Interviews

Fausthiebe mit Nächstenliebe

Chad Laprise scheut sich nicht, für seinen Glauben Kritik einzustecken (Foto: Florian Sädler/GNP1.de).

Sein Geld verdient Chad Laprise als professioneller Kampfsportler – am 19. März wird er in Brisbane, Australien bei der 85. UFC Fight Night auf Ross Pearson treffen. Wenn man ihm allerdings außerhalb des Käfigs eine Ohrfeige verpasst, dann wird er auch noch die andere Wange hinhalten. „Der Jünger“ ist gläubiger Christ und scheut sich nicht, dies öffentlich kundzutun.

Das sieht und hört natürlich nicht jeder gerne – anstatt seinen Glauben zu verstecken, geht Laprise jedoch in die Offensive: Nach dem Ende seiner Kämpferkarriere will der Kanadier eine Kämpfer-Kirche eröffnen. Was das genau heißt, darüber haben wir uns mit dem UFC-Leichtgewicht unterhalten.

Laprise war nicht immer ein Mann Gottes – erst seine damalige Freundin und jetzige Ehefrau Emily brachte ihn mit dem Glauben in Kontakt, der mittlerweile sein Lebensinhalt ist.

Und das so sehr, dass er sein im Octagon verdientes Geld in ein höchst ungewöhnliches Projekt investieren will, das seine beiden größten Leidenschaften verbinden soll: „Ich will eine Kämpfer-Kirche gründen“, bringt der 29-Jährige Kanadier seine Zukunftspläne auf den Punkt. „Alles unter einem Dach. Es soll ein Ort werden, wo man Mixed Martial Arts trainieren und gleichzeitig auch etwas über Gott lernen kann. Das ist der Traum. Gott steht in meinem Leben an erster Stelle und deshalb plane ich das schon jetzt für die Zeit nach meiner Karriere.“

"Kirche war nie mein Ding"

Die Idee dazu kam Laprise, weil genau eine solche Einrichtung ihm zu seiner Jugendzeit gefehlt hat: „Bevor ich wirklich zum Glauben gefunden habe, wäre ich niemals auf die Idee gekommen, in die Kirche zu gehen. Das war damals schlicht und einfach nicht mein Ding.“

„Wenn ich aber zu der Zeit die Möglichkeit gehabt hätte, zu trainieren und danach einen Gottesdienst zu besuchen, dann wäre ich auf jeden Fall dabei gewesen. So bin ich dann auf diese Idee gekommen. Auf diese Weise kann ich Beruf und Leidenschaft langfristig vereinen. Und ich weiß, dass es da draußen eine Menge Kämpfer gibt, die sich etwas Derartiges wünschen. Ob das letztendlich in Montreal oder sonst wo sein wird, kann ich noch nicht sagen, es wird aber definitiv offen für jeden sein, ob Christ oder nicht.“

Die nötige geschäftliche Erfahrung hat Laprise, der bereits im Alter von 20 Jahren sein eigenes Gym in seiner Heimatstadt Chatham führte. Das daraus gewonnene Fachwissen will er später dazu nutzen, um für seine Pläne die nötige finanzielle Grundlage zu gewährleisten.

Das kämpferische Know-how häuft er seit Jahren in den Käfigen und Gyms dieser Welt an und auch die theologische Seite will der Kämpfer mit dem Spitznamen „Der Jünger“ abgedeckt haben, bevor er seinen Traum Wirklichkeit werden lässt: „Ich werde natürlich erst einmal Theologie studieren und da meinen Abschluss schaffen. Die Details werden sich im Laufe der Zeit klären, aber momentan ist es definitiv der Plan, sowohl zu coachen als auch zu predigen – so stelle ich mir das Ganze zumindest vor.“
 
Es liegt noch viel Arbeit vor Laprise, bis seine Kämpfer-Kirche tatsächlich ihre Pforten öffnen kann. Gut für ihn, dass er sich momentan unbestreitbar auf dem richtigen Weg befindet, um seine Pläne zu realisieren.

Anfang 2014 gewann er die zwischen Australien und Kanada ausgetragene „The Ultimate Fighter: Nations“-Staffel, im Sommer des selben Jahres packte er dann seine sieben Sachen und zog einige hundert Kilometer von Chatham nach Montreal, wo er seitdem im Tristar Gym trainiert: „Ich hatte schon vor dem Umzug knapp zwei Jahre lang immer wieder dort für meine Kämpfe trainiert, und nachdem ich die „Ultimate Fighter“-Staffel gewonnen hatte, konnte ich es mir dann leisten, ganz nach Montreal zu ziehen.“

Chad Laprise beim Training im Tristar Gym (Foto: Florian Sädler).

Keine einfache Entscheidung für den Mann aus Ontario, der nun mit seiner Frau Emily in der größtenteils französischsprachigen Provinz Quebec lebt. Nicht nur mussten sich die beiden an die völlig andere Lebensart in der eigenenwilligen Millionenmetropole gewöhnen, auch die bestens funktionierende Kirchengemeinschaft in der Heimat ließen sie hinter sich. 

„Wir waren zuhause Teil einer großartigen Gemeinde, allein aus dem Grund war der Umzug hierher nicht einfach. Wir haben eine neue Gemeinde gefunden und fühlen uns dort mittlerweile wirklich wohl, aber die Umstellung war definitiv sehr hart.“

„Der Junge hat das Potential, großartiges zu erreichen“

Im Käfig zumindest hat Laprise sich die Gewöhnungsphase nicht anmerken lassen - innerhalb des Octagons lief es bisher größtenteils rund: Seit dem „Ultimate Fighter“-Sieg und dem anschließenden Umzug nach Montreal hat Laprise zwei weitere Kämpfe gewonnen. 

Im April 2015 schlug er Bryan Barbarena im „Fight of the Night“ von UFC 186 nach Punkten und erntete anschließend ausschweifendes Lob von Dana White: „Der Junge hat das Potential, großartiges zu erreichen“, ließ der UFC-Boss auf der Pressekonferenz verlauten, der Laprise samt Team nach dem Kampf in seine Privat-Lounge geholt hatte.

Im August folgte dann zwar die erste Niederlage seiner Karriere – ein technischer Knockout in Runde eins gegen den brasilianischen Veteranen Francisco Trinaldo – am Wochenende wird er aber gegen Ross Pearson die Chance bekommen, gegen einen bekannten Namen wieder auf die Siegerstraße einzubiegen.

Am kämpferischen Können des Stand-Spezialisten gibt es wenig auszusetzen, sein öffentlich zur Schau gestellter Glaube dagegen birgt schon weitaus mehr Konfliktpotential: „Ich definiere mich zuallererst als Christ. Aus diesem Grund habe ich auch keinerlei Hemmungen, offen darüber zu sprechen und auch zu versuchen, das Wort Gottes durch meine Position als jemand, der in der Öffentlichkeit steht, zu verbreiten. Ich würde das niemals verstecken.“

Diese Einstellung schreit geradezu nach aggressiven Reaktionen, oder? „Oh ja, definitiv“, antwortet er mit einem Lachen. „Klar bekomme ich die eine oder andere Hassnachricht deswegen, der überwältigende Teil der Rückmeldungen ist aber positiv.“ 

Kritik vonseiten seiner Kirche dagegen hat er bisher nicht zu hören bekommen: „Nein, viele Menschen in meiner Gemeinde sind einige meiner größten Unterstützer. Das ist ein tolles Gefühl, zu wissen, dass meine Kirche hinter mir steht.“

Einem Freund den Kiefer brechen?

Ganz ohne negative Stimmen geht es natürlich trotzdem nicht: „Diese Frage wird mir von verschiedenen Seiten oft gestellt: Wie kannst du ein Christ sein und gleichzeitig deinen Lebensunterhalt damit verdienen, anderen Menschen ins Gesicht zu schlagen?“ 

Ein berechtigter Einwand, könnte man meinen. Immerhin hat Laprise beispielsweise auf dem Weg zum „Ultimate Fighter“-Staffelsieg seinen langjährigen Freund und Trainingspartner Kajan Johnson mit einem Schlag ausgeknockt und ihm dabei den Kiefer gebrochen – Nächstenliebe lässt sich da auf den ersten Blick nur schwer erkennen. 

„Ich habe da eine andere Sichtweise: Gott hat mich aus einem bestimmten Grund auf diese Welt gesetzt – wenn ich kämpfe, dann können die Menschen Christus durch mich erkennen.“

„Es gibt natürlich eine Menge Leute, die das ganz anders sehen als ich und für die Christ sein und Kämpfen unüberwindbare Gegensätze sind. Diese Leute verstehen den Sport einfach nicht; sie denken immer noch, dass wir nichts als Barbaren sind, die sich gegenseitig umbringen wollen. Sie sehen nur die Gewalt in den Kämpfen und nicht das ganze Drumherum, unser Training und alles, was dazugehört.“

Wenn für Laprise weiterhin alles nach Plan geht, dann kann und wird er seinen Erfolg dazu nutzen, um die Kritiker auf friedliche Art und Weise zu überzeugen: „Ich glaube, dass Gott mich aus einem bestimmten Grund hierher gebracht hat, und dass ich genau deshalb momentan in der UFC kämpfen kann.“ 

„Mit meinen Plänen habe ich jede Menge Diskussionen ausgelöst – Menschen aus der ganzen Welt schicken mir Fragen dazu und wollen mehr darüber wissen, und das ist einfach toll.“


Dieser Artikel ist ursprünglich in Ausgabe 3/2015 des GNP1-Magazins erschienen.