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Lincon Rodrigues Exklusiv-Interview

Lincon Rodrigues

In unserem Nachbarland Österreich gibt es viele hungrige und talentierte Kämpfer, die gerade an ihrem  internationalen Durchbruch arbeiten. Einer davon ist der 31 Jahre alte Brasilianer Lincon “Bad Boy” Rodrigues (10-3), der in Wien eine neue Heimat gefunden hat. Rodrigues, dessen Stärken im brasilianischen Jiu-Jitsu und im Muay Thai liegen, hat alle seine zehn Siege in der ersten Runde erzielt – davon acht durch Aufgabe, einen durch Knockout und einen durch TKO.

Nachdem er Anfang dieses Jahres in zwei Kämpfen erfolgreich war, setzte ihn eine Verletzung monatelang außer Gefecht. Am 28. November kehrt der sympathische Brasilianer wieder zurück. In der kroatischen Hauptstadt Zagreb trifft er bei der Bilic Eric Security Fight Night 5 auf den jungen Kroaten Ivica Truscek (10-4).

GroundandPound: Hallo Lincoln! Es sind nur noch wenige Tage bis zu Deinem Kampf gegen Ivica Truscek. Seit April hast Du leider nicht mehr kämpfen können.  Wie fühlst Du Dich jetzt, wo Du so kurz davor bist, endlich wieder zu kämpfen?
Lincon Rodrigues: Hallo ans GroundandPound-Team! Es ist wahr, dass ich seit dem 17. April 2010 nicht mehr gekämpft habe. Bei diesem Kampf erlitt ich leider einen Kieferbruch wegen unerlaubter Kopfstöße (zweimal direkt ins Gesicht), der mich zu einer längeren Trainingspause zwang. Ich trainierte weiterhin einen Monat, bis ich die Schmerzen nicht mehr aushielt und ins Krankenhaus ging, wo ich sofort einer Operation unterzogen wurde. Nach der Heilung habe ich drei Monate in Brasilien verbracht, wo ich MMA in der UDL trainierte (Universidade da Luta von Mauricio Shogun und Murilo Ninja) und mein BJJ in der Arena BJJ von Meister Gurgel in Curitiba verbesserte (unter anderem auch mit Meister Marcelo Brito). Momentan bereite ich mich in einem super Trainingslager auf den nächsten Kampf vor, und glaubt mir, ich kann's kaum mehr abwarten, in den Ring zu steigen!

Du kämpfst bei der Bilic Eric Security Fight Night 5 in Zagreb, der Heimatstadt Deines Gegners Ivica Truscek. Das Publikum wird ihn wohl frenetisch anfeuern. Macht es Dir etwas aus, gegen einen Lokalmatador anzutreten  oder lassen Dich die Reaktionen des Publikums kalt?
Ich habe in der Vergangenheit schon gegen andere Publikumslieblinge gekämpft und es ist sicherlich anders als „daheim“. Ich respektiere das Publikum und ich werde mein Bestens dazu beitragen, einen guten Kampf zu präsentieren. Ich werde versuchen, das Publikum mit meiner Leistung zu begeistern, dessen Begeisterung wiederum wie Adrenalin auf mich wirken wird. Aber eins muss ich hinzufügen: Egal ob das Publikum hinter mir steht oder nicht, meinen „verrückten“ Auftritt werde ich sowieso durchziehen!

Kannst Du uns schon Deine Pläne für die direkte Zeit nach dem Kampf verraten? Es heißt, der Auftritt in Kroatien wäre nicht Dein letzter Kampf in diesem Jahr...
Klar! Als erstes steht ein Sieg auf dem Programm! Es laufen Verhandlungen mit dem Iron Fist Team, dem Veranstalter von Ultimate Cage Fighters in Wien, und mit einer großen Wahrscheinlichkeit werde ich am 4. Dezember 2010 in Wien für Österreich in den Ring steigen! Danach geht’s ab nach Brasilien, Mitte Dezember bis Ende Jänner, wo ich mich auf die Europäische BJJ Schwarzgurt Meisterschaft in Portugal vorbereiten werde.

Zum endgültigen Durchbruch in Europa fehlt Dir noch ein Sieg gegen einen der größeren Namen. Kämpfe gegen Daniel Weichel und Igor Araujo mussten in diesem Jahr leider aus verschiedenen Gründen abgesagt werden. Ist so ein Superfight eines Deiner Ziele für das nächste Jahr? Oder hast Du sonst irgendeinen Wunschgegner, gegen den Du in naher Zukunft gerne einmal in den Ring steigen würdest?
Ja, das stimmt. Am 17. April hätte ich gegen Weichel kämpfen sollen, der aber aus gesundheitlichen Gründen aufgrund seiner Gewichtsreduzierung den Kampf am Vortag absagen musste und ich habe schlussendlich gegen den Ersatzkämpfer antreten müssen. Der Kampf gegen Igor Araujo musste aus politisch-organisatorischen Gründen abgesagt werden. Beide sind hochklassige Kämpfer, unter den Besten in Europa und müssen respektiert werden. Für mich wäre es eine Ehre, nochmals die Möglichkeit zu bekommen, gegen Araujo und Weichel zu kämpfen. Das wäre eine großartige Herausforderung.

Für das kommende Jahr habe ich große Pläne meine Karriere voranzutreiben. Ich werde nach härteren Gegner suchen, größere Herausforderungen annehmen und hoffentlich auch gegen Top-Kämpfer aus dem deutschsprachigen Raum wie unter anderem Mario Stapel oder Nordin Asrih im Ring stehen.

Rodrigues setzt gegen Grabowski zum Triangle Choke an.
Im April 2009 hast Du bei Ultimate Cage Fighters an dem Turnier in der offenen Gewichtsklasse von Ultimate Cage Fighters teilgenommen und wurdest erst vom Gesamtsieger Damian Grabowski, einem kräftigen Schwergewicht, gestoppt. Beschreib doch mal bitte die Erfahrungen, die Du als Kämpfer bei so einer einzigartigen Veranstaltung gemacht hast.
Da ich damals sehr kurzfristig nach einer Verletzung diesen Kampf angenommen hatte, blieb mir kaum Zeit, um mich darauf vorzubereiten. Um genau zu sein waren es zwei Wochen. Der erste Kampf gegen Daniel Ciosac dauerte nur ein paar Sekunden. Aufgrund seiner nicht vorhandenen Erfahrung konnte ich ihn schnell zur Aufgabe zwingen. Der zweite Kampf aber gegen den ukrainischen Riesen-Sambo-Kämpfer Konstantyn Stryzhak (2 Meter groß, 130 Kilogramm) war schwieriger. Nichtsdestotrotz habe ich ihn durch eine Armbar nach zwei Minuten auch zur Aufgabe gezwungen. Das Gefühl war unbeschreiblich, wie erstaunt das Publikum war, nach dem was es zu sehen bekam.

Im Halbfinale traf ich auf den Polen Damian Grabowski... was soll ich sagen. Ich hatte noch nie, weder davor noch danach, so einen harten, ja fast unmenschlich starken Gegner! Ich mit meinen 79 Kilogramm konnte weder seinen Arm ausdehnen noch ihn mit einer Triangle bezwingen. Schlussendlich verlor ich den Kampf durch Aufgabe in der Kimura. Alles in allem war es eine einzigartige Erfahrung und diese Veranstaltung gab mir das Gefühl, dass ich doch noch kämpfen konnte. Es hat mich motiviert und es gab mir Kraft, mein Training härter zu gestalten!

Du stammst aus Brasilien, hast aber alle Deine dreizehn offiziellen Kämpfe hier in Europa bestritten. Wie hat es Dich eigentlich nach Österreich verschlagen?

Um ehrlich zu sein, meinen ersten Kampf bestritt ich 1997 in Brasilien, damals unter den alten Vale-Tudo-Regeln. Ich war 19 Jahre alt und wog 70 Kilogramm und nahm Kämpfe an für 20 bis 30 Dollar, um mein Studium finanzieren zu können. Nach meinem Abschluss bin ich nach Europa gekommen und habe diesen Sport ernsthaft zu praktizieren begonnen.

Meine Familienwurzeln liegen in Österreich, wo ich heute noch Verwandte habe. Mein Bruder Ivan Rodrigues hatte damals einen Kampf für mich organisiert, bei der Grazer Fight Night im Jahr 2005. Ich kam nach Österreich, um zu kämpfen und um ein paar Monate hier bei meinem Bruder zu verbringen, und ein bisschen Deutsch zu lernen. Danach...(Thema Frauen)...habe ich meine heutige Ehefrau kennengelernt! Na ja, deshalb Österreich!

Hast Du denn in Österreich genügend gute Trainer und Trainingspartner, um Dich auf Spitzenkämpfe vorzubereiten oder musst Du auch immer viel reisen?
In Österreich gibt es viele gute Kämpfer. Ich werde von einem großartigen Team von Trainern und Sparringspartnern, Sponsoren, Physiotherapeuten und Freunden unterstützt, vor allem von meinem Bruder und meiner Frau...

Aber meine „Pilgerseele“ verlangt nach neuem Erfahrungsaustausch und neuen Trainingsmethoden. Deshalb nehme ich auch weitere Reisen in Kauf, um neue Trainingspartner zu finden, die nicht immer so freundlich mit mir umgehen... haha, das ist ein gutes Gefühl! Es hilft mir sehr, mein Training weiterzuentwickeln und mich ein bisschen undurchschaubarer zu machen!

Wie sieht ein typisches Trainingslager bei Dir aus?
Ich trainiere dreimal täglich, ernähre mich sehr gesund und schlafe soviel ich kann! Ich versuche mich auf meinem nächsten Kampf zu konzentrieren und vermeide andere Aktivitäten, die mich von meinem Programm ablenken könnten!

Für diejenigen, die Dich noch nicht im Ring oder Käfig sehen konnten - wie würdest Du selbst Deinen Kampfstil beschreiben?

Ich würde mich als einen BJJ-Kämpfer beschreiben, der Boden“action“ liebt. Ich trainiere auch Muay Thai seit ich 15 Jahre alt bin, mein Rekord liegt bei 11-1-0, und in den letzten zwei Jahren konzentriere ich mich auch auf Boxen. Ich liebe es, das Ergebnis meiner Kicks in den Gesichtern meiner Gegner zu sehen! Ich hasse langweilige Kämpfe und versuche immer etwa Neues zu zeigen. Ich versuche immer den Kampf vorzeitig zu beenden, um nicht auf die Kampfrichterentscheidung warten zu müssen!

Für einen Kampfsportler hast Du ein etwas ungewöhnliches Hobby: Du sammelst Münzen. Wie bist Du denn dazu gekommen?
Ich denke nicht dass, ich ein typischer Kämpfer bin. Ich sammle Münzen seit ich acht Jahre alt bin und habe meine Sammlung nach meinem Umzug nach Europa um einiges erweitert und mich intensiver damit beschäftigt. Ich denke, nachdem ich mit dem Kämpfen aufhöre, werde ich Numismatik studieren, um hier ein Profi zu werden. Was ich noch liebe, ist die Ölmalerei und in meiner Freizeit fischen zu gehen!

Lincon, wir danken Dir vielmals, dass Du Dir etwas Zeit für uns genommen hast und wünschen Dir alles Gute für die Zukunft! Möchtest Du  zum Abschluss noch etwas loswerden?

Ich fühle mich geehrt und möchte mich hiermit bei dem GroundandPound-Team herzlich bedanken. Auch ein Danke an mein Management „Knockout Management“ und an mein Team in Wien, dem Iron Fist Gym, an alle meine Sponsoren, die mich unterstützen meinen Traum zu verwirklichen! Mein Dank an meine Familie, Trainer, Freunde, Promotoren, aber auch an meine Gegner: 2011 wird das Jahr meiner Karriere!