Kolumnen

Super-Duper-Champion?

Der “Super Champion” der World Boxing Association (WBA) - Felix Sturm ist einer, Andre Ward ist einer, Juan Manuel Marquez ist einer. Und seit dem 11. September ist es auch das kubanische Supertalent Yuriorkis Gamboa. Aber was genau soll das überhaupt sein, ein Super-Champion?

Laut Definition der WBA wurde dieser Titel
...für diejenigen Weltmeister geschaffen, die von zwei oder mehr von der WBA anerkannten Weltverbänden Titel tragen, wie z.B. dem WBC, der IBF und der WBO.  […] Hintergrund ist es, diesen Champions eine längere Vorbereitungszeit zu geben, da sie mehrere Titel zu verteidgen haben.

Soweit verständlich. Nun vereinigte Yuriorkis Gamboa am 11. September 2010 seinen WBA Federgewichtstitel mit dem IBF Gürtel des Mexikaners Orlando Salido. Somit wäre Gamboa laut obiger Definition der neue WBA Super-Champion im Federgwicht. Komischerweise war er das aber schon vorher – auch ohne einen weiteren Titel aus einem anderen Verband. Wieso das?

Die Geschichte der zwei Champions

Das ist eine Geschichte, die auf das Jahr 2003 zurückgeht. Derrick Gainer war damals Federgewichtschampion der WBA und verlor einen Vereinigungskampf gegen den damaligen IBF Champion Juan Manuel Marquez. Marquez wurde – wie oben definiert – somit zum Super-Champion.

Die WBA beförderte daraufhin Chris John, der wenige Monate zuvor den WBA Interimstitel von Kolumbianer Oscar Leon gewann,  kampflos zum “normalen” WBA Champion. Laut WBA-Regularien wäre John also der neue Pflichtherausforderer für Marquez, der seinen Titel nun innerhalb von 18 Monaten hätte verteidigen müssen. Das tat er aber ganze drei Jahre lang nicht – zumindest nicht gegen Chris John. Stattdessen kämpften beide gegen verschiedenste andere Kontrahenten. Marquez verteidigte seinen Supertitel innerhalb dieser Zeit drei Mal, John seinen “normalen” Titel ganze vier Mal. Und die WBA kassierte immer doppelt mit. Für jeden Titelkampf gibt es für den Verband nämlich eine saftige Provision – je größer der Fight, desto höher der Anteil für die WBA. Und zwei Champions bedeuten natürlich auch doppelt Kasse.

Als John und Marquez im Jahr 2006 endlich aufeinandertrafen, war Marquez noch immer Super-Champion, obwohl er seinen IBF Gürtel schon gar nicht mehr besaß. Den hatte die IBF ihm wegen nicht durchgeführter  Pflichtverteidigungen nämlich zuvor abgenommen. John besiegte den Mexikaner – wurde aber nicht, wie man meinen könnte, auch zum Super-Champion gekürt, sondern nur zum normalen WBA Weltmeister. Soweit verstanden? Jetzt wird's nämlich kompliziert.

Zwei sind einer zu wenig

Im Jahr 2009 besiegte Yuriorkis Gamboa den Venezuelaner Jose Rojas und gewann so den vakanten WBA Interimstitel im Federgwicht. Was war mit Chris John? Hatte der seinen Titel verloren? Nein, bis heute ist der Amerikaner ungeschlagen. War er krank und nicht in der Lage seinen Titel zu verteidigen? Nein, auch das war nicht der Fall. Chris John war noch immer WBA Champion und verteidigte seinen Gürtel weiterhin. Es gab nun also wieder einmal zwei WBA Champions: einen regulären (John) und einen Interimschamp (Gamboa). Und wieder kassierte die WBA bei jedem Weltmeisterschaftskampf kräftig mit.

Dumm nur, dass man nun keinen Super-Champion mehr hatte. Das dachte sich wohl auch die WBA und erhob Chris John flugs zu eben diesem. Gamboa durfte nachrücken und wurde vom Interims- zum normalen Champion befördert. Natürlich kampflos. Man hatte nun also nach wie vor zwei Champions: einen regulären (Gamboa) und einen Super-Champ (John).

Irgendetwas fehlte aber dennoch... natürlich: ein Interimschampion! Also plant die WBA diversen Berichten zufolge nun einen Kampf zwischen Daud Cino Yordan (der in den WBA-Ratings auf Platz sieben rangiert) und einem noch nicht benannten Gegner, bei dem dieser Gürtel auf dem Spiel stehen soll. Und Gamboa und John? Wir erinnern uns: Beide müssten eigentlich innerhalb von 18 Monaten gegeneinander antreten. Weder der Verband, noch das Management beider Boxer machten bislang aber Anstalten dies zu tun. Wenig später verletzte sich John und der Kampf liegt nun sowieso erst einmal auf Eis.

Super-Duper? - Ein lohnenswertes Geschäft

Die Verletzung des Amerikaners bringt uns zurück in die Gegenwart. Da der Super-Champ der WBA das Bett hüten muss und seinen Gürtel nicht verteidigen kann, durfte Gamboa – offenbar ganz nach Tradition des Verbandes – kampflos nachrücken. Ohne Weltmeistertitel eines anderen Verbandes war der junge Kubaner nun also Super Champion. Gegen Orlando Salido vereinigte er jetzt aber die WBA und IBF Titel. Zu was macht ihn das dann? Dem Super-Duper-Champion?

Böse Zungen behaupten bereits seit der Einführung des Super-Champion-Titels, dass dieses Stück Metall nur geschaffen wurde, um mehr Provosionen in die Taschen des Verbands zu spülen. Bei Summen von bis zu über 100.000 Dollar pro Kampf und Kämpfer ein lohnenswertes Geschäft.

Ähnliche Probleme gibt es im Übrigen momentan auch bei WBA Interimschampion Gennady Golovkin. Der fordert seit Monaten vergeblich einen Kampf gegen Super-Champion Felix Sturm, dessen Pflichtherausforderer er theoretisch wäre. Einen regulären WBA Weltmeister gibt es im Mittelgewicht nämlich nicht. Anders als in obiger Geschichte erhebt man Golovkin aber nicht so mir nichts, dir nichts, kampflos zum regulären Champion, sondern setzt stattdessen lieber einen Titelkampf zwischen  dem Ranglistenzweiten Hassan N'Dam N'Jkam und dem drittplatzierten Avtandil Khurtsidze an. Und Golovkin? Der schaut in die Röhre und bleibt weiterhin nur Interimschampion.

HBO-Kommentator Max Kellermann, der das Super-Champion-Problem vor dem Gamboa-Salido-Fight ebenfalls ansprach, formulierte im Zusammenhang damit eine sarkastische Frage: “Ich weiß nicht, warum nochmal steckt der Boxsport gerade in solchen Schwierigkeiten?”

Gute Frage.

 

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