Interviews

Enriko Kehl: „Die Gewalt auf der Straße hat zugenommen.“

War früher wirklich alles besser? K-1-MAX-Champion Enriko Kehl sagt: ja, zumindest was die öffentliche Sicherheit angeht. Er muss es wissen, Kehl ist seit zehn Jahren Polizist und beobachtet eine massiv gestiegene Gewaltbereitschaft auf der Straße.

„Das auf jeden Fall“, so Kehl in der neuen Folge des Schlagwort Podcasts, auf die Frage, ob die Gewaltbereitschaft in Deutschland gestiegen sei. 

„Ich muss sagen, wenn ich früher mit den Jungs um die Häuser gezogen bin, habe ich keinen Schiss gehabt. Ich wusste, ich könnte mich wehren, wenn es zu einer Konfrontation käme. Weil ich durch meinen Beruf aber sehen, erfahren und fühlen musste, dass heutzutage jeder mit einem Messer oder ähnlichem herumläuft und Leute - übertrieben gesagt - schon in meinen Armen abgestochen wurden, dann muss ich sagen, dass ich mittlerweile selber Angst habe, wenn ich draußen rumlaufe und mir gut überlege, wen ich anspreche, wie ich ihn anspreche und wie ich reagiere.“

„Mittlerweile habe ich Bedenken, wenn ich abends rausgehe, dass ich wieder gesund nach Hause komme, weil wirklich jeder - entschuldigt die Ausdrucksweise - Vollidiot mit einem Messer rumläuft und auch keine Skrupel mehr davor hat, zuzustechen“, so Kehl weiter. „Da sind wir heutzutage angekommen. Dass wir schon so weit sind, das ist echt traurig.“

 

Kehl: Sicherheitsdebatte ist gerechtfertigt

Die seit Jahren in der Gesellschaft geführte Sicherheitsdebatte hält Kehl demnach für angebracht. Er versichert, dass er - auch aufgrund seines Kampfsport-Backgrounds - versucht, Konfrontationen im Beruf und Privatleben stattdessen eher mit Worten zu lösen.

„Ich selbst weiß, ich kann mich im schlimmsten Notfall wehren - was mir noch nie passiert ist“, so der K-1-MAX-Sieger von 2014. „Ich habe mich tatsächlich außerhalb des Rings noch nie geschlagen. Ich habe mein Selbstbewusstsein, ich muss niemandem etwas beweisen und bin der Kommunikative. Wenn mir einer blöd kommt, versuche ich das so zu klären.“

Kehl arbeitet seit 10 Jahren im Staatsdienst, ist seit sieben Jahren bei der Festnahmeeinheit, die beispielsweise bei Ausschreitungen am Rande von Demonstrationen oder Fußballspielen zum Einsatz kommt. Er war nach eigenen Aussagen auch bei den Krawallen im Umfeld des G20-Gipfels in Hamburg an vorderster Front dabei und äußerte sich mit Unverständnis für die Gewalt, die ihm dort entgegenschlug.

„Es kommt tatsächlich vor, dass sich auch Kollegen verletzten. Gerade beim G20-Gipfel, wenn man nur zwei, drei Stunden geschlafen hat und dann wieder 20 Stunden im Einsatz ist, dann macht irgendwann der Körper dicht“, so Kehl. „Dann kriegst du mal 'ne Flasche vor den Kopf. Man muss halt mit allem rechnen, das ist das Schlimme. [...] Ich frage mich manchmal echt, was bei den Menschen im Kopf vorgeht, ob die keine Hobbys haben oder sich manchmal einfach sagen: 'Komm, heute werfe ich mal einen Backstein vor den Kopf von einem Polizisten, weil ich einfach Bock drauf habe.' Da fragt man sich wirklich, was in einem Kopf vorgehen muss, dass sich jemand eine Flasche schnappt oder einen Stein oder einen ähnlichen Gegenstand und auf jemanden wirft.“

Seine Job führe er gerne aus, sagt Kehl. Trotzdem sei er froh, wenn er gesund seine Uniform ablegen und wieder nach Hause gehen könne.

Enriko Kehl steht aktuell bei One Championship unter Vertrag, wo er vor wenigen Wochen sein Debüt erfolgreich gestalten konnte. Er ist nun Teil des top-besetzten Federgewichtsturniers, dessen Sieger den neu ausgelobten WM-Titel erhält. Das Teilnehmerfeld umfasst große Namen, wie Giorgio Petrosyan, Dzhabar Askerov und Yodsenklai Fairtex, mit denen allen Kehl noch eine Rechnung offen hat. Seit erster Turnierkampf soll noch im Frühjahr stattfinden, der Gegner wird in Kürze bekanntgegeben.