Kolumnen

Wird Overeem zum Super-Gau?

Alistair Overeems Körperbau sorgte lange für Spekulationen (Foto: Zuffa LLC)

Alistair Overeem hat eine Kampflizenz für seinen geplanten Titelkampf gegen Junior Dos Santos bei UFC 146 bei der Sportkommission von Nevada (NSAC) beantragt, dies bestätigte Keith Kizer inzwischen. Im gleichen Atemzug sagte Kizer, Geschäftsführer der NSAC, allerdings auch, dass Overeem nicht um einen Test der B-Probe gebeten hat. Bei einem außerplanmäßigen Dopingtest wurden unnatürliche Testosteronwerte bei Overeem nachgewiesen, wodurch sein Kampf gegen Dos Santos im Moment in der Schwebe hängt.

Die Tatsache, dass Overeem keinen Test der B-Probe angefordert hat, kann bereits als Zugeständnis gesehen werden, dass dem ehemaligen Schwergewichtschampion von Strikeforce und DREAM durchaus bewusst ist, dass die von der NSAC ermittelten Werte korrekt sind. Nun stellt sich lediglich die Frage: Kann er diese Werte nachvollziehbar erklären?

Schließlich dürfte der Dopingtest für Overeem nicht so überraschend gekommen sein, wie für Dos Santos, Frank Mir, Cain Velasquez, Roy Nelson und Antonio Silva, die ebenfalls getestet wurden und den Test alle bestanden haben. Vor seinem Kampf gegen Brock Lesnar bei UFC 141 hatte Overeem, nachdem er seine damalige Dopingprobe nicht rechtzeitig abgegeben hatte, nur eine Kampflizenz mit Auflagen erhalten. Teil dieser Auflagen war, dass er sich zwei zusätzlichen Tests innerhalb der nächsten sechs Monate unterziehen musste.

Viele Skeptiker hielten eine solche Aktion für wenig sinnvoll, da Overeem, der sich seit längerer Zeit gegen Dopingvorwürfe zur Wehr setzen musste, die sechs Monate einfach keine unerlaubten Substanzen nehmen würde. Ob Overeem zu selbstbewusst oder naiv war oder die Bedingungen einfach nicht ernst genommen hat, dass er nun bei diesem für ihn mehr oder weniger angekündigten, unangekündigten Test durchgefallen ist, kann er nur selbst beantworten. Inzwischen dürfte sich die UFC allerdings fragen, ob Overeem diesen Stress wirklich wert ist.

Overeems Bilanz: 2 Kämpfe, 2 Problemfälle

Der Kampf gegen Dos Santos wäre Overeems zweiter Kampf für die UFC, und wie bei seinem Duell gegen Lesnar steht der Kampf auch dieses Mal auf der Kippe, weil er Probleme dabei hat, die Bestimmungen der Sportkommission von Nevada einzuhalten. Vor UFC 141 konnte er die NSAC noch davon überzeugen, dass die verspätete Abgabe der Dopingprobe auf diverse organisatorische Probleme zurückzuführen war, ob er bei seiner Anhörung am 24. April auch ein Testosteron-zu-Epitestosteron-Verhältnis von 14:1 (die NSAC erlaubt ein Verhältnis von 6:1) plausibel erklären kann, bleibt abzuwarten.

Die Verantwortlichen der UFC haben noch keinen neuen Gegner für Dos Santos bekanntgegeben, was bedeuten könnte, dass Overeem ihnen gegenüber einen plausiblen Grund genannt hat und sie davon ausgehen, dass er eine Lizenz bekommt, oder die UFC mag sich den Super-Gau gar nicht vorstellen, den es geben würde, sollte Overeem keine Lizenz bekommen. Schließlich hatte man Overeem in seinem ersten Kampf in der UFC gegen Lesnar gleich mitten ins Scheinwerferlicht gestellt. Bekanntermaßen hat Overeem die Erwartungen, die die UFC in steckt, erfüllt und Lesnar eindrucksvoll besiegt und damit den Weg für ein hochinteressantes Duell Kickboxer gegen Boxer für seinen Titelkampf gegen Dos Santos geebnet.

Anstatt den Fans nun aber diesen Kampf präsentieren zu können, deutet im Moment alles daraufhin, dass die UFC mit Overeems Sieg über Lesnar nicht nur ihren Zuschauermagneten sondern auch dessen potenziellen Nachfolger verloren hat. Schließlich hatte der polarisierende Overeem schon Probleme die Dopingvorwürfe gegen ihn zu entkräften, bevor er positiv getestet wurde. Spätestens seit letzter Woche wird ihm keiner mehr abnehmen, dass er seine enorme Muskelmasse durch Pferdefleisch und gute Ernährung bekommen hat.

Keine Konsequenzen seitens der UFC

Da die UFC immer wieder davon spricht, dass sie einen sauberen Sport haben will, müssen sich die Verantwortlichen nun mit der Frage auseinandersetzen, ob sie Overeem entlassen, wenn er keine Lizenz bekommen sollte. Allerdings hört man UFC-Präsident Dana White in diesem Zusammenhang immer wieder sagen, dass die UFC in solchen Fällen nichts machen kann. Man akzeptiert die Sperre der Sportkommission, und sobald diese abgelaufen ist, darf der Kämpfer wieder ins Octagon steigen.

Aktuelles Beispiel für diese Politik ist Thiago Silva, der zugegeben hat, seine Urinprobe nach seinem Kampf bei UFC 125 gegen Brandon Vera verändert zu haben, um zu verschleiern, dass er vor dem Kampf verbotene Substanzen eingenommen hatte. Silva wird am kommenden Wochenende bei UFC on Fuel 2 im Mainenvent gegen den Lokalmatador Alexander Gustafsson antreten. Dass Silva im Mainevent steht, verdankt er zwar der Verletzung von Antonio Rogerio Nogueira, der ursprünglich gegen Gustafsson antreten sollte, dennoch fragt man sich, ob nicht mehr Kämpfer die Finger von leistungssteigernden Substanzen lassen würden, wenn sie als mögliche Konsequenz eine Entlassung aus der UFC fürchten müssten.

Besonders in letzter Zeit hat man schließlich das Gefühl, dass regelmäßig Kämpfer des Dopings überführt werden: Vor Silva wurden bei Chael Sonnen erhöhte Testosteronwerte nach seinem Kampf gegen Anderson Silva nachgewiesen, anschließend wurde Nate Marquardt entlassen nachdem er einen Mainevent platzen ließ, weil bei ihm ebenfalls zu hohe Testosteronwerte festgestellt wurden. Zuletzt wurden zudem noch Muhammed „King Mo“ Lawal und Christiane „Cyborg“ Santos positiv auf Steroide getestet. Außerdem gab Quinton „Rampage“ Jackson zu, dass er sich vor seinem Kampf gegen Ryan Bader bei UFC 144 mit Testosteron hatte behandeln lassen und sich daraufhin wieder jung und kräftig fühlte.

TRT wird zum Problem

Eben diese Testosteronbehandlung (Testosterone Replacement Therapy (TRT)) ist es, die die Sportkommissionen, Veranstalter und Kämpfer vor ein Problem stellt. Jackson gab zu, dass er mit Testosteron behandelt wurde, weil seine Werte zu niedrig waren, Ähnliches gab Sonnen nach seinem positiven Test zu Protokoll. Zudem belegte Sonnen, dass er Testosterongaben braucht, da sein Körper zu wenig Testosteron produziere. Somit reiht sich Sonnen in eine immer größer werdende Liste von Kämpfern ein, die TRT benutzen. Dazu gehören Dan Henderson, Todd Duffee und Shane Roller, die alle eine Ausnahmegenehmigung für die Nutzung von TRT von der NSAC erhalten haben.

Viele Experten führen zu niedrige Testosteronwerte auf die Verwendung von leistungssteigernden Substanzen in der Vergangenheit hin, womit die Rechtmäßigkeit einer solchen Behandlung im Kampfsport infrage gestellt wird. Allerdings zeigte eine Studie der National Athletic Trainers' Association, Inc. in 2007, dass es auch Zusammenhänge zwischen mehreren leichten Gehirnerschütterungen und extrem niedrigen Testosteronwerten gibt, womit wiederum jeder Kämpfer eine Rechtfertigung für eine solche Behandlung hat.

Viele Kämpfer, die TRT nutzen, sehen darin nur einen Ausgleich der Ausgangswerte, schließlich hätten die anderen Kämpfer von sich aus die entsprechend hohen Testosteronwerte. Der ehemalige Halbschwergewichtschampion von M-1, Vinny Magelheas, der häufig mit Dan Henderson trainiert hat, stellte zuletzt allerdings die Frage, ob ein 40 Jahre alter Kämpfer wirklich die Energie eines 25 Jahre alten Kämpfers haben sollte. „Wenn du das Gefühl hast, dass du nicht mehr die gewünschte Leistung abrufen kannst, dann hör auf, anstatt zu betrügen.“

Obwohl Overeem für viele Fans nicht so aussehen dürfte, als ob er an zu niedrigen Testosteronwerten leide, spricht doch einiges dafür, dass er bei der Anhörung vor der NSAC eine notwendige Testosteronbehandlung für seine unnatürlichen Werte anführend wird. Er könnte weiterhin ausführen, dass er noch beabsichtigt hatte, sich vor dem Kampf eine Genehmigung von der NSAC für die Verwendung von TRT zu holen, zum Zeitpunkt des unangekündigten Tests allerdings die entsprechenden Dokumente nicht zur Hand hatte.

Allerdings dürfte es für ihn auch problematisch werden, seine Lizenz mit dieser Erklärung zu erhalten, da in den FAQ der NSASC steht, dass jeder Kämpfer, der eine Kampflizenz in Nevada beantragen möchte, bei der NSAC einen Antrag auf eine medizinische Ausnahmegenehmigung (Therapeutic Use Exemption (T.U.E.)) für bestimmte Substanzen stellen muss, bevor er mit der Behandlung mit den entsprechenden Substanzen beginnt.

Somit sollten nicht nur alle Fans von Overeem, sondern auch alle MMA-Fans, die das Duell zwischen Dos Santos und dem ehemaligen Strikeforce-Champion sehen wollen, die Daumen drücken, dass der Holländer genau weiß, was er macht, und die NSAC davon überzeugen kann, ihm doch eine Lizenz für seinen Titelkampf bei UFC 146 zu geben. Schließlich kommt es nicht alle Tage vor, dass ein Weltklasse-Kickboxer auf einen Weltklasse-Boxer trifft.