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Chris Leben im Interview: Steigt er wieder ins Octagon?

Chris Leben vor UFC 138, bevor die Ersatzdroge Suboxone beinahe sein Leben zerstörte (Foto: Elias Stefanescu).

Chris Leben hat so einige Tiefs in seiner MMA-Karriere erlebt, zum Beispiel, als Nate Quarry ihn keine zwei Wochen vor einem seiner UFC-Kämpfe als betrunkenes, selbstmordgefährdetes Wrack aus der Wohnung seiner Mutter zurück ins Gym schleifen musste. Erst vor wenigen Monaten hat Leben darüber hinaus mehrere Monate hinter Gittern verbracht, und dennoch: Leben ist seit einigen Monaten zum ersten Mal seit Ewigkeiten nüchtern, trainiert zwei Mal am Tag und will vielleicht sogar wieder zurück in den Käfig, wie er uns im Interview verriet.

Seit der berühmt-berüchtigten ersten „The Ultimate Fighter“-Staffel aus dem Jahr 2005 ist Chris Leben Fan-Favorit und kontroverses Sorgenkind gleichermaßen. Mit denkwürdigen Siegen wie denen gegen Yoshihiro Akiyama und Wanderlei Silva feierte Leben großartige Erfolge, zwischen all seinen Triumphen aber stürzte er auch immer wieder böse ab.

Die sprichwörtliche Achterbahnfahrt hinter der Karriere ist dabei noch turbulenter, als es von außen ohnehin schon den Anschein hatte. „Es war ein ständiges auf und ab“, fasst er seine elf Jahre und 33 Kämpfe umspannende Laufbahn zusammen. Hinter dieser vermeintlich leeren Phrase steckt in seinem Fall eine Menge harter Tobak.

Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielten dabei Schmerzmittel – erst als Ersatz für den Alkohol, später in Form der Ersatzdroge Suboxone. Nachdem er nach seiner Niederlage gegen Mark Munoz bei UFC 138 im November 2011 positiv auf Schmerzmittel getestet wurde, schickte die UFC ihn in den Entzug, wo er mit der Substanz in Kontakt gebracht wurde und anschließend nicht mehr davon los kam. Die meisten Versuche, das Mittel vor seinen nächsten Kämpfen in der UFC abzusetzen, schlugen fehl, weshalb er eine Ausnahmegenehmigung beantragte.

So sehr sich Leben auch bemühte, ganz befreien konnte er sich lange Zeit nicht vom Einfluss der seiner Ansicht nach „am schlimmsten von wegzukommenden Droge der Welt“, die er erst vor wenigen Monaten im Gefängnis kalt absetzte – gezwungenermaßen, weil er hinter Gittern keinen Zugriff darauf hatte. Von Krämpfen geschüttelt, neben ständigem Erbrechen und Durchfall: „Ich dachte, ich würde sterben“, erinnert sich Leben an die wochenlange Tortur. Von den ersten zehn Nächten, sagt er, weiß er rein gar nicht mehr.

Und so folgte das Chaos Leben auch nach seiner Kämpfer-Karriere, die ohnehin schon turbulent genug war: „In jedem Kampf konnte man sehen, dass die Schlacht sich nicht nur auf den Käfig beschränkt hat. Das ist nur ein kleiner Teil – alles, was vorher passiert, ist der eigentliche Kampf. Jeder Kampf hat seine eigene Geschichte.“

Die ganze Geschichte hat Leben in einem Buch verarbeitet, dass er mit einem Co-Autor zusammen über 18 Monate verfasst hat und das Anfang Januar veröffentlicht wird. Diese Arbeit war für Leben gleichzeitig eine Art Therapie, denn „eine Menge Zeug hatte ich in mir vergraben.“

Dank Scheidung hinter Gitter

Lebens aktuellste Geschichte allerdings hat es nicht in sein Buch geschafft, weil sie sich erst zugetragen hat, als die Arbeit daran schon fast beendet war. Im Sommer wurde Leben festgenommen und dem Richter vorgeführt, nachdem er beschuldigt wurde, bei seiner Frau eingebrochen zu sein und diese bedroht zu haben.

„Meine Frau hat mich tagelang nicht angerufen. Ich war betrunken und bin zu ihr gefahren“, beginnt Leben seine Version des Abends, an dem die schon länger stark bröckelnde Beziehung zu seiner Frau endgültig und spektakulär in die Brüche ging. Das war kurz, nachdem Leben aus seiner Trainerposition im Victory MMA-Gym in San Diego gefeuert worden war, weil er im emotionalen Scheidungs-Stress seine Leistung nicht mehr brachte, wie er rückblickend selbst zugibt.

Leben sagt, er wollte sich mit seiner Frau aussprechen, hatte allerdings noch eine Schusswaffe im Auto, als er zu ihr fuhr, und machte den Fehler, diese mit in das Haus zu nehmen.

„Ich habe die Waffe mit in das Gebäude genommen, bin zu unserem Apartment gegangen und habe sie im verdammten Hausflur liegen gelassen, wie ein Idiot – ich hätte sie im Auto lassen sollen.“

Was genau dann passierte, wissen nur Leben und seine Ex-Frau. Sicher ist nur, dass Lebens Frau aus dem Gebäude floh und ihn wenig später bei der Polizei anzeigte. Dort landete, auf welchem Weg auch immer, die Waffe, was Lebens rechtliche Situation noch weiter verfinsterte.

„Sie ist durch die Vordertür raus. Es gab keinen Kontakt – ich habe sie nie gesehen, kein Wort zu ihr gesagt, niemanden mit einer Waffe bedroht oder irgendetwas in dieser Richtung“, sagt Leben.
Der zuständige Richter sah das anders und verurteilte ihn im August zu 120 Tagen Gefängnis. Vor einigen Jahren hätte dieser Rückschlag Leben vielleicht endgültig abstürzen lassen – im Jahr 2015 allerdings hat das einstige selbsternannte „Zügellose Stück Scheiße“ es geschafft, das Chaos als Motivation zu nutzen und aus den Widrigkeiten eine neue Chance zu machen.

Hinter Gittern schaffte Leben es, Suboxone abzusetzen – im November wurde er entlassen. Diese letzten Monate waren für ihn „Glück im Unglück“, so Leben, der mittlerweile dauerhaft nüchtern ist, wieder mehrmals am Tag trainiert und daran arbeitet, seine Dämonen unter Kontrolle zu halten. Bisher hat das gut funktioniert.

Käfig-Comeback?

„Ich trainiere einfach ein paar Mal am Tag und so, wie ich mich gerade fühle, wie mein Körper funktioniert und wo ich gerade in meinem Leben stehe – ich beobachte gerade, wohin mich das führt.“ Heißt das, dass wir Leben nach all den Höhen und Tiefen sogar wieder zurück im Octagon sehen könnten? „Ich habe einen Punkt erreicht, an dem ich es wohl probieren würde… Ich blicke zurück und frage mich, was wohl gewesen wäre, wenn ich die richtigen Entscheidungen getroffen hätte? Was wäre dann passiert? Aus dieser Perspektive wäre das sicherlich etwas, das ich auf dem Schirm habe.“

Noch ist in dieser Hinsicht nichts in trockenen Tüchern, denn obwohl Leben momentan alles richtig macht, hat er noch einiges an Arbeit vor sich, damit das auch langfristig so bleibt. Für ihn aber ist es zumindest schon einmal ein großer Schritt in die richtige Richtung, dass sein Leben momentan geregelt verläuft und ihn mit der Veröffentlichung seiner Memoiren bei der Stange hält: „Mein Buch kommt raus, in das ich eine Menge Herz und Energie gesteckt habe. Ich hoffe, dass es ein Erfolg wird und dann, naja, coachen, kämpfen und das Buch – das sind die Dinge, die jetzt in meiner Zukunft liegen, hoffe ich.“

Das gesamte Interview mit Leben wird in der nächsten Ausgabe des GNP1-Magazins zu lesen sein. Sein Buch „The Crippler: Cage Fighting and My Life on the Edge“ ist auf Englisch bei Amazon vorbestellbar und erscheint am 4. Januar.