Interviews

Allan Goes Exklusiv-Interview

Allan Goes (Foto via sherdog.com)

UFC und PRIDE-Veteran Allan Goes ist vielen MMA-Fans der ersten Stunde ein fester Begriff. Der BJJ-Schwarzgurt begann seine professionelle Karriere in einer Zeit, in der im MMA-Sport weder Regelwerk noch Gewichtsklassen existierten. Für GroundandPound nahm sich der Carlson Gracie-Schüler Zeit und sprach mit uns über sein Leben, seinen Lehrmeister und die Vorzüge des brasilianischen Jiu-Jitsu.

GroundandPound: Hallo Allan! Bitte stelle dich kurz unseren Lesern vor.
Allan Goes: Hallo! Ich bin ein Jiu-Jitsu Kämpfer und zähle wohl zu den ersten Typen, die um 1990 auf Hinterhöfen oder in Garagen MMA-Kämpfe bestritten. Bis zum heutigen Tag versuche ich das brasilianische Jiu-Jitsu der Welt etwas näher zu bringen und zur selben Zeit bewerbe ich den MMA-Sport. Der wohl wichtigste Schlüsselpunkt meiner Karriere war mein erster professioneller MMA-Kampf gegen Frank Shamrock, in Japan. Der Kampf endete als Unentschieden, aber aus meiner Sicht habe ich gewonnen. Heute leite ich ein eigenes Gym in Mission Viejo, Kalifornien (www.goesmartialarts.com).

Deinen letzten MMA-Kampf hast du im Sommer 2007 bestritten. Seitdem ist es sehr still um deine Person geworden. Was hast du in dieser Zeit gemacht?
Nun, langsam aber sicher Stelle ich ein wenig meinen Lebensstil um. Ich konzentriere mich nun eher darauf, Athleten auf ihre Wettkämpfe vorzubereiten und den Menschen das brasilianische Jiu-Jitsu etwas näher zu bringen.

Bestreitest du selbst keine Wettkämpfe mehr?
Diese Frage zu beantworten fällt mir ehrlich gesagt sehr schwer! Ich bin heute nicht mehr der Jungspund, der ohne Gage auf Hinterhöfen kämpft, um der Welt die Stärken des Jiu-Jitsu zu präsentieren. Ich bin Vater von vier wundervollen Kindern. Sollte mir jedoch jemand ein interessantes Angebot unterbreiten und mich herausfordern, so werde ich mich ihm stellen und gegen ihn antreten. Da kann ich nicht einfach nein sagen, der Kampfsport steckt nun mal in meinem Blut. Ich bin ein Kämpfer der alten Schule. Zu meiner Zeit als MMA-Kämpfer existierten keine Gewichtsklassen. Ich suchte mir nie gezielt einen Kampf aus, nahm jede Herausforderung an. Auch später, als allmählich die Gewichtsklassen eingeführt wurden, kämpfte ich gegen weitaus schwerere Gegner, da ich mich immer auf meine Fertigkeiten als BJJ-Schwarzgurt verlassen konnte. Ich habe in allen meinen Kämpfen stets mein Bestes gegeben, hatte einige sehr harte Kämpfe gegen namhafte Gegner wie Ken Shamrock, Dan Henderson, Mark Coleman, Kazushi Sakuraba und Daniel Gracie. Einige Kämpfe gewann ich, in einigen wurde ich von den besten Kämpfern der Welt geschlagen.

Carlson Gracie (l.), Allan Goes und Murilo Bustamante (r.) (Foto via en.susumug.com)

Trainierst du denn weiterhin täglich?
Bei mir dreht es sich nicht mehr alles um den Wettkampf. Ich trainiere täglich BJJ, aber eher um meine Technik zu verfeinern, um sie an die zukünftige Generation weitergeben zu können. Ich sehe mich selbst als eine Art Ingenieur des BJJ, der täglich nach Werkzeugen zur Verfeinerung und Umsetzungen der Techniken Ausschau hält. Ich unterrichte zum Teil zwischen drei bis sieben Mal am Tag, unter anderen auch MMA- und Muay Thai Klassen.

Unabhängig davon, ob es ein Kampf im MMA oder BJJ wäre. Gibt es vielleicht jemanden gegen den du sehr gerne kämpfen würdest?
Wie ich schon sagte: Ich kämpfe gegen jeden!

Würdest du sagen, dass BJJ das wichtigste Fundament im MMA-Sport ist?

Ja, weil BJJ für den MMA-Sport entwickelt wurde und ich denke, dass wir dies schon oft bewiesen haben. Man kann kein guter MMA-Kämpfer sein, wenn man kein Jiu-Jitsu beherrscht.

Du bist BJJ-Schwarzgurt unter Carlson Gracie. Welche Rolle spielte Carlson  in deinem Leben?
Carlson war wie ein Vater für mich. Von meinem 13. bis 17. Lebensjahr lebte ich gemeinsam mit Carlson in einem kleinen Zimmer (20 m²) unterhalb seines Gyms. Ich war ein kleines Kind und er war mein Mentor. Wir verbrachten jeden Tag sehr viel Zeit miteinander und dementsprechend lernte ich seine Persönlichkeit kennen und schätzen. Ich wusste sozusagen jede Kleinigkeit von ihm und erkannte, dass die Art und Weise wie er mich trainierte letzten Endes dazu diente, dass ich zu mir selbst zu finden sollte. Er sagte immer zu mir: “Du hörst nie auf mich! Du machst immer genau das Gegenteil!“ Sein Jiu-Jitsu war einzigartig. Das Carlson Gracie Jiu-Jitsu war eindeutig anders und effektiver als das gewöhnliche BJJ. Ich habe mit großer Hingabe und Leidenschaft für das Carlson Gracie BJJ Team gekämpft, in wirklich jeder einzelnen Gurtklasse.

Was lehrte dich Carlson außerhalb des Trainings?
Er lehrte mir mit meinen Ängsten als auch privaten Problemen umgehen zu können und tapfer zu sein. Zudem lehrte er mich, auch andere Kämpfer zu studieren und dementsprechend lesen zu können. Carlson arbeitete sehr strategisch und wusste, wie man einen Athleten für einen bevorstehenden Kampf psychisch einstellen musste. Er fand immer die richtigen Worte und stimmte wirklich jeden seiner Kämpfer individuell ein. Für Carlson war jeder Gegner seines Schützlings „leichte Beute“.

Wie hast du auf seinen Tod reagiert?
Ich war zutiefst traurig. Gleichzeitig fühlte ich mich sehr geehrt, dass ich an seinem Leben teilnehmen durfte. Gerade jemand wie ich, der in den Favelas von Rio de Janeiro aufwuchs. Carlson verdanke ich, dass ich mein Leben in den Griff bekommen habe. Er hat mein gesamtes Leben verändert.

Früher gab es zahlreiche Rivalitäten unter den einzelnen brasilianischen Teams.  Als Beispiel: Brazilian Top Team vs. Chute Boxe Team. Gab es wirklich solch ein böses Blut unter den Teams oder konnte man das einfach nur als übertriebenen sportlicher Ehrgeiz ansehen?
Ja, früher herrschte unter den Teams wirklich böses Blut, aber das ist auch schon eine ganze Weile her. Heute ist das nicht mehr so.

Du bist stolzer Brasilianer, hast sogar die brasilianische Flagge auf deinem Arm tattoowiert, lebst aber schon sehr lange in den Vereinigten Staaten. Hast du nie darüber nachgedacht, wieder nach Brasilien zurückzukehren?
Ich kam 1993 mehr oder weniger aus Not in die Staaten. Ich war sehr arm und hatte so gut wie nichts. Ich bin weiterhin sehr stolz auf meine brasilianischen Wurzeln, aber auch sehr dankbar und stolz ein Teil der amerikanischen Gesellschaft zu sein. Ich habe hier meinen Frieden gefunden.

Allan Goes in Aktion (Foto via sherdog.com)

Vermisst du denn etwas Bestimmtes hier in den Staaten?
Ich vermisse meine zwei Töchter, Neffen und Nichten, die weit weg von mir leben und natürlich den Strand. Es gibt hier keinen derartigen Strand, wie den von Rio de Janeiro!

Welches Land verfügt über stärksten Kämpfer im MMA-Sport?
Wenn wir nach den Titelträgern der UFC urteilen, ist dies Brasilien.

Worin unterscheiden sich die brasilianischen Kämpfer von den anderen?
Sie sind hungrig! Hungrig aus der Not und das verursacht großen Ehrgeiz und Stolz.

Welche MMA-Kämpfer sind die derzeit stärksten Bodenkämpfer?
Aus meiner Sicht sind dies Antonio „Minotauro“ Rodrigo  Nogueira und BJ Penn. Sie sind einfach nur phänomenal auf dem Boden.

Was sind deine Pläne für die Zukunft?
Ich möchte meinen Schülern Jiu-Jitsu auf höchstem Niveau vermitteln und meinen Teil dazu beitragen, dass sich die Jiu-Jitsu Gemeinschaft stetig vergrößert. Zudem möchte ich meiner neuen  Bekleidungsmarke Goes International viel Aufmerksamkeit schenken.

Möchtest du den Lesern zum Abschluss noch etwas mit auf den Weg geben?
Falls ihr bislang noch kein Jiu-Jitsu trainiert habt, egal wie alt ihr seid, sucht euch einen guten Trainer und genießt den Lebensstil eines Jiu-Jitsuka. Besucht bitte meine Webseite www.goesinternational.com und unterstützt unsere Kampfkunst als auch den Sport!