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Exklusiv-Interview: Latif Özbek

GroundandPound: Hallo Latif! Schön, dass Du Dir die Zeit nimmst, uns ein paar Fragen zu beantworten. Ich freue mich über das Interview, denn früher war so etwas undenkbar. Das zeigt mir einmal mehr, welche Möglichkeiten es heute gibt. Du hast Dir Anfang der 90er Jahre einen Namen im Thaiboxen gemacht. Dann hast Du dem Sport den Rücken gekehrt. Jetzt startest Du Dein Comeback am 12.12 bei Revolution im Edelfettwerk. Was hat Dich dazu bewegt, noch einmal durchzustarten?

Latif Özbek: Ja, ich habe Anfang der 90er Jahre mit dem Thaiboxen angefangen. Ich würde sagen genau zu dem Zeitpunkt, als es einen ersten Hype um diesen Sport in Deutschland gab. Ich war geradezu besessen von dem Sport. 9 Kämpfe hatte ich absolviert, davon 7 gewonnen, 2 verloren.

Diese Niederlagen waren aber nur auf dem Papier Niederlagen. Sie haben mich enorm reifen lassen, denn ich konnte für die taktische Kampfesführung sehr viel Erfahrung sammeln. Meinen letzten Kampf hab ich mit 18 absolviert. Das war vor 16 Jahren. Schwierige Umstände und sagen wir mal suboptimale Idealvorstellungen vom Leben haben mich vom Kurs abweichen lassen. Das hat meine Karriere zu dem damaligen Zeitpunkt beendet. Schade!

Nun ist es so das ich mich gerne als Promoter betätigen möchte. Dazu gehört für mich persönlich, das Handwerk von der Pike auf an zu kennen. Deshalb möchte ich zum einen noch ein Paar Kämpfe machen, so lange es mir Spaß macht und zum andereren möchte ich als Promoter wissen wie sich ein Kämpfer fühlt, worauf es ankommt. Ich bin der Meinung, dass ein rundum zufriedener Kämpfer besser in der Lage ist sein Potential abrufen zu könnnen als ein mental blockierter. Aber das sind für mich alles noch Lernprozesse.

Mit Dany Knoch, dem Headcoach vom Hanse Gym, bin ich gerade dabei, eine Fight-Promotion zu gründen. Wir kennen uns noch aus der Jugend, aber leider haben wir uns eine zeitlang aus den Augen verloren. Wer weiß, vielleicht sollte alles so kommen, damit es wurde wie es jetzt ist.

Du trittst ja ein schweres Erbe an. Wie fühlst Du Dich dabei? (Anmerkung der Redaktion: Sein großer Bruder Bruce Özbek, war neunmaliger Weltmeister im Kickboxen und ist später ins Profi-Boxen eingestiegen. Er ist keinem Kampf aus dem Weg gegangen und stand schon mit Carsten Marek, Ferdinand Mack, Gerd Roth und Frank Scheuermann im Ring. Er war für sein großes Kämpferherz berüchtigt.)
Ich bin nicht der Erbe meines Bruders. Ich habe auch keine Motivation, sein Erbe antreten zu wollen. Erst recht nicht, wenn das bedeutet, ein Karriereende wie seins zu erleben.Mein Bruder hat mehr Gück als fassbar ist, dass er zum einen noch am Leben und zum anderen noch in der Lage ist sich meistens verständigen und mitteilen zu können.

Abgesehen davon fühle ich mich sehr gut. Natürlich spüre ich den Druck auf meinen Schultern, die Erwartungshaltung vieler, einige freuen sich mit mir und drücken mir die Daumen andere wiederum hoffen das ich das Ende des Kampfes nicht stehend erlebe (grinst). Das macht aber nichts. Ich fühle mich durch beide Seiten motiviert, denn dadurch ist eine super Stimmung vorprogrammiert und so kämpft man doch am liebsten. Kannst du dir für einen Akteur etwas schlimmeres vorstellen als in der Bedeutungslosigkeit zu versinken?

Du trainierst unter anderem auch mit Pierre & Rene Clasen, Marco Aschenbrenner, Joel Knoch, Nderim Ismaili, die auch am 12.12. starten. Wie laufen die Vorbereitungen?
Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Im Gym ist es momentan wie in einem Bienenstock, alles ist in Bewegung und möchte starten, angefangen vom Erstkämpfer bis hin zum A Klasse Fighter. Das motiviert mich und hilft mir. Seit ich vor 4 Monaten mit dem Training begann, habe ich 10 Kg abgenommen. So leicht wie jetzt war ich zuletzt mit 18. Ich beobachte jeden der von dir aufgezählten Kämpfer, aber auch die anderen und ganz besonders Schneidmiller. Er stand mir die letzte Zeit immer gerne hilfreich zur Verfügung. Ich fühle mich super und freue mich darauf, dass es endlich, endlich bald los geht.

Wie kommt es, dass Du im Gegensatz zu Deinem Bruder beim Thaiboxen gelandet bist?
Das hat sich einfach so ergeben.

Was macht Latif privat?
Momentan habe ich kein Privatleben. Ich lebe nach dem faszinierenden Zitat, welches Emanuel Steward über die Klitschkos sagte: "Wenn du es dir leisten möchtest, 24 Stunden nicht ans Boxen zu denken, dann hast du schon gegen die Klitschkos verloren. Ein Klitschko denkt 24 Stunden ans Boxen." Ich richte alles auf den 12. Dezember aus.

Vor dem Interview hatte ich ein gewisses negatives Bild von dir. Damit wirst du ja sicherlich oft konfrontiert? Woher kommt dieses Bild?
Es gab eine Zeit in meinem Leben da war ich kriminell. Ich war fehlgeleitet durch falsche Wertvorstellungen und Verblendung. Ich war halt jung. Das ist ein Teil meines Lebens, den ich weder abstreite noch leugne, aber es ist halt ein Teil von mir. Ich war mehrjährig in Haft und hatte dadurch viel Zeit zur Ruhe zu kommen und über einige Dinge nachzudenken. Mir war ein gewisser angsteinflößender Ruf vorausgeeilt. Ich bin kein Kind von Traurigkeit, das steht außer Frage.

Dennoch ist ein Großteil der Geschichten die um mich kursieren reiner Seemannsgarn von irgendwelchen Trittbrettfahrern, die sich während meiner Haftzeit mit meinem Namen profiliert haben. Unverschämterweise entstehen auch heute noch vereinzelt neue Märchen um mich. Darauf baut mein negatives Image halt auf.

Mir ist zu Ohren gekommen, dass Du Dich sozial engagierst. Erzähl doch bitte mal was darüber...
Während und nach meiner Haft habe ich das Projekt: "Gefangene helfen Jugendlichen" mit Polizeibeamten und Justizangestellten drei Jahre lang begleitet. Genau der Ruf, der mir vorauseilte, animierte viele Jugendliche dazu, möglichst meinem Werdegang nachzueifern oder mich sogar noch zu übertreffen. In Sitzungen und Gesprächsrunden wurde vielen klargemacht, dass es überhaupt nicht erstrebenswert ist, kriminell zu sein und dass vieles, was auf den ersten Anschein im kriminellen Milieu glitzert, auch große Entbehrungen und Nachteile mit sich bringt.

Es war mir wichtig, zumindest einigen helfen zu können und ebenso auch meinen Teil zur Wiedergutmachung an der Gesellschafft zu leisten.

Vielen Dank für das Interview. Ich freue mich auf den 12. Dezember und auf ein Jahr 2010 mit vielen Events.
Vielen Dank nochmal und wir sehen uns am 12.12. Wünsche Dir viel Erfolg