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Exklusiv-Interview mit Ivan Musardo

Ivan Musardo

Der Italo-Schweizer Ivan „der Schreckliche“ Musardo hat am Wochenende seinem Namen wieder einmal alle Ehre gemacht und sich den Cage Warriors Leichtgewichtstitel geholt. In einer Vier-Runden-Schlacht mit dem ungeschlagenen irischen Talent Joseph Duffy erwies er sich am Schluss als der Stärkere, als er Duffy mit einer Guillotine zur Aufgabe zwang. GroundandPound sprach mit dem frischgebackenen Champion.

Hallo Ivan, Du bist soeben zurück aus London, wo Du Deinen wohl größten Sieg gefeiert und den prestigeträchtigen Gürtel von Cage Warriors abgeräumt hast. Wie fühlst Du Dich?
Ich fühle mich gut und ich bin frohen Mutes. Die ganze harte Arbeit hat sich gelohnt und das Training hat sich bis zur letzten Sekunde ausbezahlt. Im Moment bin ich nur glücklich.

Erzähl uns doch aus Deiner Sicht, wie der Kampf verlief.
Ich startete zur Abwechslung mal routiniert und ruhig in den Kampf anstatt loszulegen wie die Feuerwehr. Ich konnte in der ersten Runde ein paar Akzente im Stand setzen, doch auch Duffy traf mich immer wieder gut. Dann kriegte ich ihn zu Boden und verbrachte den Rest der ersten Runde mit Ground and Pound. Die zweite Runde startete ähnlich, ich versuchte vermehrt den Clinch am Cage, wo ich meine Stärke ausspielen konnte und der Vorteil seiner Größe negiert wurde. Doch Duffy war wirklich stark, löste sich immer wieder und im Stand kämpfte er sehr klug. Er blieb immer schön auf Distanz und traf mich mit harten Geraden. Ich versuchte meiner Einlaufmusik („Gonna Fly Now“ vom Rocky-Soundtrack, Anm. d. Red.) alle Ehre zu machen und landete ein paar wilde Schwinger, doch auch immer mehr traf ich nur Luft, da er mich gut timen konnte und einfach fast einen Kopf größer war. Die dritte und vierte Runde war dann immer mehr zu seinem Vorteil. Ende der vierten Runde rutschte er nach einem Kick aus, ich nutzte die Situation und brachte ihn zu Boden. Als er versuchte, auf alle Viere zu wechseln, um aufzustehen, nahm ich ihn in die Guillotine… ironischerweise genau dieselbe Technik, die Minotauro Nogueira anwendete, um Tim Sylvia zu besiegen. Ich zog eng zu, er gab noch Gegenwehr, doch ich hatte die Guillotine tief sitzen und zog zu.

Sprechen wir gerade von Minotauro, Du warst im Team Nogueira in Rio, um Dich vorzubereiten. Wie war das?
Ich war ja nicht das erste Mal dort. Das Team Nogueira auf der ganzen Welt hält zusammen und unterstützt sich wo es geht. Ich bin vom Frota-Team Nogueira in Zürich, doch benötigte eine Vielzahl Leichtgewichte zum Sparren, weshalb wir uns in Rio vorbereiteten. Die Jungs dort sind einsame Spitze, die Besten der Welt. Und ich musste durch viele harte Sparringssessions durch, weshalb die Schläge von Duffy zwar hart waren, doch im Vergleich zu einigen Schlägen, die ich in Rio kassierte, war das manchmal fast Erholung. Ich flog dann Anfang der Woche zurück von Rio nach Zürich und dann von dort nach London zu Cage Warriors.

Normalerweise kämpfst Du eine Kategorie höher – wie war es, im Leichtgewicht zu kämpfen?
Super, ich denke das Leichtgewicht entspricht mir mehr, da die Gegner nicht ganz so groß sind und ich meine Stärkevorteile besser ausspielen kann. Duffy war zwar riesig, doch ist die Ausnahme. Ich glaube, vorerst bleibe ich mal im Leichtgewicht. Der Weight-Cut war auch ganz okay. Ich hatte zwar erst etwas Übergewicht, doch konnte ich das ohne Probleme abbauen.


Wie war die Veranstaltung selbst?
Ian Dean und seine Jungs sind spitze. Die Briten haben einen guten Humor und die Veranstaltung ist sehr professionell aufgebaut. Auch die Betreuung ist erste Liga und ich kämpfe gerne wieder in England.

Du bist klar als Underdog gestartet. Wie war das Gefühl, im „Feindesland“ zu kämpfen?
Das war gar nicht so schlimm, ich schöpfte Kraft aus den Buh-Rufen, und als Duffy abklopfte und es mucksmäuschenstill in der Halle wurde… war das einfach klasse. Ich hatte das Gefühl, jemand hatte den Ton ausgeschaltet, denn Duffy hatte eine Menge lautstarker Fans, welche die ganze Zeit Lärm machten, und plötzlich war es still. Damit hatte wohl niemand gerechnet.

Manche würden vielleicht meinen, Du hast nur gewonnen, weil Duffy einen Fehler machte. Wie stehst Du dazu?
Ein Kampf dauert fünfmal fünf Minuten, und in jeder Sekunde muss man sich konzentrieren und bei der Sache sein. Schlussendlich gewinnt man ja fast immer vorzeitig, weil der Gegner einen Fehler macht oder unkonzentriert ist für einen Moment. Ich habe den Kampf durch Submission gewonnen, sprich mein Gegner hat aufgegeben. Eine deutlichere Art zu gewinnen gibt es ja kaum. Außerdem hat Duffy zwei Fehler gemacht. Der erste war zu stolpern und der zweite war es, sich auf alle Viere zu drehen, um aufzustehen. Für einen BJJ-Kämpfer wie mich ist das ein gefundenes Fressen.

Wie war es, zum ersten Mal mehr als drei Runden zu kämpfen?
Das ist schon hart, sehr hart sogar. Doch ehrlich gesagt war meine dritte Runde in Slowenien (gegen Maciej Gorski, Anm. d. Red.) weitaus schlimmer. Mit gebrochener Nase fünf Minuten durchzuhalten und gefühlte Tausend Schläge zu kriegen, während du kaum mehr Kraft hast, um die Hände oben zu behalten… da war die vierte Runde gegen Duffy ein Spaziergang (lacht)… oder so ähnlich zumindest.

Wie sehen Deine nächsten Schritte aus?
Erst mal wieder in Zürich das Training beginnen, etwas erholen, die ganzen Blessuren auskurieren und dann mache ich vielleicht Ende des Jahres noch einen Kampf. Und dann kommt die Mission Titelverteidigung.

Was denkst Du nach dem Titelgewinn über einen Wechsel in eine amerikanische Organisation?
Klar haben die UFC, Bellator oder Strikeforce ihren Reiz. Doch ich denke, man sollte erst mal auf dem Boden bleiben, die Situation analysieren und dann entscheiden, wie man weitermacht. Ich bin nun seit zehn Jahren daran, meine Fähigkeiten in allen Bereichen zu verbessern, und jeden Tag lerne ich Neues und entdecke neue Schwächen. Aber ich bin offen für alles.


Du hast Deine Karriere bei Shooto Switzerland gestartet. Erzähl uns mal etwas dazu.
Shooto macht in der Schweiz seit 2003 Shows, und zwar so richtig gute. Ich hatte schon bei Shooto Switzerland Shows gekämpft, wo auch JZ Calvan, Roan Carneiro, Pascal Krauss, Grgeor Herb oder Alan Omer kämpften. Primär geht es bei Shooto darum, tolle Kämpfe zu bieten und die besten verfügbaren Matchups zu machen. Weiter läuft das ganze halt sehr professionell und fair für die Kämpfer ab, weil die ganzen Köpfe hinter Shooto Schweiz selbst aktive Kämpfer sind und genau wissen, was ein Sportler vor einem Event benötigt. Da muss man nicht irgendwelchen Leuten nachrennen, um an Infos zu kommen, und der Ablauf ist straff gehalten und für die Schweiz typisch: Alle sind pünktlich.

Hattest Du im Shooto auch Erfolge?
Ja klar, ich gewann 2003 den Amateur Europameistertitel in Holland und konnte sogar in Japan kämpfen. Eine krasse Erfahrung. Ich hatte noch ein hartes Jetlag, hatte Mühe das Gewicht zu machen und war mit dem Kopf einfach woanders. Aber Japan ist sehr beeindruckend und die Kämpfer extrem diszipliniert.

Als klassischer Bodenkämpfer schaffst Du es immer mehr, auch Akzente im Stand zu setzen. Wie wird es mit Ivan Musardo Version 2.0 weitergehen?
Ich bin Braungurt im BJJ unter Augusto Frota. Augusto hat seinen Schwarzgurt von Minotauro Nogueira verliehen bekommen und er ist sehr offen für neue Entwicklungen. Wir sind kein klassisches BJJ-Team, sondern genießen immer Einflüsse von außen. So trainieren wir mit Ringern das Ringen, Boxen mit Boxern, gehen ins Muay Thai und trainieren viel im hauseigenen Cage.

Möchtest Du noch ein paar Worte an die MMA-Fans in Deutschland, Österreich und der Schweiz richten?
Gebt niemals auf, ein Kampf ist erst dann fertig, wenn er fertig ist. Das gilt für den Ring, aber auch für den Alltag. Trainiert mit Freude und Spaß und unterstützt unseren tollen Sport in der Schweiz.

Vielen Dank für das Interview und alles Gute für deine Zukunft!
Ich danke euch, GroundandPound regiert die MMA-News-Welt (lacht).