Interviews

„Ich werde langsam alt“

Fotos by Sabine Ziran

Er ist einer der Pioniere des MMA-Sports. Vor mehr als 14 Jahren stand „Big Daddy“ Gary Goodridge bei "UFC 8: David vs. Goliath" zum ersten Mal in einem Käfig. In einer Zeit, in der ohne Handschuhe, Gewichtsklassen und Zeitlimits gekämpft wurde und Tiefschläge und andere Nettigkeiten alles andere als verboten waren, begann er seine beispiellose Karriere. Als einer von wenigen Kämpfern weltweit trat er parallel im MMA und K-1 an und kämpfte in beiden Disziplinen die größten Namen seiner Ära.

Heute ist Goodridge 44 Jahre alt und im Spätherbst seiner Karriere angekommen. Seit Jahren konnte er keinen Kampf mehr gewinnen. Der Wahlkanadier widmet sich stattdessen anderen Projekten, baut seit einiger Zeit sein eigenes, mehrere tausend Quadratmeter großes Gym in Barrie, Ontario, Kanada auf. Doch in den Ring steigt er trotzdem noch. Am Rande der "La Onda Fight Night: Blood In Blood Out" sprachen wir mit ihm über das heutige MMA-Regelwerk, sein baldiges Karriereende und warum er sich schon jetzt auf Enkelkinder freut.

Im Gespräch mit Gary Goodridge.

GroundandPound: Gary, du hast schon auf der ganzen Welt gekämpft, trittst nun aber zum ersten Mal in Deutschland an. Erzähl' uns, wie es dazu kam.
Gary Goodridge: Ja, es ist wirklich toll hier, alle sind sehr freundlich. Dass ich jetzt in Deutschland kämpfe, kam zustande, weil mich eines Tages mein Kumpel Danny (Darnell Knoch, Hanse Gym-Headcoach, Anm. d. Red.) anrief und gefragt hat, ob ich für ihn kämpfen könnte. Ich dachte anfangs eigentlich, es wäre auf seiner eigenen Veranstaltung. Später stellte sich aber heraus, dass es um die Show von einem seiner Freunde ging (La Onda-Organisator Sascha Poppendieck, Anm. d. Red.). Das war alles ein bisschen durcheinander, aber nun bin ich ja hier.

Du bist bekannt dafür, dich nicht zu scheuen, auch sehr kurzfristige Kampfangebote anzunehmen. War es hier ähnlich? Der Kampf wurde ja erst vor Kurzem bekannt gegeben...
Kurzfristig bedeutet für mich fünf Tage vor dem Kampf. Das Angebot, hier zu kämpfen, bekam ich aber früher. Habe ich mehr als fünf Tage Zeit, ist es für mich schon wieder längerfristig, ich habe also nicht kurzfristig zugesagt (lacht).

Du konntest dich also ausreichend vorbereiten?
Ob es ausreichend war, weiß ich nicht. Das wird man heute Abend ja sehen.

Du wirst gegen den Lokalmatador Jerry Otto in den Ring steigen – weißt du irgend etwas über deinen Gegner?
Ich weiß, dass er sehr groß ist und ziemlich stark aussieht. Selbst wenn er am Ende gar nicht kräftig sein sollte, so sieht er zumindest so aus. Mehr weiß ich aber nicht über ihn.

Er hat auf jeden Fall Dynamit in den Fäusten und packt gerne die harten Schwinger aus. Du ebenso, erwartest du heute Abend also einen KO?
Das Einzige was ich erwarte ist ein Fight. Ob es einen KO geben wird, weiß ich nicht. Das wird sich zeigen.

Goodridge liebt das GroundandPound Journal.

Du hast im Lauf deiner Karriere sowohl MMA-, als auch K-1-Kämpfe bestritten. Auch Jerry Otto kämpft in beiden Disziplinen. Warum kämpft ihr heute nach K-1-Reglement und nicht nach MMA-Regeln?
Ich wurde nicht danach gefragt, man hat mir nur einen K-1-Kampf angeboten. Ich habe aber mit nichts von beidem ein Problem. Vielleicht kämpfen wir ja einfach im Stand bis er KO geht und wechseln dann auf den Boden (lacht).

Viele Leute dachten, du wärst vor einigen Monaten zurückgetreten. Nun kämpfst du aber hier. Können wir in Zukunft also noch mehr von Gary Goodridge erwarten?
Ich glaube, dieses Jahr ist wirklich das Jahr meines Rücktritts. Jedenfalls möchte ich unbedingt aufhören, bevor ich 45 Jahre alt bin. Ich werde langsam alt, es wird Zeit mich zurückzulehnen und auf Enkelkinder zu warten.

Du lebst in Ontario, Kanada, wo der MMA-Sport erst vor wenigen Wochen nach langen Debatten „legalisiert“ wurde. Freut dich das, als alter UFC-Veteran?

Ich freue mich wirklich riesig! Wenn Zuffa mir anbieten würde, bei einem UFC-Event in meiner Heimatstadt in Kanada zu kämpfen, dann wäre das der einzige Grund für mich, wirklich noch einmal in den Ring zu steigen. Ich wohne dort wirklich ganz in der Nähe. Nur dafür würde ich gern noch einmal antreten. Ansonsten werde ich meinen Ruhestand genießen und eventuell einigen Kids beibringen, wie man kämpft und damit Geld macht.

Als du vor 14 Jahren dein UFC-Debüt gegeben hast, war der reglementierte MMA-Sport, wie wir ihn heute kennen, noch nicht geboren – alles ging, nichts war verboten. Später hast du dann den sportlichen Zweikampf des heutigen MMA kennengelernt. Was gefällt dir denn besser?
Ich mag den alten Stil, ohne Regeln ist es einfach besser! Natürlich kann man jemandem auch heute noch eine gehörige Abreibung verpassen, wenn man das wirklich möchte. Aber jetzt haben sie all diese Regeln hinzugefügt und viele Dinge, die mir gefallen, kann man nun nicht mehr tun. Eine meiner Lieblingstechniken ist es z.B., jemandem in die Augen zu stechen und das haben die einfach raus genommen (alle lachen).

Goodridge nach seinem Kampf gegen Magdeburger Bomber Jerry Otto.

Was war der härteste Kampf deiner Karriere?
Das war gegen Peter Aerts. Beide Fights, die ich gegen ihn hatte, waren die härtesten Kämpfe meines Lebens. Ich habe zwar beide verloren, aber bin dabei menschlich unheimlich gereift. Das war Peters Verdienst. Dieser Kampf war einfach unfassbar schmerzhaft für mich.

Warum ausgerechnet diese Fights? Du standest schließlich schon mit einer ganzen Menge großer Namen im Ring.
Peter Arts hat mir wirklich richtig weh getan. Ich habe mich aber zusammengerissen, meine Wunden geleckt und immer weitergemacht. Peter Aerts ist einfach ein unfassbarer Kämpfer – ein wahrer Champion. Ich respektiere ihn wirklich sehr.

Hast du noch irgendwelche abschließenden Worte?
Ich freue mich, dass der MMA-Sport auf der gesamten Welt wächst und immer mehr in der Öffentlichkeit steht. Ein Sport, den ich mit geprägt und aufgebaut habe. Und ich danke Deutschland für die Unterstützung!

Gary, vielen Dank für das Interview.

Goodridge verlor seinen Kampf an diesem Abend einstimmig nach Punkten. Mit dem "Big Daddy", den man noch aus Ringschlachten bei Pride, UFC und K-1 kannte, hatte der Kämpfer dort oben im Ring leider nur noch entfernt etwas zu tun. Nachdem das tragische Schauspiel vorüber war, versicherte er uns: „Ich bin am Ende meiner Karriere. Ich bin fertig. Maximal einen Kampf habe ich noch in mir und das war's.“

 

Das Gespräch führte Mark Bergmann. Eure Meinung ist gefragt! Gebt Anregungen, Feedback oder sagt dem Autor einfach nur eure Meinung unter twitter.com/MarkBergmann.

Ein enttäuschter Goodridge nach der Niederlage gegen Otto.