Interviews

Chuck Liddell: „Ich kämpfe noch immer gegen jeden!"

Chuck Liddell (Foto: Tobias Bunnenberg/Groundandpound.de)

Chuck Liddell wird heute 45 Jahre alt. Anlässlich seines Geburtstages präsentieren wir euch heute ein Interview, das wir Anfang des Jahres für das Groundandpound Magazin mit dem "Iceman" geführt haben:

Chuck Liddell hat in der UFC alles erreicht. Er war Champion, Zugpferd der Organisation und hat seit 2009 einen Platz in der Hall of Fame. In den wilden, alten Tagen war er schon dabei, verhalf der UFC später durch legendäre Kämpfe und als Coach der Erfolgsserie The Ultimate Fighter zum Durchbruch und erlebte die Boom-Jahre des Sports noch aktiv mit. Gegen Ende konnte er an frühere Leistungen nicht mehr anknüpfen und beendete 2010 nach 23 Kämpfen in der UFC seine Karriere. MMA-Fans wird der „Iceman“ als UFC-Legende jedoch ewig in Erinnerung bleiben. Groundandpound hat exklusiv mit ihm gesprochen.

Groundandpound: Chuck, du hast die Handschuhe vor drei Jahren an den Nagel gehängt. Was für Kämpfe bestreitest du heute?
Chuck Liddell: (Lacht) Ich weiß nicht, ob man das tatsächlich Kämpfe nennen kann. Ich kümmere mich sehr viel um meine Kinder, das füllt mich wirklich aus. Ein Kind zu erziehen bietet viele neue Herausforderungen und macht mir eine ganze Menge Spaß.

Du bist obendrein Vizepräsident für Geschäftsentwicklung in der UFC.
Ja, das ist ein toller Job. Ich kann dabei behilflich sein den Sport bekannt zu machen den ich liebe und ihm beim Wachsen helfen.

Was genau tust du dort? Du sitzt nicht wirklich mit Krawatte im Büro?
Nein, ich bin nicht sonderlich oft im Büro. Ich habe recht viele Meetings, Rede mit den Behörden und helfe den Sport zu promoten. Ich komme eine Menge rum, ich war in Brasilien, im letzten Jahr war ich in China und Japan. Da gibt es eine Menge zu tun.

Was für ein Gefühl ist es, sich zurückzulehnen und all die jungen Kämpfer zu sehen, die auf dem Fundament bauen, das du und einige andere damals gelegt haben?
Ein großartiges Gefühl! Es ist schön das zu sehen. Der Weg hierher hat Spaß gemacht. Der Sport wächst und wächst und die Jungs da draußen werden immer besser und besser. Das ist schon toll mit anzusehen. Es macht mir generell Spaß, MMA zu schauen. Als wir damals angefangen haben, gab es einfach nur ein paar Typen aus verschiedenen Stilrichtungen, die versucht haben, die verschiedenen Stile zusammenzubringen. Wir mussten erst einmal herausfinden wie man trainiert, wie man coacht usw. Heute haben die Jungs einen Striking-Coach, einen Jiu-Jitsu-Coach, einen Ringer-Coach, einen Chefcoach, der alle Teile zusammenfügt, und die lernen das von klein auf. Diese Jungs haben die Möglichkeit als komplette MMA-Kämpfer heranzuwachsen und es ist super, all diese großartigen Kämpfe sehen zu können.

Heutzutage haben Kämpfer sogar Ernährungsberater und Mentaltrainer, Manager, PR-Beauftragte... verwässert das nicht den einst so puren MMA-Sport?
Ich will es mal so sagen: Ich habe nur dann ein Problem damit, dass kämpfen zum Geschäft wird, wenn das Geschäft dem Kämpfen im Weg steht. Ich sehe es gern wenn zwei Kerle kämpfen. Wir haben in der Vergangenheit viel darüber diskutiert, dass Kämpfer heutzutage auf Nummer sicher gehen, Hauptsache sie gewinnen. Und aus Sicht eines Geschäftsmannes oder eines Trainers ist das auch vollkommen verständlich. Wenn du nicht gewinnst, kommst du auch nicht weiter, so funktioniert das eben. Aber ich habe keinen Bock, mir einen Kerl anzusehen, der einen anderen Kerl einfach nur auspunktet. Ich bin kein Freund von Punktentscheidungen, ich will sehen, wie Kämpfe gefinisht werden – egal ob durch Submission, Knock-out oder Ground and Pound. Was auch immer du gut beherrscht, so lange du versuchst, den anderen zu stoppen, schaue ich mir das gerne an. (Pause) Es macht mich traurig, wenn ein Kämpfer vier Runden lang dominiert und dann von seinem Trainer den Rat bekommt, in der letzten Runde nur noch wegzulaufen, um keinen Konter zu riskieren, statt den Kampf vorzeitig zu beenden.

Du hast gesagt, du schaust dir selbst gerne Fights an. Mittlerweile gibt es fast jede Woche einen UFC-Event, zu deiner Zeit waren es nur vier bis sechs im Jahr. Übersättigt man damit nicht den Markt und riskiert, dass das Interesse an der UFC stirbt?
Ich glaube nicht, dass das Interesse sterben wird, die Leute können nun einfach wählen, wann und wo sie es schaffen, sich bestimmte Events anzusehen. Wenn so viele Veranstaltungen anstehen, wissen die Leute manchmal gar nicht, welche Kämpfer auf dem Programm stehen. Das passiert. Ich selbst schaue mir noch sehr viele Veranstaltungen an. Heutzutage kann man die Vorkämpfe sehen, die Kämpfe im Free-TV, eine ganze Menge Fights. Ich habe viel zu tun, aber versuche, so viel wie möglich zu sehen. Und wenn ich höre, dass ein cooler Kampf stattgefunden hat, dann schaue ich mir die Wiederholung davon an. Es gibt bestimmte Leute, die ich gerne kämpfen sehe, da schalte ich definitiv immer ein. Und ich gehe gern auf Events, ich mag es, Kämpfe live zu sehen. Ich schaue also nach wie vor viele Kämpfe - aber zu sagen, ich würde sie alle sehen, wäre gelogen.

Kämpfer wie du haben der UFC vor Jahren zu dem Erfolg verholfen, den sie heute genießt. Gibt es im aktuellen Kader Kämpfer, denen du dasselbe zutrauen würdest, die den nächsten großen Schritt für die UFC gehen könnten?
Ich denke, es gibt eine Menge großartiger Kämpfer da draußen. So etwas braucht Zeit. Es gibt auf jeden Fall jemanden, der das schaffen kann, der herausstechen wird. Wir sehen viele tolle Kämpfer und viele tolle Fights, der Rest kommt von ganz alleine.

Aber wer könnte das sein? Du hast gesagt, von bestimmten Fightern verpasst du keinen einzigen Kampf.
Ich bin ein großer Anderson Silva-Fan, ich mag Jose Aldo. Ich sehe Glover (Texeira) wahnsinnig gern kämpfen. Der gehört praktisch zur Familie, dadurch ist es immer etwas besonderes wenn er kämpft. Es ist schön, wenn B.J. (Penn) kämpft. Es ist immer cool, wenn Freunde von mir kämpfen, das macht einen großen Unterschied.


Chuck Liddell bei seinem letzten Kampf gegen Rich Franklin. (Foto: Bad intentionz/Creative Commons)

Die UFC hat dir zu unglaublicher Popularität verholfen. Wie hat dieses Leben in der Öffentlichkeit dich verändert?
(Überlegt) Puh... das ist eine schwere Frage. Was meinst du mit verändert? Ich weiß nicht so recht, was ich darauf antworten soll.

Du hast sicher eine ganze Reihe Leute kennengelernt, die du nie getroffen hättest, wärst du nicht so populär.
Ja, ich habe dadurch natürlich einige coole Möglichkeiten bekommen. Ich war in vielen TV-Shows zu sehen, hatte sogar einen eigenen Charakter bei den Simpsons und vieles mehr. Einmal habe ich Joe Montana kennenlernen dürfen. Ich bin mir nicht sicher, ob ihr den in Deutschland kennt, aber hier in den Staaten ist der ein Superstar, ein früherer NFL-Footballspieler. Den habe ich im Fernsehen bewundert, als ich noch ein Kind war!

Hat dieses Leben dich als Mensch verändert?
Das glaube ich nicht. Die meisten Menschen bestätigen mir auch das Gegenteil. Das Gute bei mir war: Als ich begann, im Fokus der Medien zu stehen, war ich bereits Ende 20, Anfang 30. Da ist man charakterlich schon gefestigt. Ich denke, wenn man als Teenager schon in jungen Jahren mit so etwas umgehen muss, hat man es da deutlich schwerer. Auf mich hatte das keinen so großen Effekt.

Von all den Reichen und Schönen die du in einem neuen Leben so triffst: Gibt es einen, gegen den du gern einmal in den Käfig steigen würdest?
Ich habe eigentlich mit niemandem Probleme. Das Ding mit den Prominenten ist: Wenn die cool sind und mich nett behandeln, dann bin ich auch cool mit denen. Wenn nicht, dann sind die mir einfach egal, ganz gleich was die gut können oder nicht. Ich würde aber nicht sagen, dass ich mit irgendjemandem Probleme habe. Ich bin eben ein Kämpfer, da sind die Menschen oft ein bisschen vorsichtig.

Also sind die meisten Leute nett zu dir weil sie Angst haben?
Ja, aber das ist ok. Die meisten nehmen an, ich habe eine Schraube locker und fahre im Handumdrehen aus der Haut, nur weil ich früher in einem Käfig gekämpft habe. Tatsächlich bin ich aber sehr schwer aus der Ruhe zu bringen. Auf jeden Fall behandeln mich alle sehr freundlich.

Inzwischen hast du deine Karriere beendet. Dana White hat seitdem mehrfach erklärt, dass er dich praktisch dazu gezwungen hat...
Ich habe keine Ahnung, warum er das gesagt hat. Alles was passiert ist, ist, dass wir uns zusammengesetzt haben und er gesagt hat, dass er nicht möchte, dass ich jemals wieder einen Kampf für ihn bestreite. Und ich habe gesagt, dass ich zurücktreten werde. Er meinte, er wäre froh, weil er dachte, er müsse nun mit mir darüber diskutieren, ob ich weitermache oder nicht. Vielleicht sagt er das in Interviews, aber darauf achte ich gar nicht. Fakt ist, dass mein Rücktritt nichts damit zu tun hatte, dass er mich dazu gezwungen hat. Er hat lediglich gesagt, dass er mich gehen lassen würde und ich woanders kämpfen müsse – eben nicht mehr für ihn. Aber ich hatte meine Entscheidung sowieso schon getroffen, ich war fertig. Natürlich wollte er, dass ich zurücktrete, aber zu keinem Zeitpunkt hat er mich dazu gezwungen. Er hat nur gesagt, dass ich nie mehr in der UFC kämpfen darf.

Vor einiger Zeit hast du gesagt, dass du ein einmaliges Comeback nicht ausschließen würdest...
Da wurde ich falsch zitiert! Ich habe keine Ahnung woher das kommt, wahrscheinlich habe ich Witze über Tito (Ortiz) oder so etwas gemacht. Wer weiß. Es gibt natürlich immer einige Anfragen, aber nein, ich habe derzeit keine Pläne zurückzukehren.

Trainierst du noch regelmäßig?
Ja, ich trainiere nach wie vor. Aber ich mache viel davon mit meinem Sohn, ihn meinem Haus. Ich werde wahrscheinlich im Laufe des nächsten Jahres ein Gym eröffnen, irgendwo bei mir in der Nähe. Denn bis dahin, wo ich zur Zeit trainiere, ist es jedes Mal eine Dreiviertelstunde Fahrt, hin und zurück. Und das bei gutem Verkehr. Wenn ich Pech habe, fahre ich jeweils über eine Stunde. Das ist schon ein ziemlich weiter Weg zum Training, vor allem, wenn man das alles nur noch zum Spaß treibt.

Du hast nun mehrfach deine Kinder erwähnt. Sollen die einmal in deine Fußstapfen treten oder wünscht du dir, dass sie einen anderen Weg einschlagen?
Ich möchte, dass all meine Kinder Mixed Martial Arts-Kämpfer werden und zumindest trainieren. Irgendetwas müssen sie tun und mir hat Kampfsport gut getan und mich zu dem gemacht, der ich heute bin. Ich will sie nicht dazu drängen, Wettkämpfe zu bestreiten, das wäre nicht so mein Ding. Wenn sie das wollen, bin ich natürlich für sie da, aber wenn nicht, dann ist das absolut in Ordnung.

Letzte Frage: Du hast einmal gesagt, du würdest auch umsonst in den Käfig steigen. Hast du diese Einstellung bis zum Schluss behalten? Schließlich hast du am Ende eine Menge Geld verdient.
Mir ging es immer nur darum, zu beweisen, dass ich besser als andere Kämpfer bin. Dass ich der beste der Welt bin. Und das ist immer noch so. Ich beweise mich noch immer gegen jeden. Wenn kein Geld auf dem Spiel steht, und wir kämpfen gegeneinander, hinter verschlossenen Türen, in meinem Gym – dann kämpfe ich gegen jeden. Lass’ uns sehen, wer der Bessere ist! Aber wenn andere Leute einen Haufen Geld damit verdienen, dann sollte ich natürlich nicht umsonst kämpfen.