Interviews

John Makdessi vor UFC 194: „Ich habe Angst, bin nervös“

John Makdessi will sich bei UFC 194 selbst übertreffen (Foto: Florian Sädler/GNP1.de).

Cross, angetäuschter linker Haken und schon wieder sitzt der Spinning Back Kick. Sein Trainingspartner verzieht vor Schmerzen das Gesicht, als John „The Bull“ Makdessi sich blitzschnell zurück in seine Auslage dreht und ihm eine weitere Rechte ans Kinn donnert. Als der gebeutelte Sparringspartner ein paar Minuten später aus dem Trainings-Octagon steigt und mich mit der Kamera in der Hand entdeckt, gehen seine Mundwinkel noch ein Stückchen weiter runter: „Na toll, jetzt sieht die ganze Welt, wie ich auseinandergenommen wurde.“

Diese Szenen spielen sich häufig ab, wenn Makdessi sich Schienbeinschoner, Kopfschutz und 16-Unzen-Handschuhe überstreift. Der 30-jährige Kanadier mit libanesischen Wurzeln ist eines der langjährigsten Mitglieder des Montrealer Tristar Gyms, das Namen wie Georges St-Pierre und Rory MacDonald hervorgebracht hat. Jahrelange Erfahrung im Taekwondo, Karate, Kickboxen und jetzt auch MMA stellen nicht nur viele seiner Trainingspartner vor ernsthafte Probleme, sondern auch so einige seiner Gegner in der Leichtgewichtsklasse der UFC.

Eine Woche nach diesem Sparring, nur zwei Kilometer entfernt vor zehntausend Zuschauern im Eishockeystadion Montreals, nutzt Makdessi die gleiche harte Rechte, um Landsmann Shane Campbell auf dem Hauptprogramm von UFC 186 in der ersten Runde auszuknocken.

Einen Monat und ein paar weitere Sparringseinheiten später bricht einer von Donald Cerrones Kicks, Knie- oder Ellbogenstößen Makdessis Kiefer, der den Kampf bei UFC 187 in der MGM Grand Garden Arena von Las Vegas eigenhändig abwinkt und damit einen Bilanzstrich unter eine zweieinhalbjährige, turbulente Phase seines Lebens setzt.

„Ich habe seine besten Treffer eingesteckt“, erklärt uns „The Bull“ ein halbes Jahr nach der Niederlage. „Die meisten seiner Gegner haben das nicht überstanden. Mein Kiefer war gebrochen und ich stand trotzdem noch auf zwei Beinen.“

Makdessis Zähigkeit mag tatsächlich der beeindruckendste Teil des Kampfes gewesen sein. Nachdem Khabib Nurmagomedov seinen Kampf gegen den „Cowboy“ verletzt absagen musste, sprang Makdessi kurzfristig ein und lieferte sich für zwei Runden einen harten Thaiboxkampf mit Cerrone, der jedoch zunehmend härtere Treffer setzte. Makdessi hielt nach Kräften dagegen und landete selbst einige Schläge und Kicks, letzten Endes konnten seine Knochen der schieren Wucht Cerrones aber nicht standhalten.

Was genau seinen Kiefer zertrümmerte, kann der Kanadier nicht mehr sagen. Dafür erinnert er sich noch genau, warum er aufgab, nachdem er realisierte, dass sein Gebiss sich in seinem Mund verschob: „Es war so eine Art automatische Reaktion meines Körpers. Ich konnte mich nicht mehr konzentrieren, der Kampf war mir in diesem Moment egal – meine Gesundheit ist mir sehr wichtig.“

Vor jenem Kampf wollte Makdessi seine Motivation wiederfinden. Nach dem gebrochenen Kiefer ist davon keine Rede mehr – jetzt geht es ihm darum, sein volles Potential auszunutzen. Im Gym gelingt ihm das immer wieder, aber wenn das Scheinwerferlicht über dem echten Octagon angeworfen wird, dann sind bestimmte Teile des Puzzles nicht mehr aufzufinden.

So geschehen zum Beispiel im Februar 2014. Bei UFC 169 schien Makdessi Alan Patrick stets einen kleinen Schritt voraus zu sein, machte aber zu wenig aus seinen Vorteilen und gab nach drei Runden eine kontroverse Punktentscheidung ab. Anschließend nahm er sich eine längere Auszeit vom Sport. Sein Comeback, über ein Jahr später bei UFC 186, hätte besser kaum laufen können, die vorzeitige Niederlage gegen Cerrone bei UFC 187 dagegen warf ihn wieder meilenweit zurück – einmal mehr war er daran gescheitert, seine Form aus dem Gym mit in den Käfig zu nehmen. „Nach dem Kampf war ich in keiner guten Verfassung“, erinnert sich Makdessi. „Das war eine bittere Pille, die ich schlucken musste. Aber was willst du machen…”

Noch in Vegas legte er sich unters Messer, wachte mit zugenähtem Mund wieder auf und wurde über die Nachwirkungen der Operation aufgeklärt – sechs Wochen lang dürfe er nichts Festes essen, geschweige denn seinen Frust im Gym ablassen, erklärte ihm der Arzt. Makdessi schaffte die Rehabilitation in vier Wochen und kehrte mit dem eisernen Ehrgeiz ins Gym zurück, beim nächsten Mal alles zu zeigen, was er gelernt hatte, seit er als Sechsjähriger zum ersten Mal auf einer Matte stand.

"Du kämpfst mit deinem Ego"

Am 12. Dezember wird er die Chance dazu bekommen – einmal mehr in der MGM Grand Garden Arena, aus der Makdessi im Mai ins Krankenhaus transportiert wurde. „Ich bin ein Risiko eingegangen“, sagt er über sein Trainingscamp für UFC 194. „Menschen brauchen ihre Routinen, um sich wohl zu fühlen, richtig? Ich habe mich absichtlich in eine Menge unkomfortabler Situationen gebracht, damit ich nicht vom Stress übermannt werde, wenn ich in den Käfig steige.“

Nervösität und Angst spielen also selbst in der UFC eine Rolle. Auch, wenn in Trailern und Interviews heutzutage große Sprüche und harte Kerle vorherrschen: “Die meisten Typen lügen wahrscheinlich, wenn sie sagen, dass sie nicht nervös sind“, glaubt Makdessi. „Das liegt in unserer Natur (…), die Leute wollen ihr Ego schützen, weil ihr Ego sie am Laufen hält. Also werden sie dich natürlich anlügen, sie werden sich selbst anlügen und nicht sagen, was sie wirklich fühlen. Niemand will sich Scheiße fühlen, aber ich akzeptiere meine Ängste. Ich habe Angst und bin nervös, und all diese Emotionen machen mich zu einem Menschen. Sie motivieren mich.“

„Du kämpfst mit dir selbst, du kämpfst mit deinem Ego. Im einen Moment bist du glücklich, im nächsten nicht mehr, manchmal bist du einfach nur deprimiert – es ist eine Achterbahnfahrt“, erklärt er, bevor er mit einem Lachen anfügt: „Aber so ist halt das Leben.“

Je näher UFC 194 kommt, desto stärker nimmt die Achterbahn wieder Fahrt auf für Makdessi. In wenigen Tagen wird er in Las Vegas auf Yancy Medeiros treffen, einen Trainingspartner der Diaz-Brüder und gefährlichen Allrounder. „Ich nehme keinen Gegner auf die leichte Schulter, ein Kampf ist ein Kampf“, sagt Makdessi. Nach fünf Jahren in der UFC schert er sich aber kaum noch darum, wer ihm im Käfig gegenüberstehen wird: „Er hat gutes Boxen, gutes Grappling, aber jeder hier ist gut. Jeder ist großartig darin, seine Stärken auszuspielen und ich habe realisiert, dass ich das auch tun muss. Ich muss mich auf mich selbst konzentrieren und mein Ding durchziehen. Ich denke, auf dem höheren Level geht es zum größten Teil um Intelligenz.“

Damit meint Makdessi zum einen den Kampf-IQ, zum anderen eine smarte Herangehensweise an sein Training. Im Kampf selbst will er dagegen so wenig wie möglich denken: „Ich will einfach, dass mein Körper die Kontrolle übernimmt. Ich will die dritte Person sein, die mir selbst von außen zuschaut, anstatt die Kontrolle über alles behalten zu wollen.“ Einfacher gesagt als getan für jemanden, der sich selbst als „Kontroll-Freak“ beschreibt.

Seine eigenen Blockaden zu überwinden, wird also Makdessis primärer Fokus sein, wenn er am 12. Dezember in der MGM Grand Garden Arena ins Octagon steigt: „Der Sieg ist nicht die Hauptsache für mich. Natürlich bin ich glücklich, wenn ich gewonnen habe, aber mir geht es mehr darum, das ich alles perfekt mache. Ich setze mich da sehr unter Druck und im Kampfsport ist das nicht immer gut – ich bin zu hart gegen mich selbst.“

Diese Einstellung nimmt Makdessi auch ins Training mit – ein Ansatz, der seiner Meinung nach dem Sport als Ganzes nicht gut tut: “Ich glaube, dass wir alle ständig ins Übertraining abrutschen. Wenn wir dann kämpfen sollen, können wir nie unser ganzes Potential ausnutzen. Wir legen so großen Wert auf das Training, aber wenn es dann Zeit für den Kampf ist, ist das Ergebnis meistens langweilig und nicht das, was die Leute erwartet haben, weil wir so viel in die Vorbereitung gesteckt haben.“

Das heißt nicht, dass Makdessi sich in diesem Trainingscamp zurückgelehnt hat. Nur halbherzig im Gym arbeiten kann er nach eigener Aussage gar nicht – „Ich werde immer hart trainieren, das ist einfach Teil meines Charakters“ – aber wenn er seine mentalen Blockaden durch Änderungen in der Vorbereitung in den Griff bekommen kann, dann wird am Ende nicht nur er selbst davon profitieren, sondern auch die Fans, ist sich der „Bulle“ sicher: „Ich hatte in meinen Kämpfen ein paar Momente, in denen ich mein Können gezeigt und Dinge getan habe, zu denen nicht viele Kämpfer in der Lage sind. Ich habe einen anderen Stil als die meisten anderen Kämpfer, ich kämpfe spektakulär, ich kann die Zuschauer unterhalten. Ich halte einen der besten Knockouts in der Geschichte der UFC.“

Tatsächlich ist Makdessi neben Matt Serra und Paul Felder einer von nur drei Kämpfern, die im Octagon einen K.o. per Spinning Backfist eingefahren haben. Makdessi gelang das 2011 vor 55.000 Zuschauern bei UFC 129 gegen Kyle Watson, aber auch in seinen anderen Kämpfen sind regelmäßig Hook-, Spinning- oder Axe Kicks und andere unorthodoxe Techniken zu sehen.

„Ich habe mich also schon bewiesen“, fährt er fort. „Für mich geht es jetzt darum, mental auf einem anderen Level zu sein. Ich muss meinen Ballast im Kopf loswerden und ich darf mich nicht selbst zurückhalten. Es geht darum, da raus zu gehen und mein ganzes Potential zu zeigen.“

Ob ihm das gelingt, werden wir in der Nacht vom 12. auf den 13. Dezember erfahren. Makdessis Kampf gegen Yancy Medeiros wird als Teil des Vorprogramms von UFC 194 ab 1 Uhr auf dem UFC Fight Pass übertragen.