Interviews

Alexandra Sanchez Exklusiv-Interview

Alex Sanchez mit dem MMA-Oscar der Kategorie "Beste Kämpferin national"

Im vergangenen Jahr hatte sie einen kometenartigen Aufstieg hinter sich gebracht: In nicht einmal sechs Monaten machte Alexandra Sanchez ihren ersten Profikampf, gab ihr Japan-Debüt, gewann den -60kg Grand Prix der angesehenen Damenliga "Jewels" und wurde zum Abschluß von unseren Lesern zur besten deutschen Kämpferin 2009 gewählt.

Zur Übergabe des allerersten Ground & Pound Awards in der Kategorie "Beste Kämpferin national" traf sich Redakteur Tim Leidecker mit der 30-jährigen Wahlberlinerin in ihrem Gym "MMA Berlin". Im anschließenden Interview sprachen wir mit ihr über ihre Erlebnisse in Japan, die Anfänge ihrer Karriere, Strikeforce und ihre beiden nationalen Konkurrentinnen Sheila Gaff und Charlotte von Baumgarten.

Groundandpound.de: Kannst du uns ein wenig von der Erfahrung Japan berichten?

Alexandra Sanchez: Wir sind dort sehr nett empfangen worden u.a. von den Leuten vom AACC (Abe Ani Combat Club – Anm. d. Red.). Das war sehr cool mit so erfahrenen Kämpfern trainieren zu können. Megumi Fujii und Hitomi Akano haben sogar noch einen Tagestrip mit uns gemacht, haben uns Sehenswürdigkeiten gezeigt und waren mit uns in einem alten, typisch japanischen Nudelrestaurant, wo wir uns alleine gar nicht rein getraut hätten. Wenn man die japanische Sprache nicht beherrscht, ist man teilweise total aufgeschmissen. Mein alter Trainingspartner Daisuke (Iwamoto – Anm. d. Red.), der mittlerweile wieder zurück nach Japan gezogen ist, hat mich auch sehr unterstützt.

GnP: Hast du dich dort als Exotin gefühlt?

Sanchez: Im Gym haben sie es als relativ normal empfunden, waren auch interessiert an der deutschen Szene. In Tokio an sich hingegen habe ich mich extrem wie eine Außerirdische gefühlt, alleine schon wegen des Größenunterschieds. 1,75m ist für eine Frau in Japan schon richtig groß. Da kommt man sich schon merkwürdig vor, weil man über die meisten anderen Menschen hinüber schauen kann.

GnP: Hattest du großen Respekt vor der Herausforderung Japan oder hast du es mehr als Abenteuer angesehen, bei dem du ohnehin nicht viel zu verlieren hast?

Sanchez: Eher Letzteres. Das ist natürlich eine großartige Chance überhaupt einmal nach Japan zu kommen, da wäre ich glaube ich auch ohne das Kämpfen so schnell nicht hingekommen. Ich habe halt gedacht: Okay, du hast jetzt da die Chance einen Kampf zu machen und wenn du gewinnst, dann geht es vielleicht weiter und wenn nicht, dann hast du es halt mal probiert. Ich bin dort nicht mit großen Erwartungen herangegangen.

GnP: Speziell in den Kampf mit Shizuka Sugiyama bist du ja schon als krasse Außenseiterin gegangen…

Sanchez: Auf dem Papier klang das auch nach klarer Nummer. Schon fünf Profikämpfe gemacht, die alle gewonnen, Schwarzgurt in Zendokai Karate, in dieser Disziplin schon mehrere hundert Kämpfe gemacht. Ihre Niederlage haben die Japaner dann aber trotzdem sehr sportlich genommen. Ich glaube auch, dass es für die Veranstaltung rückblickend auch gut gewesen ist, dass eine Ausländerin einen spannenden Kampf gemacht hat. Selbst einige von Shizukas Fans sind nach dem Kampf zu mir gekommen und haben um ein Autogramm gebeten.

GnP: Wie geht es denn jetzt weiter mit deiner Karriere im Land der aufgehenden Sonne?

Sanchez: Da ist noch nichts hundertprozentig fix, aber es sieht ganz gut aus, dass ich demnächst dort wieder kämpfen werde. Jewels will mich auf jeden Fall noch einmal einladen, jetzt ist bloß die Frage gegen welche Gegnerin und an welchem Datum.

GnP: Deine Kampfsportlaufbahn hast du als Thaiboxerin begonnen. Warum bist du nicht dabei geblieben?

Sanchez: Als ich angefangen habe, habe ich schon zwei, drei Kämpfe gemacht. Das gestaltete sich dann aber etwas schwierig, weil meine damalige Trainerin Stress mit den Leuten vom Verband hatte. Ich hatte dann nochmal einen Kampf im Ruhrpott gemacht, dann aber auch die Nase voll vom ewigen Hin- und Hergefahre und den Sport schließlich mehr hobbymäßig betrieben. Letzten Endes war es aber wohl auch so, dass ich schlicht und ergreifend nicht gut genug war. Im Thaiboxen gibt es mit Sicherheit Mädels, die nochmal deutlich besser sind als ich. Im MMA gibt es sicherlich auch Mädels, die deutlich besser sind als ich, aber da rechne ich mir noch mehr Chancen aus – außerdem macht es mir noch mehr Spaß!

GnP: Wenn du eine Stärke von dir herausstreichen müsstest, wäre das aber nichts desto trotz dein Kampf im Stand, oder?

Sanchez: Ich finde es immer schwer mich selbst einzuschätzen. Von außen wird mir immer gesagt, dass mein Thaiboxen mein stärkstes Element ist, dort fühle ich mich auch selbst verhältnismäßig wohl. Mittlerweile würde ich vielleicht sagen 60-40 zu Gunsten des Standkampfs. Die größten Schwachstellen sehe ich aber ohnehin nicht am Boden, sondern in den Übergängen. Aber auch dort arbeite ich dran u.a. mit den Mädels vom Ringerverein SV Luftfahrt hier in Berlin.

GnP: Wann können deine Fans dich wieder im Ring sehen?

Sanchez: Das gestaltet sich relativ schwierig. Wir haben jetzt versucht für April wieder eine Gegnerin für mich zu finden, was aber leider nicht geklappt hat. Und dann darf sich das ja auch mit Japan nicht in die Quere kommen. Ich hoffe im (Spät-)Sommer wieder die Gelegenheit zu haben in Deutschland zu kämpfen.

GnP: Wie siehst du die US-amerikanische Damen-Szene um Strikeforce?

Sanchez: Ich finde es natürlich gut, dass Frauen-MMA immer mehr ein Forum bekommt und immer mehr angesehen wird und die Leistungen der Frauen anerkannt werden. Frauen können auch furchtbar spannende Kämpfe liefern, können aber auch nicht so spannende Kämpfe liefern. Sarah Kaufman zum Beispiel fand ich zum Beispiel zuletzt (gegen Takayo Hashi – Anm. d. Red.) so mittelspannend, da war schon zu sehen, dass sie sehr auf Sicherheit gekämpft hat. Das machen aber tausend andere männliche Kämpfer auch, und man kann ihr das auch nicht wirklich vorwerfen. Die Kämpfe die ich vorher von ihr gesehen habe, fand ich aber allesamt superspannend, deshalb verdient eine Kämpferin wie sie auch die Aufmerksamkeit, die sie bekommt.

Sanchez im Gespräch mit GnP-Redakteur Tim Leidecker

GnP: Was hältst du von der amtierenden Strikeforce-Weltmeisterin bis 66kg, Cris Cyborg?

Sanchez: Ich finde es ein wenig schade, dass sie immer nur Kanonenfutter bekommt, Gegnerinnen die eigentlich gar nicht in ihrer Gewichtsklasse kämpfen. Sie bräuchte mal eine Frau, die auch sieben Kilo abkocht um dann auf ihrem Gewicht zu sein. Sie hat ja bis dato immer Gegnerinnen gehabt, die sich hochfuttern zu ihr. (lacht) Ich sehe aber momentan auch schlichtweg niemanden, der sie momentan gefährden könnte, denn die meisten guten Mädels sind einfach eine Gewichtsklasse unter ihr.

GnP: Die Unterschiede zu Japan sind aber schon gewaltig…

Sanchez: Ja, und das obwohl ja auch viele Japanerinnen bei Strikeforce eingekauft werden. Da gibt es ja momentan einen regen Austausch. Insgesamt sind MMA-Kämpfe in Japan meiner Meinung nach aber nicht ganz so blutig und martialisch inszeniert, obwohl die Mädels da auch keine Gnade kennen und 'nen Heelhook ohne Rücksicht auf Verluste einfach voll durchziehen. Die sind da auch nicht so krass unterwegs was das Abkochen angeht.

GnP: Gutes Stichwort! Wie stehst du denn dazu? Würdest du auch auf 55kg runtergehen, wenn man dir in diesem Gewicht einen WM-Titelkampf anbieten würde oder sagst du, dass das schlicht und ergreifend gar nicht möglich ist?

Sanchez: Natürlich mache ich auch ein wenig Diät und laufe mit mehr als sechzig Kilo rum. Es ist halt die Frage, wo die Grenze erreicht ist, wo ist das Ganze noch gesund? Sicherlich, wenn es alle anderen auch machen, macht man es halt auch um auf dem gleichen Level zu sein und zumindest kräftemäßig nicht unterlegen zu sein und eine faire Chance zu haben. Wenn man sich als Negativbeispiel mal den Kampf zwischen Cyborg und Hitomi Akano ansieht: Akano war technisch sicherlich nicht schlechter, aber Cyborg hat sie einfach gepackt und rumgerissen. Damit einem so etwas nicht passiert würde ich sagen, dass Gewicht machen ab einem gewissen Level einfach notwendig ist.

GnP: Was hältst du von einem Rückkampf gegen Sheila Gaff?

Sanchez: Ich würde nicht nein sagen, wenn es mir angeboten wird. Ich ärgere mich ein wenig, dass ich dem Kampf seinerzeit zugestimmt habe. Ich ärgere mich vor allem über mich selber. Ich glaube, dass Sheila auf jeden Fall meine stärkste Gegnerin bisher war. Sie ist halt einfach echt gut, in dem was sie macht. Aber ich glaube nicht, dass sie unschlagbar ist. Ich glaube auch, dass sie eventuell für mich zu knacken ist, wenn ich gut vorbereitet bin und kopfmässig da bin. Das ärgert mich am meisten, dass ich in unserer ersten Begegnung  mental einfach nicht da war und nicht zeigen konnte, was ich eigentlich kann. Ich habe jetzt über mich gelernt, dass ich mich in so kurzer Zeit wie damals (es waren nicht einmal zwei Wochen zwischen dem Sieg über Sugiyama und dem Kampf gegen Gaff – Anm. d. Red.) nicht neu fokussieren kann.

GnP: Ist es für dich eine komische Situation als Frau der einzige Profi in deinem Gym zu sein?

Sanchez: Ja. Ich finde es immer noch befremdlich wenn zum Beispiel Jüngere auf mich zukommen und mich fragen: „Wie machst du dies oder jenes?“ Ansonsten ist es mir aber eigentlich gar nicht so bewusst, dass ich eine herausragende Rolle habe. Ich trainiere hier wie alle anderen auch und versuche da kein großes Ding draus zu machen. Ich bin aber auch gerne bereit die Anderen von meinen Erfahrungen profitieren zu lassen. Du hast aber Recht: Eigentlich mag ich einfach gerne meine Sachen machen und alles was da dranhängt an Aufmerksamkeit ist mir tendenziell eher unangenehm.

GnP: Was bedeutet dir diese Auszeichnung, die dir von unseren Lesern verliehen wurde?

Sanchez: Ich sehe mich eher als Glückspilz. Ich freue mich aber, wenn andere Leute anerkennen, was ich für eine Leistung erbracht habe und hoffentlich auch sehen, dass da trotz des Glücks auch noch jede Menge Arbeit und Schweiß und Tränen dahinterstecken.

GnP: Was hältst du von der Zweitplatzierten Charlotte von Baumgarten?

Sanchez: Ich habe ihren Kampf gegen Olga Schell gesehen und sie auch mal vor zwei Jahren glaube ich auf einem Grapplingturnier gesehen. Sie ist auf jeden Fall ein gutes Mädel, in beiden Bereichen – Stand sowie Boden - echt gut. Zu einem Kampf gegen sie würde ich sicherlich nicht nein sagen.

GnP: Was sind deine Ziele für die kommenden Jahre?

Sanchez: Dieses Jahr würde ich mich gerne noch auf Japan konzentrieren und danach einfach mal schauen. Ich möchte gerne noch weiter kämpfen, wenn es Gesundheit, Zeit und Job zulassen. Ich bin ja nun auch nicht mehr die Jüngste, habe vielleicht noch zwei, drei, vielleicht fünf Jahre. Ich würde auf jeden Fall gerne einmal gucken, was Europaweit so geht. Ein Kampf in den USA wäre definitiv auch ein Traum von mir – ist halt die Frage, ob das realistisch ist. Ich lasse das auf mich zukommen. Solange ich Spaß am Kämpfen habe, werde ich kämpfen und ich komme soweit wie ich komme.

GnP: Hast du zum Schluss noch eine Nachricht an unsere Leser?

Sanchez: Ich möchte mich gerne bei allen Leuten bedanken, die mich unterstützen, angefangen von meinem Trainer Wolf, allen Trainings- und Sparringspartnern, meiner Familie, Freunden und Fans. Danke!