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Bodo Elsbeck Exklusiv-Interview

Bodo Elsbeck

GroundandPound: Hallo Bodo, vielen Dank, dass Du Dir die Zeit für das Interview nimmst. Bitte stell Dich unseren Lesern kurz vor.

Bodo Elsbeck: Mein Name ist Bodo Elsbeck, ich bin 48 Jahre jung und seit etwa zehn Jahren an der Aufbauarbeit des MMA-Sports in Deutschland beteiligt! Meine kampfsportlichen Stationen einmal hier:

1983 / Jiu Jitsu / Boxen
1985 / Black Belt Taekwon-Do / Kämpfer / Trainer
1988 / Black Belt Kickboxen / Kämpfer / Trainer
1991 / Wing Chun / Trainer
1995 / Jeet Kune Do / Grappling
2007 / Grappling / Luta Livre
2008 / Mixfight / Trainer

Wie bewertest Du das fast abgelaufene Jahr 2010 aus Veranstaltersicht? Mit dem Outsider Cup und der Cage Fight Night bist Du fast jeden Monat auf Achse gewesen.

Ja, wir haben dieses Jahr den 21. Outsider Cup und die 9. Cage Fight Night vollendet und unser Ziel mit einer Veranstaltung pro Monat fast erreicht. Ich bin sehr zufrieden mit dem Veranstaltungsjahr 2010, insbesondere was die Event-Steigerungsrate und die Einführung der CFN-Titel anbelangt.

Im Jahr 2010 wurden leider mehrere Deiner Events Opfer von kurzfristigen Verlegungen. Hat hier auch der Druck der Ordnungsämter oder Städte gewirkt oder waren das rein organisatorische Gründe?

Wenn man so häufig Kampfsportevents macht, dann kann es schon mal zu Verschiebungen kommen, da die Vorbereitungsphase ja auch kürzer ist. Außerdem muss man auch auf sein Bauchgefühl hören. Es gibt Situationen, da sollte man lieber verschieben, anstatt versuchen, Mauern einzurennen. Wir wissen ja auch alle um die Verletzungsrate bei den Kämpfern oder auch um die Probleme, die in Sachen Locations entstehen können. Ordnungsamtliche Probleme haben wir schon lange nicht mehr gehabt.

Was erwartest Du vom nächsten Jahr für Deine Veranstaltungen? Denkst Du, dass der Boom des Sports weiter anhalten wird?

Auf jeden Fall! Wir planen im nächsten Jahr noch mehr Events – abwechselnd OC und CFN! Mein Ziel liegt da bei etwa zwei Veranstaltungen pro Monat. Ob das realisierbar ist, bleibt abzuwarten.

Im Jahr 2010 konnten mit Kamil Sauter und Ruben Crawford zwei Kämpfer die ersten vakanten CFN-Titel erkämpfen. Wann folgen die nächsten Turniere, und wie realistisch siehst Du die Titelverteidigungen, da der OC und die CFN oft als Sprungbrett angesehen werden.

Der OC ist auf jeden Fall ein Sprungbrett für die Kämpfer, da hier auch nur mit maximal bis fünf MMA-Kämpfen Erfahrung teilgenommen werden darf. Die Cage Fight Night hat sich zu einer guten Zuschauergala gemausert und alle Titelinhaber müssen laut Vertrag ihren Titel früher oder später wieder verteidigen, wenn dieser nicht aberkannt werden soll! Daher sehe ich gar keine Probleme in Sachen Titelverteidigungen! Am 5. Februar 2011 ist in Ratingen die CFN Leichtgewichts-Titelverteidigung mit Kamil Sauter auf der CFN 10 angedacht. Gleichzeitig werden wir dort zusätzlich  auch einen der vakanten Titel auskämpfen lassen. Schön ist es natürlich, wenn die Kämpfer auch die CFN als Sprungbrett für wiederum größere internationale Chancen nutzen können.

Du hast den Sport als einer der Pioniere in Deutschland von Anfang an mitbegleitet. Wer sind für Dich die tonangebenden Figuren, wenn es um die Entwicklung vom Free Fight zum MMA-Sport geht?

Das waren auf jeden Fall Andreas Stockmann und Peter Angerer. Die beiden waren damals diejenigen, die als die treibenden Kräfte in Deutschland in Sachen Free Fight zu nennen sind! Es gab natürlich auch andere Leute, die sich vor 2000 mit dem Free Fight beschäftigten. Allerdings geht es mir hier nicht darum zu recherchieren, wer in Deutschland als erster Free Fight ausgeübt hat (wir z.B. hatten unsere ersten Kampfdates 1996/97), sondern wichtiger sind mir die Zeiten, in der die  systematische Verbreitung und Versportlichung des Free Fights liegt! Wenn Andreas Stockmann DER Pionier des deutschen Free Fights ist – so ist Peter Angerer wohl derjenige, der lange bevor der Ausdruck MMA verwendet wurde, das Free Fight in Deutschland als erster versportlicht hat.

Wie kann sich der Fan von heute die MMA-Szene des Jahres 2000 vorstellen?

Nun ja – der Begriff Mixed Martial Arts kennzeichnet ja nicht nur unser Wettkampfsystem, sondern auch unsere heutigen Trainingsmethoden! Natürlich waren die Kämpfer von damals noch nicht so rund in ihrer Gesamtheit, und man erkannte schon des Öfteren den ursprünglichen (teilweise für MMA auch unbrauchbaren) Kampfstil. Man trainierte in den Dojos und versuchte die fehlende Sparten (wie Boden – oder Boxen als Bodenkämpfer) zusätzlich zu trainieren. Heute ist es zwar auch noch so – aber MMA hat sich als komplettes und in sich geschlossenes Trainingssystem etabliert, in dem sich die wirklich brauchbaren Stile wie Thaiboxen, Boxen, Luta Livre und BJJ (vielleicht teilweise etwas abgeändert) als Gesamtheit wiederfinden.

Wie kam es zum Kontakt zu diesen Pionieren?

Die Gründung des Outsider Clubs war 2001, und dieser war zunächst als das erste deutsche überregionale Free Fight News Magazin gedacht. Das war die Lücke, die es meiner Meinung nach in Deutschland zu schließen galt, so dass Free Fight nicht nur wenigen Insidern, sondern auch einer größeren Masse/Kampfsportlern zugänglich gemacht werden konnte! Meine Einstiegsarbeit war ein Leserbrief an die Hamburger Morgenpost.

Und es funktionierte, ich reiste zu den verschiedensten Free Fight Events als Hauptberichterstatter und das Outsider Club Magazin wurde eine feste Institution in der Free Fight Szene. Zum ersten persönlichen Kontakt zu Andreas Stockmann kam es 2002 in Illertissen. Hier veranstaltete Andreas einen Fight Club, der unter „Süddeutsche Meisterschaft“ lief. Ich reiste damals mit einem Kämpfer, dem damals 20-jährigen Alex Wiebe vom Fight Center Minden, an und vermittelte noch einige Freunde und ehemalige Trainingspartner aus Leipzig wie Gilbert Boutoumou und Ronny Beer.

Diese Veranstaltung war allerdings kein MMA wie man es heute kennt, sondern reinrassiges Free Fight/Vale Tudo, mit so ziemlich den härtesten Regeln, die man kämpfen kann. Ellenbogen, Kopfstöße, frontale Knietritte und eine Menge Dinge, die heute undenkbar wären, waren dort an der Tagesordnung, inklusive der kleinen Familienfehde zwischen zwei österreichischen Lagern, die dort kämpferisch geklärt und bereinigt wurde! Aber für mich war diese kleine Veranstaltung so ziemlich das Beste, was ich in über 20 Jahren Kampfsporterfahrungen erlebt hatte! Klein aber fein, hart aber fair - mit einer super familiären Atmosphäre. Und unser Alex hatte seinen Kampf auch gewonnen!

Unlängst hatte ich auch schon über die Events von Peter Angerer berichtet, und was dort 2002 geboten wurde, war für damalige Maßstäbe absolute Spitzenklasse. Videoclips von allen Kämpfern wurden auf großen Leinwänden gezeigt, TV-Interviews und Kämpfer aus aller Welt, wie UFC-Legende Shonie Carter aus den USA, Keniji Sato aus Japan usw. Peter kam aus dem Shido, und das Regelwerk glich zunächst dem heutigen Amateur-MMA ohne Faustschläge zum Kopf. Später wurde das Regelwerk auch auf Pro Shido Regeln nach internationalem Standard aufgerüstet! Auch Andreas Stockmann ging dann den Weg der strukturierten Sportverbandsarbeit, und seine Erfolge sind ja mit der heutigen FFA nicht zu übersehen.

Impression vom Outsider Cup. Elsbeck (im OC-Shirt) mit wachsamem Blick auf die Kämpfer.Besteht heute noch Kontakt zwischen Andreas Stockmann, Peter Angerer und Dir? Würdest Du Dir mehr Kontakt wünschen?

Im Prinzip hat jeder sein Ding gemacht, und das ist gut so! Jeder ist auf seine Art ein Unikat und zieht die Leute an, die zu ihm passen – und da die Menschen verschieden sind, ist es gut, wenn es Alternativen gibt!

Es gab natürlich erst auch mal Kebbeleien, Versöhnungen, Missverständnisse und wieder Versöhnungen! Das ist oft so, wenn Wettbewerb zwischen den Lagern herrscht! Aber wichtiger ist doch, was erreicht wurde, und jeder hat seinen Beitrag geleistet und auch seinen Erfolg geerntet – allerdings heiraten werden wir drei wohl nie! (lacht)

Wie und wann kam es zur Gründung der Outsider Cup Serie?

Nun ja, die damaligen FFA-Regeln waren mir etwas zu hart, das (ursprüngliche) Shido erschien mir für Puncher von Nachteil, da dort ja nicht zum Kopf geschlagen wurde am Boden! So kam es zu der Idee, selber einen Fight Club auszurichten, mit einem Regelwerk, welches dem heutigen Pro Standard entspricht, aber auch wahlweise entschärft werden konnte. Der 1. Outsider Cup im Free Fight wurde dann im Juli 2003 in Lübbecke in einer Industrieanlage mit 14 Kämpfen ausgerichtet und wurde ein voller Erfolg.

In den drei Anfangsjahren gab es leidglich sechs Outsider Cups. Danach erhöhte sich die Zahl der OCs deutlich. Wie kam es dazu?

Man muss es sich so vorstellen, dass wir die Szene ja langsam aufbauten und zu Anfang natürlich wesentlich weniger aktive Sportler und Sportschulen im Free Fight involviert waren. Außerdem stand man als Veranstalter jedes Mal fast mit einem Fuß im Knast, da Free Fight von der Gesetzeslage zwar nicht generell verboten war, aber die Ordnungsämter klare Order hatten, keine Free Fight-Veranstaltungen zuzulassen. Man konnte also erst mal nur Closed Door in Fight Club-Manier im Untergrund und unter Ausschluss der Öffentlichkeit arbeiten. Nur Kämpfer und deren Betreuer bzw. deren engere Freunde hatten Zutritt.

Im Laufe der Zeit bekamen wir dann auch Hilfe von weiteren Supportern, die ihre Arbeit z.B. durch Foren wie das KKB dem MMA Sport widmeten. Dadurch wuchs die Szene weiter und es konnten mehrere Veranstaltungen durchgeführt werden. Nachdem sich später dann auch das Groundandpound-Magazin etabliert hatte und die Öffentlichkeitsarbeit übernahm, konnte sich der Outsider Club ganz um den Ausbau der Nachwuchsförderung und später der Cage Fight Nights kümmern.

Wodurch kam der Wandel vom Fight Club im geschlossenen Kreis hin zum Zuschauerevent? Wie bewertest Du den Schritt rückblickend?

Wir versuchten es einfach mit öffentlichen Veranstaltungen. Erst wurden die Free Fights getarnt in sogenannten Mixfight-Veranstaltungen untergebracht, das heißt, zwischen Kick-Thaibox-Kämpfen tauchten dann auch Free Fights auf, und es wurde auf die Reaktion der Behörden gewartet. Als nichts passierte wurden immer mehr Free Fights eingebaut bis hin zu eigenständigen MMA-Veranstaltungen.

Die ersten Event-Promotoren in Sachen „öffentliche“ Mix- oder Freefight-Veranstaltungen waren Leute wie Andreas Stockmann (Free Fight 2000), Ralf Seeger (Seeger Gala), Peter Angerer (This is  Shido), Kemal Sivil (BFS), Klaus Waschkewitz (2H2H, MFN), Sefer Göktepe (Mixfight Gala), später Marko Zschörner (FFT)  und auch wir (CFN). Heute haben wir fast jedes Wochenende irgendwo in Deutschland eine MMA-Veranstaltung – und es ist schön anzusehen, wie sich das MMA hierzulande entwickelt hat!

Beim Outsider Cup geht es mitunter bunt zu. Wortgefechte mit Trainern, Diskussionen über Regeln und ein Atmosphäre wie im Fight Club-Film. Welche Daseinsberechtigung hat der OC Deiner Meinung nach unter den heute immer größer und spektakulärer werdenden neuen Veranstaltungen?

Nach 21 Outsider Cups kann ich sagen, dass der OC Improvisation pur ist! Die Kämpfer sind uns meistens unbekannt, da es überwiegend Newcomer sind, und wir müssen jedes Mal erst schauen, wer auch wirklich auftaucht! Dann machen wir die Fight Card fertig und ziehen dann die Veranstaltung ohne jegliche Showeffekte wie Einlaufmusik, Ringgirls etc. durch. Es ist Fight Club pur und dass macht auch den Reiz aus. Alles ist menschlich, familiär und bis jetzt ging alles glatt über die Bühne.

Schön ist es anzuschauen, wenn Sportler, Coaches und auch Zuschauer mit einem Lächeln auf dem Gesicht nach Hause gehen und sich auf den nächsten Fight Club freuen! Der OC ist überhaupt nicht mit einer MMA-Gala, wie unsere Cage Fight Night oder den Veranstaltungen vieler der anderen heutigen Veranstalter zu vergleichen! Es ist Nachwuchsförderung außerhalb jeglichen kommerziellen Rahmens. Die Daseinsberechtigung liegt somit auf der Hand, und wenn man sich die Namen der heutigen MMA-Stars in Deutschland einmal anschaut, sieht man in deren Fight-Records meistens auch den Einstieg ins MMA über den Outsider Cup!

Wieso sieht man Dich heute nie als Zuschauer auf anderen MMA-Veranstaltungen?

Tja, ich bin in Sachen MMA recht viel unterwegs und ja auch noch als Trainer für Mixfight.de aktiv. Wenn ich mal etwas Pause habe, bin ich auch froh, wenn es mal nicht ums Kämpfen geht! Und nach zig Veranstaltungen als Reporter und über 300 selbst geleiteten MMA-Kämpfen als Referee ist es dann auch nichts so Neues mehr!

Bodo Elsbeck privat.Womit verbringst Du Deine Zeit heute, wenn Du mal nicht bei den Outsider Cups als Ansager, Ringrichter, Punktrichter und Koordinator in Personalunion unterwegs bist?

Da bleibt gar nicht so viel Zeit übrig! Wenn man sich einer Sache verschrieben hat, dann ist man eigentlich immer irgendwie dabei. Aber es macht ja auch einen riesen Spaß, und es gibt schlechtere Jobs! In der Freizeit schraube ich gerne im Keller am meinem Motorrad! Die Kiste auseinander nehmen – neu aufbauen – eine Saison fahren – dann wieder völlig neues Projekt – und wieder auseinander nehmen...

Wie siehst Du den Boom des Sports? Mit einem weinenden und einem lachenden Auge, da MMA/Free Fight für jeden zugänglich und es etwas an altem Reiz verliert, sich für Sportler und Veranstalter aber auch Möglichkeiten geöffnet haben?

Ich halte das MMA für DIE kommende Sportart in Europa. Es bricht bald eine neue Ära an, die ungeahnte Möglichkeiten für Kämpfer und Schulen bieten wird! Allerdings birgt das bekanntlich auch Gefahren, insbesondere wenn das große Geld ins Spiel kommt! Es werden neue Namen auftauchen – Geldgeber, Investoren, vielleicht auch Spinner, denen MMA völlig gleichgültig ist, solange nur Geld damit verdient werden kann... Eventuell werden auch die „alten Hasen“ in Vergessenheit geraten!

Wie auch immer, ich durfte Teil haben an der Entstehung des deutschen MMA-Sports, konnte großartige Kämpfer wie Dennis Siver vom OC bis hin in die UFC begleiten und werde weiterhin an der Nachwuchsförderung und Verbreitung des MMA-Sports arbeiten!

Vielen Dank für das Interview! Wir wünschen Dir alles Gute für die Zukunft!

Ich danke Euch und wünsche Euch auch alles Gute!