darüber ausgesprochen. Aber es ist schön, eine gute Beziehung zu einem Veranstalter zu haben und sich zu freuen, wenn man die Leute sieht und sich zu freuen, ein Teil der Liga zu sein.“

“Ich bin sehr stolz, der Mittelgewichtschampion von Venator zu sein. Ich erwähne es so oft, wie ich es körperlich kann und ich glaube wirklich, dass es aktuell die beste Organisation in Europa ist. Die Liga ist sehr jung und hat noch nicht so viele Shows veranstaltet, aber nenn mir eine andere Organisation in Europa, die so ein Programm auf die Beine stellt.“

Ob mit oder ohne “Mayhem” Miller, ist ausgerechnet Luke Barnatt dabei ziemlich egal…