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Exklusiv: Alexander Dimitrenko

Ex-Europameister "Sascha" Dimitrenko muss einen Titel zurückgewinnen, den er nie verloren hat. (Fotos: Mark Bergmann/GroundandPound)

Noch vor nicht allzu langer Zeit galt Alexander Dimitrenko (32-1-0, 21 KO) als hoffnungsvollstes Schwergewicht der Zukunft. Doch das einst heißeste Talent Deutschlands ist mittlerweile spürbar abgekühlt. Nun will Dimitrenko sich nach einer verletzungsbedingten Zwangspause wieder zurückmelden, seinen EM-Gürtel zurückholen und beweisen, dass die Flamme in ihm noch lange nicht erloschen ist.

Alexander Dimitrenkos Vita im Schnelldurchlauf: 2001 heuerte er bei Universum an und wurde stalltypisch behutsam aufgebaut. Nach 29 Siegen in Folge war er 2009 bereit für einen WM-Eliminator gegen Eddie Chambers – so dachte man zumindest. Dimitrenko verlor nach Punkten und musste sich erst einmal wieder hinten anstellen.

Nach über einem Jahr Pause boxte er gegen Yaroslav Zavorotnyi um den EM-Titel im Schwergewicht und wollte damit wieder Anschluss an die Weltspitze finden. Er schlug den Ukrainer in der fünften Runde KO und war fortan Europameister, der Anschluss an die Weltspitze blieb jedoch aus.

Denn seitdem lief es durchwachsen. Das Talent war beim Wahl-Hamburger zweifelsohne noch vorhanden, unglückliche Umstände behinderten den Fortgang seiner Karriere aber erheblich. So kollabierte der 2,01 Meter große Hüne im Dezember 2010 spektakulär, nur wenige Minuten vor seiner Titelverteidigung gegen Albert Sosnowski. Das Duell wurde im März nachgeholt, Dimitrenko gewann einen spannenden Kampf durch KO in Runde 12.

Doch schon im nächsten Kampf, ein halbes Jahr später, die nächste Hiobsbotschaft: Im Duell gegen den Briten Michael Sprott verletzte er sich den Ellenbogen. “Freie Gelenkkörper im linken Ellenbogengelenk”, lautete die Diagnose, eine Operation war unvermeidbar. Nun steht Dimitrenkos Comeback kurz bevor:

„Ich bin am 30. Oktober operiert worden“, erklärt er uns. „Es läuft, alles ist wieder gut, ich muss nächste Woche zur letzten Untersuchung. Mit leichtem Training habe ich schon begonnen, habe angefangen, meinen linken Arm wieder zu belasten. Ich habe keine Probleme mit dem Arm, aber ich will auf Nummer sicher gehen, deshalb gehe ich auch zu der Untersuchung. Und dann schau’n wir mal wie sich das weiterentwickelt. Ich bin ja heiß auf‘s Boxen und weitere Kämpfe. Ich bin positiv eingestellt, alles wird in Ordnung, alles wird gut.“

Heiß auf's Boxen: Dimitrenko will zurück in den Ring.

Wann genau er wieder in den Ring steigen wird, konnte „Sascha“ uns aber nicht verraten. Dies liegt zum einen in den Händen seines Arztes, vor allem aber in den Händen von Universum und Sauerland Event, die über Datum und Ort von Dimitrenkos nächstem Kampf in einem sogenannten Purse-Bid, einer Versteigerung, entscheiden werden.

„Wie früh ich wieder kämpfen darf hängt von meiner letzten Untersuchung ab“, so Dimitrenko. „Ich habe, was meinen Kampf angeht, noch mit niemandem gesprochen. Deshalb kann ich nicht viel dazu sagen, wann genau das sein wird. Wir werden sehen. Am 30. Januar ist die Versteigerung angesetzt, wenn das dann alles gelaufen ist, wird sich zeigen wie die Sache sich weiterentwickelt.“

Dimitrenko soll in einem erneuten Europameisterschaftskampf auf die bulgarische Schwergewichtshoffnung aus dem Sauerland-Stall, Kubrat Pulev (15-0-0, 7 KO), treffen. Für Dimitrenko wird dies ein Kampf um einen Gürtel, den er de facto nie verloren hat. Ob er seiner Meinung nach um den Titel kämpfen oder ihn in Wirklichkeit verteidigen wird, wollen wir wissen.

„Beides eigentlich (lächelt). Es ist tatsächlich so, dass ich den Titel nie verloren habe und trotzdem muss ich ihn zurückgewinnen“, so der 29-Jährige. „Ich fühle mich nicht als Verlierer und werde beweisen, dass ich der Europameister bin, egal wer vor mir steht.“

Vor ihm stehen wird der Amateur-Europameister von 2008, Kubrat Pulev. Ein 30-jähriger Bulgare mit jeder Menge Erfahrung im Amatuerbereich, jedoch erst 15 Kämpfen bei den Profis. Ernst nimmt Dimitrenko den Kampf dennoch:

„In dieser Gewichtsklasse darf man niemanden unterschätzen, wenn man einmal kurz nicht aufpasst, dann ist der Kampf vorbei. Wenn der Kampf zustande kommt, nehme ich ihn nicht auf die leichte Schulter“, versichert er uns.

Ursprünglich hätte der Universum-Boxer auf Sauerlands Vorzeige-Schwergewicht Robert Helenius treffen sollen. Der gewann den vakanten EBU Europameistertitel Anfang dieses Jahres umstritten in einem Kampf gegen Dereck Chisora und war damit Dimitrenkos direkter Nachfolger.

Auch er musste den Gürtel aber, ähnlich wie sein Vorgänger, wegen einer verletzungsbedingten Zwangspause niederlegen. Nun wird Dimitrenko vorraussichtlich gegen Pulev, statt gegen den größeren Namen Helenius in den Ring steigen.

„Naja, was heißt größerer Name?“, wiegelt Dimitrenko ab. „Wir sind ja alle Menschen, egal wie wir heißen. Wie menschlich wir alle sind, zeigt doch, dass erst ich verletzt war und nun er – das kann eben jedem passieren.“

Dimitrenko wirkt entschlossen, noch einmal anzugreifen, um endlich dorthin zu gelangen, wo ihn Fürsprecher schon vor drei Jahren gesehen hatten: an die Spitze der Schwergewichtsklasse, als potentieller Klitschko-Killer.

Nachdem der Ellenbogen nun ausgeheilt, die Differenzen mit dem neuen Universum-Geschäftsführer Waldemar Kluch beigelegt, oder zumindest ausgesetzt sind („Ich habe mich darüber geäußert was mich stört und er kann entweder damit leben oder nicht“) und ein EM-Kampf so gut wie in trockenen Tüchern ist, dürfte dem Aufstieg „Sascha“ Dimitrenkos eigentlich nichts mehr im Weg stehen - außer höchstens er selbst.

Es wird Zeit, die Flamme neu zu entfachen.

Dimitrenko mit GroundandPound-Chefredakteur Mark Bergmann.