Anzeige

Allgemein

Erst die Arbeit, dann das Vergnügen (Teil 2)

James Krause gab am 15. Juni ein überaus erfolgreiches UFC-Debüt gegen Sam Stout (Foto: ufc.com/ZUFFA LLC).

James Krause schwebt nach seinem UFC-Debütsieg gegen Sam Stout noch immer auf Wolke sieben. Nachdem er im ersten Teil unseres Exklusiv-Interviews schilderte, wie seine Karriere in den ersten Jahren so einige Höhen und Tiefen überstehen musste, hat er uns natürlich auch verraten, wie er den Erfolg und die Konstanz gefunden hat, die ihn schlussendlich in die UFC gebracht haben.

Bis dahin war es ein langer Weg mit vielen Höhen, aber auch frustrierenden Tiefen, die Krause heute hauptsächlich darauf zurückführt, dass er damals noch nicht bereit war, um sich vor großem Publikum mit der Weltelite zu messen. Krause realisierte, dass er in seinem eigenen Kopf ansetzen musste, um Erfolg zu haben, und legte sämtliche negativen Einflüsse und Gewohnheiten ab.

Anstelle von Zweifel und fehlendem Biss hat ein neuer, selbstbewussterer und leidenschaftlicher Ansatz Platz gefunden, der es Krause erlaubt, in einer weitaus besseren mentalen Verfassung in seine Kämpfe zu gehen, zu beobachten vor allem in seinem UFC-Debüt gegen Stout: „Ich wusste, dass ich gewinnen würde. Manchen Leuten kommt es bescheuert vor, andere halten es für genial, aber seitdem ich den Kampf angenommen habe, habe ich mir auf der 15-Minuten-Fahrt ins Gym gesagt ‚Ich kann, und ich werde Sam Stout bei UFC 161 besiegen. Ich kann und werde Sam Stout bei UFC 161 besiegen.’ Und wenn du dir das über so eine lange Zeit immer wieder erzählst, wird es zur Wahrheit. Und ich glaube, das ist zum Vorschein gekommen. Ich glaube, man hat gemerkt, dass ich extrem selbstbewusst war, Sam Stout schlagen zu können.“

Das konnte man in der Tat während des Kampfes sehen, den Krause in der ersten Runde mit einem langen Jab, kontrollierter Aggressivität und hier und da eingestreuten, spektakulären Techniken wie Cartwheel Kicks dominierte. In der Rundenpause biss Stout dann allerdings die Zähne zusammen und machte im zweiten Durchgang mehr Druck. „Guck, die Runde war eng, hier in Kanada hast du die verloren“, schwörte Tim Elliot, UFC-Fliegengewichtler, Trainingspartner und enger Freund von Krause, ihn während der zweiten Rundenpause auf den letzten, entscheidenden Durchgang ein: „Du musst da rausgehen und direkt Druck machen“. Krause tat, wie ihm befohlen, und verleitete Stout damit zu einem Takedownversuch am Ende der Runde, der die Punktrichter auf seine Seite bringen sollte. Stattdessen fand Stout sich Sekunden später im Guillotine Choke von Krause wieder, der die späte Offensive des Kanadiers bereits erwartet hatte. „Ich habe seine Ecke gehört, die den Takedown sehen wollte und ich wusste, dass ich einen guten Guillotine Choke habe. Den ersten habe ich verpasst, weil es durch das viele Blut sehr glitschig war, aber dann hat er sich einen Moment lang nicht wirklich bewegt, also habe ich es noch einmal versucht, und ich habe gezogen, als hinge mein Leben davon ab.“

Stout klopfte tatsächlich ab – zum ersten Mal seit seinem Kampf gegen Kenny Florian im Juni 2006 – und machte für seinen Gegner damit einen guten Abend zu einem perfekten. Einige Stunden später stand fest, dass sein Triumph der einzige Aufgabesieg des Abends sein würde und die meisten der restlichen Kämpfe weniger spannend verlaufen waren.

Während der Pressekonferenz ließ Dana White dann die Bombe platzen: Krause hatte zwei Boni und damit einen Extra-Scheck über 100.000 Dollar eingesackt. Obwohl er denkt, dass er diese Bonus-Awards verdient hat, bleibt der 27-Jährige dabei, ganz nach seiner neu gelernten Mentalität, immer bescheiden: „Wenn ich den Kampf des Abends definieren sollte, würde ich es daran festmachen, wer als Verlierer am meisten geleistet hat. Und ich hasse es, Sam so zu nennen, da ich ehrlich gesagt nicht finde, dass einer von uns der Verlierer ist, weil wir eine phänomenale Show für die Fans hingelegt haben. Ich denke, Sam hat mehr getan als jeder andere Verlierer an diesem Abend, um den Kampf in Gang zu bringen.“

Zeuge eines actionreichen Kampfes - Krauses Short am Tag danach

Ein ziemlich verrückter Tag für Krause also, der mit der Pressekonferenz allerdings noch lange nicht zu Ende war. Tatsächlich sollte er den ganzen nächsten Tag noch auf den Beinen bleiben, bis er endlich wieder den Weg in ein Bett fand. Nach Ende des Events wurde Krause vom wohlverdienten Feiern mit den mitgereisten Freunden und Trainingspartnern wachgehalten, die restliche Nacht über von Aufregung und Endorphinen, bis am nächsten Tag der Rückflug nach Missouri anstand. Zuhause angekommen, ging die Achterbahnfahrt weiter, denn auch in Kansas City hatte sich die Feel-Good-Story längst herumgesprochen. „Ich wurde bombardiert“, so Krause über die Glückwünsche von Freunden, Bekannten und völlig Fremden. „Leider kann ich einfach nicht jedem antworten, aber ich lese alles. Ich will auf jeden Fall mit den Leuten interagieren, und wenn die Leute sich die Zeit nehmen, mir nette Worte zu schreiben, warum sollte ich ihnen den Gefallen nicht zurückerstatten? Wenn jemand so unbedeutendes wie ich ein 14 oder 15-jähriges Kind damit glücklich machen kann, ist das eine einfache Entscheidung. Es schadet mir doch nicht; das sind zwei Sekunden meines Tages.“

Viel zu tun also für Krause, seitdem er mit einem großen Knall in der UFC angekommen ist. Die finale Trainingseinheit und letzte Vorbereitungen auf den Kampf, der Weg zur Arena, Papierkram, Aufwärmen, Walkout, Kampf, Sieg, Bonus-Gewinn, Pressekonferenz, Feiern, Rückreise, Glückwunsche – all diese Eindrücke sind innerhalb von 48 Stunden ohne eine einzige Sekunde Schlaf auf Krause eingeprasselt und haben für ein absolut erinnerungswürdiges Wochenende gesorgt, an dessen Ende er darüber hinaus mit über 100.000 Dollar zusätzlich in den Taschen nachhause zurückgekehrt ist und seiner Karriere den lange herbeigesehnten Sprung auf das nächste Level gebracht hat.

Wo also sieht sich der Senkrechtstarter in den Ranglisten, nachdem sich der Staub mittlerweile etwas gelegt hat? „Ich stecke da nicht allzu viele Überlegungen rein. Ich denke, das sollte ich als Kämpfer auch nicht. Ich versuche, so weit wie möglich von allem wegzubleiben, das irgendwie negativ sein könnte. Denn alles, was dabei rauskommt, sind Gedanken wie „oh, warum bin ich so oder so eingeordnet?’. Es ist einfach Zeit- und Energieverschwendung. Offensichtlich, wenn es nach den Rankings geht, macht Sam Stout mich fertig. Es geht nicht um Rankings, nicht um das, was auf dem Papier steht. Nicht allzu viele Leute haben mir auch nur die geringste Chance gegeben, Sam Stout zu schlagen.“

Einen nächsten Gegner hat Krause aus diesem Grund auch nicht im Kopf, stattdessen will er lieber den weiteren Verlauf seiner Karriere abwarten, die sich seiner Ansicht nach in den nächsten Monaten in eine von zwei möglichen Richtungen weiterentwickeln wird: „Ich habe keine Ahnung, wo ich stehe. Meiner Meinung nach bin ich eine unbeantwortete Frage. Ich hatte einen guten Kampf, aber man darf einen einzelnen Kampf nicht überbewerten, du musst dauerhaft gute Leistungen zeigen. Ich weiß nicht, was sie mit mir vorhaben. Ich denke, sie werden mich entweder direkt testen oder versuchen, mich langsam aufzubauen.“

Welche der beiden Routen Joe Silva und co. auch für ihn einplanen, Krause ist bereit: „Ich muss sicherstellen, dass ich derselbe bleibe, weiter wachse und lerne und mental stark bleibe, denn ich werde verlieren. Ich werde verlieren, in diesem Sport ist das unumgänglich. Heute in einem Jahr könnte ich der Leichtgewichts-Champion sein, ich könnte aber auch zwei Kämpfe hintereinander verlieren und rausgeworfen werden. Es gibt keine Garantie, ich muss mental stark bleiben, weiter hart trainieren und mir selbst sagen, dass ich hier hin gehöre.“

Zumindest der Teil mit dem Training fällt Krause nicht schwer - wenn er sich hin und wieder zwischen Kneipengang und der Fahrt ins Gym entscheiden muss, ist die Antwort klar: „Ich liebe es, ins Gym zu gehen, das ist mein Leben. Ich finde diesen Sport einfach so großartig, weil es keinen Zenit gibt. Du wirst niemals so gut sein, wie du kannst.“

Doch auch neben dem Training und dem Kämpfen genießt Krause die Lebenseinstellung und Mentalität, die ihm der Sport beschert hat, und die er auch bei anderen Kämpfern über die Jahre beobachten konnte: „Die Kameradschaft, die Tatsache, dass Sam Stout und ich da raus gehen und versuchen können, uns fünfzehn Minuten lang zu zerstören und am nächsten Morgen ein Foto zusammen machen, das ist einfach großartig. Die Menschen in diesem Sport sind einfach so anders als viele Andere.“

„Ich habe immer gesagt, dass es nicht viele Lügen gibt in diesem Sport. Denn, wenn du da raus gehst und kämpfst, werden die Leute es herausfinden. Du kannst behaupten, du wärst in der Form deines Lebens. Die Leute werden herausfinden, ob das die Wahrheit ist oder nicht. Ich glaube, das macht dich zu einem besseren Menschen, ich glaube das wirklich. Ich denke, dieser Sport kann das Leben von Menschen verändern; zum Guten.“

Für Krause hat es das sicherlich getan. Nicht nur charakterlich über Jahre hinweg in den verschiedenen Gyms, Ringen und Käfigen, in denen er den Grundstein seiner Karriere gelegt hat, sondern professionell und rein materiell vor allem im MTS Centre von Winnipeg.

Dort hat sich seine neue Perspektive schon in seiner Einlaufmusik gezeigt: „Für diesen Kampf habe ich einen Song namens “So Good” von B.o.B. gewählt. Normalerweise suche ich mir lieber etwas in Richtung Gangsta Rap aus, weil es mich einfach aufputscht. Aber dieses Mal wollte ich etwas, das poppiger war. Der Song handelt von einem Typen, der mit seinem Mädchen am Strand abhängt und eine tolle Zeit verbringt. Und das war meine Frau, ich wollte ihr im Prinzip damit sagen ‚Hey, wir haben es endlich geschafft, und das Leben wird ab jetzt großartig sein.’“

Kommentare