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Julia Symannek: Wahre Kämpfer suchen keine Abkürzung!

Julia Symannek im Goldrausch. (Foto: Foto Metz)

Julia Symannek gehört zu den erfolgreichsten Kämpferinnen Deutschlands. Die mehrfach prämierte Kickboxerin und amtierende Muay Thai-Weltmeisterin nach Version der WPMF, WFMC, Nai Kha Nomtom und AFSO wird ihr Gold in diesem Jahr erneut aufs Spiel setzen. Harte Duelle sind für Juli und August angepeilt. Wir sprachen mit der 36-jährigen Kämpferin, Trainerin, zweifachen Mutter und Präsidentin der WMF (World Muay Thai Federation) aus Bottrop.

Groundandpound.de: Julia, du bist eine gefragte Kämpferin und sicher zeitlich nahezu immer fest eingespannt. Wie bringst du alles unter einen Hut, als Mutter, Trainerin, Kämpferin und Muay Thai-Beauftragte?
Julia Symannek: Meine Familie funktioniert wie ein perfekt eingespieltes Team und ich bin dankbar dafür, da ich sonst nicht so weit gekommen wäre. Jetzt kämpft auch noch meine 13-jährige Tochter und da muss ich auch mal sportlich zurückstecken.

Wie schwer ist es, sich die Zeit sinnvoll einzuteilen, um sich genügend auf die eigene Karriere konzentrieren zu können, ohne den Fokus oder Leistung zu verlieren?
Es ist sehr schwer! Der Tag fängt morgens um 7.00 Uhr an und ist abends um 22.00 Uhr zu Ende. Ich muss Prioritäten setzen und vorher genau planen, wann ich was mache.

Was machst du am liebsten, wenn du mal eine freie Minute bekommst?
Am liebsten verbringe ich die Zeit mit meiner Familie und bin dann nur Ehefrau und Mutter.

Du warst im Kickboxen sehr erfolgreich, konntest dort fünf Weltmeistertitel für dich gewinnen. Wie kam der Wechsel zum Muay Thai und warum gibt es für dich jetzt nur noch diese Kampfsportart?
Kickboxen ist nicht mein Sport, sondern nur Muay Thai. Ich habe den Sport nur gemacht, weil niemand Muay Thai kämpfen wollte. Wenn nicht Muay Thai, wäre ich besser beim klassischen Boxen aufgehoben, aber wegen meiner gebrochenen Schulter ist das nicht mehr machbar. Die Kickboxtitel sind ja auch Amateur-Titel und meine Leidenschaft gehört dem Muay Thai.


Familienfoto bei Fairtex (Fotograf: Gert Wolff)

Du sprichst es an. Du hast vor kurzem mit einer Schulterverletzung zu kämpfen gehabt. Bist du inzwischen wieder fit?
Ich fühle mich gut und hätte im März auch in Thailand gekämpft, aber leider haben die Gegnerinnen kurzfristig abgesagt. Die Ärzte haben zwar gesagt, ich sollte erst wieder im Herbst kämpfen, aber ich fühle mich wieder fit, auch wenn ich noch nicht hundert Prozent meiner Schlagkraft wieder habe. Aber beim Muay Thai kommt es nicht nur auf die Fäuste an.

Wie ernst nimmst du Herausforderungen? Wie man mitbekommt, bist du damit des Öfteren konfrontiert.
Wenn eine Herausforderung sportlich interessant ist, nehme ich sie natürlich an. Aber wenn man sich anhören muss, dass Kämpferinnen einen herausfordern, die noch niemals diesen Sport gemacht haben, ist das lächerlich.

In der heutigen (Online-)Gesellschaft sieht man (nicht nur im Kampfsport) oftmals brisante Diskussionen in sozialen Netzwerken. Wie gehst du mit Kritik um?
Es nervt einfach. Schlecht reden tun in der Regel nur Leute, die selbst gescheitert sind oder noch nie etwas erreicht haben. Dann meinen diese Leute, den Erfolg anderer kaputt zu machen, statt sich hinzusetzen und selbst erfolgreich zu werden.

Zuletzt gab es eine an dich gerichtete Challenge von Manal Arrad aus Amsterdam. Was hältst du davon?
Ich habe weder von der Kämpferin noch von ihrem Trainer eine Herausforderung bekommen. Ein Holländer verfolgt mich regelrecht und schickt selbst Herausforderungen von ständig wechselnden Gegnerinnen an mich. Die betreffenden Kämpferinnen wissen wahrscheinlich nicht mal davon.

Gibt es Namen, die dich persönlich interessieren und gegen die du noch unbedingt in den Ring steigen willst?
Wie viele Frauen vor mir, wollte ich einmal gegen Julie Kitchen kämpfen, was leider nicht geklappt hat. Aleide Lawant und Chantal Ughi haben leider abgesagt. Bei Amanda Kelly (hatte Julie Kitchen besiegt) haben wir auch angefragt. Sie ist leider bei Invicta FC unter Vertrag und meldet sich, wenn sie kämpfen kann. Meinen letzten Kampf habe ich vorzeitig gegen Eliza Qualizza gewonnen. Sie war für mich interessant, weil sie bei Kulun Fight auch gegen Valentina Shevchenko gekämpft hatte. Wenn ich jemanden gerne herausfordern würde, wäre das eben jene Valentina Shevchenko. Es gibt vielleicht eine Menge guter Nachwuchskämpferinnen, aber die müssen sich eben auch wie ich durch Turniere kämpfen und nicht meinen, man kann sich in der Kämpferkarriere eine Abkürzung suchen. Wichtig wäre eine Gegnerin, die Erfolge im Muay Thai vorweisen kann. Ich bin offen!

In Deutschland hat dich Ümmi Erdogan herausgefordert. Warum ist sie interessant für dich?
Ja, es gab eine Herausforderung von ihrem Trainer Brian Al Amin. Dieser Kampf ist auch interessant für mich, weil es mittlerweile in Deutschland keine A-Klasse Frauenkämpfe im Muay Thai gibt. Da muss etwas passieren und ein Kampf ist doch die beste Werbung für den Sport.


Julia Symannek vs. Kristy Ooms (am Boden) (Fotograf: SDM Box)

Du willst im Juli bei eurer hauseigenen Veranstaltung „The Bridge“ deine(n) Titel verteidigen. Klär uns auf, was dich dort erwarten wird.
Es ist noch nichts geklärt und hängt von der Gegnerin ab, die gegen mich kämpfen wird. Das ist ein Benefiz-Event und da ist es das Wichtigste, möglichst viel Geld für die kranken Kinder zu sammeln.

Erklär uns kurz worum es bei „The Bridge“ geht, wofür ihr sammelt und wie man (auch als Leser) helfen kann?
Bei "The Bridge" geht es um die finanzielle Unterstützung eines Sterbehospizes für Kinder. Im letzten Jahr sind über zwanzigtausend Euro zusammengekommen und viele Sportler haben den Event unterstützt und sind ohne Kampfgage angetreten. Es gab zum Beispiel auch einen Grapplingkampf zwischen Nick Hein und Jörg Lothmann. Wenn überall Werbung für den Event gemacht wird, ist das die größte Hilfe. Und natürlich braucht der Event auch tolle Sportler, die bereit sind dort zu kämpfen und auf ihre Gage zu verzichten.

Zudem planst du auch im August wieder nach Thailand zu fliegen. Gibt es dort auch eine WM-Verteidigung?
Ich sollte schon in der Vergangenheit beim WPMF-Event kämpfen. Es sind aber auch Promoter anderer Event-Formate auf mich zugekommen. Wir reden aktuell noch über die Konditionen.

Was für Ziele hast du noch, als aktive Sportlerin – und wie lange wirst du noch weiterkämpfen?
Ich würde eigentlich gerne mein Leben lang kämpfen, weil es mich einfach glücklich macht. Aber andere Aufgaben wachsen und es kann nicht immer nur um mich gehen. Deshalb werde ich nur noch sportlich interessante Herausforderungen annehmen.

Deine Schüler sowie deine eigene Tochter stehen inzwischen selbst im Ring. Was für Ansprüche und Bestrebungen hast du als Trainerin?
Ich will, dass meine Schüler gewinnen!

Als WMF-Präsidentin warst du vor kurzem mit der Amateur-Nationalmannschaft bei den Weltmeisterschaften in Bangkok. Wie war das Erlebnis und  bist du zufrieden mit den Kämpfern (Zweimal Silber und einmal Bronze)?
Wir haben uns im Vergleich zur letzten Europameisterschaft gesteigert und deshalb bin ich sehr zufrieden. Das Niveau war sehr hoch und so ist beispielsweise ein Kämpfer von uns, der in Deutschland im Kickboxen in der A-Klasse kämpft, schon im Viertelfinale ausgeschieden. Das ganze Team hat sich super verstanden und wir hatten viel Spaß.

Was sind die nächsten Ziele und Aufgaben als WMF-Offizielle?
Im Herzen bin ich eine Kämpferin und deshalb ist die wichtigste Aufgabe für mich, dass die Kämpfer mehr Fights bekommen. Gerade im Muay Thai ist die Kampferfahrung von besonderer Bedeutung. Das ist die Basis für eine spätere Profikarriere. Das Polit-Gezicke nervt mich und bringt den Sport mit Sicherheit nicht weiter!

Was würdest du in Deutschland ändern wollen, organisationsübergreifend? Gibt es etwas, das dich stört oder in deinen Augen den Sport daran hindert, größer zu werden?
Verbände sollten aufhören, schlecht über andere zu reden. Man sollte sich lieber darauf konzentrieren, gute Arbeit abzuliefern. Das würde die Sportler am meisten freuen. Jeder Sportler, der in den Ring steigt und kämpft, beweist, dass er Herz hat. Deshalb beweisen diejenigen Leute, die Sportler öffentlich beschimpfen, damit nur, dass ihnen selbst dieses Herz fehlt!

Was müsste sich deiner Meinung nach tun, damit Frauen die gleiche Anerkennung bekommen im Kampfsport, wie Männer? Siehe Ronda Rousey in der UFC, die durch ihre Leistung viel für WMMA getan hat. Die Akzeptanz wächst, trotzdem würde man sich mehr wünschen.
Das Problem sind Männer, denen der Respekt gegenüber Frauen fehlt und diejenigen, die verantwortliche Positionen in unserem Sport haben. Deshalb müssen mehr Frauen Schlüsselpositionen übernehmen, damit sich das ändert. Das ist übrigens auch einer der Hauptkritikpunkte des IOC gegenüber dem Muay Thai, um die olympische Anerkennung zu bekommen. Also mein Aufruf an alle Frauen, den Männern mal ordentlich in den Hintern zu treten!