Anzeige

Interviews

De la Roca zur Trennung von Arena Dortmund: „Kampfsport ist nicht käuflich!“

Christian de la Roca im Dress des deutschen Nationalteams

Vom Spitzenkämpfer zum erfolgreichen Trainer: Er war deutscher, bolivianischer und panamerikanischer-Meister im BJJ, Christian „Godzilla“ de la Roca gehört zum deutschen A-Nationalkader des Ju-Jutsu Ne Waza. Der Globetrotter gehört zu den besten schweren Jungs in Deutschland. Er war auch der Haupttrainer für Bodenkampf (BJJ und Grappling) in der Arena Dortmund. Es wird nicht still um de la Roca, denn fertig ist er noch lange nicht.

GNP1: Vor ein paar Jahren hast du alle Bodenkampf-Matten der Welt unsicher gemacht. Wie geht es dir gerade?
Christian de la Roca: Ich komme gerade aus ein paar Wochen Urlaub in Spanien; in Malaga, wo wir mit Daniel Ladero und ein paar von den MMA-Spirit-Jungs beim Roger-Gracie-Camp waren, und auf den Kanaren, wo ich mit meinem Training für die JJIF-Weltmeisterschaft in Thailand begonnen habe. Ich erhole mich auch von der ganzen Geschichte bei der Arena Dortmund, von denen ich mich leider traurigerweise trennen musste. Sehr unglückliche und traurige Situation. Auch sehr persönlich und enttäuschend für mich, denn wir haben uns leider nicht gut getrennt und es ging und geht mir sehr nahe.

Was steckte dahinter?
Das ist eine komplizierte Geschichte. Ich habe die Arena zum Leben erweckt und war sehr stolz auf alles, was wir mit Manuel Masuch, Daniel Ladero, Timo Kersting und vielen anderen aufbauen konnten. Aber es kam zu verschiedenen Philosophien und Ideen in Sachen Kampfsportmentalität und finanzielle Entwicklung, und ich musste leider die Arena verlassen. Kampfsport ist mehr als nur eine finanzielle und geschäftliche Sache und beim Kämpfen werden Schweiss, Blut und Tränen ausgetauscht und eine wahre Verbindung zwischen Menschen wird gebildet. Da ist nichts käuflich.

Deine sportliche Vita reicht vom deutschen, über den bolivianischen bis hin zum panamerikanischen BJJ-Meister. Wirst du nochmals einen Angriff in die Bodenkampfwelt starten?
Ich bin ja noch Teil des deutschen Nationalkaders des DJJV und werde im November bei der WM in Thailand noch einmal alles geben. Aber ich bin mittlerweile vierzig und ich merke schon seit einiger Zeit, dass das Feuer und die notwendige Unbarmherzigkeit, um an der Spitze mitzumachen, anfangen zu fehlen. Andere Sachen sind wichtiger geworden und mittlerweile weiß ich einfach zu viel (lacht)! Es ist auch schwer, als Gym-Manager und Haupttrainer selber im Kampfmodus zu bleiben. Vielleicht jetzt, wenn ich selber wieder ein bisschen trainieren kann, zündet die Flamme wieder. Mal schauen.

Warum hast du die Laufbahn eines Trainers gewählt?
Eigentlich habe ich diese nicht ganz freiwillig gewählt. Ich bin eigentlich von Beruf Wirtschaftsingenieur, habe aber die schlechtesten Menschen, die ich kenne, in dieser Branche kennengelernt und schlechte Erfahrungen gemacht. Nach acht Jahren habe ich entschieden, dass ich so nicht weitermachen wollte. Ich wollte in der Entwicklungsarbeit in Äthiopien arbeiten und bin zu einem Bewerbungsgespräch nach Deutschland gekommen. Dieses hat leider nicht geklappt und als Zweitoption hatte ich mit dem Besitzer von einem der Cuidado Shops in Dortmund gesprochen, um eine Kampfsportschule aufzubauen. Ich hatte schon immer die Neugier, die Arbeit mit meiner Leidenschaft zu kombinieren und somit ergab sich diese Möglichkeit. Wir verstanden uns und ein paar Wochen später zog ich nach Dortmund und habe dort die erste Nacht auf Matten im Hinterzimmer geschlafen (lacht)! Irgendwas haben wir richtig gemacht, denn wir haben es geschafft, innerhalb von 1,5 Jahren auf 400 Mitglieder und Reha-Patienten zu kommen. Ich bin sehr stolz darauf.

Was macht den Job eines Trainers für dich so spannend?
Ich finde es ist eine fantastische Herausforderung, jemandem etwas zeigen zu wollen. Jeder Schüler ist anders und nimmt die Sachen anders auf und anders wahr. Und man muss sich selbst gut kennen und die Tiefen des eigenen Verstandes und die Grundsätze der Leidenschaft rausfinden, um hierbei erfolgreich zu sein. Es ist unglaublich tief und es wird was Inneres, Grundsätzliches übertragen. Es gibt eine Verbindung zu einem anderen Menschen und die bleibt. Und dann auch noch die Möglichkeit, so was Grundsätzliches zu zeigen wie Kämpfen ist schon wunderbar. Man lernt sich selber kennen. Diese Reise mag ich...

Wie war für dich dein Verhältnis zu deinen Trainern? Sind diese nicht ab und zu an deinem Temperament verzweifelt?
(Lacht) Ich glaube, ich bin zwar ein hartnäckiger Kämpfer, aber ich bin ein sehr weicher Mensch. Mein Temperament kriegt man nur selten zu spüren. Beim Kampfsport geht es eher darum, das Beste aus tausend verschiedenen Techniken, Tipps und Ratschlägen auszufiltern, und das muss jeder für sich finden. Somit gibt es wenige Themen, bei denen ich meinem Temperament freien Lauf gebe. Vor allem bei solchen Profis, mit denen ich das Glück hatte, zu trainieren. Die Effektivität und was wirklich funktioniert kommt sowieso ans Licht. Das Einzige, was ich nicht toleriere, ist, wenn Menschen, die von Kampfsport keine Ahnung haben, ihren Senf dazu geben wollen.

Du bist ja schon lange im Bodenkampf-Zirkus dabei, in welcher Manege hast du am liebsten gekämpft?
Ach, es war schon sehr beeindruckend, bei den Panams und bei den Europameisterschaften der IBJJF zu kämpfen, aber ich mag deren Profitgeilheit und Politisierung des Sports nicht. Ich glaube meine Lieblingsturniere waren der Iron Warrior in Hamburg und die UGC von Peter Angerer, da es hier ohne Punkte lief und nur die Submission zählte. Das ist schon was Besonderes und zeigt schon einen Teil der Seele der Kämpfer. Aber auch die DGL-Formate von Franco de Leonardis und Daniel Ackerman liebe ich.

Wenn du einen Wunsch frei hättest, an welchen Turnieren würdest du gerne mal teilnehmen?
Ich liebe die Konzepte von Metamoris und Polaris, und ich würde gerne auf so einem Event mal mitmachen um mal mit den Größten und Besten des Bodenkampfes zu rollen. Die Idee des Profiseins im Grappling fasziniert mich.

Du bist eine längere Zeit in den Staaten gewesen. Wie ist dort das Niveau an Kämpfern im Gegensatz zu dem in Deutschland?

In Deutschland ist das Niveau schon ganz ok, aber meines Erachtens werden Kämpfer aus entwickelten Ländern immer ein Problem haben, an die Spitze zu kommen, denn das Feuer, alles zu geben und der Hunger, nach oben zu kommen, kann nie im Leben verglichen werden mit jemandem, der nichts hat, der eigentlich schon als Verlierer ins Leben kam. Und das kann man nicht in einem Gym erzeugen. Und solche Athleten werden halt zunächst mal in die USA gelockt. Auch in Deutschland wird Kampfsport noch als Hobby gesehen und es gibt kaum Kampfsportler, die nicht nebenbei noch arbeiten. In den USA und Lateinamerika sind die Standards anders und meines Erachtens ist auch die Leidenschaft größer. Auch weil man mehr zu verlieren hat, wenn man es nicht schafft.

Welcher Kämpfer fasziniert dich derzeit am meisten und warum?
Ich bin ein großer Fan von Max Coga, sein Kampfstil und sein Charisma sind einzigartig. Ich habe den Eindruck, jeden Schlag, den er abgibt, vergrößert nur sein Lächeln (lacht). Auch Daniel Ladero, finde ich, hat eine fabelhafte Zukunft. Er hat eine fantastische Mischung zwischen physischen und mentalen Eigenschaften entwickelt, der wird hier in Deutschland weiter einschlagen wie ein Blitz. Jetzt braucht er nur schnell eine neue Herausforderung und einen guten Gym! International bin ich fasziniert von Fabricio Werdum, den ich für einen der besten MMA-Botschafter der Welt halte, nicht nur wegen seiner Eloquenz und Bescheidenheit, sondern weil er einfach nie aufgegeben hat und sich von einem Bodenass zu einem Standup-Killer entwickelt hat! Kryptonit für jeden Ringer. 

Welche Technik war für dich immer ein rotes Tuch? Und welche Technik hätte, im Gegensatz dazu, eigentlich von dir sein können?
Ich war schon immer ein großer Skeptiker von Heelhooks und Wristlocks. Der Schaden, den man da anrichten kann, ist einfach zu groß und bei erfolgreicher Anwendung hat der Gegner kaum eine Chance, was dagegen zu machen. Verletzungen von Heelhooks schmeißen dich mindestens sechs Monate aus dem Sport, und nicht das Handgelenk benutzen zu können, ist einfach total frustrierend. Für Kampfsportler gibt es nichts Schlimmeres, als nicht trainieren zu können. Meine Lieblingstechnik ist natürlich das, was ich fast nur kann... (lacht) Nichts ist schöner, als ein wunderschöner Sweep aus der Halfguard. Die Halfguard ist so flexibel und variabel, dass fast jede Position aus ihr entstehen kann. Und nichts ist schöner, als den Druck eines dicken Jungen zu spüren und dann diesen Druck plötzlich zu wenden, um selber Druck von oben zu erzeugen. Ich mag auch Armbars, aber nicht, sie mit Kraft oder Geschwindigkeit zu bekommen, sondern mit dem Bewusstsein des Gegners, dass er in einigen Sekunden oder Minuten tappen muss, weil man langsam sein Arm isoliert.

Wie stolz macht es dich, wenn sich deine Jungs mit deinen Techniken und Anweisungen bei den Turnieren entwickeln?
Es ist ein tolles Gefühl, zu sehen wie die Jungs Sachen, die man ihnen beigebracht hat, auf Turnieren anwenden. Und nicht nur anwenden, sondern auch noch auf deren spezielle Physiognomie und Art selber anpassen. Das ist schon beeindruckend. Man lehrt natürlich Techniken und Moves, aber die eigentliche Lektion von Helio Gracie beim BJJ ist, den Kopf offen zu haben und nichts als absolut ansehen, sondern alles für sich selber testen und modifizieren und somit das Richtige für sich selber finden. Das ist, glaube ich, der schönste Moment im Leben eines Trainers. Wenn der Schüler etwas entdeckt, was er als Grundstruktur für sein Spiel übernimmt und dann aus diesem seine eigene Welt kreiert.

Vielen Dank für das Interview. Der letzte Satz ist deiner!
Vielen Dank Euch! Ich wollte nochmal die Chance nutzen um mich von allen in Dortmund zu verabschieden und zu sagen dass es mir im Herzen Leid tut, dass ich sie verlassen musste, nachdem wir so viel dort durchgemacht haben. Ganz liebe Grüße an alle dort und ganz speziell an meine Königin, die mir so viel beigebracht hat!

Kommentare