Interviews

„Boxen lässt mich nicht los!“

Evander Holyfield im Gespräch mit GroundandPound. Fotos: Sabine Ziran/GroundandPound.

Als das Schwergewichtsboxen in den 90er Jahren den Titel „Königsklasse“  noch zu recht trug, gehörte er zu den größten Namen die der Box-Sport zu bieten hatte. Heute, nach 56 Profi-Kämpfen und im Alter von 48 Jahren, steht Evander Holyfield noch immer im Seilquadrat. Seine glorreichen Tage liegen hinter ihm, bellen Kritiker. Doch „The Real Deal“ will es noch einmal wissen und könnte in Zukunft erneut nach einem WM-Titel greifen. GroundandPound hat am Rande des Povetkin-Chagaev-Kampfes mit ihm gesprochen.

„Ich war sehr beeindruckt“, so Holyfield über die Leistungen von Ruslan Chagaev und dem neuen World Boxing Association-Schwergewichtsweltmeister Alexander Povetkin. Die beiden haben Samstagnacht den Box-Abend in der Erfurter Messehalle mit ihrem WM-Duell angeführt. „Beide haben gekämpft wie Mittelgewichte, haben viel geschlagen und bewiesen, dass sie in großartiger Verfassung sind.“

Der 48-jährige Ex-Weltmeister saß nicht ohne Grund am Ring, als Povetkin sich den vakanten WBA-Titel sicherte. Sollte Super-Champion Wladimir Klitschko nämlich zu lange benötigen, um seinen WBA-Gurt gegen den neuen, regulären Champion Povetkin zu verteidigen, könnte Holyfield vorher als Gegner für den Russen fungieren.

„Das war heute einer der besten Schwergewichtskämpfe, die ich seit langem gesehen habe“, so Holyfield. „Ich glaube aber, dass Povetkin so nicht gegen mich kämpfen wird. Man sagt ja: „Styles make Fights“, und ich besitze einen gänzlich anderen Stil als Chagaev. Ich bin zum Beispiel kein Rechtsausleger. Povetkin ist Linksausleger, genauso wie ich.“

Ob er Lücken beim neuen Champion gesehen hat, wollten wir wissen. Und der Veteran antwortete: „Mir sind tatsächlich einige Dinge aufgefallen, die ich gegen ihn ausnutzen könnte – oder aber auch nicht. So ist das mit Box-Kämpfen, man weiß vorher nie was passieren wird, bis man schließlich im Ring steht.“

Lücken gab es – trotz des Titelgewinns – einige bei Alexander Povetkin. Wieder und wieder wurde er mit harten Bomben von Chagaev getroffen, besonders in Runde sechs wurde es eng für den Schützling von US-Trainer Teddy Atlas. Sein Kinn hat den Härtetest bestanden. Welche Taktik verfolgt da einer wie Evander Holyfield, der selbst zu Glanzzeiten nie als großer Knockouter bekannt war? Traut er sich zu, was Chagaev nicht geschafft hat: den vorzeitigen Sieg?

„Ich weiß nicht… es sind ja nicht die harten Treffer, die einen ausknocken, sondern die, die man nicht kommen sieht“, erklärt er. „Es kann passieren, dass man gerade eine Kombination bringt und von einem unerwarteten Schlag getroffen wird. Man geht zu Boden und obwohl man eigentlich nicht ernsthaft verletzt ist, bleibt man, wenn man Pech hat, lange genug unten, um ausgezählt zu werden.“

Seine KO-Gefährlichkeit unterschätzen sollen wir also nicht: „Ich weiß, ich war noch nie der größte Puncher, aber ich habe schon einige Leute zu Boden geschickt und auch schon einige ausgeknockt“, so Holyfield.

Sollte der Kampf gegen Champion Povetkin tatsächlich zustande kommen, wäre Holyfield im Fall eines Sieges der älteste Boxer aller Zeiten, der je einen Titel der vier großen Weltverbände gewinnen konnte. Derzeit hält diesen Rekord Bernard Hopkins, der im Mai den World Boxing Council-Halbschwergewichtsweltmeister Jean Pascal im Alter von 46 Jahren entthronen konnte.

„Es ging mir nie darum, irgendwelche Rekorde zu brechen“, wiegelte Holyfield ab. „Mein Ziel ist es, als Schwergewichtsweltmeister abzutreten. Wenn ich das schaffe, dann habe ich alles erreicht was ich will. Mir geht es um nichts anderes, als der Beste zu sein.“

Der Beste – der war er lange Jahre. Bei einem Berufsboxer im Alter von 48 Jahren muss man jedoch die Frage stellen: Wie viele Kämpfe hat Evander Holyfield noch in sich?

„Ich weiß es nicht“, antwortete er. „Ich weiß es wirklich nicht. Das Boxen lässt mich einfach nicht los. Aber ich kann die Zeit nicht zurückdrehen, ich werde immer älter. Und meine Gegner? Die werden immer jünger! Manche von denen könnten meine Kinder sein. Da frage ich mich dann schon: Muss ich wirklich noch in den Ring steigen oder sollte ich das Feld lieber der nächsten Generation überlassen? Nun, ich denke jeden Tag darüber nach und bislang habe ich immer die richtige Entscheidung getroffen.“

GroundandPound-Chefredakteur Mark Bergmann im Gespräch mit Evander Holyfield.